Sonntag, 04. Dezember 2022

Vom Nutzen und Nachteil der Schwarzmalerei
"Sagen Sie doch mal was Positives!"

„Erzähl mir etwas Neues!“ lautet das Motto beim digitalen Kölner Kongress 2022, auf dem die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn sich dem Nutzen und Nachteil düsterer Prognosen widmet.

Von Eva Horn | 03.04.2022

Graue Wand wird mit einer Malerrolle mit schwarzer Farbe gestrichen
Wer schwarzmalt, will nicht recht haben, sondern Schlimmeres verhindern (imago images/IlluPics)
Spricht man über Themen wie Klimawandel oder Leben mit Covid, wird man oft gebeten, doch lieber positive Visionen zu entwerfen, als zu warnen und düstere Prognosen zu stellen. Wir bräuchten doch eher Utopien als dunkle Szenarien. Laut Eva Horn beruht diese Idee auf einer falschen Vorstellung von Zukunft und Zukunftshandeln.
Zukunftsgestaltung funktioniert über Figuren der Negativitität: Prophezeiungen, Warnungen, Prävention, Prophylaxe, Vorsorge und Versicherung gegen Ereignisse, die wir gerade verhindern wollen. Solche Formen der Vorhersage funktionieren, auch wenn sie sich am Ende als falsch erweisen. Positive Zukunftsentwürfe mögen tröstlich sein, aber um Zukunft wirklich zu gestalten, braucht man ein gewisses Maß an Schwarzmalerei.
Eva Horn ist seit 2009 Professorin für Germanistik an der Universität Wien. Sie forschte und lehrte zuvor in Konstanz, Frankfurt/Oder, Basel und New York. Zu ihren Interessengebieten gehören die Literatur und Kunst im Anthropozän sowie Narrative der Katastrophe. Zuletzt erschienen zu diesen Themen: Zukunft als Katastrophe: Fiktion und Prävention (Fischer 2014) und mit Hannes Bergthaller: Anthropozän – zur Einführung (Junius 2019).

Probleme erklären

Jede Person, die sich mit dem gegenwärtigen ökologischen Zustand des Planeten beschäftigt, Bücher über das Anthropozän schreibt, für Fridays for Future in Talkshows geht oder sich sonst mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigt, verbringt viel Zeit damit, Probleme zu erklären: Was eigentlich das Neue und Unerhörte der Klimakrise ist. Dass der Klimawandel nicht mal das einzige Problem ist, das der Planet gegenwärtig hat. Wie schwierig ein Ausstieg aus den fossilen Energien ist, welche Kräfte diesem Ausstieg entgegenstehen. Welche tiefen Konflikte die ökologische Transformation heraufbeschwören wird, so notwendig sie ist. Und nicht zuletzt: wie eilig wir es mit diesem Ausstieg jetzt haben, nachdem die Politik 30 Jahre damit verschwendet hat abzuwarten.
Solche Diagnosen hinterlassen nicht wenige Leute ratlos. Irgendwann kommen dann Sätze wie diese:
„Sagen Sie doch mal was Positives!“

„Die Menschen wollen doch nicht immer nur Warnungen und Mahnungen hören.“

„Immer nur von der kommenden Apokalypse zu hören, lähmt doch die Leute. Es vermittelt das Gefühl, dass nichts mehr zu ändern ist.“

„Warum sollen wir die Zukunft immer schwarzmalen?

„Wäre es nicht besser, konkrete Utopien vom besseren Leben zu entwerfen?“
Nichts ist verständlicher. Menschen, die sich für Umweltprobleme oder Nachhaltigkeit interessieren, wollen nicht nur abstrakt etwas über die komplizierten Zusammenhänge eines langsam aus der Balance geratenden Erdsystems hören. Sie wollen berechtigterweise Lösungsvorschläge – oder wenigstens Ideen und Wünsche.

Fragen nach der Zukunft

„Wo wollen wir denn eigentlich hin?“ ist die Frage, die immer wieder aufkommt. Wie wird die Welt aussehen, während und nach dem Umbau zu einem Wirtschafts- und Sozialsystem, das einen Netto-Null-Ausstoß von Treibhausgasen hat? Eine Gesellschaft, die weniger oder anders mobil ist und die ressourcenschonend wirtschaftet?
Wie können wir es schaffen, dass Konsum und Energieverbrauch sinken – aber die Leute trotzdem zufrieden sind, Arbeit haben, reisen können. Probleme zu analysieren und düstere Prognosen zu stellen erscheint da eher kontraproduktiv. Positive Narrative müssen her.
Nicht, dass es hier nicht schon einiges gebe. Einerseits sind da die guten alten literarischen Visionen von einem Leben im Einklang mit der Natur verbunden mit einer idealen Gesellschaft. So etwa die frühneuzeitlichen Robinsonaden, wo sich findige Schiffbrüchige in einer fremden Welt einrichten und es damit besser machen als Zuhause, oder die Utopien, die ein straff organisiertes, aber auch nachhaltig wirtschaftendes Staatswesen entwerfen. Die Schäferidyllen des 18. Jahrhunderts schildern sorgloses Landleben als ein Ideal des einfachen Lebens, wo man sich ganz Wein, Weib und Gesang widmen kann. Erst im Zeitalter der Industrialisierung entstehen Utopien, die sich ausdrücklich als Gegenentwurf der herrschenden Verhältnisse verstehen, so etwa Theodor Hertzkas Idee vom Freiland, eine Mischung aus Sozialismus und Traum vom authentischen Leben auf dem Land.

Ökologische Visionen

Öko-Utopien, mit denen wir heute noch etwas anfangen können, sind dagegen eher rar. 2007 hat Dirk C. Fleck mit seinem Roman "Das Tahiti-Projekt" den Versuch unternommen, etliche Ideen und Experimente zur ökologischen Transformation in einen Thriller zu verpacken, der gleichzeitig als Nachhaltigkeitskompendium dient. Aber die wohl berühmteste ökologische Gesellschaftsvision ist Ernest Callenbachs "Ecotopia". Es ist der Entwurf einer Gesellschaft, die sich mit erneuerbarer Energie versorgt, Häuser aus Holz und Recycling-Material baut, autofreie Innenstädte hat, wenig arbeitet und ebenso wenig konsumiert und sich stattdessen mit kreativen und sozialen Aufgaben beschäftigt. Ein gut funktionierendes Bildungs- und Sozialsystem gehören ebenso dazu wie Geschlechtergerechtigkeit und – als Bonus – freie Liebe.
Callenbachs Welt, die klingt wie alles, was wir uns heute wünschen würden, ist allerdings schon fast 50 Jahre alt. 1975 erschienen und inspiriert von zahlreichen Projekten und Ideen der gerade entstehenden Umweltbewegung in den USA. Die Ideen sind also schon lange da. Aber viel geholfen hat es nichts, wie wir heute wissen. Die Aufbruchsstimmung und die Ideen der Hippie-Ära gingen im Konservatismus der Reagan-Jahre unter, während die europäischen Umweltbewegungen gerade anfingen, gegen Atomkraft auf die Straße zu gehen.

Zukunft als Sachbuch

Mittlerweile präsentieren die hoffnungsvollen Narrative sich eher als populäres Sachbuch. „Geschichten vom Gelingen“ heißt das bei der Stiftung Futur Zwei. Oder „Mondays for Future“ bei der Energieökonomin Claudia Kemfert, die ganz konkrete Ratschläge gibt, wie man als Konsument, politisch aktive Bürgerin oder auch Schulkind für Klimaschutz aktiv werden kann. Die Nachricht ist aufmunternd: Wir müssen es nur anpacken, als Bürgerinnen, Konsumenten, Politikerinnen und natürlich als Autorinnen von Bestsellern, die konkrete Visionen für solch eine Gesellschaft entwerfen.
Auch das Umweltbundesamt hat begriffen, dass nicht nur gewarnt, gemahnt und um Finanzierung gestritten werden darf. Um uns etwas Mut zu machen, hat es selbst eine Utopie entworfen, ein – wie es etwas technisch heißt – „Narrativ für ein ressourcenschonendes und treibhausgasneutrales Deutschland“ im Jahr 2050.

Schöne bunte Wohlfühlentwürfe

Das Schöne an dieser Welt ist, dass sie garantiert niemandem wehtut. Gefördert wird etwa nachhaltiges Konsumverhalten durch Anzeige der ökologischen Kosten eines Produkts, aber natürlich darf nichts teurer werden oder gar verboten. Vorausgesehen wird auch das Ende des Verbrennungsmotors. Aber damit sich keiner erschreckt, natürlich kein Ende des Individualverkehrs, schön mit E-Autos weiter wie bisher. Bildung, Do-it-yourself, Diversity und nachhaltiges Wohnen auf durchschnittlich 41 Quadratmetern pro Person sind auch geplant. Begründet wird dieser schöne bunte Wohlfühlentwurf so:
„In einer Welt, …. in der ‚Ungeplant der Normalfall‘ ist, wächst auch der Wunsch nach positiven Leitbildern und Narrativen, die Orientierung und Hoffnung geben.“
Diese Narrative sind so zahnlos, dass garantiert niemand etwas dagegen haben kann, denn sonst würden sie ja keine Hoffnung geben.

Zukunft soll erstrebenswert sein

Einen radikaleren Entwurf hat Öko-Lehrmeister Harald Welzer vorgelegt. Er beschreibt eine „Gesellschaftsutopie für freie Menschen“ als glücklichen Öko-Sozialismus mit Konsumverzicht und viel sozialem Engagement. Welzers Empfehlungen sind Arbeitszeitreduktion, Klimaschutz, Ende des Individualverkehrs und grundsätzlich weniger Mobilität, freiwillige soziale Arbeit, Recycling und das bedingungslose Grundeinkommen. Über all dem steht die Forderung nach De-Growth, dem Abschied vom Wachstum. Das ist zwar nicht falsch, aber wirkt alles in allem etwa so greifbar wie die Forderung nach der klassenlosen Gesellschaft. Auch Welzer findet, man braucht weniger „doom & gloom“ als positive Zukunftsentwürfe:
„Zukunft lässt sich negatorisch nicht entwerfen, das geht nur mit positiven Bestimmungen. … Die Utopie bleibt … blutleer, wenn sie nicht in ein Zukunftsbild, oder besser: viele Zukunftsbilder übersetzt und anschaulich und damit erstrebenswert wird. Man muss ja dort hinwollen können, und dafür braucht es attraktive, reizvolle, anziehende Bilder und Vorstellungen, die an Träume und Geschichten anknüpfen, die Menschen sowieso haben.“

Konkret ist vor allem die Ablehnung

Allerdings ist eines bemerkenswert: Konkret wird es vor allem dann, wenn Welzer weiß, wogegen er ist: SUV-Fahrer und Kreuzfahrttouristinnen, Individualverkehr, 40-Stunden-Woche, Einfamilienhäuser, Flugmangos, Geoengineering und noch vieles andere mehr. Auch wenn sie sich gern als positive Weltentwürfe vermarkten, haben Zukunftsnarrative dann doch sehr viel mehr mit Negativität zu tun, als sie zugeben.
Eines der klügsten Bücher in dieser Hinsicht ist Maja Göpels wirtschaftstheoretischer Essay „Unsere Welt neu denken“. Der räumt erstmal glasklar mit den Mythen und Widersprüchen des ökonomischen Denkens auf, die einer tiefgreifenden Umstrukturierung von Wirtschaft und Gesellschaft entgegenstehen: ein Wirtschaftssystem, das fundamental auf Wachstum ausgelegt ist, die Auslagerung der Kosten von Umweltschäden, die Angewiesenheit auf ständig verfügbare Energiequellen. Oder dass Umweltschutz eher an die Verbraucher delegiert wird, statt durch Gesetze und staatliche Eingriffe umweltschädigende Technologien und Produkte einfach unrentabel zu machen. Ihre Vorschläge sind weniger soziale Wohlfühlszenarien als recht abstrakte makroökonomische Ideen: Mehr Steuern und besseres Kartellrecht, internationale Fonds, in die Länder zahlen, die ihre CO2-Budgets überschreiten, technologische Innovation, Besinnung auf Grundbedürfnisse, Bepreisung von Umweltverbrauch.

Radikal gegenwartsverhaftete Utopien

An guten Ideen und Visionen mangelt es uns ganz offenbar nicht, auch nicht an analytischem Wissen um zu sehen, wie notwendige Umbauprozesse bei Energie, Mobilität, Marktwirtschaft oder Umweltschutz vonstatten gehen könnten. Aber vielleicht braucht es für Zukunftsgestaltung doch etwas mehr als Utopien oder die tröstlichen Narrative des Bundesumweltamts. Aus der Literaturgeschichte lässt sich lernen, dass Utopien eigentlich nie wirkliche Zukunftsvisionen entworfen haben, sondern Gegenwelten zur Gegenwart. Sie sind damit radikal gegenwartsverhaftet. Utopien rechnen das, was wir im Hier und Jetzt wissen oder wünschen, zu einer Wunschwelt hoch, die uns dann als Leitbild vor die Nase gestellt wird. So sind sie vor allem eine Aussage über die Werte und Normen des Jetzt. Sie sind weder Handlungsanweisung noch Analyse, eher Wunschlisten, die man schreibt, während die Wirklichkeit sich ändert, wie sie will.
Aber genau hier liegt die eigentliche Herausforderung des Zukünftigen. Ein Strategiepapier der Rückversicherung Swiss Re formuliert diese Einsicht mit einigem philosophischen Tiefgang:
„Zukunft ist keine Frage der zeitlichen Ferne. Zukunft ist das, was sich gravierend vom Gegenwärtigen unterscheiden wird.“

Zukünftigkeit ist der Bruch mit der Gegenwart

Zukunft ist also nicht das, was wir heute wissen oder wünschen. Die Herausforderung jeder Zukunftsgestaltung liegt nicht darin, dass man nur die richtigen Pläne braucht, die man dann ordnungsgemäß umsetzt. Zukünftigkeit ist gerade der Bruch mit der Gegenwart, das Einbrechen von etwas gänzlich Neuem, etwas, das vom Jetzt aus gerade nicht sichtbar war. Es sind die berühmten „Schwarzen Schwäne“, von denen während der Finanzkrise die Rede war, die plötzlichen, unvorhergesehenen Disruptionen, die gerade nicht nach Plan laufen und einen unvorbereitet treffen.
Das kann die Entstehung des Web 2.0 sein oder eine internationale Bewegung wie Fridays for Future, aber auch eine Finanzkrise oder eine weltweite Pandemie. Die Momente, in denen Zukunft passiert, sind selten so dicht und intensiv gewesen wie im März 2020, als Covid-19 rasend schnell um die ganze Welt zog, oder im September 2008, als weltweit die Finanzwirtschaft zusammenbrach. Oder vielleicht auch dieser Tage, wo möglicherweise ein seit Jahrzehnten bestehendes geopolitisches Gefüge aus der Balance gerät. Wirklich sehen kann man den Bruch immer erst, wenn er geschehen und die Welt grundlegend anders geworden ist.

Veränderungen bleiben lange unbemerkt

Mag es manchmal rasend schnell gehen, so schleicht sich andererseits der große Umbruch oft auch über Jahre heran und tarnt sich als eine kontinuierliche Entwicklung. Ökologische Prozesse haben genau diese Struktur: Sie geschehen lange unbemerkt, bestenfalls beobachtet und gemessen von ein paar Experten. Erst wenn sie einen Kipppunkt erreicht haben, geht alles schnell: Dann kommen die Feuersbrünste, Extremwetter, Dürren, Überschwemmungen, Veränderungen von Fauna und Flora. Hinterher kann man sich hinstellen und sagen, man habe das alles schon kommen sehen. Aber der Clou ist: Man hat es eben nicht gesehen. Oder besser: Man hat es gesehen, aber in seiner Tragweite nicht erkannt.
Das heißt: Zukunft ist dunkel. Nicht, weil sie notwendig katastrophisch sein wird, sondern weil sie schwer absehbar ist. Sie ist ein Dunkel, in dem man wenig erkennt und das man nur mühsam ausleuchten kann. Je tiefer man in diese dunkle Zone hineinschreitet, desto weniger sieht man. Und in dieser schwer erkennbaren Zukunft lauern nun jede Menge Überraschungen, gute und böse. Aber Überraschungen sind schon dadurch böse, dass man nicht auf sie vorbereitet ist. Zukunft erwischt einen kalt.

Die Verlängerung des Heute ins Morgen

Was heißt es, eine solche dunkle, unabsehbare Zukunft zu gestalten? Was heißt es, sich wirklich mit dem Moment zu konfrontieren, in dem alles anders sein wird – und zwar auf eine völlig unerwartete Weise?
Um Zukunft zu gestalten, gibt es zweierlei Modi.
Einerseits kann man Zukunft aktiv planen, das heißt, Dinge umzusetzen, die man hier und heute absehen kann. Aber der Entwurf aus der Gegenwart in die Zukunft fußt auf der Annahme, dass die Zukunft doch ähnlich sein wird wie die Gegenwart, eine Verlängerung des Heute ins Morgen oder wenigstens so absehbar wie der Eintritt des Rentenalters. Deshalb kann ich versuchen, Wünsche oder Wertvorstellungen, die ich heute habe, für morgen umzusetzen. Genau hier kommen nun die erwähnten Utopien zum Tragen. Sie entwerfen, wohin die Reise gehen könnte, wenn alles mehr oder weniger so bleibt, wie es ist. Und wenn alle mitmachen.

Prognosen helfen nur, wenn sie umgesetzt werden

Der andere Modus der Zukunftsgestaltung ist düsterer. Dieser Modus ist die Schwarzmalerei. Neudeutsch nennt man diesen Modus „Prävention“ – also das aktive Verhindern von schädigenden Ereignissen in der Zukunft oder auch die Vorsorge für künftige Krisen. Prävention geht davon aus, dass Ereignisse in der Zukunft lauern, die man sich nicht wünscht, aber mit denen man einfach rechnen muss. Auf individueller Ebene können das zum Beispiel Unfälle, Arbeitslosigkeit oder Krankheit sein – man versichert sie, um indirekt ihre Folgen abzufedern. Auf kollektiver Ebene bezieht sich Prävention auf Krisen und Katastrophen, von der Naturkatastrophe, Seuche oder Wirtschaftskrise bis hin zum Krieg in nächster Nähe, wie wir es in Europa gerade eben erleben. Rechnen kann man mit manchen solcher Einbrüche schon, und zwar in einem statistischen Sinne, in dem man ihre Wahrscheinlichkeit berechnet und sie ganz einfach versichert. Darüber hinaus versucht man natürlich, sie so selten wie möglich zu machen durch Airbags, Krebsprophylaxe, technische Sicherheitssysteme, Katastrophenschutz. Prognosen helfen, aber nur, wenn sie gehört und in konkrete Präventions- und Schutzmaßnamen umgesetzt werden. Schwarzmalerei reagiert empfindlich auf Warnungen und hält es mit dem Prinzip „better safe then sorry“.

Man braucht Schwarzmalerei

Geht man davon aus, dass die Zukunft nicht vorhersehbar und planbar, sondern in dem geschilderten Sinn dunkel ist, also unsicher, volatil und komplex, braucht man etwas anderes als Utopien und hoffnungsspendende Leitbilder. Man braucht Schwarzmalerei. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die einzige Kraft, der es gelungen ist, den Klimawandel endlich auf die politische Agenda zu setzen, eine Bewegung von Kindern und Jugendlichen war, die gar keine tollen Utopien im Kopf hatten, sondern ganz einfach ihrer Angst und ihrem Zorn Ausdruck verliehen haben:
O-Ton Greta Thunberg:
„Adults keep saying, we owe it to the young people to give them hope. But I don’t want your hope. I don’t want you to be hopeful. I want you to panic. I want you to feel the fear I feel everyday. And then I want you to act. I want you to act as if you would in a crisis. I want you to act as if our house is on fire. Because it is.”
Das ist Schwarzmalerei in Reinform. Ein Mädchen, das ganz einfach sagt, dass es Angst hat. Angst davor, dass die Welt, in der sie und ihre Altersgenossinnen aufwachsen, in den nächsten Jahren kaputtgehen wird. Keine Lösungen, keine Forderungen, einfach ein lautes, wütendes „Stop“.

Reine Negativität

Was ist also Schwarzmalerei, und wozu kann sie uns in der gegebenen Situation dienen? Was sind ihre Bestandteile?
Schwarzmalerei ist zunächst mal reine Negativität. „Unser Haus brennt“, wie Greta Thunberg sagt, und nicht: „Ich würde diese und jene Löschmaßnahmen vorschlagen, am besten mit einem Zehnjahresplan.“ Es ist das Recht, die Gegenwart zu kritisieren, ohne immer gleich die Lösung mit zu präsentieren. Das mag eine kindliche Geste sein, aber sie war wirksam, wie wir bei Fridays for Future gesehen haben.
Diese Geste sagt: Autos sind scheiße – nicht: Ich hätte gern einen Ausstieg aus den Verbrennungsmotoren und einen Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs. Würde man wirklich Autos als massenhaftes individuelles Verkehrsmittel verbannen, hätte man nicht mehr die ganze Problematik mit den vielen Ressourcen, die die Elektroautos brauchen.
Sie sagt: Fleisch essen ist scheiße – nicht: Man braucht mehr Tierwohl in der Massentierhaltung und vielleicht auch höhere Fleischpreise. Jeder weiß, dass Fleisch nicht nur viel Agrarland verbraucht, sondern auch in großer Menge ziemlich ungesund ist.
Sie sagt: Klimawandel ist scheiße – nicht: Ich wünsche mir einen über die nächsten 30 Jahre gehenden Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Das könnte schon mal damit anfangen, treibhausgasintensive Technologien nicht mehr zu subventionieren, sondern richtig teuer zu machen.

Kritik ist laut und deutlich

Manche Dinge sind einfach schlecht. Sie können und sollten klar und einfach kritisiert werden, und dann sollte es möglich sein, diese Dinge ohne endloses Zaudern und Abwägen umzusetzen – und zwar nicht bloß auf der Ebene individueller Umwelt-Tugendhaftigkeit. Hier braucht es kollektive Regeln: Gesetze, Steuern, Anreizsysteme. Der Modus der reinen Kritik ist simpel, oft zu simpel, aber gerade darin liegt seine Effizienz. Kritik ist laut und deutlich.
Schwarzmalerei ist zweitens realistisch. Während Kritik einfach ist, führt Realismus hinein in die Kompliziertheit der Dinge. Das Mantra vom „Ausstieg aus der Wachstumswirtschaft“ ist zwar richtig, aber sehr viel leichter gesagt als getan. Die ökologische Transformation, die nötig ist, steht vor Konflikten, die nicht einfach mit Utopien vom guten Leben weggeredet werden können. Diese Konflikte sind hart, weil sie zwischen gleichermaßen berechtigten Interessen bestehen. Arbeitsplätze werden verloren gehen, jedenfalls für eine Generation. Es wird gesellschaftliche Gruppen geben, die überproportional draufzahlen werden. Es wird die Bevölkerungen im globalen Süden geben, die lieber den Lebensstandard der Industriestaaten erreichen wollen, als sich von ebendiesen Industriestaaten Klimaschutz vorschreiben zu lassen. Und es wird rein technisch auch nicht ganz einfach, in einem sonnenarmen Land wie Deutschland gleichzeitig aus Kohle und Atomkraft auszusteigen – und neuerdings möglichst auch noch aus dem russischen Erdgas.

Schwarzmalerei ist ernsthaft

Verstehen wir uns nicht falsch: Es geht nicht darum, den ökologischen Umbau für unmöglich zu erklären. Schwarzmalerei ist nicht defätistisch. Es geht hier nicht darum, statt der Lösungen nur Probleme aufzulisten. Schwarzmalerei ist ernsthaft. Sie versucht, die echten Konflikte von den unechten, rein rhetorischen zu trennen und sich dabei nichts in die Tasche zu lügen. Es geht auch nicht darum, bestimmte Interessen als „böse“ oder „gut“ zu bewerten, sondern berechtigte, aber gegeneinanderstehende Anliegen ernst zu nehmen. Es geht darum, Lösungen in einer Langzeitperspektive zu betrachten. Machbarkeit ebenso zu bedenken wie Spätfolgen oder Opportunitätskosten.
Die schönen bunten Welten der Welzer und Co. lassen genau diesen Realismus vermissen. Da geht es zumeist um böse SUV-Fahrer, Kreuzfahrttouristinnen oder Öl-Lobbyisten, die sich mit sehr schlechten Gründen dem Umbau der Gesellschaft widersetzen. Aber die Dinge sind, bei Licht betrachtet, nicht ganz so einfach.

Die Dunkelheit der Zukunft anerkennen

Schwarzmalerei ist drittens eine Haltung gegenüber der Zukunft, die deren Dunkelheit anerkennt. Die Zeiten sind voller Überraschungen, davon haben wir in den letzten zwei Jahren einige Kostproben erhalten: sei es durch die Covid‑Pandemie oder auch die verheerenden Überschwemmungen im Ahrtal. Beiden gemeinsam ist die Tatsache, dass man in keiner Weise auf diese Ereignisse vorbereitet war. In der Pandemie fehlte es an Infrastruktur im Gesundheitswesen und Koordination, dabei haben Wissenschaftler und die WHO seit Jahren auf die Gefahr einer sich weltweit ausbreitenden Seuche hingewiesen. Im Ahrtal war es der fehlende Katastrophenschutz, die mangelnde Weitergabe von Wetterwarnungen und eine Landschaft, die nicht auf Überschwemmungen vorbereitet war. Vielleicht war das der Moment, in dem in Deutschland klar wurde: Der Klimawandel trifft auch uns hier.
Das eigentliche Problem liegt in der Überrumpelung durch ein Ereignis, das man sich zwar vorstellen konnte, aber dann doch nicht wirklich für möglich gehalten hat. Zukunft ist das, was wir nicht auf dem Schirm haben. Es sind die berühmten „unknown unknowns“, von denen der frühere amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld[*]2002 in einem seltenen Anflug von philosophischer Inspiration sprach:
O-Ton Donald Rumsfeld:
„Reports that say that something hasn't happened are always interesting to me, because as we know, there are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – the ones we don't know we don't know. And if one looks throughout the history of our country and other free countries, it is the latter category that tends to be the difficult ones.”

Dinge, von denen wir nicht mal ahnen, dass wir sie nicht wissen

Es gibt, so meinte Rumsfeld, Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Das Problem aber sind die Dinge, von denen wir nicht mal ahnen, dass wir sie nicht wissen. Die Dunkelheit der Zukunft liegt genau in diesen ungeahnten, unvorhersehbaren Möglichkeiten. Schwarzmalerei ist der Versuch, den unknown unknowns auf die Spur zu kommen. Wissenschaft ist vielleicht das beste Instrument, das wir haben, um diese Dunkelheit wenigstens ein Stück weit auszuleuchten, das zweitbeste vermutlich die schrillen Katastrophenfiktionen aus Literatur und Film. Das Problem ist: Wenn man der Wissenschaft nicht glaubt und fiktive Desasterszenarien als bloße Fantasie abtut, verzichtet man auf dieses Instrument. Vielleicht wäre es ganz schlau, der Wissenschaft zu glauben und Fiktionen ernst zu nehmen, auch oder gerade, wenn sie schwarzmalen.

Ein scharfes Bewusstsein für die Dringlichkeit

Ein letzter Punkt: Schwarzmalerei hat ein scharfes Bewusstsein für die Dringlichkeit ihrer Anliegen. Sie quengelt nicht nur, sie drängelt auch. Sie geht von der Annahme aus, dass jede Verzögerung gefährlich ist, dass sich die Situation rasant verschlimmert. Prävention kommt vor dem Schadensereignis, nicht danach. Schwarzmalerei verbindet das Prinzip „better safe than sorry“ mit einem „lieber heute als morgen“. In Sachen Nachhaltigkeit hat der Weltklimarat im zweiten Teil seines sechsten Sachstandsberichts erst im Februar dieses Jahres an diese Dringlichkeit erinnert. Der Klimawandel, so die Wissenschaftler, verläuft schneller als erwartet. Szenarien für C02-Neutralität im Jahr 2050 sind gut und schön, aber wenn es nicht schneller geht, ist das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr zu halten. Georg Teutsch vom Helmholz-Zentrum für Umweltforschung bringt die neuen Ergebnisse so auf den Punkt:
„Wir haben wider besseres Wissen viel Zeit verloren, unsere klimaschädlichen Emissionen auf Netto Null zu reduzieren. Wir werden das 1,5-Grad-Ziel reißen – und das hat schwerwiegende Folgen für Ökosysteme und Gesellschaften. Nicht in zehn, 50 oder 100 Jahren, sondern bereits heute.“

Grund zur Eile

In diesem Fall lohnt es auch, mal zurück zu schauen, denn hinterher ist man ja schlauer. 30 Jahre Lippenbekenntnisse und hirnrissige Diskussionen darüber, ob es den Klimawandel denn wirklich gäbe, haben wichtige Zeit gekostet. 30 Jahre lang mussten sich Wissenschaftlerinnen, die vor der globalen Erwärmung gewarnt haben, sagen lassen, sie seien doch nur Schwarzmaler. 3,6 Milliarden Menschen, so der letzte Sachstandsbericht, geraten dadurch in unmittelbare Gefahr. Dass diese Gefahr mittlerweile zunehmend auch die Industrieländer trifft, ist vielleicht ein guter Anlass, deren Ausstiegspläne zu beschleunigen. Aber der Weltklimarat hat auch eine gute Nachricht: Es ist durchaus noch etwas zu machen. Würde die Hälfte aller derzeitigen Emissionen schon 2030 – also in acht Jahren – eingespart, käme das 1,5-Grad-Ziel wieder in erreichbare Nähe. Ein Grund mehr zur Eile.

Nicht nur Fakten, sondern auch Emotionen

Kurzum: Schwarzmalerei ist nicht – wie immer wieder behauptet wird – lähmend. Sie gibt nicht das Gefühl, dass nichts mehr zu machen ist, sondern drängt im Gegenteil zur Eile. Sie hat die Kraft, zu mobilisieren, weil sie nicht nur Fakten vermittelt, sondern auch Emotionen. Sie hat die Wut einer jungen Generation getragen, die sich fragt, ob es ihnen als Erwachsene auch nur halb so gut gehen wird wie ihren Eltern jetzt. Es braucht das Drama, die Einfachheit und Emotionalität, die erst Greta Thunbergs alarmistische Rhetorik bewirkt hat.
Aber wenn Schwarzmalerei eine Drama-Queen ist, dann doch eine sehr reflektierte. Wer schwarzmalt, ist sich darüber klar, dass er oder sie noch nicht alles weiß. Das bedeutet, sich im Zweifelsfall aufs Schlimmste einzustellen. Der Philosoph Hans Jonas nannte das die „Heuristik der Furcht“. Diese Heuristik macht nicht nur wach, sondern hellsichtig. Auch wenn Angst als Mobilisierungskraft erst mal eher unangenehm klingt, motiviert sie doch viel stärker als positive Hoffnungen und Leitbilder. Pessimismus ist durchaus nicht immer ein Rezept fürs Scheitern, sondern ein Schutz. Wer eine künftige Situation schlimmer einschätzt als sie dann wird, ist besser gewappnet. Aber auch der größte Pessimist freut sich, wenn es dann weniger schlimm kommt als erwartet. Denn wer schwarzmalt, will nicht recht haben, sondern Schlimmeres verhindern.

[*] Anmerkung der Redaktion: Wir haben eine falsche Amtsbezeichnung korrigiert.