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Kommentar zu Rammstein-Sänger
Gefährliches Machtgefälle zwischen Star und Fans

Rammstein-Frontmann Till Lindemann wird übergriffiges Verhalten vorgeworfen. Junge Frauen sollen gezielt für Sex rekrutiert worden sein. Die Vorwürfe dürfen nicht abgetan werden, findet Elena Gorgis – und lobt den Mut der Frauen.

Ein Kommentar von Elena Gorgis | 05.06.2023
Sänger Till Lindemann macht während eines Rammstein-Konzert in Mexiko 2020 eine sexuelle Geste.
Rammstein-Konzert in Mexiko 2020: Die Musik und auch die Bühnenshow der Band sind sehr sexualisiert. (picture alliance / Zumapress / El Universal)
Noch ist nicht klar, ob die Vorwürfe, um die es geht, zutreffen und ob sie strafrechtlich relevant sind. Auch deshalb gibt es reflexhafte Anschuldigungen gegen die Frau, die den Stein ins Rollen gebracht hat. Sie wolle sich auf dem Rücken des Rammstein-Frontmanns fünf Minuten Ruhm verschaffen.

Sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch?

Aber mehr als fünf Jahre nach #MeToo gibt es ebenso viel Bereitschaft, ihr und weiteren Frauen ernsthaft zuzuhören. NDR und „Süddeutsche Zeitung“ haben innerhalb von nur einer Woche mehr als ein Dutzend Frauen gefunden, die anonym ein mutmaßliches Muster bei Backstage-Partys von Rammstein beschreiben. Recherchen der „Welt am Sonntag“ zeichnen ein ähnliches Bild.
Frauen wurden offenbar anhand von Fotos gezielt für Sex mit Till Lindemann ausgesucht. Einige beschreiben Situationen, die sie im Nachhinein anscheinend als sexuell übergriffig und als Machtmissbrauch empfunden haben, als Kontrollverlust. Auch illegale Drogen sollen den Frauen angeboten worden sein. Manche äußern den Verdacht, sie könnten ihnen sogar ohne Zustimmung verabreicht worden sein. Mehrere Frauen haben ihre Erzählungen an Eides statt versichert. Zudem untermauern, laut NDR, „Süddeutscher Zeitung“ und „Welt am Sonntag“, zahlreiche Screenshots von WhatsApp- und Instagram-Chats die Aussagen.

Rammstein muss zur Aufklärung beitragen

Die Band verurteilt in ihrem jüngsten Statement jede Art von Übergriffigkeit und Vorverurteilung, sowohl gegenüber jenen, die Anschuldigungen erhoben haben als auch gegenüber der Band selbst. Sie nehme die Vorwürfe außerordentlich ernst. Dass die Fans sich sicher fühlen könnten, sei der Band wichtig – „vor und hinter der Bühne“. Aber kein Wort davon, die Vorgänge aufklären zu wollen.
Das zeigt zumindest: Auch, wenn wir noch nicht alles wissen, müssen wir über Graustufen sprechen. Es geht bei den Vorwürfen zwar nicht um Übergriffe am Arbeitsplatz, aber auch bei einem Rockstar und seinem Fan gibt es ein Machtgefälle, eine Grundvoraussetzung für sexuelle Übergriffe. Um das klar zu sagen: Der Skandal besteht nicht darin, dass Rockmusiker sich dazu entschließen, Sex mit Fans zu haben oder umgekehrt.
Der Skandal ist, dass es durchaus möglich erscheint, dass der Frontmann einer Band ein manipulatives Rekrutierungssystem für seine sexuelle Befriedigung aufbaut. Es scheint im Bereich des Möglichen, dass noch weitere Personen aus dem unmittelbaren Umfeld der Band davon wissen, es hinnehmen oder sogar unterstützen. Damit würden sich die mutmaßlich betroffenen Frauen nicht in einer Welt bewegen, in der sie selbstbestimmt Nein sagen können, sondern in einer, in der die Schwelle fließend ist, ab der sie vom Subjekt zum Objekt gemacht werden.

Wenn ein Nein kaum ausgesprochen werden kann

Bei dem asymmetrischen Verhältnis zwischen Star und Fan von den Fans ein klares Nein zu erwarten und ansonsten mit der Schulter zu zucken, ist zynisch. Einem tourenden Multi-Millionen-Unternehmen wie einer Rockband, kommt eine höhere Verantwortung zu als den Fans. Denn zu einem klaren Nein gehört auch, dass eine Atmosphäre herrscht, in dem ein Nein ausgesprochen werden kann.
Es ist mutig, wenn Frauen jetzt offenlegen, dass so eine Atmosphäre im Musik-Business offenbar nicht Standard ist.