
Heutzutage erleben wir, dass Demokratie keine harmonische Ordnung ist, kein bloßes Aushandeln von faden Kompromissen oder bemühten Konsensen. Sie ist im besten Fall ein rechtlich gebändigter Streit mündiger Bürger, deren Freiheit nur durch Konkurrenz, Grenzen und „Checks and Balances“ erhalten bleibt.
Extremismus ist dann nicht ein fremdes Gegenprinzip, sondern wird erkennbar als Radikalisierung demokratischer, bürgerlicher oder kultureller Impulse. Nur wenn Machthaber allen Streit ausschalten wollen, werden Extreme zur Bedrohung der Demokratie, aber auch ihrer eigenen Macht. Macht zerstört sich selbst, sobald sie ihren Gegenpol ausschaltet.
Kunst und Avantgarde übernehmen im demokratischen Gemeinwesen eine besondere Rolle: Sie zeigen Konfliktlinien und Brüche, aber auch, dass Schönes und Hässliches, Gelingen und Scheitern, Tradition und radikal Neues zusammengehören.
Bazon Brock, geboren 1936 in Stolp/Pommern, ist Kunsttheoretiker, Kulturvermittler und emeritierter Professor für Ästhetik. Er prägte das „Action Teaching“ und seit der documenta 4 von 1968 das Format „Besucherschule“. Als Vertreter der Fluxus-Bewegung verbindet er in unzähligen Büchern, Aktionen und Performances Kunst, Philosophie, Politik zu einer Kritik der Gegenwart.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts, als die wissenschaftliche Philologie erst schwach ausgebildet war, schlichen sich drei kapitale Übersetzungsfehler in die Weltgeschichte ein. Zum einen gewann der Begriff „auserwähltes Volk“ weltweite Beachtung. Gemeint war aber weder für Juden, noch für Deutsche, für Engländer oder Sonstige, dass Gott sie auserwählt habe, sondern dass er sie ausgewählt habe. Wie ein Handwerker aus den Schlüsselnormen zum Beispiel den Fünferschlüssel auswählt. Wer hingegen glaubt, er sei auserwählt als über andere erhaben und erhoben, muss sich nicht wundern, dass er von allen nicht Auserwählten stigmatisiert wird. Das ist weder hinnehmbar mit der Volksweisheit „viel Feind, viel Ehr“ noch mit der theologischen Salvierung, für Gläubige seien die Wundmale des Märtyrers süß.
Die zweite katastrophale Falschübersetzung mit weltgeschichtlicher Wirkung machte Anfang des 19. Jahrhunderts Furore, als man das griechische „Demos“ mit „Volk“ übersetzte, also Demokratie als Volksherrschaft ausmalte, mit allen glitschigen Ableitungen von Volkszorn, Volkswille, Volksweisheit, Nation und Volk, Kulturvolk und Volkskunde. Mit „Demos“ sind aber nicht die beliebigen Bewohner eines Territoriums gemeint, sondern Bürger. Bürger ist, wer in einer Lebensgemeinschaft, meinetwegen sogar in einer Überlebenskampfgemeinschaft, nicht die Interessen seiner Karriere, seiner Familie, seiner Zunft, seiner Partei, seiner Abstammung und seiner Religionszugehörigkeit vertritt, sondern Repräsentant der Allgemeinheit, des „Common Good“ / „Common Wealth“ / „Common Sense“ sein will. So versteht man, warum seit 600 Jahren in Europa gerade diejenigen als höchst entwickelte Individuen gelten (gebildet, erfahren, bewährt), die das Wohl ihrer Stadt, ihrer Provinz, ihres Landes im Blick hatten. Sogar Aristokraten unterwarfen sich dieser Bestimmung von Individualität, wenn sie als höchste Auszeichnung den Hosenbandorden schätzten oder sich die Maxime des Prince of Wales zu eigen machten, die da lautet „Ich dien“.
Konkurrenz zwischen Staatsbürger und Staatsvolk
Aber nur in der Mathematik als reiner Denktätigkeit ergibt Minus mal Minus ein Plus. Zwei noch so radikale Handlungsziele zu bedienen, ergibt keine Tugend. Die Konfrontation der bedient werdenden Auserwählten und der dem Gemeinwohl dienenden Bürger ergab den Grundkonflikt der Weltkultur aller neuer Zeiten. Nicht Rassenkampf, nicht Klassenkampf, nicht Kulturkampf bestimmen die Geschichte, sondern die radikale Konkurrenz zwischen Staatsbürger und Staatsvolk, zwischen Rechtsstaat und Kulturstaat, zwischen Regierungen und Banden. In ideologischer Übersetzung für die Gegenwart ist das die Entgegensetzung von Demokratie / Rechtsstaat / Sozialstaat einerseits und Faschismus / Totalitarismus / Fundamentalismus andererseits.
Nun aber aufgepasst: Schon Kirchenvater Augustin hat vor 1600 Jahren erkannt, dass der Unterschied zwischen einer Volksherrschaft und einer Räuberbande nicht in der genetischen Unterschiedenheit von Menschen begründet ist, sondern...? – Der einzig entscheidende Konflikt zwischen Bürgern und Volk, zwischen Bürgerrecht und Volksmacht ist der zwischen legalem Tun und illegalem Tun. Augustin erlaubt sich die wahre Einsicht, dass häufig Regierungen sich den Regierten gegenüber so verhalten wie Kriminelle gegenüber ihren Opfern. Die einen verlangen ganz legal hohen Tribut, zum Beispiel als Steuern, die anderen holen sich, was sie kriegen können, zum Beispiel im Diebstahl. Auf beiden Seiten stehen die gleichen Menschen, durchmischt als gescheit und dumm, gewitzt und treuherzig, als Herr und Knecht, als Gebende und Nehmende. Die Körper auch des fremdartigsten Volkes bluten ebenso, wenn man sie sticht, wie die der hiesigen Bürger, lernte man vor über 400 Jahren von Shakespeare. Selbstwertgefühl und Selbsthass sind in beiden gleichermaßen ausgebildet. Auf beiden Seiten dieselben Menschen und doch wird das Resultat ihres Handelns so unterschiedlich bewertet, wie das Handeln von gewählten Regierungen und Clan-Kriminellen. Also sind auch Faschisten und Kommunisten, Fundamentalisten und Leichtgläubige, Totalitaristen und Sanftmütige eines Stammes. Sie sind Menschen.
Es wäre wohl schon einiges für den öffentlichen Diskurs erreicht, wenn man nicht AfD und Linke, Rassisten und Pazifisten für zwei unversöhnliche Ausprägungen biologischer Substrate hielte. Führte es nicht weiter, wenn wir Faschismus, Totalitarismus, Fundamentalismus erstrangig bloß für Extremformen jener Positionen hielten, die wir gewöhnt sind für demokratisch aufgeklärt, humanistisch gesonnen zu halten?
Wie kommen wir darauf, dazu, dahin? Durch die hundertjährige Auseinandersetzung mit der Kunstavantgarde. Im Augenblick führt diese Diskussion der Berliner Starkbildmaler Armin Boehm. Sein Werk – oftmals große Gesellschaftspanoramen – repräsentiert heute die Erschließung der deutschen Ikonologie gegen die Allmacht der sozialen Bildgebung in millionenfachen Selfies und milliardenfachen Screens auf Bildschirmen. Die Boehmsche Starkbildmalerei richtet sich nicht nur an heutige Medienerscheinungen, sondern erschließt eine seit Langem virulente Verwendung der Bilder zur Propaganda fürs national Völkische und gibt zu verstehen, dass dieses Modell historisch ein für alle Mal gescheitert ist. Leider, leider, leider. Da hilft auch keine immer erneute pathetische Wiederbelebung von Allmachtsvorstellungen.
Um 1600 beanspruchte der Maler Caravaggio, dass außerordentliche Schaffenskraft von Künstlern sogar Mord legitimiere. Richard Wagner, ein künstlerischer Hochleister, propagierte den Auslöschungsantisemitismus, also Mord und Totschlag. Die Dichterhorden im Paris des Baudelaire mästeten sich mit Rauschgift, um sich von jeder sozialen Verantwortung freizustellen. Gottfried Benn, dessen Biografie Gunnar Decker unter die Einheit Genie und Barbar stellte, begründete den Zusammenhang von Genie und Wahnsinn, damals Höhepunkte der Kunstpsychologie, sogar im Ursprung der europäischen Geistesgeschichte: „Kunst ist mir nur als ein fortgesetztes Kriegslager des Apollinischen im Kampf mit dem titanisch barbarischen Wesen des Dionysischen zu erklären“, heißt es in Friedrich Nietzsches Die Geburt der Tragödie.
Von Cioran oder Genet erst gar nicht zu sprechen, aber zu fragen: Wie kamen denn intellektuelle, künstlerische und wissenschaftliche Hochleister wie Heidegger, Ritter, Benn, Strauß und Hunderte dergleichen zu ihrer Behuldigung der Nazis? Warum entwickelte ein Nobelpreisträger der Physik Schmähpropaganda gegen seine Kollegen, die angeblich „die Wissenschaft verjudeten“?
Vielleicht hilft der Hinweis auf einen dritten kapitalen Übersetzungsfehler. Die gymnasialgriechische Sentenz, „Polemos“ sei der Vater aller Dinge, wurde absichtsvoll fälschlich im Deutschen virulent als die Maxime „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“. „Polemos“ meint aber erstrangig den Streit, die Auseinandersetzung, die grundsätzliche Kritik, aber eben nicht eindeutig Krieg, wie es die deutschen Bildungsphilister wahrhaben wollten.
Allmacht ist grenzenlos und damit sinnzerstörend
Wenn also die weltgeschichtliche Dynamik weder von Kriegen, von Klassenkämpfen, von Rassenkämpfen, von Kulturkämpfen bestimmt ist, sondern von der Konkurrenz um radikale Kritik jeden Wahrheitsanspruchs und noch mehr um die Konkurrenz von illegal oder legal ausgeübter Macht, dann kommt alles darauf an, den Übergang von einem Zustand in den anderen, von illegal zu legal, von Legalität zu Illegalität zu kontrollieren. Wie aber sollte und kann zum Beispiel bei Wahlen gesichert werden, dass sich nicht beliebig bloß das bisher Illegale als legal zu rechtfertigen vermag? Die Antwort ist ernüchternd simpel und schwer zu akzeptieren: Wer auch immer aus dem radikalen Streit der Meinungen, der Machtambitionen, gar des Machtkampfs hervorgeht, bestenfalls gewählt wurde und nun mehr als legal Handelnder gilt, muss in seiner Machtausübung begrenzt werden. Warum? Weil Grenzenlosigkeit, und das heißt dann auch Bedingungslosigkeit extrem selbstzerstörerisch wirken. Wo es keine durch Grenzen gesetzte Unterscheidung gibt, schwindet der Sinn des Handelns, denn Sinn entsteht für Menschen auf Erden nur durch die Fähigkeit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden. Allmacht ist grenzenlos und damit sinnzerstörend.
Aus der Alltagserfahrung von so gut wie Jedermann lässt sich erkennen, wie Allmacht verhindert werden kann. Die Konkurrenz zu sichern und damit die sinnstiftenden Grenzen der eigenen Macht einzuhalten, muss auch im Interesse der umfassend wirksamsten Macht anerkannt werden, wenn sie sich selbst dauerhaft erhalten will. Nur durch die wirksame Konkurrenz allein, illegaler wie legaler, das zeigt die Weltgeschichte, besteht die Aussicht eines Machtsystems zu dauern. Das funktioniert naturwüchsig auf der Basis des Konkurrenzprinzips, also auch der Konkurrenz von legal und illegal. Dysfunktional wird Machtausübung durch Ausschaltung der Konkurrenz. So reichte es den legal an die Macht gekommenen Nationalsozialisten nicht, das Parteiensystem der Weimarer Republik zu dominieren und damit die eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Sie glaubten sich gezwungen, sich jeglicher Konkurrenz entledigen zu müssen. Damit aber wurde der Nationalsozialismus dysfunktional: Er begann, durch Allmachtsbehauptung jeden Wirklichkeitsbezug zu verlieren und scheiterte dadurch unaufhaltsam.
Es lässt sich also tatsächlich die Summa aller Erkenntnis der Sozial-, Politik-, und Geschichtswissenschaften in dem mageren Resultat des auch nicht nur institutionell gesicherten „Checks and Balances“ fassen. Aber gerade deshalb erklärt sich so auch die Tatsache, warum alle absolut herrschenden Machtsysteme zu Grunde gingen, obwohl sie zu ihrer Zeit an ihrer Position tatsächlich absolut herrschten. Kurz gesagt: Absoluter Erfolg zerstört absolut, gleichgültig in welchen weltanschaulichen, religiösen, geschichtlichen, geografischen Verhältnissen sich die absolute Macht etabliert.
Die aus geschichtlicher Erfahrung gut begründete Angst vor rechts- oder linksradikalen Machtprätendenten beruht also nicht auf deren Parteiprogrammen, welcher auch immer denkbaren Weltanschauung, sondern auf der Furcht, sich durch Systemradikalität selbst zu zerstören. Mit der psychologisch naheliegenden Folgerung, nur absolute Zerstörung beseitige alle möglichen Schuldvorwürfe.
Das Zulassen von Konkurrenzen
Was folgt daraus für unsere politische Alltagspraxis? Man sollte etwa der AfD nicht ihre Parteiprogramme um die Ohren schlagen, sondern ihr abverlangen, zu bekennen, auf welche Weise sie im Falle der Berufung zur Macht sich vor der Selbstzerstörung bewahren kann, indem sie parteipolitische, gesellschaftliche Konkurrenz nicht nur gönnerhaft zusichert, sondern institutionell garantiert. Die Parteiprogramme sind völlig unerheblich in dieser Hinsicht. Der alles entscheidende Gesichtspunkt der Beurteilung von parteilicher Machtprätention liegt grundsätzlich und ausschließlich in der Absicherung gegen selbstzerstörerische Allmacht, was nur durch das Zulassen von Konkurrenzen möglich ist.
Heute wird die demokratische Grundstruktur häufig angezweifelt, weil die Bürger bildungspolitisch nicht mehr ihre Streitpflicht zu erfüllen vermögen, als Resultat jahrzehntelanger schulischer Missbildung.
Selbst wer streitbare Meinungen zu bilden vermöge, wage das kaum mehr zu äußern, weil die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Meinungsäußerung stark eingeschränkt sei.
Auch in dieser Hinsicht belehrt die jedem zugängliche Alltagserfahrung, dass Regelwerke allein nicht hinreichen: Zum Beispiel garantieren Verkehrsregeln nur die größte Freiheit aller Verkehrsteilnehmer, wenn sich alle an die Regeln halten.
Auf die gesellschaftlichen Grundregeln übertragen, meinen zumindest alle extrem links oder rechts Wählenden, die Demokratie sei eine Fehlkonstruktion, weil sie auch denjenigen alle Freiheitsrechte garantiert, die sie nicht erhalten wollen, also weil den Feinden der Demokratie die gleichen Rechte gewährt werden wie die ihrer Befürworter. Das sei doch Irrsinn. Und Irrsinn nennt die Wissenschaft einen performativen Selbstwiderspruch, wie er am einfachsten erkannt werden kann in der pathetischen Weltanklage: „Alles ist falsch“ – also eben auch diese Aussage. Die alltagspsychologisch moderate Form solchen Irrsinns erkennt man eben nicht nur bei den Ungebildeten oder denkerisch Ungeübten; der Irrsinn herrscht auf höchsten Rängen der technischen Intelligenz: Selbst Piloten akzeptieren umstandslos die von ihren Gesellschaften abgegebenen Erklärungen: „Der Grund des verspäteten Abflugs Ihrer Maschine ist deren verspätete Ankunft.“ Oder: „Der Grund für die Verspätung des Zuges ist die Verspätung eines vorausfahrenden Zuges.“ Das sind Tautologien, nichtssagende Plappereien, die heute in allen Feldern der Alltagskommunikation jedermann zugemutet werden. Das erklärt den empfundenen Leerlauf oder Phrasendrescherei in der Politik, in der Bürokratie, in der Forschung. – Auch in der Forschung? Da sehe man sich nur die hochbezahlten Aussagen der Wirtschaftswissenschaftler an, die als Resultat ihrer vielschichtigen Studien verkünden: „Wenn die Konjunktur wieder anspringt, werden die Einkommen auch steigen und durch gesteigerten Konsum die Konjunktur anregen.“
Wie kommt man weiter? Vielleicht dadurch, dass man endlich akzeptiert, dass auch der Unsinn eine Form des Sinns ist, also auch Tautologien verlässliche Aussagen über den Zustand von Gesellschaften ermöglichen, die sich alltäglich durch den Gebrauch von Tautologien verständigen. Wie vorher schon angedeutet, kämen wir weiter, wenn wir Demokraten nicht den Links- wie Rechtsextremisten, den Faschisten oder Fundamentalisten gegenüberstellten als unversöhnbare Existenz- oder Glaubensformen, sondern die Einheit dieser Extreme erkennten. Theologen und Mathematiker, also hochgradige Betrachter der Welt unter geistigen und spirituellen Gesichtspunkten, haben vorgemacht, wie diese Einheit der Gegensätze erreichbar wäre. So begründete zum Beispiel Leibniz mit der Infinitesimalrechnung, dass das Infinite, das Unendliche, nicht jenseits des Finiten, also des Endlichen gegeben ist, sondern dass die Unendlichkeit eine Form der Bestimmbarkeit des Endlichen ist. Entsprechend gilt: Ewigkeit ist nicht das Jenseits der Zeitlichkeit, sondern Ewigkeit ist eine Zeitform. Irrationalität ist nicht das Jenseits von Rationalität, sondern eine durch Rationalität entwickelte Größe des rationalen Denkens. Der Ausdruck „Jenseits“ ist nicht dem „Diesseits“ entgegengestellt als das ganz Andere der hiesigen Befindlichkeit, sondern eine Bestimmung für das Diesseits. Solche Argumente kann heute jeder Spaziergänger nachvollziehen, wenn er beim Spazierengehen erlebt, wie sich der Horizont als Trennlinie zwischen Diesseits und Jenseits verschiebt. Was eben noch unerkannt jenseits des Wahrnehmungshorizonts lag, wird durch das Voranschreiten ein Element des hier und jetzt Zugänglichen.
Philosophen stiften nicht Gewissheiten, sondern problematisieren das für gewiss Gehaltene. Das empfindet der Bürger häufig als wenig hilfreich, denn er möchte Problemlösungen geboten bekommen und nicht weitere Probleme. Und so glaubte er den großen Verstandes- wie Vernunfttitan Immanuel Kant so interpretieren zu können, als habe der gesagt, es gebe eine feststehende Grenze zwischen der diesseitigen Transzendentalität und des jenseitigen Transzendenten. Da wir aber denknotwendig und als Menschen in einer, einer einzigen Welt verstehen müssen, ist auch das Transzendente, also das Jenseits aller Erkenntnis, nur wiederum Bestandteil der notwendig einen Welt. In dieser einen Welt verschieben wir nur als Spaziergänger die Horizontlinien zwischen Diesseits und Jenseits und nennen das: Fortschritt.
Die Radikalität aus Programmlosigkeit
Nicht zu akzeptieren, dass Menschen samt den Dämonen, den Göttern, der Schwerkraft, dem Elektromagnetismus und dem Geist der schwachen oder starken Wechselwirkung immer nur in einer Welt leben und auch der Gedanke an etwas ganz anderes zu dieser einen Welt der Menschen gehört, ergaben sich unzählige politisch und sozial fatale Konsequenzen: zum Beispiel die Unterscheidung zwischen wohlgearteter Kunst und entarteter Kunst, zwischen Hochkultur und Subkultur, zwischen Hochgeborenen und Eingeborenen. Wer etwa sprachpolizeilich den Begriff „Entartete Kunst“ als Signalment des Nationalsozialismus ausgibt, sollte wissen, dass die Nationalsozialisten nicht ein einziges Konzept irgendwelcher Unterschiedenheit zustande gebracht haben, das nicht schon 100 Jahre lang von Bürgern für ihre Weltsichten verwendet wurde. Das gilt für „Rasse“ wie für „Blutreinheit“, das gilt für „Zuchtwahl“ wie für „genetische Optimierung in Rassenhygiene“. Alles das wurde lange vor den Nationalsozialisten vom Bürgertum diskutiert. Aber eben diskutiert und nicht zum Dogma erhoben. Zum Beispiel entwickelte den Begriff „entartet“ ausgerechnet der jüdische Intellektuelle Max Südfeld, der unter dem Namen Max Nordau publizierte, bereits im Jahre 1892 und propagierte das in großen Ausstellungen. Wie konnte er schon lange vor der Gründung der NSDAP ein nationalsozialistisches Zentralbild der Kunstbetrachtung wie „Entartete Kunst“ in voller Übereinstimmung mit vielen seiner Zeitgenossen verwenden? Ist denn der Nationalsozialismus als historisch bestimmbare, politisch soziale Ausprägung gesellschaftlichen Lebens nur eine Radikalisierung, eine Dogmatisierung des im bürgerlichen Diskurs schon 100 Jahre lang Erörterten? Ist der Nationalsozialismus kein politisch soziales Programm der NSDAP und ihrer Alleinherrschaft im Dritten Reich, sondern bloß eine Radikalisierung, eine Dogmatisierung, eine Hypostasierung bürgerlichen Denkens? Gibt es also den weltanschaulichen Nationalsozialismus als historische Erscheinung mit eigenständiger parteiprogrammatischer Forderung zwischen 1919 und 1945 gar nicht? Was aber würde es bedeuten zu akzeptieren, dass etwa Antisemitismus keine hochspezielle Bestimmung der Politik des Nationalsozialismus ist, weil seit 1.000 Jahren Antisemitismus grassiert? Aber Luther, Kant und Treitschke und viele andere, die Antisemiten waren, als Nationalsozialisten zu bezeichnen wäre ziemlich sinnlos. Führt es nicht zu jenem Irrsinn, also performativem Selbstwiderspruch, wenn wir Juden, die heute „Tod den Arabern“ brüllen, wie man einst in Deutschland „Tod den Juden“ brüllte, zu ausgewiesenen Repräsentanten des Nationalsozialismus machen würden?
Kurz: Aus Unsinnigkeiten der politischen Korrektheit kommt man nur heraus, wenn man als entscheidendes Kennzeichen der radikalen Linken wie der Rechten, der Faschisten wie der Sowjetpropagandisten, der Muslimbrüder wie der Diamond Banker erkennt, dass deren zerstörerische Macht gerade nicht in deren Programm liegt, sondern in deren Radikalität aus Programmlosigkeit.
So jedenfalls teilte uns in der jungen Bundesrepublik der tüchtige Professor Ritter in den 50er Jahren mit, dass Heidegger, Schmidt, Benn und er sich auf die Nazis eingelassen hätten, um deren große Bewegungsdynamik endlich in ein haltbares Politprogramm münden zu lassen, denn die Nazis hätten eben kein eigenständiges Programm gehabt.
Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt der Diskussion, oder vielmehr der verweigerten Diskussion von so gut wie allen Extremisten aller Couleur und Weltanschauung: ob nationalistisch, sozialistisch, kommunistisch, agnostisch oder religiös fundamentalistisch. Sie verweigern die für das „Genie des Abendlandes“ grundlegende Unterscheidung zwischen Kulturen und Religionen einerseits wie Kunst und Wissenschaften andererseits. Jeder Mensch empfindet spätestens mit dem Durchlaufen der Pubertät die gesunde Versuchung, sich von den Kollektivurteilen seiner Herkunftskultur in bestimmten Hinsichten zu trennen. Das heißt, sich ein individuelles eigenes Urteil abzuverlangen jenseits der durch Erziehung vermittelten Verbindlichkeiten kollektiv behaupteter Wahrheiten oder auch nur radikaler Unterschiedenheit von anderen Kollektiven. Das Verhältnis von kollektiver Autorität zu individueller Urteilsfähigkeit ist in Europa durch die christliche Vorstellung bestimmt, dass jeder einzelne Mensch unmittelbar zu Gott sei, also der Gewissheit nicht nur durch Vermittlung des Kollektiven versichert werden könne. Ab 1400 wurde von Norditalien ausgehend die weit hinter anderen Kulturen, zum Beispiel die der chinesischen, zurückgebliebenen europäischen Kulturen plötzlich so weltbeherrschend effektiv, weil die durch kollektive Beschlüsse gedeckten Autoritäten erkannten, welchen Nutzen sie von den bisher unbekannten, irritierend neuen Kenntnissen der Individuen als Wissenschaftler und Künstler ziehen konnten. Die im 15. Jahrhundert vollendete Abkoppelung der Künste und Wissenschaften von den Kulturen und Traditionen überzeugte vor allem, weil sie ganz eigentümliche Urteilskriterien zur Verfügung stellten. Etwas wurde nützlich, weil es individueller Erfahrung entsprang und nicht durch als ewig geltende Sitten und Gebräuche bedeutsam erschien. Individuelle Autorschaft bewährte sich in der Praxis leichter und umfassender als kollektiv übermitteltes Wissen.
Hitler war der historisch größte Vernichter Deutschlands
Kurz zusammengefasst: Man begründete das mit Verweis auf die Evolution der Natur. Im Ameisen- oder Termitenstaat sei das Kollektiv, also deren Kultur, ungeheuer leistungsfähig, obwohl die einzelnen Tiere, die diesen Staat bauen, extrem eingeschränkte Fähigkeiten besitzen. Mit der Entwicklung der Säugetiere wurde das Gegenprinzip evolutionär bedeutsam, in welchem die Individuen extrem leistungsfähig, das Kollektiv aber extrem starr, unveränderbar, rigide ist. Da schien die Schlussfolgerung nahezuliegen, beide Prinzipien zu vereinheitlichen: Ein extrem leistungsfähiges, geniales Individuum, der Führer, arbeitet mit den extrem gehorsamen Sozialkollektiven, eben der Bevölkerung. Ob Napoleon oder Bismarck, Stalin oder Hitler, ob Mao Zedong oder Ho Chí Minh oder Erdoğan oder Trump, Xi oder Putin: Sie alle scheinen den Fanatikern und Fundamentalisten Offenbarungen des optimierten Wirkungsprinzips der Evolution zu sein. Aber ein einfacher Blick auf die Wirkungsgeschichte dieser Führer widerlegt den Glauben an sie. Zum einen ist die Biomasse der Nichtsäugetiere größer als die der Säugetiere, also sind sie evolutionär erfolgreicher! Zum anderen wirkten pars pro toto Hitler oder Stalin ganz gegen ihre behauptete Intention, nur durch Kraft der Zerstörung, bis hin zum ausdrücklichen Befehl, wie er von Hitler übermittelt wurde, dass nicht er als Führer gescheitert sei, sondern die Geführten nicht die Kraft besessen hätten, der Genialität des Führungskonzepts zu entsprechen. Und deshalb das deutsche Volk, so wollte es Hitler ausdrücklich, aus der Weltgeschichte ausscheide, verschwinde, eliminiert werde. Hitler war mit dem sogenannten Nero-Befehl im Jahr 1945 der historisch größte Vernichter Deutschlands, nicht Stalin, nicht Roosevelt oder Churchill.
Die Propaganda gegen entartete Kunst in allen Regimen des Extremismus legt nahe, dass die Kunst in besonderer Weise jene ästhetischen Fähigkeiten aktiviert, die fatale Dogmatiken als Selbstzerstörungsprogramme á la Hitler aufzusprengen vermögen. Die Künstler sahen Schönheit und Hässlichkeit, Gelingen und Versagen, nicht als gegensätzliche Positionen. Für Künstler war und ist Scheitern nicht die Bestätigung eines Unvermögens, sondern Grunderfahrung der Orientierung für jegliches Gelingen. Kleinbürgerliche triumphale Abweisung des Scheiterns der Kunst und der Hässlichkeit moderner Bilder ist den Künstlern selber Grundlage ihrer Auseinandersetzung mit dem eigenen Kunstwollen.
Künstlerisches Denken ist gerade auf die Einheit von Vollendung und Scheitern, von Schön und Hässlich, von Neu und Alt ausgerichtet. Die anklagende Frage „Und das soll Kunst sein?“ stellen Künstler selber ganz radikal, weil sie die Frage ernst nehmen, während Ideologen die Frage schmähend ergänzen mit dem Hinweis: „Das könnte jedes Kleinkind auch.“ Die Gegner der Avantgarden beziehen sich gar nicht darauf, was in der Avantgarde geschieht, sondern auf ihre eigenen Vorurteile, wenn sie etwa behaupten, Avantgardekünstler maßten sich an, ein beliebiges Objekt zur Kunst zu erklären. Das habe angeblich der Kunstguru Marcel Duchamp verkündet. Aber Duchamp hat nicht eine Schneeschaufel oder ein Urinal zur Kunst erklärt, sondern an einem ganz gewöhnlichen Gebrauchsgegenstand wie dem Urinal zum Beispiel Formqualitäten erkannt, wie er sie bis dato nur von großen Bildhauerwerken her kannte. Damit schuf er eine Vergleichsmöglichkeit zwischen Gebrauchsgegenständen und Kunstwerken. So zeigt er gegen die alltägliche Auffassung, dass die Kategorie des Schönen nicht den Kunstwerken vorbehalten sei; dass ästhetische Fragen nach schön und hässlich nicht nur gegenüber Kunstwerken angebracht sind, sondern generell für alles Werkschaffen der Menschen gilt. Nach Duchamp suchen wir eben nicht mehr nur in den Kunstmuseen das Schöne, sondern in jedem Ensemble unserer Alltagswelt.
Vom Neuen lässt sich nur in Bezug auf das Alte sprechen
Eines der hartnäckigsten Vorurteile bezichtigt die Avantgarden der Moderne, alles traditionell Überlieferte zu schmähen oder gar beseitigen zu wollen. Gerade das Gegenteil erreichte die Neophilie der Avantgarden. Wenn etwas „neo“, also neu ist, hat es keine Bestimmung. Sonst wäre es nicht neu. Man kann nur von unbekannten Neuen tatsächlich in Bezug auf bekanntes Altes sprechen. Dann bemerkt man mit großer Überraschung, wie die angeblich durch allzu große Vertrautheit gleichgültig gewordenen alten Bestände wieder überraschend interessant werden.
So sind es gerade die Avantgarden, die unseren Blick auf Traditionen tragfähig machen. Avantgarden verlebendigen die Traditionen unter dem Blick des radikal Neuen und lassen gerade die Traditionen immer erneut wirksam werden.
Ja, man kann sagen, Avantgarde des radikal Neuen ist das Schaffen neuer Geltung von Tradition. Das im Stammbuch gleichermaßen von AfD, SPD, CDU, von Linken und Grünen. Sie alle scheinen kaum eine Ahnung der jüngsten sechshundertjährigen Entwicklung unserer Gesellschaften zu haben, denn sie leiern alle täglich nur ihr Bekenntnis zu Kunst und Kultur herunter, als bezeichneten die beiden Sphären dasselbe. Aber Europa sah sich seit 600 Jahren als erfindungsreich und handlungsdynamisch, gerade aus der Konfrontation der Autorität durch Autorschaft von Individuen gegenüber Stabilität und Gewissheit der bewahrenden Kultur. Wer konservativ nur auf der Autorität der Kulturkollektive besteht, verliert die Fähigkeit zur Anpassung sich veränderter Zeitumstände. Wer nur das Neue will, relativiert Geltungsansprüche bis zur Krümelverstreuung.
Die mittelalterliche coincidencia oppositorum – der „Zusammenfall der Gegensätze“ wird überführt in die neuzeitliche eloquencia oppositorum, dass heißt, das als gegensätzlich Gedachte wird nicht aufgelöst, sondern bleibt so lange bestehen, wie die Beziehung zueinander aufrechterhalten wird.
Macht zerstört sich selbst, wenn sie die Macht ihres Gegenpols auslöscht.










