Freitag, 01. März 2024

Das Chaos bändigen
Das Gespenst der Ordnung

Ordnung ist nicht nur das halbe Leben, sondern auch die ganze Gesellschaft. Einen Haufen von Individuen würde keinen sozialen Verband formen. Was aber sind Ordnungen? Sind sie der Welt abgetrotzt oder eine genuine Kulturtechnik?

Von Thomas Palzer | 01.01.2024
 Verschiedene Verkehrsschilder umrahmen einen geschlossenen Rollladen mit Graffiti in Kolkata während des Behala Art Fest im Februar 2022.
Versuche, das Chaos zu bändigen, gibt es viele. Doch wie kommt wirklich Ordnung in die Welt? (IMAGO / ZUMA Wire / IMAGO / Avishek Das)
Ordnung ist dringend nötig in einer Zeit, in der offenbar vieles in Unordnung geraten ist. Werte und Normen geraten angesichts der jüngsten Kriege und Krisen durcheinander, unsere Lebenswelt ist geprägt von dauerhaften Veränderungs- und Anpassungsprozessen.

Gab es immer schon Ordnung?

Sind Ordnungen immer schon in der Welt, als unsichtbares geometrisches Netz, das von uns entdeckt wird, wenn wir die – wie es der Philosoph Michel Foucault nannte – „Ordnung der Dinge“ erkennen? Oder bringen wir erst Ordnung ins Chaos, etwa, wenn Historikerinnen Ereignisse zu Erzählungen werden lassen und so Geschichte entsteht?
Und vielleicht sind diese beiden Alternativen ja gar keine Gegensätze. Zum Jahresbeginn ist hier die Gelegenheit, die Ideengeschichte der Ordnung in Ordnung zu bringen.

Der Autor

Thomas Palzer, geboren 1956, studierte Philosophie und Germanistik in München und Wien. Er ist Autor, Essayist, Journalist, Schriftsteller, Filmemacher und Hörfunksprecher. 2018 erschien der Essay „Vergleichende Anatomie“ (Matthes & Seitz) und 2019 der Roman „Die Zeit, die bleibt“ (Tropen).

Das Chaos bändigen
Das Gespenst der Ordnung

Ohne Ordnung gäbe es nichts, gar nichts, nicht einmal die Welt. Ohne Ordnung gäbe es weder Zeit, noch Raum, noch das, was beides füllt: Ereignisse und Dinge, Phänomene. Es gäbe nichts – oder, genau anders herum: Es gäbe alles. Aber: Alles auf einmal. Mithin: Chaos.
Damit nicht alles, was es je gegeben hat, was es gibt und einst geben wird, auf einmal geschieht, gibt es ein Vorher und ein Nachher, ein Früher und ein Später, kurz: eine zeitliche Ordnung, eine Struktur.
Die zeitliche wird naturgemäß ergänzt von einer räumlichen Ordnung: oben, unten; links, rechts; hinten und vorne und hüben und drüben.
Und diese beiden physikalischen Ordnungen finden durch gedankliche oder mentale Ordnungen Ergänzung, etwa wenn man zwischen Qualität und Quantität unterscheidet. Oder wenn man Aussagen organisiert – etwa normative, die im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse zum Tragen kommen, zwischen dem Vollkommenen und dem Unvollkommenen. Und daneben gibt es Legitimitätsordnungen: Bücher oder Filme zum Beispiel werden gern in gute und schlechte klassifiziert.
Ordnungen gibt es viele – und wie wir gerade gehört haben, lassen sich auch Ordnungen ordnen. Doch bei aller Ordnung steht die Frage im Raum: Woher kommt sie? Finden wir Ordnung in der Welt vor – oder legen wir Ordnung in die Welt und ihre Dinge hinein?
Die Griechen nannten Ordnung kosmos, was die Römer später mit ordo übersetzten, wovon sich wiederum das deutsche Ordnung ableitet. Eigentlich meinte ordo im Lateinischen: aus verschiedenen Fäden durch kunstgerechte Verknüpfung ein Gewebe anlegen. Die Universität Siegen vermerkt in einem einschlägigen Artikel, dass ordo im Lateinischen wie Französischen männlichen Geschlechts sei, da im Deutschen jedoch alle Wörter, die auf -ung endeten, weiblich seien, hieße es die Ordnung.
Dass das grammatische Geschlecht mal so, mal so ausfällt, spricht weder für noch gegen die Vorstellung von Ordnung.
Im Deutschen wird Ordnung in hauptsächlich zwei Bedeutungen gebraucht – einmal im Sinn von Disziplin, ein andermal als wissenschaftstheoretischer oder philosophischer Term, bei dem darüber reflektiert wird, wie Reihungen und Klassen zu verstehen sind.
Zunächst kann gesagt werden: Eine Ordnung ist immer dann gegeben, wenn nichts und niemand aus der Reihe springt.
Im lateinischen Mittelalter spielt die Idee des ordo, nämlich einer von Gott gesetzten Ordnung, eine zentrale Rolle, die bis in die Gegenwart ausstrahlt. Heute ist es die so genannte Natur, in der wir Ordnung und Regelmäßigkeit erkennen zu können meinen – etwa in den Naturgesetzen. Schon Kant vertrat in der Kritik der reinen Vernunft allerdings die Auffassung, dass wir selbst es sind, die der Natur Ordnung beilegen.
Ohne Ordnung gäbe es kein Wissen. Ordnungen produzieren Wissen. Eine Wissenschaft ist nichts anderes als eine Ordnung unter bestimmten Aspekten: die Ordnung des Lebendigen, Biologie, die Ordnung der Sterne (Astronomie oder Astrologie), die Ordnung der Gesellschaft, Soziologie, und so weiter. Meistens tragen Ordnungen den logos im Namen. Was es damit auf sich hat, werden wir später sehen.
Ordnungen schaffen im Unübersichtlichen Übersichtlichkeit – einfach dadurch, dass sie das eine vom anderen scheiden – nicht willkürlich, sondern nach einer Regel. Ordnungen sind, da sie eingrenzen und ausgrenzen, Sortiermaschinen, und insofern sind sie Voraussetzung dafür, dass es etwas gibt (statt alles auf einmal) – beispielsweise Wissen oder das Weltall oder Dunkle Materie oder gesüßte Limonade.
Der ungarische Schriftsteller Béla Hamvas hat den Versuch unternommen, auf kürzestem Raum eine Metaphysik universeller Orientierung zu liefern – sie findet sich in seiner Essaysammlung Kierkegaard in Sizilien. Dort heißt es:
„Die Dinge beginnen nicht draußen, sondern drinnen, nicht unten, sondern oben, nicht im Sichtbaren, sondern im Unsichtbaren.“
Neben universellen Ordnungen, wie sie Béla Hamvas vorschwebten, regieren unseren Alltag eher kleinteilige Ordnungen: To-do-Listen, Einkaufslisten, Fußballtabellen, Rankings, Hitparaden, Best-of-Listen.
Ordnung kann glücklich machen. Jedenfalls mich. Auf meinem Schreibtisch ertrage ich nur ein gewisses Maß an Unordnung: müßig herumstehende Ordner, aufgeschlagene Bücher; Stapel offener Rechnungen und unerledigter Korrespondenz; Post-it-Zettel, von denen ich nicht mehr weiß, wo sie hingehören; überflüssige Kabel; und so weiter. Ist das Maß überschritten, muss ich zur Tat schreiten und aufräumen. Erst danach, wenn alles wieder den ihm zugewiesenen Platz einnimmt, kann ich mit der Arbeit beginnen. Sozusagen im Zustand der Stunde Null nach der Schöpfung: Alles ist in bester Ordnung.
Die Grenze zwischen Ordnung und Unordnung wird auch gezogen vom jeweiligen Temperament: Ein Grad an Ordnung, mit dem die Eine bequem klarkommt, ist für den Anderen eine Herausforderung beziehungsweise Zumutung. Es gibt schöpferische Unordnung und Unordnung in einem Ausmaß, bei dem man die Waffen steckt, weil nichts mehr geht.
Ordnung bedarf der Ausgewogenheit mit ihrem genauen Gegenteil, sonst kippt sie entweder um in Pedanterie, oder die Unordnung wird unbehebbar. Die Grenze ist fließend, und manchmal – bei Menschen wir mir, die zwar keine ausgesprochenen Ordnungsfanatiker sind, aber doch solche, die Ordnung lieben – schwer zu bestimmen. Man könnte sagen, dass jede Ordnung ein gewisses Maß an Ungenauigkeit oder Unordnung benötigt, um noch atmen zu können und nicht zu einem erdbebensicheren Granitblock zu erstarren.
Das Problem der Ordnungsregeln ist, dass ihr Wesen kolonialisierende Züge trägt. Regeln tendieren dazu, nach und nach alles zu verregeln und zu verriegeln. Paradox gesagt, neigt Regelmäßigkeit zur Maßlosigkeit. Sie breitet sich gewissermaßen ungefragt immer weiter aus. Aber jede Regelhaftigkeit bedarf zwingend des Ungeregelten – nicht nur aus logischen Gründen, sondern vor allem, weil sonst ein Bürokratiemonster geboren und genährt wird, wie es für die Berliner Republik geradezu sprichwörtlich geworden ist, obwohl da ja längst nicht alles in Ordnung ist.
Ordnung, sagt der Volksmund, sei das halbe Leben. Dem pflichte ich gewiss bei. Ordnung erlaubt Übersicht und Orientierung, und, ja, auch so etwas Zwiespältiges wie Kontrolle – und Ordnung verleiht die Fähigkeit, ganz schnell Stellen zu identifizieren, die unordentlich sind.
Ordnungshüter stehen deshalb immer auch ein wenig unter Beobachtung, unter, wenn man so will, Gegenkontrolle, müssen sogar, um die ungerechtfertigte, jede Spontanität und jeden Regelbruch exkludierende Totalkontrolle zu verhindern, misstrauisch beäugt werden – und werden es.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, soll Lenin gesagt haben – womit er ungewollt die Krankheit benannt hat, die jeder luftundurchlässigen Ordnung zum Verhängnis wird.
Wir leben in einer binären Ordnung, geprägt von Oppositionen wie hell und dunkel, oben und unten, Mann und Frau, Zivilisation und Wildnis, Sein und Seiendem.
Ordnung und Unordnung.
Die binäre Ordnung scheint uns auf den ersten Blick das Natürlichste der Welt zu sein – doch wenn wir genauer hinsehen, löst sie sich auf: Statt Tag / Nacht finden wir Morgen- und Abenddämmerung, Phasen des Zwielichts, entdecken wir das Licht des Sommers und das des Herbstes, das kreidige des Winters und das diffuse an nebligen Tagen und vieles mehr. Die kulturellen Ordnungssysteme indigener Völker unterscheiden sich oft erheblich von denen, die die Europäer eingeübt haben. Gleichzeitig wird ein binäres Schema wie das von Mann / Frau universell in allen Kulturen anerkannt. Das steht im Westen freilich seit einiger Zeit zur Debatte, wo gemäß dem Konzept des Protestantismus das Innere gegen das Äußere ausgespielt wird. Das Konzept von Innen / Außen, das beim Cisgender zum Tragen kommt, ist übrigens seinerseits binär.
Neben der binären Ordnung existiert noch eine Reihe weiterer Ordnungssysteme: numerische, alphabetische, chronologische, soziale, geographische. Es ist sogar so, dass man Ordnungssysteme jederzeit und nach Bedarf erfinden kann: Zum Beispiel können wir ab sofort alle Dinge um uns herum nach Farbe, nach vorhandenen Ecken, nach Größe oder Nützlichkeit oder danach ordnen, ob sie letzte Nacht in unserem Traum aufgetaucht sind.
Es stellt sich die Frage: Woher kommen all diese Ordnungen – liegen sie im Verstand, oder sind sie Teil der Welt, wenn auch rudimentär und nicht immer sofort ersichtlich. Zum Beispiel kann eine Ordnung, die uns zunächst binär erscheint, tatsächlich polar sein – also ein Gegensatz mit unendlich vielen Übergängen. Polarität beinhaltet Binarität, ist aber nicht mit ihr gleichzusetzen.
Um aktuell zu reden: Identitätspolitik lehnt den Universalismus der Menschenrechte ab – und das nicht ganz zu Unrecht, denn dieser beruht letztlich auf der biblischen, mithin vom Judentum behaupteten Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Auf der anderen Seite stünde ein radikaler Darwinismus oder ein kultureller Relativismus.
Doch Kant hat darauf hingewiesen, dass die modernen Vorstellungen von Autonomie und Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde nicht einfach so gegeben sind, vielmehr den Bezug auf eine Instanz oder Ordnung jenseits aller Empirie zwingend voraussetzen. So verweist der Universalismus auf eine Ordnung jenseits der Welt – allerdings so, dass alle Ordnung in der Welt auf die außerhalb ihrer verweist –, während Identitätspolitik Ordnung grundsätzlich für menschengemacht hält. Für sie liegt jede Ordnung aber nicht in der Welt, sondern nur im Menschen, in seinem Kopf. In dieser Haltung versteckt sich ein umgekehrter Platonismus, denn es geht ihren Apologeten nicht mehr darum, aus der Höhle an das Licht der Aufklärung zu treten, sondern darum, alles Sichtbare und Gegebene als unzuverlässig zu verwerfen und die Wahrheit in den Falten des Bewusstseins, nämlich innen zu suchen.
Denken lässt sich verstehen: als Enthüllung einer Ordnung, die für das unmittelbare Erleben oder die Erfahrung zunächst unerkannt bleibt. Damit ist die Frage, ob Ordnung an sich existiert oder ob sie ein Produkt des Verstandes ist, freilich nicht geklärt. Absolut gilt diese Binarität ohnehin nicht, es gibt beides: natürliche und künstliche Ordnungen – Ordnungen, die wie männlich-weiblich von der Natur vorgegeben sind, und Ordnungen, die zweifelsfrei von uns konstruiert sind. Es geht also bei dieser Frage um die Gewichtung, die freilich zur Asymmetrie neigt. Natürliche Ordnung erlaubt künstliche, umgekehrt gilt das weniger. Glaubt man, alle Ordnung läge im Verstand, kann es keine natürliche geben.
Einer Klärung näher kommt die Frage, ob Ordnung eine Angelegenheit der Natur oder des Verstandes ist, vielleicht, wenn wir bedenken, dass der Mensch – also mithin Bewusstsein oder Verstand – ja Teil einer Ordnung ist, deren Erfindung oder Konstruktion zu Unrecht auf dem hauseigenen Konto verbucht wird.
Weder haben wir uns selbst geschaffen – noch die Prinzipien unseres Denkens.
Der Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz hat im 17. Jahrhundert die Prinzipien des Denkens auf folgende Formel gebracht: Nihil est sine ratione – Nichts ist ohne Grund.
Dieser Satz kann seinerseits nicht begründet werden. Er liegt einfach vor. Wie Äpfel, Sonnenuntergänge, Fische, der Satz von Pythagoras oder die Raumzeit. Er ist von dem, was wir meinen, fühlen und denken, völlig unabhängig – und er benennt das Prinzip, auf dem alle denkbaren Ordnungssysteme beruhen. Er liefert also unserem Denken ein Fundament: Was keinen Grund hat, kann nicht sein. Diese Ordnung ist der Welt intrinsisch und, wenn man so will, angeboren.
Dass alles, was es gibt, gab und geben wird, kausal begründet sein muss, ist die Bedingung der Möglichkeit, Welt zu ordnen. Ebenso muss das, was wir tun, grundsätzlich begründet werden – wir müssen das Tun ja einordnen können. Und die Mannigfaltigkeit der Phänomene, mit denen uns die Welt konfrontiert, erfordert Ordnung – ansonsten wäre Orientierung gar nicht möglich. Jeder Straßenplan ist schon eine Ordnung, jede Nervatur eines Baumblatts. Der Satz vom Grund ist damit der fundamentale Satz für alle denkbaren Ordnungssysteme. Von daher tragen viele Wissenschaften den logos im Namen.
Ordnungssysteme können freilich ersetzt werden, wenn wir die Ansicht vertreten, ein besseres gefunden zu haben. Das ist unter anderem abhängig von der Frage, in welcher Hinsicht etwas geordnet werden soll. Doch entgegen dem Anschein, dass Ordnung ganz offenbar von uns eingeführt werden kann, ersetzt und abgeschafft, liegt das Entscheidende in dem Faktum, dass wir Ordnung überhaupt entstehen lassen können, eine solche erschaffen können – hier liegt der eigentlich springende Punkt. Denn die Möglichkeit von Ordnung setzt eine sozusagen subkutane, in die Welt eingelassene Matrix voraus, ein Verzeichnis, auf das alle Ordnung zurückgeführt werden kann.
Diese Mutter aller Ordnungen haben wir im Urteil. Jedes Leben beginnt mit einem Urteil: genießbar – nicht genießbar. Damit wir unsere Umgebung aber beurteilen können, nämlich aufteilen in wahr und falsch, schön und hässlich, gut und böse, braucht es Eigenschaften: Ähnlichkeiten, Reihungen und Strukturen. Jeder Stein hat eine Maserung, jede Faser Struktur, alles hat Form und Gestalt. Damit es Regelmäßigkeiten geben kann, sind Formen und Gestalten unabdingbar. Und diese müssen für den Menschen erfahrbar sein. Eine Eigenschaft, die nicht Gegenstand der menschlichen Erfahrung werden kann, ist keine, mit der Ordnung gestiftet werden kann. Unsere Sinne machen also den Sinn – im Fall der Gestalt Visualität und Taktilität. Die Sinne sind es demnach, die uns die die Welt wahrnehmen und mithin beurteilen lassen, andernfalls es keine Logik, Mathematik und Systematik geben könnte. Eine Welt ohne jede Struktur wäre ja prinzipiell vorstellbar! Da die Sinne das rezipieren, was vorliegt, liegt in diesem Sinn Ordnung vor und also in der Welt.
Linné hat für Botanik und Zoologie ein Ordnungssystem geliefert – eine Taxonomie, die noch heute weitgehend Gültigkeit besitzt. Darwin hat mit der Abstammungslehre der Entstehung der Arten Regeln gegeben, Mendel der Vererbung. Das Periodensystem ordnet die Elemente nach aufsteigender Kernladung. Und die Metaphysik hat gleich für alles, was es überhaupt gibt, Regeln aufgestellt: für das komplette Seiende. Metaphysik schafft nämlich kein Wissen, sondern Ordnung. Insofern ist Metaphysik eben keine Wissenschaft, sondern Taxonomie im Bereich der Begriffe. Und da Denken Regel- beziehungsweise Mustererkennung ist - also das Erkennen von Regelmäßigkeit und Ordnung –, verstehen wir nun endlich, was Heidegger mit seinem legendär anstößigen Satz gemeint hat, der da lautet:
„Die Wissenschaft denkt nicht.“
Tatsächlich: Die Wissenschaft denkt nicht; sie schafft vielmehr Wissen. Die Metaphysik oder Philosophie dagegen schafft Ordnung. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Ordnung geordnet und wie überhaupt möglich ist – beschäftigt sich folglich mit dem Sein des Seienden.
Aristoteles hatte mit seiner Kategorienlehre dem Sein eine erste Ordnung gegeben. Er löste das Sein auf in zehn allgemeinste und nicht weiter reduzierbare Bereiche: in Substanz, Qualität, Quantität, Relation, Ort, Zeit, Lage, Haben oder Ausstattung, Tätigkeit und Leiden. Für Kant sind Kategorien nicht gegeben, vielmehr reine Verstandesbegriffe – aber diese wiederum sind nicht von uns erfunden, sondern sie sind uns mit dem Verstand gegeben.
Im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung erlangte Pythagoras Ruhm, als er auf der Insel Samos eine religiös-philosophische Schule begründete. Ihr Leitspruch lautete: Alles ist Zahl.
Die Pythagoreer beschäftigten sich, fanden sie nach strengen Regeln endlich in den eingeweihten, inneren Zirkel des Ordens, mit Mathematik – und aus dieser Beschäftigung heraus erwuchs die Erkenntnis, dass, wie der Philosoph Hermann Krings in Ordo schreibt, die Welt geordnet sein muss, ein geordnetes Ganzes ist, ein Kosmos.
Wenn alles Seiende in seinem Sein Eines ist, nämlich in sich ungeteilt, folglich von einer Ordnung, gleichzeitig aber als Vereinzeltes von anderem Seienden unterschieden, muss es zahlenförmig sein.
Nach Pythagoras bestimmt die Zahl das Sein, mithin die Ordnung alles Seienden. So bildet die ins Unendliche fortlaufende Zahlenreihe 1, 2, 3, 4, 5 ... aller Unendlichkeit zum Trotz eine Einheit – gleichzeitig besteht diese Einheit aber aus lauter diskreten Elementen. Anders formuliert: Alles, was ist, ist zwar unterschieden, aber nicht geschieden.
Wenn die Beschäftigung mit Mathematik der Grund war, dass die Welt als geordnet begriffen wurde, zeigt sich jedoch am heute herrschenden, auf Logik und Berechenbarkeit beruhenden Rationalismus, dass die Zahl nicht immer das geeignete Mittel ist, um Wirklichkeit angemessen abzubilden. Zahlen sind Abstraktionen – und Abstraktionen schneiden gemäß der Bedeutung des Lateinischen ab-stractum von Dingen Dinge weg - Dinge, die man idealerweise als überflüssig erachten kann.
Mit Truman Capote gesprochen, gibt es nämlich alles nur einmal. Es gibt an den realen Phänomenen nichts Überflüssiges, das man wegschneiden könnte, weil es nicht dem Ideal entspricht, also der Vorstellung. Die Idee ist ein Ideal, ein Bild: idea. Die Realität ist keine Idee, kein Bild, vielmehr ist sie konkret und wirklich. Mithin gibt es in Wirklichkeit keine zwei Dinge, die sich so gleichen, wie in Mathematik und Logik Zahlen – 1 und 1 oder 2 und 2 oder 346 und 346. Der Rationalismus ist eine Idealisierung dessen, was ist.
Logik rechnet mit Idealen. Und darum kann Logik eine Sicherheit suggerieren, die dazu verführt, an einen unaufhaltsamen und unumgänglichen Fortschritt zu glauben. Dass dieser Glaube noch immer lebendig ist, spiegelt sich rhetorisch in Slogans wie Fortschritt durch Technik oder, politisch, in der sogenannten Fortschrittskoalition. Leider ist Fortschritt eben gerade nicht sicher. Davon auszugehen, dass es einen gewissermaßen automatischen Fortschritt gäbe, ist ein Fehlschluss, der unzulässigerweise vom Ideal auf die Realität schließt.
Ideen wie die Zahl sind geistige Elemente, doch Idee und Realität fallen nicht zwangsläufig passgenau zusammen. Idee und Wirklichkeit bilden nur annäherungsweise eine Analogie, denn Gott und Welt, Schöpfer und Geschöpf, Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, sind nicht isomorph, nicht gleichgestaltig.
Viel bildet der Rationalismus sich darauf ein, dass er nur das anerkennen würde, was sich beweisen lässt – dabei geht er wie selbstverständlich, blind gegenüber den eigenen Voraussetzungen, vom Vorhandenen aus. Aber lässt sich das Vorhandene überhaupt beweisen? Der Grund dafür, dass das Vorhandene vorhanden ist, bleibt hartnäckig unbegründbar. Das Vorhandene unterliegt dagegen, wie gehört, dem Satz vom Grund, und das radikal. Der Satz vom Grund ist eben einfach und ganz ohne Grund vorhanden.
Ordnungen wie beispielsweise Atomgitter legen es nahe: Ordnungen sind ihrerseits Ideale. Allerdings schneiden sie anders als diese den Phänomenen nichts weg. Geordnetheit ist nämlich nicht in den Dingen, sondern zwischen ihnen – Geordnetheit ist nichts weiter als eine Relation: Ein geistiges Element in der Natur der Dinge.
Im Mittelalter, so legt es Hermann Krings in Ordo dar, übersetzt Thomas von Aquin Relation als Zugeneigtheit. In diesem Sinn bedeutet Relation, dass Dinge einander zugeneigt sind – und in der Welt steht alles mit allem in irgendeiner Relation zueinander. Die Welt, so darf man sagen, ist sich gewissermaßen selbst sympathisch und (zu)geneigt. Geneigt ist sie auch in die Transzendenz, denn es bleibt die bohrende und nicht zu beantwortende Frage, wer oder was das Vorhandene beharrlich vorhanden sein lässt. Wie erhält ein Ding sich in seiner Form, in der ihm eigenen Ordnung?  Die Naturwissenschaft unterschlägt dieses Phänomen.
Übersetzt man den Gedanken der Zu-Neigung in die Gegenwart, kommen wir nicht an der erstaunlichen Feststellung vorbei, dass der mittelalterliche Thomas unerwartet modern ist, nimmt er doch eine holistische Perspektive auf die Welt ein. Er besitzt einen Blick für ihre Ganzheitlichkeit. Denn genau von dem Umstand, dass Sein nicht in einer einzelnen Pflanze besteht, sondern nur im geordneten Zusammenspiel von Erde, Wasser und Sonne, wird ja sein Argument bestätigt, dass Ordnungen keinesfalls aus dem menschlichen Verstand stammen, vielmehr in der Natur vorgefunden werden – in seinem Fall im göttlichen Weltenplan.
Kontraintuitiv könnte man im Geiste der Scholastik im Hinblick auf das Phänomen der Relation schlussfolgern, dass die Synthese der Analyse vorausgehen muss. Kant sprach von der Synthesis a priori: vor der Erforschung der Welt erkennbar. Bevor man etwas weiß, werden etwa Muster und Ordnungen schon gewusst. Um den Ungarn Béla Hamvas diesbezüglich zu ergänzen: Die Dinge beginnen als Ganzes – sie fangen nicht an, indem sie sich nach und nach zusammensetzen. Bevor etwas analysiert werden kann, muss es nämlich gegeben sein.
Skeptisch gegenüber manchen Schlussfolgerungen, die das Weltbild der Naturwissenschaft nahelegen, war nicht nur ein Naturforscher wie Goethe, wofür dessen berühmte Farbenlehre beredtes Zeugnis ablegt, sondern auch ein naturwissenschaftlich ausgebildeter Chemiker, Naturforscher und Literat wie Ernst Jünger. Sarkastisch formulierte dieser: Die Naturwissenschaft könne zwar den Baum zerlegen, sie bekomme ihn nur hinterher nicht mehr zusammen.
Auch die Zeit ist im physikalischen Universum eine Art gigantische Filmrolle, die man ohne Probleme vor- und zurückspulen kann – was mit der wirklichen, von uns erfahrenen Zeit nichts zu tun hat, nichts mit Geburt, Gedächtnis, Geschichte, Überlieferung, Tod.
Wirklichkeit, können wir sagen, ist nicht vollständig formalisierbar – gewiss nicht von der Eineindeutigkeit der Zahlen. Um das Mindeste zu sagen, ist Wirklichkeit immer mehrdeutig, unendlich fein schattiert, vielschichtig – weswegen Sprache und komplexe Grammatik Wirklichkeit besser darstellen kann. Das kann Sprache aber nicht wegen eines vermeintlichen Realismus, wie ihn etwa der Journalismus für sich in Anspruch nimmt – darin ganz Kind des 19. Jahrhunderts. Die größte Fiktion von allen Fiktionen ist die des Realismus.
Festzuhalten bleibt: Dass so etwas wie Mathematik überhaupt auf die Realität anwendbar ist, und zwar erfolgreich, setzt voraus, dass die Berechenbarkeit im Sinn von Korrespondenz und Repräsentation in der Welt selbst liegen muss – und nicht im Verstand allein liegen kann. Gleichwohl ist Wirklichkeit keine geschlossene Ordnung, kein geschlossenes System, sondern transzendent und unberechenbar. Dass es in einer Welt, die restlos physikalischen Gesetzen unterworfen sein soll, Freiheit gibt, ist ein Widerspruch – und keine Ordnung kann Widerspruch dulden.
Das können nur wir.
Das größte und umfassendste Ordnungssystem, das wir kennen, nennen wir: Welt. In der Welt ist alles enthalten – nur nicht die Welt selbst. Denn da die Welt als Behälter all dessen, was sie enthält, nicht zu demselben Gegenstandsbereich gehört, zu dem alles gehört, was sie enthält, kann sie sich selbst nicht enthalten. Das hat der Philosoph Markus Gabriel in seinem Buch Warum es die Welt nicht gibt aufgewiesen.
Natürlich gehören auch die Ordnungssysteme zur Welt. Ordnungssysteme repräsentieren Wirklichkeit gemäß einer Regel. Auch die Welt selbst ist ein Ordnungssystem. Die Regel dafür lautet: Alles, was es gibt, gehört zur Welt. Zur Welt gehören damit auch Vorstellungen, Irrtümer, Fantastereien, Pferde mit Flügeln, Wahnsysteme, imaginäre Zahlen, Fieber und Marsmenschen.
Der Kerngedanke der Scholastik bestand in der Annahme, dass in der Welt alles mit allem verkettet ist. Der Amerikaner Arthur Oncken Lovejoy untersuchte in einem grandiosen philosophischen Essay diesen ehrwürdigen metaphysischen Gedanken von der „großen Kette der Wesen“ – und dröselte die Kette Glied für Glied auf.
Der französische Philosoph Michel Foucault hat Lovejoys Befund in seinem Klassiker Die Ordnung der Dinge vertieft. Am Ende seines Buches heißt es: Der Mensch sei wie ein Gesicht im Sand am Meeresufer – schon nach der nächsten Welle ist es verschwunden.
Bleibt, wenn der Mensch verschwunden ist, die Weltordnung ohne ihn zurück?
Wie eine Art Gitter, das sich über alles Seiende legt?
Wenn der Mensch verschwunden ist, gibt es auch keine Welt mehr.
Also kommt die Ordnung doch mit uns in die Welt – die Welt ist unsere Ordnung.
Eine alte chinesische Enzyklopädie soll angeblich sämtliche, zur Zeit der Verfasser bekannten Tiere unter folgendes Ordnungsschema gebracht haben:
„a) Tiere, die dem Kaiser gehören,
b) einbalsamierte Tiere,
c) gezähmte,
d) Milchschweine,
e) Sirenen,
f) Fabeltiere,
g) herrenlose Hunde,
h) in diese Gruppierung gehörende,
i) die sich wie Tolle gebärden,
j) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind,
k) und so weiter,
l) die den Wasserkrug zerbrochen haben,
m) die von Weitem wie Fliegen aussehen.“
Es wäre schwer, eine Taxonomie zu ersinnen, deren Inkonsistenz größer und komischer wäre als bei dieser hier.
Diese Ordnung entspricht symbolisch ziemlich genau der, die der Welt inhärent ist. In der Welt geht es drunter und drüber.
Der argentinische Dichter Jorge Luis Borges hat diesen Katalog mit feiner Ironie ersonnen, genauso wie alle literarischen Angaben dazu: dass der Katalog angeblich einer alten chinesischen Enzyklopädie entstamme – und ferner, dass dieser den fabelhaften Titel Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnis trage.
Nichts davon stimmt – und dennoch hat sich der französische Philosoph Michel Foucault 1966 in seinem epochalen Werk Die Ordnung der Dinge darauf bezogen. Im Vorwort schreibt er:
„Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert, die für uns die zahlenmäßige Zunahme der Lebewesen klug erscheinen lassen und unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen schwanken lässt und in Unruhe versetzt.“
Mit seinem Buch hat Foucault gezeigt: Ordnung hat Geschichte.
War im 16. Jahrhundert die Ordnung der Dinge durch Ähnlichkeiten und Verwandtschaften bestimmt, die der Reihe nach aufgefädelt werden konnten, wurde sie später nicht mehr in der natürlichen Verwandtschaft von zum Beispiel Sonnenblume und Sonnenbahn gesehen, sondern in der Möglichkeit zur Klassifikation. Damit war der Schritt zur Repräsentanz vollzogen, zur Wissenschaft der Zeichen.
Alles spricht von der Zeitenwende – davon, dass die Weltordnung unordentlich geworden sei.
Indes kann alles, was existiert, wiewohl unterschiedlich, untereinander verglichen werden, steht mithin immer in einem bestimmten Verhältnis. Aristoteles hat diesen Befund analogia entis genannt – die Verhältnismäßigkeit des Seienden.
Verhältnisse sind eine besondere Art von Gleichungen. Sie sind gleichviel Ordnungssysteme, allerdings gehören sie, sofern es sich um ordentliche Verhältnisse handelt, zu den geheimnisvollsten. Analogien besagen nämlich, dass Gleiches durch Gleiches erkannt werden kann.
Baudelaire sagt dazu:
„Die Einbildungskraft ist das wissenschaftlichste Vermögen des Menschen, weil sie allein die universale Analogie oder das, was eine mystische Religion die Korrespondenz nennt, begreift.“
Mit anderen Worten: Gott würfelt nicht.