Sonntag, 25. Februar 2024

Kommentar zu Kirchenaustritten
Die katholische Kirche sitzt auf hohem Ross in tiefer Krise

Mehr als 500.000 Menschen haben sich 2022 entschieden, aus der katholischen Kirche auszutreten. Ein Negativrekord. Die Bischöfe bedauern, aber lassen alles beim Alten, meint Christiane Florin. Diese Reaktion reitet die Kirche noch tiefer in die Krise.

Ein Kommentar vor Christiane Florin | 29.06.2023
Dunkle Wolken über einem Kirchturm, dessen goldenes Kreuz strahlt.
Die katholische Kirche wird weiter Mitglieder verlieren, prognostiziert Christiane Florin. Denn außer Bedauern bieten die Bischöfe nichts. Reformen bleiben aus. (imago /snapshot-photography / T. Seeliger)
Der Vatikan bemüht ganz gern das Schreckbild von der Spaltung. Wenn Frauen geweiht und Laien etwas zu entscheiden hätten, so lautet die römische Erzählung, dann sei die Einheit der Kirche gefährdet. Die gute Nachricht in Richtung Rom lautet: Wenn das so weitergeht, ist in 20 Jahren in Deutschland nichts mehr zum Spalten da.
Mehr als 520.000 Menschen sind im vergangenen Jahr zum Amtsgericht oder Standesamt gegangen und haben bekundet, dass sie die Körperschaft des öffentlichen Rechts namens römisch-katholische Kirche verlassen wollen. Den 240.000 Bestattungen stehen 155.000 Taufen gegenüber. Der Schwund geht schneller, als Prognosen vorhersagen.

Sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch

Eine, die zusammen mit ihrem Mann die römisch-katholische Kirche 2022 nach langem Ringen verlassen hat, ist Frau H.: Sie schrieb dem Erzbischof von Köln einen Brief. Immer hätten sie die Kirche und ihr soziales Engagement gegen Kritiker verteidigt, schreibt sie da. Doch jetzt, nach so vielen Berichten über sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch, sei für sie das Maß voll.
Der hochwürdigste Adressat ließ tatsächlich durch sein Büro antworten. Der Herr Erzbischof, so heißt es in dem Brief, bedauere den Austritt zutiefst, allerdings weise er alle Anschuldigungen von sich. Er habe weder vertuscht noch gelogen, Frau H. habe ihr Urteil durch eine Desinformationskampagne gebildet.
Mit dem Kirchenmann ist also alles gut, mit dem Ex-Kirchenmitglied stimmt was nicht. Das hohe Ross ist auch in tiefsten Krisenzeiten ein beliebtes bischöfliches Transportmittel. Amtsbrüder Woelkis, etwa der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, beschwören die Gläubigen zu bleiben und für Veränderungen zu kämpfen – für Veränderungen, die der bereits erwähnte Vatikan erkennbar nicht will und für die sogenannten Reformer unter den Bischöfen auch nicht entschieden streiten. So wichtig ist das dann doch nicht mit den Frauen und den Laien.

Statistik 2022 lässt weitere Kirchenaustritte erwarten

Zu den 522.821 neuen Ex-Mitgliedern gehören Menschen, die seit Jahrzehnten engagiert waren; Menschen, die auf den ersten Gehaltszettel schauen und sich fragen, wofür sie das da zahlen; Menschen, die ihren Glauben verloren haben, und solche, die fest entschlossen sind, ihn außerhalb der Kirchenmauern zu bewahren.
Die Gründe zu gehen sind so vielfältig wie die Gründe zu bleiben.  Von den 20 Millionen, die formal zwar dabei sind, stehen mindestens zwei Millionen auf der Kippe. Die liberale Mitte schwindet. Viele haben noch immer das Zutrauen, dass da irgendetwas Gutes drinsteckt, irgendetwas mit Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, etwas, das ungerechte Machtsysteme erschüttert.
Einiges deutet darauf hin, dass auch sie enttäuscht werden. Jetzt sind alle Pressemitteilungen verlesen, fast jeder Bischof hat mindestens einmal „bedauerlich“ und „schmerzlich“ gesagt. Alles bleibt, wie es ist. Gut 20 Jahre reicht’s ja noch.