Samstag, 28. Mai 2022

Ständiger Begleiter
Wie das Smartphone die Umwelt verstellt

Passanten, die ständig auf ihr Handy starren, sogenannte Smombies. Ärgerlich, aber warum eigentlich? Hofften wir auf ein Gespräch? Verstimmt uns, dass wir aus dem Weg gehen sollen? Das Problem für Autor Simanowski ist nicht, dass diese Menschen ihr Umfeld ignorieren, sondern dass sie es dadurch zugleich verändern - und zwar für uns alle.

Von Roberto Simanowski | 24.04.2022

Smartphone-Nutzer  im Kölner Rheinauhafen
Das Smartphone stellt sich zwischen seine Nutzer und den Raum (imago/Future Image)
Roberto Simanowski beschreibt die Veränderung des öffentlichen Raums auf vielfacher Ebene. Das Smartphone verkörpert dabei die digitale Kolonialisierung nicht nur des Raumes, sondern auch des Subjekts, es ist das Trojanische Pferd einer bedrohlichen Zukunft. Die Veränderung des öffentlichen Raums findet statt durch die Brille der Apps auf dem Smartphone: Google Maps und Apple Maps, die den gleichen Ort unterschiedlich anzeigen, sowie OpenTable und booking.com, die nur die Restaurants und Hotels anzeigen, die bei ihnen mitmachen.
Stadtsoziologisch gesehen ist die „Kultur der Stadt“ auf dem Weg zur „smart city“, einem absolut kontrollierten, regulierten Raum, als deren Vorbote der Autor die immer im Weg stehenden „Smombies“ sieht.

Inzwischen gehört es zur täglichen Erfahrung: Passanten, die auf ihr Handy starren, nicht nur in der U-Bahn, sondern auch beim Gehen in der Stadt.
Menschen, deren Aufmerksamkeit, oder besser „ambient attention“, nicht weiter reicht als bis zum nächsten Hindernis.
Widerstand, gar ein trotziges In-den-Weg-Stellen, wenn diese „Smartphone Zombies“ – oder „smombies“ – durch überfüllte Straßen schleichen, wirkt da hilflos aggressiv:
Sie weichen einem aus ohne aufzublicken. Da bleibt nur die Schadenfreude, wenn sie vor lauter Nicht-Hier-Sein den Fahrstuhl zu früh verlassen oder die falsche Toilette aufsuchen.
In Hongkong war das schon vor fünf Jahren ein Massenphänomen. Nirgendwo anders sah man so viele Menschen mit dem Blick aufs Handy durch die Stadt gehen wie dort, obwohl gerade dort sich viel zu viele Menschen auf viel zu schmalen Bürgersteigen drängeln. Da kamen nicht einmal die Warnungen hinterher:
„Bitte halten Sie sich am Handlauf fest. Schauen Sie nicht nur auf Ihr Mobiltelefon!“
So lautete die Audio-Schleife an den Rolltreppen der U-Bahn. Dabei ist die Rolltreppe der einzige Ort, wo der Blick der Passanten aufs Handy ungefährlich ist. Anderswo kann es das Leben kosten, wie im Falle der 28jährigen Wang, die am 29. Dezember 2015 nicht auf den Weg achtete und im Fluss ihres Heimatortes Wenzhou in Ost-China ertrank.
Selbst in beschaulichen Orten der Schweiz ist das Problem längst angekommen. Die Lausanner Polizei erregte im Mai 2015 mit einer Warnung vor dem Texten im Gehen Aufsehen.
„Zaubertrick mit dem Smartphone im Straßenverkehr“ heißt das Video über Jonas, 24 Jahre alt, Rap- und R&B-Fan, der unterwegs gern mit seinen Freunden textet. „Jonas hat keine Erfahrung mit Magie“, so der verschlagen lächelnde Erzähler, „und doch wird er gleich vor euren Augen verschwinden. Schauen wir genau hin!“
Dann tritt Jonas textend an den Rand der Straße, blickt kurz in die falsche Richtung und wird, als er sie betritt, von der anderen Seite her rasant durch ein Auto aus dem Bild gestoßen. Es folgt Geschrei und Entsetzen der Passanten und der verschmitzte Gruß des Erzählers, der sich als Bestattungsunternehmer erweist: „Hey, bis bald!“
Die Polizei dramatisiert das Phänomen naturgemäß in betriebseigener Logik als Unfalltod. Das Verschwinden des Subjekts aus seinem Umfeld beginnt allerdings lange vor dem Aufprall: Wenn man auf dem Weg von A nach B den Raum dazwischen nur noch als Zeit betrachtet und sich in die Parallelwelt des Cyberspace, wie das Internet einst hieß, begibt.
Man ist schon verschwunden, wenn man noch da ist. Smombies sind nicht Untote, die zurückkamen, sondern Abwesende, die ihre Körper zurückließen. Sie sind dem hiesigen Raum entzogen, weil sie sich einem anderen verbunden fühlen.
Das Phänomen ist keineswegs neu. Seit der Erfindung des Telefons fiel es dem Raum immer schwerer, sich gegen Abwesende zu behaupten. Ein Anruf genügte und die Außenwelt brach hinein. Zunächst nur zaghaft, wenn die Angerufene dem Raum entzogen wurde, dann, mit dem kabellosen Haustelefon, platzte die Außenwelt mitten in die gute Stube. Seit dem Handy geschieht diese Invasion auch im öffentlichen Raum. Seit dem Smartphone sogar ohne Anruf.
Der abwesende Raum macht dem aktuellen Raum jederzeit das Vorrecht der Präsenz streitig; mit Leichtigkeit, denn er ist naturgemäß immer in der Überzahl.
Ist es dies, was uns ärgert (falls es uns ärgert), wenn wir ringsum Menschen in ihre Geräte versunken sehen?
Hofften wir auf Gesprächspartner und sind nun enttäuscht, dass sie den Cyberspace vorziehen?
Verübeln wir ihnen die Einsamkeit, in die sie uns stoßen? Oder verstimmt uns nur, mit welcher Frechheit sie erwarten, dass wir aus dem Weg gehen?
Das Smartphone vollendet ein Verschwinden des Raumes, das spätestens mit den modernen Verkehrsmitteln begann. Während dabei die Landschaft an der Eisenbahn immerhin noch vorbeizog, war sie mit dem Flugzeug ganz verschwunden. Nun konnte man um die halbe Welt reisen, ohne etwas anderes von ihr zu sehen als Flughäfen. Wegbewältigung hieß nicht mehr Raumbegegnung – eine Erfahrung, die man im Kleinen täglich mit der U-Bahn macht.
Selbst wenn man am Zielort wieder den Raum betritt, ist man diesem mit dem richtigen Fahrzeug nicht mehr ausgeliefert, wie eine Mercedes-Werbung aus dem Jahr 1990 zeigt:
Ein weißer Geschäftsmann in einem hellen Anzug steigt aus dem Flugzeug und ist schon von der Hitze genervt, die ihn erwartet, dann vom Lärm und Gedränge und von den vielen Menschen in arabischer Kleidung, die alle irgendetwas von ihm wollen! Da sieht er den Mercedes, den er gemietet hat. Er steigt ein und mit dem satten Klang des Türschlags verschwindet jedes Geräusch.
Zwar steht einige Meter vor dem Auto ein Kamel, hinter ihm die Wüste, aber man fühlt es geradezu: Hier drinnen ist es ruhig, kühl und sauber. Der Werbespruch braucht nicht mehr als drei Wörter für seine politisch unkorrekte Botschaft: „Willkommen zu Hause.“
Im Grunde war aber schon die Kutsche, ohne Klimaanlage und Lärmschutz, Verrat am Raum, erlaubte sie doch, sich diesem in die Welt eines Buches zu entziehen. So beklagt es der bekannteste Spaziergänger der deutschen Literaturgeschichte, Johann Gottfried Seume, Anfang des 19. Jahrhunderts:
„So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt. Man kann Niemand mehr fest und rein in's Angesicht sehen, wie man soll.“
Erfahren kann man die Welt nur im Gehen.
Seit es das Internet und mobile Medien gibt, gilt das Begegnen von Angesicht zu Angesicht selbst für Fußgänger nicht mehr. Das Smartphone reduziert den Raum auf eine bloße Distanz zum Zielort. Der Zwischenraum ist nur noch Zwischenzeit, die eigentlich woanders verbracht wird: im sozialen Netzwerk, im Computerspiel, im Chat mit Freunden, im Cyberspace.
Der Bildschirm in der Hand lässt den Raum ebenso verschwinden wie die Kutsche, das Auto, die U-Bahn und der Zug. Ich komme, wenn ich gehe, weder zu mir noch zum Raum. Das Smartphone wird zum Fahrzeug.
Das Smartphone stellt sich zwischen seine Nutzer und den Raum allerdings auch dann, wenn es den Blick nicht von diesem ablenkt, sondern bestimmt. Wenn es den Blick lenkt, modifiziert, beherrscht. Das Smartphone überschreibt den Raum vor sich durch den Raum in sich.
Nehmen wir die Torstraße in Berlin Mitte, der wir uns mit Google Maps nähern. Dieser Raum unterliegt auch dann, wenn er akkurat dargestellt wird, den Koordinaten, die Google, und nicht etwa die Berliner Stadtverwaltung, kontrolliert.
Es sind virtuelle Schilder in einer App, die Orientierung geben, nicht physische Schilder. Das macht die Schilder ungemein flexibel. Erfolgt die Beschilderung in einer App, kann sie ihren Nutzerinnen angepasst werden, so wie die Werbung in sozialen Netzwerken und in der Suchmaschine.
Aber auch wenn Google Maps die Torstraße noch für alle in gleicher Weise zeigt, es zeigt sie anders, als sie sich uns vor Ort darstellen würde. So sieht man auf der Karte den Bubble-Tea-Laden 90 Degree lange vor dem Restaurant Friedel Richter ganz in der Nähe, das erst mit der nächsten Vergrößerungsstufe erscheint.
Offenbar hat sich Friedel Richter weniger erfolgreich als der Bubble-Tea-Laden in Googles My Business-Liste platziert.
Das ist kein Vorwurf an Google. Immerhin: Der Verifikationsprozess dieser Liste ist einfach und fair. Aber es ist ein Beispiel dafür, dass wir den Raum, den wir durch ein Medium wahrnehmen, auch nur so sehen können, wie es das Medium erlaubt. Sofern dessen Vorgaben im Silicon Valley erstellt werden, schauen wir mit dem Blick des Silicon Valley auf die Torstraße.
Zu diesen Vorgaben gehört die Rankingposition eines Unternehmens in einer Google-Suche, sein Erfolg also bei der Suchmaschinenoptimierung.
Mit einem guten Ranking dort erscheint das Unternehmen auch in Google Maps schon bei kleinem Maßstab, zwei, fünf, zehn Kilometer entfernt, während Unternehmen mit schlechtem Ranking erst sichtbar werden, wenn man auf der Karte direkt vor ihnen steht.
Sichtbarkeit, traditionell abhängig von der Größe des Gebäudes oder der Platzierung des Firmenschilds, wird so zum Ausdruck erfolgreicher PR-Arbeit. Die „Location Authority“ liegt nicht mehr im Stein gewordenen Geld, sondern in der Investition aufmerksamkeitsökonomisch relevanter Energien.
Ein kleines, umtriebiges Start-Up im Hinterhof kann sich so aus viel größerer Entfernung bemerkbar machen als ein ehrwürdiges Unternehmen mit imposanter Barockfassade.
Und natürlich kann das alles nach einem Jahr schon wieder ganz anders sein; im Digitalen ist naturgemäß nichts in Stein gehauen.
Aber auch das Silicon Valley schaut unterschiedlich auf die Torstraße. Navigiert man nicht mit Google Maps, sondern mit Apple Maps, findet man neben dem Bubble‑Tea‑Laden das Stundenhotel Berlin, noch ehe das Restaurant Friedel Richter erscheint. Bei Google Maps kann man bis zum Anschlag hineinzoomen, das Stundenhotel kommt nicht zum Vorschein.
Pech für frisch Verliebte in Berlin Mitte, die sich tief in der Nacht von Google Maps die Gegend erklären lassen.
Damit nicht genug. Ist das Unternehmen ein Restaurant, hat es auch noch mit Apps wie OpenTable zu tun, über die man kostenlos einen Tisch reservieren kann. Restaurants, die hier mitmachen, zahlen pro Monat und Reservierung.
Restaurants, die nicht mitmachen, existieren dann nur noch im realen Raum: also kaum noch, wenn sich immer mehr Digitaldienste vor diesen schieben.
Es ist ein Treppenwitz der Technikgeschichte: Vor einem Vierteljahrhundert begrüßte man das Internet als Ende der Zwischenhändler, als Direktverbindung zwischen einem Unternehmen und seinen Kunden in der ganzen Welt. Was für eine große Chance auch für die kleinen Player, sofern sie einen guten Web-Auftritt haben! Heute ist nicht einmal der Kontakt mit der potentiellen Laufkundschaft ohne App gesichert. Überall schieben sich Dienstleister dazwischen, die uns den öffentlichen Raum – Geschäfte, Restaurants, Hotels – auf ihre Weise vermitteln und dafür zur Kasse bitten. Es ist längst kein Kampf mehr zwischen analog und digital, sondern zwischen verschiedenen Stadien der Digitalisierung.
Die App – und ihr Pendant: die Plattform – sind das Ende der Webseite, mit der sich das Unternehmen im Internet bemerkbar macht.
Denn was hilft dem Restaurant die schönste Webseite, wenn OpenTable mit Bonuspunkten für jede Reservierung dafür sorgt, dass sich die Gäste nur noch über diese App bei ihm melden?
Kein Wunder also, dass OpenTable, gegründet 1998 in San Francisco, 2014 für über zweieinhalb Milliarden Dollar von Booking Holdings erworben wurde. Die App passt perfekt zu booking.com, dem OpenTable für Hotels, denen Booking Holdings mit saftigen Provisionen zusetzt und mit einer Bestpreisklausel lange verbot, ihre Zimmer auf der eigenen Webseite günstiger anzubieten als auf booking.com.
Solche Apps, solche Portale verzerren die Wirklichkeit noch radikaler als Google Maps. Während dort am Ende jedes Restaurant an seinem Platz erscheint, ist bei OpenTable oder booking.com nur gelistet, wer kooperiert. Die App produziert eine Ordnung des Raumes auf der Basis finanzieller Zuwendung. Wer nicht zahlt, wird zum digitalen Nicht-Ort. Die App ist die moderne Variante der Schutzgelderpressung.
Das alles ist ärgerlich und das alles kommt hoch im Angesicht des Smombies. Ungerecht? Vielleicht.
Immerhin kann man solche Apps auch daheim am Computer benutzen, und wer sagt denn, dass die Smombies, denen wir begegnen, sie überhaupt auf ihrem Handy haben.
Dennoch: Nichts symbolisiert die Veränderung des Raumes durch das Digitale stärker als Menschen, die ihn navigieren, mit dem Handy voran, wie mit einer Wünschelrute oder einem Metalldetektor, der allerdings nur anzeigt, was anderswo dafür freigegeben wird.
Entscheidend aber ist, dass die Veränderung, die das Navigieren per App dem Raum bringt, nicht nur für diejenigen stattfindet, die diesen so erleben.
Unternehmen leben von ihren Kunden. Verlieren sie diese an die Konkurrenz, weil sie nicht genügend in Google Maps investieren oder die Schutzgeldzahlung an OpenTable und booking.com verweigern, werden sie früher oder später in eine billigere Gegend ziehen oder Konkurs anmelden müssen.
Auch das stört uns an den Smombies: Sie entziehen nicht nur sich dem Raum, sondern zugleich diesen uns.
Der tiefere Grund des Entzugs ist die Angst vor dem Zufall oder jedenfalls das mangelnde Interesse an diesem. Der Zufall ist das Unbestimmte, das wir umso mehr aus unserem Leben verbannen, je mehr Daten uns dafür zur Verfügung stehen. Der Zufall ist ein zivilisationskritischer Einspruch zur „Absolutmachung des Menschen“, so sagt es der Philosoph Odo Marquard 1986 in seinem Essay Apologie des Zufälligen.
Als der Zufall Mitte des 20. Jahrhunderts in der Kunst beschworen wurde, geschah dies unter dem Einfluss des Buddhismus als „ein elementares, entschiedenes Akzeptieren des Lebens in seiner Unmittelbarkeit“.
Ein Offensein für das, was unser Umfeld für uns parat hält.
70 Jahre nach dem Ausflug des Westens in die östliche Philosophie steht fest: Der Zufall hat verloren, gegen die Absolutmachung nicht des Menschen, wohl aber seiner Technik.
Es beginnt mit dem Navi.
„In 20 Metern links abbiegen! In 100 Metern im Kreisverkehr die zweite Ausfahrt nehmen!“
Wie bequem ist es, so geführt zu werden.
Aber was weiß man vom Raum, dem man auf diese Weise begegnet? Das Navi ersetzt die Vorhersage der Karte, wie man von A nach B kommt, durch die Ansage, wie man sich bewegen soll. Es befreit von der Orientierung im Raum, der sich fortan ohne Blick durchqueren lässt.
Fände man sich zurecht, wenn das GPS versagen würde oder der Akku?
Man fände zurück in den Raum, denn man müsste wieder Straßenschilder lesen, sich an Häusern orientieren, Menschen fragen.
Andere Möglichkeiten, die Macht des Zufalls zu minimieren, sind Apps wie Yelp und Tripadvisor, die uns auf Restaurants, Geschäfte, Hotels hinweisen. Selbst die Taxi‑App Uber befreit vom Ungewissen: Lange bevor wir ins Auto steigen, sehen wir es auf der Karte, wir kennen den Fahrpreis, wir kennen den Namen der Fahrerin.
Die Gefahr liegt nicht im leeren Akku, sondern im Gehorsam, mit dem wir die Vorschläge der Apps zur Kenntnis nehmen, statt eigensinnig einen Weg zu wählen, der interessant erscheint.
Denn was wissen wir schon!
Die App aber hat Millionen Daten zur Verfügung. Wie dumm wäre das, schlauer sein zu wollen.
So erlauben wir der Technik, und den Menschen hinter ihr, unsere Begegnung mit dem Raum zu bestimmen: von den Wegen, die wir gehen, bis zu den Orten, die wir aufsuchen.
Das gilt nicht nur in fremder Gegend. Der Verlust des Raumes wiegt nicht minder schwer, wenn wir diesen schon kennen. Dann betrügen wir uns vielleicht nicht um alternative Wege, wohl aber um alternative Begegnungen. Im beflissenen Blick aufs Handy entzieht sich das Smombie dem Angebot des Raumes, ihm großzügig diesen und jenen Menschen über den Weg zu schicken, mit der Aussicht auf ein Gespräch, eine Freundschaft, eine Ehe.
Die Kultur der Stadt ist eine Kultur des Fremden, der Diversität und der Kreativität, die aus der Befragung des Eigenen in der Begegnung mit dem Anderen folgt. Es ist eine Kultur des Reisens auf der Stelle, denn man muss nicht in die Welt hinaus, wenn diese sich da trifft, wo man schon ist.
Darauf zielt die Frage des amerikanischen Stadtsoziologen Robert E. Park schon vor 100 Jahren: „Warum zum Nordpol fahren oder den Everest besteigen, wenn wir Chicago haben?“
Der urbane Raum ist voll von Vielfalt, denen die aufmerksame Passantin tagtäglich begegnet. Das Reisen, um das es hier geht, ist keine Frage der Kilometer, sondern der Begegnungen, die es mit sich bringt. Wenn in der „ambient attention“ des Smombies das Andere nur noch als schattiges Hindernis wahrgenommen wird, unterbleibt dieses Begegnen. Die Stadt verliert so ihr kosmopolitisches Potenzial, das sie von der Enge kleiner Orte abhebt, sie verliert die Funktion, die der amerikanische Stadtsoziologe Richard Sennett an ihr preist: Schule der Komplexität zu sein, die den Menschen hilft, gelassen zu reagieren, wenn sie einem Schwarzen begegnen oder einem Flüchtling.
Der Verlust dieser Kultur, dieses Schulungspotenzials droht auch dann, wenn die virtuelle Parallelwelt, in die das Smombie sich entzieht, ein soziales Netzwerk von globaler Reichweite ist.
Denn der Bereich, den man im Cyberspace frequentiert, ist oft nicht mehr als ein Dorf, in dem man sich kennt, prinzipiell einer Meinung ist und Fremde nur zulässt, wenn sie sich assimilieren.
Die Filterblase der ‚eigenen Leute‘ negiert das Angebot des öffentlichen Raumes. Das Angebot, an denen zu wachsen, die einem begegnen mögen mit anderen Erfahrungen und unversuchten Perspektiven. Das Problem ist keineswegs das Netzwerk mit seiner globalen Reichweite, sondern die Organisation des Netzwerks im Zeichen des Einklangs, des Beifalls und des Abgleichs. Denn im Cyberspace gelingt, wovor die Begegnung im öffentlichen Raum der Stadt gefeit ist: Personalisierung.
Die Kommunikationsbedingungen der App sind mehr als ihr Interface, das durch die Programmierer und Managerinnen in den Silicon Valleys dieser Welt kontrolliert wird. Entscheidend sind die Daten hinter dem Interface, die uns in die eine oder andere Richtung schicken.
Diese Daten kommen von Menschen wie du und ich, Menschen, die vor uns die App benutzt haben.
Denn wir alle arbeiten mit an der Vermessung des Raumes, wenn wir der Bitte um Bewertung Folge leisten, die booking.com schon nach der ersten Nacht in einem Hotel äußert und die Google Maps dem Smartphone schickt, sobald es sich irgendwo länger als zehn Minuten aufhält.
Folge ich der Bewertung, die daraus entsteht, statt dem eigenen Erkundungstrieb, höre ich auf Menschen, die vor mir vor Ort waren. So bestimmt die Raumerfahrung früherer Reisender meine eigene.
Man nennt es Crowdsourcing. Die Sache selbst ist freilich wesentlich älter.
Schon die Instruktionen für Reisende des 18. Jahrhunderts sammelten Empfehlungen zu den besten Wegen und Wirtshäusern und verbanden dies mit der Warnung vor betrügerischen Wirten, schlechten Unterkünften oder gesundheitlichen Gefahren.
Seit den Kindheitstagen des Reisens als Massenphänomen zielen Ratgeber auf die Zähmung des Ungewissen. Oder haben Sie vor dem Internet nie einen Reiseführer konsultiert?
Was also sollte falsch daran sein, am Crowdsourcing, wenn es uns auch heute vor Gefahren schützt und eine informierte Auswahl unter einer Vielzahl an Angeboten erlaubt?
Falsch sind zunächst die gekauften Bewertungen, mit denen zufriedene Kunden vorgetäuscht werden. Beim Review- und Ratingmanagement-Unternehmen Fivestar Marketing bekommt man zehn Tripadvisor-Bewertungen schon für 144 Euro, wobei sich das betrügerische Geschäftsmodell dreist als Korrektur eines Betrugs präsentiert:
Gute Bewertungen kaufen sei die einzige Möglichkeit, sich gegen „Fake‑Bewertungen“ durch die Konkurrenz oder undankbare Kunden zu wehren.
Die Unzuverlässigkeit der Raumvermessung ist aber gar nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist die Durchsetzung des Vermessungsparadigmas, die wir forcieren, wenn wir bewerten und wenn wir Bewertungen konsultieren.
Das Crowdsourcing ist nicht nur eine Demokratisierung des Bewertens ohne Ansehen der Person, wie es oft gefeiert wird. Es ist auch ein Mittel, die Bewertenden daran zu gewöhnen, selbst bewertet zu werden. Vor allem aber ist es ein Mittel, ihrer habhaft zu werden.
Denn wann immer das Smartphone im Spiel ist, findet etwas digital statt, und wann immer das der Fall ist, entstehen Daten, die sich analysieren lassen.
Es ist die Dreieinigkeit von Digitalisierung, Datafizierung, Dataveillance. Am Ende dieser drei großen Ds steht das, worum es in der Zukunft geht: die intelligente Stadt.
Die Stadt, die alles über ihre Bewohner weiß, weil diese alles am Smartphone tun: sich bewegen, sich orientieren, sich entscheiden – und natürlich Bewertungen erstellen.
Dass ausgerechnet Google, der größte Datenmonopolist des Internets, eine solche intelligente Stadt in Torontos Bezirk Quayside plante, erstaunt kaum. Erstaunlich ist allerdings, dass das Vorhaben nun doch nicht realisiert wird, wegen der Vorbehalte von Kommunalpolitikerinnen, die offenbar nicht daran glauben, dass sich die Probleme einer modernen Stadt durch den Einsatz moderner Technologie lösen lassen.
Besser Leben durch Daten, das ist die Losung von Google und allen, die für die smart city in Toronto waren. Für Kritikerinnen ist diese Zukunft schon durch die Vergangenheit in Verruf geraten.
Hieß es nicht einst: Besser leben mit Plastik? Jetzt erstickt die Welt im Plastikmüll. Auch Daten können die Umwelt belasten, indem sie Handlungsvielfalt abbauen und Individuen auf bestimmte, „normale“ Verhaltensweisen festlegen. Auch dieser Müll wird sich nicht so leicht abbauen lassen.
Für ihre Kritiker ist die smarte Stadt der nächste Schritt zur Überwachungsgesellschaft. Die Befürchtung: Google wird die Daten, die diese Stadt über ihre Bewohner liefert, für sein Geschäftsinteresse nutzen. Das Schlagwort zum Vorwurf macht längst die Runde: Überwachungskapitalismus. Überwachung nicht um zu bestrafen, sondern um personalisierten Service anzubieten.
Die intelligente Stadt wird trotzdem kommen.
Zu vieles spricht für sie: optimierte Verkehrsführung, effektiver Energieeinsatz, erhöhte Sicherheit, flexible Verwaltung. Alles willkommene Versprechen, die schwerer wiegen als Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung.
Es wird nicht dabei bleiben, dass die Ampel auf Grün springt, wenn sie kein Objekt mehr sieht, das dagegenspricht.
Oder dass man weiß, wie viele freie Parkplätze es gerade dort gibt, wo man hin muss.
Will man wirklich verstehen, was in der Stadt passiert, braucht man sensiblere Daten, Daten mit Namen und Adresse. Anonymität ist keine kluge Idee für die smarte Stadt. Das Versprechen der smart city ist das Ende des Unkontrollierten, das Ende auch des Zufalls. Werden Zeit und Raum in den Cyberspace aufgesogen, produziert jede Minute, jeder Zentimeter ein Datum.
Die Erfüllungsgehilfen des Cyberspace aber sind die Smartphones. Je mehr Leben durch sie geschieht, umso mehr lässt sich das Leben datafizieren und analysieren, voraussagen und steuern.
Das Smartphone ist die Datenfabrik der smart city.
Es ist eine ‚Kamera von innen‘, die zugleich aufnimmt und sendet. Denn mit dem Smartphone geben wir nicht nur unseren Aufenthaltsort preis und mit wem wir was an diesem besprechen.
Mit dem Smartphone lassen wir uns diesen Aufenthaltsort auch in einem bestimmten Licht zeigen. Das Smartphone sammelt nicht nur Informationen, es verteilt sie auch.
Es sieht und spricht.
Das Smartphone ist das trojanische Pferd der totalen Kontrolle und Manipulation, und die Smombies reiten es hemmungslos durch die Stadt. Vielleicht ist es das, was uns so unangenehm an den Smombies aufstößt. Diese Kollaboration, willfährig oder ahnungslos, mit einer unerwünschten Zukunft.
Auch das, allerdings, ist noch nicht alles.
Die gesellschaftliche Bedeutung der Medien liegt auch in der Trennung, die sie vornehmen. Wenn das ‚Fahrzeug‘ Smartphone uns von dem Raum zwischen A und B trennt, trennt es auch von den Menschen, die einem dort begegnen könnten: die Obdachlosen, die UNICEF-Aktivisten und die von den Nationalsozialisten verfolgten Juden, an die die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern, zehn Zentimeter breite messingbeschlagene Betonquader auf den Gehwegen deutscher Städte. Sie alle verkommen in der „ambient attention“ der Smombies zu Objekten, mit denen es eine Kollision zu vermeiden gilt.
Natürlich kann man sich auch per Smartphone darüber informieren, wie sich UNICEF unterstützen lässt.
Ebenso lassen sich per Smartphone raumspezifische Erinnerungsprojekte organisieren, die den Intensitätsgrad von Stolpersteinen noch steigern.
Per App und GPS können viel mehr Informationen über die Opfer viel einfacher vor ihren einstigen Wohnhäusern auf den Bildschirm gespielt werden.
Vergangenheitsaufarbeitung geht auch als Augmented Reality, computergestützte erweiterte Realitätswahrnehmung. Aber wäre es noch der Raum, der dann spricht? Kann man über etwas stolpern, das man sich selbst hinlegt? Wenn das Stolpern ins Handy wandert, hat der Raum keine Macht mehr gegen unseren Willen.
Wir müssen dann schon sein, wozu er uns erst machen will: interessiert am Schicksal der Menschen, die er enthält oder eben verlor.
Andernfalls werden wir die entsprechende App gar nicht erst installieren.
IhreUnaufmerksamkeit für das, was um sie herum passiert, mag gelegentlich dazu führen, dass Smombies durch ein Auto von der Bildfläche verschwinden oder in einem Fluss. Gleichfalls bedauerlich sind die Kollateralschäden ohne sichtbaren Unfall: das Verschwinden der Bettler, der Aktivistinnen, der Fremden, der Toten.
Das Smartphone ist ein Fahrzeug, weil es den Raum zwischen A und B tilgt.
Wohin ist dieses Fahrzeug unterwegs?
Welche Zukunft verkündet die Botschaft, die es als Medium ist?
Man ahnt es in Ländern, wo „gated communities“, Wohnanlagen mit Absperrungen, Kameras und Wachpersonal in jedem Apartmenthaus zur Normalität der Oberschicht gehören, die sich hinter getönten, schusssicheren Autoscheiben durch die Stadt bewegt, wenn nicht im Hubschrauber über ihr.
So hält man sich den unteren Teil der Gesellschaft vom Leibe und ist happy ohne schlechtes Gewissen.
Aber es bleibt auch die Angst: Man kann den öffentlichen Raum nicht den Abgehängten überlassen. Er muss auch ihnen, die seiner am meisten bedürfen, entzogen werden. Das Mittel dazu ist das Smartphone: Es erlaubt selbst den Armen, den Armen aus dem Weg zu gehen.
Das Smartphone ist mehr als U-Bahn und Flugzeug. Es ist der Helikopter des kleinen Mannes.
Vielleicht ist es diese Aussicht auf eine unmenschliche Gesellschaft isolierter Individuen, die uns wirklich ärgert, wenn ein Mensch am Handy uns ausweicht ohne aufzuschauen, wann immer wir uns ihm in den Weg stellen, trotzig und hoffnungsvoll.