Donnerstag, 18. April 2024

Fachkräftemangel
Warum Deutschland Migranten braucht

Angesichts des demografischen Wandels fehlt es schon jetzt an Fachkräften. Der Fachkräftemangel wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Menschen aus dem Ausland sollen die Lücke schließen. Wie kann das gelingen?

Kristina Reymann-Schneider | 02.03.2024
    Eine Frau arbeitet setzt einen Computer zusammen
    Seit vielen Jahren plädieren Fachleute aus Politik und Wirtschaft dafür, mehr ausländische Fachkräfte ins Land zu holen. (picture alliance / Westend61 / zerocreatives)
    Deutschland war im Jahr 2022 das Ziel von mehr als 1,5 Millionen Menschen, die ihr Herkunftsland verlassen haben. Die meisten von ihnen sind aus Kriegs- und Krisengebieten, wie der Ukraine, Syrien, Afghanistan und der Türkei, geflohen. Gleichzeitig ist in Deutschland schon jetzt ein Fachkräftemangel zu beobachten. Auf dem Arbeitsmarkt sind 1,7 Millionen Stellen unbesetzt, vor allem in Handwerksberufen fehlt der Nachwuchs. Da stellt sich die Frage, ob Zugewanderte den Fachkräftemangel ausgleichen können. Können Migranten dazu beitragen, den Wohlstand zu sichern, die Wirtschaft zu stärken, und den Sozialstaat entlasten?

    Inhalt

    Wie viele Migranten arbeiten in Deutschland? In welchen Jobs sind sie tätig?

    Seit 2009 nimmt die Zahl ausländischer Beschäftigter in Deutschland kontinuierlich zu. Dazu zählen Geflüchtete, Menschen, die zum Arbeiten nach Deutschland kommen – so genannte Erwerbsmigranten – und Menschen mit einer Migrationsgeschichte. Von rund 12,1 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund im weiteren Sinne (darunter fallen Deutsche und Ausländer), die mindestens 15 Jahre alt und noch nicht in Rente sind und aktuell keine Bildungseinrichtung besuchen oder sich in einer Ausbildung befinden, gehen rund 11,5 Millionen einer Arbeit nach. Die meisten von ihnen sind Angestellte.
    Innerhalb der sozialversicherungspflichtigen Jobs arbeiten 5,1 Millionen ausländische Beschäftigte. In einigen Berufen sind sie überdurchschnittlich präsent, unter anderem im Reinigungsgewerbe, in der Lebensmittelherstellung, in der Baubranche, im Hotel- und Gastgewerbe und in der Altenpflege. Sie übernehmen zum Teil Berufe, die Deutsche aufgrund höherer Qualifikation nicht ausüben wollen, und tragen mit ihrer Arbeitskraft zum Wirtschaftswachstum bei. Auf der anderen Seite ist die Arbeitslosenquote ausländischer Menschen mit 15,2 Prozent dreimal höher als die der deutschen Bevölkerung.
    2022 wanderten rund 1,5 Millionen Menschen nach Deutschland ein, darunter 960.000 Menschen aus der Ukraine. Weitere Herkunftsländer, aus denen mindestens 35.000 Menschen im vergangenen Jahr nach Deutschland immigrierten, sind Syrien, Afghanistan, Türkei, Indien und Rumänien. Der Bildungsstand der Menschen, die nach Deutschland kommen, ist sehr stark abhängig von ihrem Herkunftsland, was die Jobsuche erschwert. So kommen etwa Zuwanderer aus Syrien oft ohne berufliche Qualifikationen nach Deutschland und können daher zunächst meist nur einfache Helfertätigkeiten oder gar keinen Beruf ausüben, während Menschen aus Indien hoch qualifiziert sind und anspruchsvolle Jobs übernehmen können.
    Mehr als 35 Prozent der Einwanderer in die Europäische Union waren einer OECD-Studie zufolge 2020 geringqualifiziert. Damit lag Deutschland leicht über dem EU-Schnitt. Der Anteil an Hochqualifizierten lag unter 30 Prozent und damit unter dem EU-Schnitt. Im Vergleich zu 2010 sind die Zuwanderer zwar zunehmend besser ausgebildet, doch auch hier liegt Deutschland unter dem EU-Schnitt, was bedeutet, dass höher qualifizierte Menschen, lieber in andere Länder migrieren.
    Andere Studien zeigen aber auch, dass ein beruflicher Aufstieg möglich ist. Mittlerweile arbeiten immer mehr Menschen, die in den Jahren 2015 und 2016 nach Deutschland geflohen sind, nicht mehr als Hilfskräfte, sondern als Fachkräfte. Entscheidend für den beruflichen Aufstieg sind insbesondere deutsche Bildungs- oder Berufsabschlüsse und das Erlernen der deutschen Sprache.

    Wie viel Einwanderung braucht Deutschland?

    Seit Jahren fordern Fachleute, dass mehr Menschen zum Arbeiten nach Deutschland kommen, damit die deutsche Wirtschaft wachsen kann und offene Stellen besetzt werden können, die durch den fehlenden Nachwuchs insbesondere im Handwerk und den demografischen Wandel entstehen. Deutschland sei dringend auf Zuwanderung angewiesen und die wirtschaftlichen Potenziale der Zuwanderung seien noch lange nicht ausgeschöpft, heißt es in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft.
    Denn zum einen entscheiden sich seit vielen Jahren deutlich mehr junge Menschen für ein Studium und gegen eine Ausbildung, zum anderen scheiden die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation in den kommenden Jahren altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt aus. Aktuell sind dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge rund 1,7 Millionen offene Stellen unbesetzt. Vor allem im Handwerk und in der Pflege fehlt es an Fachkräften. 
    Grafik zeigt, wie sich die deutsche Bevölkerung in den kommenden Jahren entwickelt: Im Jahr 2022 kamen auf 100 Bundesbürger im Erwerbsalter zwischen 20 und 64 Jahren 37 Menschen im Alter von 65 Jahren und älter. Dieser sogenannte Altenquotient soll bis 2070 auf 53 steigen.
    Alte Gesellschaft: Wie sich die deutsche Bevölkerung in den kommenden Jahren entwickelt. (dpa-infografik GmbH / dpa-infografik GmbH)
    Arbeitsminister Hubertus Heil geht davon aus, dass bis 2035 eine Lücke von sieben Millionen Arbeits- und Fachkräften entsteht, wenn nicht mehr Menschen aus dem Ausland kommen. 
    Detlef Scheele, der damalige Chef der Bundesagentur für Arbeit, brachte 2021 die Zahl von 400.000 Migranten in die Debatte ein, die nötig seien, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Gemeint ist ein sogenannter Migrationssaldo von 400.000 Personen. Das heißt, dass tatsächlich noch mehr Menschen nach Deutschland kommen müssten, denn die abgewanderten Personen sind aus den 400.000 schon herausgerechnet. Durch den Krieg gegen die Ukraine haben 2022 sehr viele ukrainische Menschen in Deutschland Zuflucht gesucht, wodurch der Migrationssaldo auf rund 1,5 Millionen Menschen angestiegen ist. Zuvor aber lag dieser Saldo bis in die 1990er-Jahre hinein – und mit Ausnahme des Zeitraums 2013 bis 2018 – zum Teil weit unter den geforderten 400.000 Personen.
    Der Ökonom und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, hält diese Zahl für zu niedrig. Er schrieb in seiner Kolumne auf ZEIT Online, dass Deutschland "selbst bei einer konservativen Rechnung mindestens 500.000 zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland und eine Zuwanderung von knapp einer Million Menschen pro Jahr" benötige, "um wirtschaftlichen Schaden abzuwenden".

    Wie wirkt sich die Zuwanderung auf die öffentlichen Finanzen aus?

    Die Studie der Denkfabrik Stiftung Marktwirtschaft, an der der Ökonom Bernd Raffelhüschen beteiligt war, kommt zu dem Schluss: Zuwanderung allein könne die Folgen des demografischen Wandels nicht kompensieren. Zudem belaste die Migration das Land finanziell mehr, als sie Deutschland nütze – selbst dann, wenn deutlich mehr hoch qualifizierte Migranten ins Land kämen.
    Eine ältere Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) kam 2014 zu einem anderen Ergebnis. Dort heißt es, Ausländer entlasteten den Sozialstaat – weil sie mehr zu den öffentlichen Haushalten beitragen als Transferleistungen empfangen würden. Auch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2017 ergab, dass sich Investitionen in die Integration von Geflüchteten lohnen und dem Staat langfristig zugutekommen würden.
    Dass die Generation der Babyboomer in den 2020er- und 2030er-Jahren in den Ruhestand geht, stellt den Sozialstaat vor eine große Herausforderung. Denn die nachfolgenden, zahlenmäßig kleineren Generationen, müssen mit ihren Beiträgen in die Rentenversicherung für die Rente der geburtenstarken Jahrgänge aufkommen. Die Zuwanderung jüngerer Personen kann daher dazu beitragen, dass mehr Menschen Geld in die Rentenkasse einzahlen und die Beträge weniger stark ansteigen. Durch Familiengründungen von Zugewanderten würden zudem noch mehr junge Menschen in Deutschland auf die Welt kommen, was der demografischen Entwicklung hierzulande nutzen würde – und damit auch dem Haushalt.
    Auf der anderen Seite entstehen allein für Geflüchtete zunächst Kosten in Milliardenhöhe – unter anderem für die Unterbringung, für Sprachkurse, für Asylverfahren.
    Tatsächlich aber ist es schwierig, genaue Vorhersagen zu treffen, weil die Auswirkungen von Zuwanderung auf den Staatshaushalt von vielen Faktoren abhängen: unter anderem vom Alter der Einwanderer, von ihrer Bleibeperspektive, von ihrem Bildungsstand, von ihren Chancen auf dem Arbeitsmarkt, von ihrer Bereitschaft, sich beruflich weiterzubilden und Deutsch zu lernen, von Geburtenraten, vom Familiennachzug, von ihrer Lebenserwartung, von dem Wunsch, irgendwann ins Herkunftsland zurückzukehren.
    Zudem setzen sich die Zuwanderer aus ganz unterschiedlichen Personengruppen zusammen: Unter ihnen sind Geflüchtete aus Kriegs- und Krisengebieten, etwa aus nordafrikanischen Staaten oder dem Nahen Osten, die sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen wollen, weil sie in ihrem Herkunftsland keine Perspektive haben. Insbesondere aus der Ukraine kommen viele Geflüchtete, die nur vorübergehend in Deutschland bleiben wollen.
    Schließlich gibt es noch die kleine Gruppe hoch qualifizierter Erwerbsmigranten, die zum Beispiel aus Indien, die nach Deutschland migrieren. Allerdings sind jene Hochqualifizierten auch eher bereit, Deutschland wieder zu verlassen. Gründe dafür gibt es viele, wie die "Expat Insider"-Umfrage zeigt, die ausländische Arbeitskräfte weltweit nach ihren Lebensbedingungen befragte. In der Umfrage landete Deutschland im Länder-Ranking abgeschlagen auf Platz 49. Vor allem die Sprache mache vielen Einwanderern Probleme. Außerdem erlebten sie die Deutschen als unfreundlich und hätten große Schwierigkeiten Freundschaften zu schließen.
    Mehrere Menschen sitzen nebeneinander in einem Büro an Laptops
    Der Fachkräftemangel macht sich vor allem im Handwerk bemerkbar. Aber auch der IT-Branche fehlt es an qualifiziertem Personal. (picture alliance / Westend61 / Josep Suria)

    Was bringt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz?

    Im März 2020 trat das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Es wurde geschaffen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Es soll dabei helfen, mehr hoch qualifizierte Menschen aus Drittstaaten – also aus Ländern außerhalb Europas – anzulocken, denn bislang kommen überwiegend Geringqualifizierte in Deutschland an.
    Häufig scheiterte die Integration von Zuwanderern in den deutschen Arbeitsmarkt daran, dass ihre im Ausland erworbenen Berufsabschlüsse in Deutschland nicht anerkannt wurden. Gerade im Handwerk ist jedoch eine Vergleichbarkeit schwierig, da es das duale Ausbildungssystem, das Theorie und Praxis umfasst, in dieser Form nur in Deutschland gibt.
    Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz brachte jedoch nicht den gewünschten Erfolg. Eine Auswertung des Bundesamts für Migration und Geflüchtete kam zu dem Ergebnis, dass „in einigen Punkten Optimierungspotential vorhanden“ sei. Die Zahlen verdeutlichen den Reformbedarf: 2021 kamen lediglich rund 48.000 Bildungsmigranten und 40.400 Erwerbsmigranten nach Deutschland. Zu Bildungsmigranten zählen Personen, die eine Universität oder eine Schule besuchen, eine Aus- oder Weiterbildung machen oder an Sprachkursen teilnehmen. Unter den Erwerbsmigranten sind Fachkräfte mit Berufsausbildung, Akademiker, Forschende, Inhaber der Blauen Karte EU und Menschen, die dank der sogenannten Westbalkanregelung einreisen dürfen.

    Was ist die Westbalkenregelung?

    Sie wurde 2016 eingeführt mittlerweile entfristet. Sie ermöglicht Menschen aus den Westbalkanländern, also aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, der Republik Nordmazedonien, Montenegro und Serbien, auch ohne anerkannte Berufsausbildung nach Deutschland einzureisen und zu arbeiten, sofern sie ein verbindliches Arbeitsplatzangebot vorweisen können. Allerdings kritisiert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), dass die Gefahr bestehe, dass jene Zuwanderer ausgebeutet würden, da sie häufig in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiteten.

    Was ändert sich mit dem neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz?

    Im November 2023 trat schließlich ein neues Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft, das die Hürden für Erwerbsmigranten aus Drittstaaten weiter gesenkt hat. Mit dem neuen Gesetz zählt nun neben der Berufsausbildung auch die Berufserfahrung. Neu ist auch, dass alle, die einen Deutschland anerkannten Abschluss besitzen, jede qualifizierte Beschäftigung ausüben dürfen. Auch deutsche Sprachkenntnisse müssen nicht mehr in allen Branchen nachgewiesen werden.
    Am 1. März 2024 trat die zweite Stufe des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes in Kraft. Damit können Menschen aus Nicht-EU-Ländern in der Bundesrepublik arbeiten, wenn sie einen ausländischen Berufs- oder Hochschulabschluss und zwei Jahre Berufserfahrung haben, ohne dass die Abschlüsse in Deutschland anerkannt werden müssen. Dabei sind allerdings Mindestgehälter vorgesehen. Zudem müssen die Arbeitgeber tarifgebunden sein, um Lohndumping zu verhindern. Für Auszubildende und Studierende aus Nicht-EU-Staaten wird es einfacher, nebenbei zu arbeiten. 
    Ab Juni 2024 soll eine Chancenkarte und ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild eingeführt werden, in dem es Punkte für die berufliche Qualifikation, die Sprachkenntnisse, die Berufserfahrung, den Deutschlandbezug und das Alter gibt.
    Darüber hinaus plant die Bundesregierung, Arbeitsverbote für Asylsuchende und Geduldete zu lockern. Aktuell dürfen Geflüchtete beispielsweise erst nach drei Monaten Aufenthalt eine Arbeit annehmen.

    Warum setzt Deutschland auf Zuwanderer aus Drittstaaten?

    Die anderen EU-Staaten haben eine ähnliche Altersstruktur wie Deutschland und stehen daher vor ähnlichen Herausforderungen. Auch sie sind auf hoch qualifizierte Zuwanderer angewiesen. Daher muss sich Deutschland weltweit nach Fachkräften umsehen, idealerweise in Ländern mit einer jungen Bevölkerung, die zugleich gut ausgebildet ist und für die sich ein Umzug nach Deutschland auch finanziell lohnen würde.
    Aus wirtschaftlicher Sicht ist es entscheidend, vor allem junge Menschen zu ermutigen, in Deutschland zu arbeiten, da sie noch viele Jahre am Arbeitsleben teilnehmen können. Menschen aus Drittstaaten ein Studium oder andere Aus- und Weiterbildungsangebote in Deutschland zu ermöglichen, kann auch eine wirksame Maßnahme sein. Denn wenn sie einmal da sind und sich ein soziales Umfeld aufgebaut haben, besteht zumindest die Chance, dass sie auch nach ihrem Abschluss in Deutschland bleiben und dem Arbeitsmarkt als Fachkräfte zur Verfügung stehen.