Mittwoch, 01. Februar 2023

Kommentar zu Harrys Memoiren
Das britische Königshaus wird davon nicht untergehen

Das Narrativ von Prinz Harry in seiner Autobiographie sei denkbar schlicht, kommentiert Christine Heuer. Es sei zu erwarten, dass noch viel schmutzige Wäsche öffentlich gewaschen werde. Das britische Königshaus werde damit leben müssen.

Ein Kommentar von Christine Heuer | 10.01.2023

In der britischen Königsfamilie gibt es offenbar gewisse Spannungen
In der britischen Königsfamilie gibt es offenbar gewisse Spannungen (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Martin Meissner)
In seinen 38 Jahren auf der Welt hat Prinz Harry schon viel erlebt. Er hat Magic Mushrooms probiert und Kokain. Als Soldat in Afghanistan hat er 25 Taliban getötet. Seine Unschuld verlor er mit 17 an eine ältere Dame auf einer Wiese hinter einem belebten Pub.
Muss man das wirklich alles wissen? Nein, muss man nicht. Mit seinen Memoiren hat der exilierte Königssohn die Schwelle zum Gossip unterschritten, ab jetzt ist die Harry-Saga etwas für den Friseurbesuch. Die zahlreichen Vorwürfe, die das Herzogspaar von Sussex den Royals in London macht (zu wenig gewertschätzt, hintergangen, ja verfolgt worden zu sein), sind alle hinlänglich bekannt, sie werden nur noch neu bebildert.

Gut und Böse wie in einem Groschenroman

Harrys Narrativ ist dabei denkbar schlicht: Er und Meghan sind die Guten, alle anderen stecken mit der bösen Presse unter einer Decke, als einziger in der Familie ist er würdig, das Erbe seiner Mutter Diana zu vertreten. Das ist so eindimensional und naiv, dass es für einen Groschenroman taugt. Oder man liest Harrys Lebensgeschichte ernsthafter als die einer tragischen Figur: Früh traumatisiert durch den Tod der Mutter, seitdem ein gebrochener Mensch im Ringen mit seiner Familiengeschichte. Das wäre Stoff für ein Shakespearesches Drama, aber auch diese Version von Harrys Leidensweg ist schon oft erzählt worden.
In der Saga Harry gegen den Rest der Royals ist nichts strukturell Neues mehr zu erwarten. Für den verlorenen Prinzen ist das ein handfestes Problem. Denn über sich selbst zu sprechen, ist ihm nicht nur ein Herzensanliegen, es ist auch das Geschäftsmodell, mit dem er und Meghan Geld verdienen.
Vom Königshaus ist der Herzog angeblich emigriert, um die Privatsphäre seiner Familie zu schützen. Nun packt er gegen Bares intime Details aus. Und zwar nicht nur aus seinem Privatleben, sondern ungefragt auch aus dem seiner Angehörigen im fernen England. Für seine von einem Ghostwriter verfasste Autobiografie soll der Königssohn 20 Millionen US-Dollar Vorschuss bekommen haben, die jüngst ausgestrahlte sechsstündige Doku „Harry und Meghan“ war Netflix 100 Millionen wert. Von irgendwas muss das Herzogspaar ja leben, nachdem Vater Charles die Zahlungen eingestellt hat (auch das ein steter Grund zur Klage der beiden Millionäre in Montecito).
Deshalb kann es mit „Spare“ nicht enden, Harry und seine Frau stehen für drei weitere Bücher und diverse Medien-Projekte unter Vertrag. Da wird noch viel schmutzige Wäsche öffentlich gewaschen werden. Das britische Königshaus wird damit leben müssen, es wird davon nicht untergehen. Alle anderen dürfen die Sussexes ab jetzt prominent ignorieren.
Christine Heuer, geboren 1967 in Bonn, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Anglistik. Sie war für den Deutschlandfunk freie Korrespondenten im Bonner und Berliner Hauptstadtstudio, Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen und in der Kölner Chefredaktion Chefin vom Dienst. Heuer war zuletzt Redakteurin in der Abteilung Aktuelles und moderierte viele Jahre lang die Sendung „Informationen am Morgen“ im Deutschlandfunk. Seit 2020 berichtet sie als Korrespondentin aus Großbritannien und Irland.