Samstag, 01. Oktober 2022

Zukunftsaussichten (2/4)
Die Zukunft der Identitäten

Literatur als Erkenntnismaschine: kurze Essays über die Globalisierung, über Identität, Konzepte des lebenswerten Lebens und die Zukunft der Literatur. Essay und Diskurs sendet im August Texte von Schriftstellerinnen und Schriftstellern die beleuchten, was uns kommende Zeiten bringen.

Von Naika Foroutan, Alexander Häusler und Tijan SIla | 14.08.2022

Rohe Kartoffeln mit einer Deutschlandfahne
Kartoffeln oder Almans - was ist die deutsche Identität? (imago/Westend61)
Im Rahmen des Festivals „Und seitab liegt die Stadt“ haben die Schriftstellerinnen Shida Bazyar und Emma Braslavsky zur Diskussion über das Thema „Zukunft“ geladen. Die Essays wurden im Mai 2022 im Literarischen Colloquium Berlin von den Autorinnen und Autoren vorgestellt. Deutschlandfunk Essay und Diskurs präsentiert ein Labor, in dem sich schon jetzt Alternativen für spätere Lebensweisen austesten lassen und die unterschiedlichsten Perspektiven über den Fortgang der Menschheit zur Sprache kommen.
Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller machten sich Gedanken über den Stand der Globalisierung und die deutsche Identität in der Migrationsgesellschaft. Sie prüfen, wieviel Individualismus und Gemeinsinn der Gesellschaft zuträglich sind. Sie entwerfen Konzepte zur Ernährung der Menschheit und zu einem nachhaltigen Wirtschaften in lebenswerten Städten. Sie suchen Antworten in einer Welt zwischen Digitalisierung und der Weltflucht ins Analoge. Sie überlegen, wen wir in den literarischen Kanon aufnehmen werden und wie wir in Zukunft lesen und schreiben werden. 

Pascal Fischer: Ich begrüße Sie zu einer halben Stunde zur Zukunft der deutschen Identität und ihren schillernden Aspekten: Wir treffen Kartoffeln, Süßkartoffeln und die deukische Generation – und jene Politiker, die all diese Menschen nicht deutsch nennen wollen. Und wir erleben, wie Dagewesene und Hinzugezogene im Alltag ins Gespräch kommen können. Was deutsch ist, sein kann, sein soll, das beantworten die drei Essays heute, im zweiten Teil unserer Reihe „Zukunftsaussichten”. Die Essays wurden für das Festival „Und seitab liegt die Stadt” geschrieben. Es fand statt am 12. und 13. Mai 2022 im Literarischen Colloquium Berlin. Wir senden die Essays an allen Augustsonntagen.
Den Anfang heute macht Naika Foroutan. Sie ist Direktorin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung und des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.
„Es wäre einmal Deutsch” heißt Foroutans Essay. Er führt aus, wie eine deutsche Identität heute aussieht. Oder aussehen könnte, nach allen heißen Debatten der vergangenen Jahrzehnte.

Naika Foroutan: „Es wäre einmal Deutsch“

Auf dem Weg zum Bolu, die Badstrasse hoch. Jemand hupt laut, weil wir kurz in zweiter Reihe anhalten. „Was für ein Alman!“, beschwert sich mein Junge, neben mir im Auto laut. Wir schauen beide nach links, wer da kopfschüttelnd und fluchend an uns vorbeifährt – ein Mann: Schnauzer, Schwarzkopf erste Generation. Vorwurfsvoll sehe ich zu meinem Jungen, in meinem Kopf gehe ich die Sätze durch: Du sollst kein Stereotyping machen. Du bist selber deutsch. Rede nicht schlecht über die Deutschen. Warum sagst Du einfach Alman, wenn jemand blöd hupt?! „Er ist Türke!!!“ sage ich. Seine Antwort, kurz hoch vom Handy: „Türken können auch Almans sein. Weißt DU das nicht?“
Ok. Kartoffel versus Süßkartoffel konnte ich noch verstehen – das zweite waren die Freunde und Allys. Aber Türken als Almans? Als Iranerin schießen mir Erinnerungen in den Kopf: Damals, in all den Jahren, in denen die Türkei plötzlich ökonomisch und kulturell an Iran vorbeizog, hörten wir: „Die Türken arbeiten ja auch nur die ganze Zeit. Die sind wie die Deutschen.“ Als ich mal mit meinem jüngsten Sohn in Teheran war, der blond und blauäugig ist, sagten alle: „Mashallah, der sieht ja aus wie ein Türke.“ Die Türken als blonde, blauäugige, dauerarbeitende, hupende Nation? Die Frage der Perspektive wird einem klarer, wenn man mal kurz die Seite wechselt.
Für meinen Sohn schien Alman einfach nur ein Synonym für „Spießer“ zu sein – und das kann tatsächlich jede Bevölkerungsgruppe. Leider. Geht man im Gesundbrunnenviertel durch die Straßen, sieht man überall gehäkelte Gardinen und das Auto wird von den türkeistämmigen Weddingern samstags nur deswegen nicht vor der Tür gewaschen – sondern in der Waschanlage – weil vor der Tür kein Platz ist. Es fehlt nur der Wackeldackel. Ist das das neue Deutschland? Es wäre einmal deutsch… – mit Schnauzer, schwarzen Haaren und Kopftuch – aber alles bleibt beim Alten?
Die 2010er waren geprägt von zahlreichen Aufsätzen zum Neuen Deutschen Wir. Quasi als Widerspruch gegen Sarrazin gab es ein ganzes Bataillon an migrantischen Neugründungen, die explizit das Deutsche im Titel verankerten: DeutschPlus, Deutscher Soldat, Typisch Deutsch, Deukische Generation, Neue Deutsche Medienmacher etcetera. Die Idee war, allen zu zeigen, dass ihre Bilder falsch waren, dass wir dazugehörten ab der zweiten Generation. Und Zugehörigkeit wollen. Zum Wir. Zum Deutschsein. Zum Hiersein.
Zehn Jahre lang war das der Tenor. Ich erinnere mich, einmal mit Fatih Çevikkollu, – der aus diesem Zeitgeist mehrere Comedyprogramme gemacht hatte (sie hießen „Komm zu Fatih“; „Fatihland“ und so weiter und er spielte darin immer mit dieser Irritation, dass das Mainstreampublikum ihn als Türken sah, er sich aber explizit als deutsch claimte –); also ich erinnere mich, mal mit ihm in Dortmund Nord in einem Gymnasium vor einem Oberstufenjahrgang aufgetreten zu sein. Wir beide waren vom Schuldirektorium eingeladen worden, um den jungen Menschen zu erklären, wie das so ist mit dem Deutschsein. Beide standen wir auf der Bühne – der Anteil der Oberstufe war genau 100 Prozent Migrationshintergrund. Es war das Jahr 2019 – da war der Sarrazin Diskurs schon zehn Jahre alt. Wir beide hatten also schon eine Dekade des Deutschseinwollens hinter uns. Wir waren eingeübt: Deutschsein ist keine Frage der Herkunft, frag’ mich nicht, warum ich so gut deutsch spreche, etcetera. Das spannende an unsrem Auftritt war, dass wir irgendwann merkten, dass dieser Talk nicht funktioniert. Die hätten alle unsere Kinder sein können und sie verstanden nicht, warum wir beide von da oben auf der Bühne sie auffordern wollten, etwas zu sein, was für sie überhaupt nicht erstrebenswert schien. Wir kamen uns vor, als wollten wir ihnen einen Walkman andrehen.
Jedes narrative Modell hat seine Zeit. Das „Neue Deutsche Wir“ ist jetzt out. Niemand will mehr Deutscher sein. Jetzt wo es immer mehr schon sind. Wir – ja, ich weiß: Ein Wir ist amorph und kontingent. Es ist immer konstruiert und es beruht auf Ein- und Ausschlüssen. Auf Selbst- und Fremdbildern. Möge sich zu meinem Wir hinzuzählen wer mag! – wir begannen unseren Feldzug für das Neue Deutsche zu einer Zeit, als gerade das Wort Migrationshintergrund erfunden wurde – das war 2005. Vorher hatten wir schon mit vielen anderen für eine doppelte Staatsbürgerschaft, für ein kommunales Wahlrecht und gegen Diskriminierung und Rassismus in den 1990ern gekämpft. Davor auch gegen den Nato-Doppelbeschluss – auch das war ein Neues Deutsches Wir. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir dachten, mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechtes und der Süßmuth‑Kommission 2001 einen Riesenerfolg gelandet zu haben. Man konnte nun Deutscher werden, ohne es schon immer gewesen zu sein. Endlich hieß es: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Aber nichts fühlte sich danach an. Wir hatten den Satz gewonnen – aber nicht das Feeling. Also pushten wir weiter. Vor allem, weil uns Friedrich Merz (ja den gab es damals auch schon!) in die Parade gefahren war. Mit seiner Leitkulturdebatte hatte er uns die Party vom Einwanderungsland vermiest: Ihr habt zwar gewonnen, aber ich ändere jetzt die Spielregeln. Ihr könnt zwar Deutsche werden, aber keine richtigen, denn dafür braucht es einen geheimen Code – und der heißt Leitkultur. Also bemühten wir uns, diesen Code zu knacken: Sprachadaption, Ironie, Comedy, Aufstiege, Sichtbarkeit, Musik, Politiker, Nachrichtensprecher, Minister, Texte, Twitter und Theater – mit aller Wucht begaben wir uns in die Challenge.
Das Spannende ist: Je mehr wir erreichten, je höher die Aufstiege, desto schärfer wurde der Integrationsdiskurs. Er flog uns wie Pershing-II-Raketen (die heute leider wieder jeder kennt) ins Gesicht. Während wir an Peter, Paul und Marie vorbeizogen, hörten wir Thilo im Vorbeirauschen noch rufen: „Das schaffen die nie….!“ Ihre Gene, ihre Kultur. Wir heulten kurz und spien Feuer dagegen. Und wenn wir heute in die Statistiken schauen, dann wissen wir: Es ist keine Frage der Benevolenz mehr, kein Interkulturelles Öffnungs- oder Charta-der-Vielfalt-Gehabe: Es ist pure Kraft und die Statistik, die die Fernsehanstalten mit migrantischen Protagonisten füllt, die Medien mit migrantischen Journalist*innen, die Studiengänge von Jura bis Soziologie – und nicht mehr nur BWL und Medizin – sind schwarzköpfig. Knapp 40Prozent der Menschen unter 18, die in diesem Land leben, haben eine familiäre Migrationsbiografie. 13 Prozent der Wähler*innen bei der letzten Bundestagswahl hatten migrantische Biografien. Würde man in dieser Legislatur das Wahlalter auf 16 Jahre senken, dann hätten wir bald 20 Prozent Wählende, die mit unterschiedlichen zusätzlichen Ländern der Welt familiär verbunden wären. Das ist ungefähr so viel wie die CDU an Stimmen hatte bei der letzten Bundestagswahl. Es ist ein Machtfaktor.
Das spannende ist auch:Jje mehr wir aufgestiegen sind um zu beweisen, dass wir keine Ausländer mehr sind, sondern Deutsche mit Leistungsethos und so, desto cooler wurde es, wieder Ausländer zu sein. Kein Wunder – es gab Role Models und die hießen nicht nur Hans und Tobias.
Mein großer Sohn sagt, wenn er mir was erklären will: „Wir Ausländer“. Als ich ihm irgendwann mal klarmachen wollte, dass er gar kein Ausländer ist – er hat nämlich nur einen deutschen Pass und ist hier geboren – meinte er zu mir: „Mama, du in deinem Büro in Berlin Mitte kannst ja Person mit Migrationshintergrund zu mir sagen – für mich sind wir Ausländer und bleiben das auch!“. Und es klang weder gekränkt, noch klang es diskriminiert. Interessanterweise klang es stolz. Und kein bisschen spießig – aber das kann sich ja noch ändern.
Nun könnte man lange über Selbstethnisierung streiten, über Internalisierung von Ausgrenzung, über negative Identität. Man kann aber als Mutter ziemlich gut erkennen, ob etwas widerständig artikuliert wird, selfproud oder eskapistisch. Ob er vermeidet zu sagen wir sind Deutsche, weil er das Gefühl hat, das würde ihm sowieso niemand glauben bei seinem Aussehen oder ob er das Ausländermotiv rausholt, weil es in den letzten Jahren und in denen, die noch vor uns stehen möglicherweise zum Mainstreamkriterium schlechthin wird und gleichzeitig noch ein Coding mitliefert, das eine urbane Coolness, Aufstiegsgeschichten und Weltanschlüssigkeit erlaubt?! Das alles wäre dann wohl doch wieder anschlussfähig an das Neue Deutsche Wir, von dem wir so träumten – in den beginnenden 2000ern. Inshallah be it.
Der Kampf gegen Sarrazin, NSU, Halle, Hanau, unsere Schmerzen, unsere Ängste, unsere Trauer – sie haben eine Wut erzeugt und ein Zusammenkommen und eine Klarheit: Wir sind hier – wir gehen nicht mehr weg und das ist unser Land und wir machen es jetzt schön!
Fischer:„Es wäre einmal Deutsch“ von Naika Foroutan, gelesen von Claudia Matschulla.
Eine schillernde Vielfalt von Identitäten scheint hier auf. Wäre nicht für jeden ein Identitätsangebot dabei? Wer sollte sich einer solchen Vielfalt entgegenstellen wollen? Und warum? Dazu konnte Alexander Häusler auf dem Festival Einiges erzählen. Alexander Häusler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Düsseldorf und erforscht alles, was politisch rechtsaußen steht. Außerdem ist er Herausgeber der „Edition Rechtsextremismus”, zusammen mit Fabian Virchow.
„Das rechte Ringen um Identität” hieß sein Text, und in ihm wurde schnell klar: Rechtsextreme Positionen greifen nicht nur auf den Nationalismus des 20. Jahrhunderts zurück.

Alexander Häusler: „Das rechte Ringen um Identität”

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine überschattet aktuell alle Debatten über die Möglichkeiten friedlichen Zusammenlebens und symbolisiert eine Zeitenwende hinsichtlich vermeintlicher Gewissheiten – seien es nun das von Francis Fukuyama verkündete „Ende der Geschichte“ in Form einer unumkehrbaren Vorherrschaft liberalkapitalistischer Gesellschaften oder etwa das vom Weltwirtschaftsforum verkündete Versprechen eines „großen Neustarts“ in eine mehr sozial, gerecht und nachhaltig gestaltete Weltwirtschaft.
Wunschbilder eines westlich-demokratischen Universalismus und eines friedlichen, postnationalen Europas zerschellen jedoch nicht nur an den grausamen Bildern dieses Krieges und dessen ethnonationalistischer Rechtfertigungsversuche.
Eine rechte Regression in demokratiefeindlicher, ethnonationalistischer sowie auch in offen völkischer Stoßrichtung ist in vielen Ländern Europas so stark geworden, dass sie deren politischen Kernbestand bedroht. In den Mitgliedsländern der als politischem Erfolgsmodell gefeierten Europäischen Union haben radikal rechte Parteien mit Hetze gegen Migration, pluralistische Identitätsentwürfe und eine Gesellschaft der Vielfalt an Einfluss gewonnen. „Retrotopia“ nannte der Soziologe Zygmunt Bauman diese rückwärts gewendete Gesellschaftsutopie. Sie sei geprägt durch die Rehabilitation des tribalen Gemeinschaftsmodells, den Rückgriff auf das Bild einer angeblich ursprünglichen nationalen Identität, deren Schicksal durch nichtkulturelle Faktoren vorherbestimmt sei: Laut Bauman herrsche in der öffentlichen Meinung die populäre Ansicht vor, es gebe wesensmäßige, nicht verhandelbare sine qua non-Voraussetzungen „zivilisatorischer Ordnung“.
Auch in Deutschland entpuppt sich die Großerzählung von einer gefestigten Demokratie als fragil: Mit der AfD erzielt eine regressive Kraft Zustimmung, die einen rückwärtsgewandten Nationalismus in Kombination mit völkischen Identitätskonzepten breitenwirksam wieder attraktiv erscheinen lässt. Für den AfD‑Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland stehen Identität und Nationales augenscheinlich über den Werten der Verfassung, da sie angeblich unveränderliche Lebensmerkmale darstellen:
„Wir lieben nicht die Verfassung, wir lieben unser deutsches Volk. Aber wir wissen, dass die Verfassung richtig und nützlich ist und wir stehen für sie ein. Sie ist ein Kleid, das man verändern kann. Identität, Nationales, Kultur kann man nicht verändern. Sie ist uns angeboren und sie ist etwas, was wir alle zum Leben brauchen.“
Die rechte Identitätspolitik beinhaltet und mündet in die Prophezeiung einer völkischen Apokalypse, die bei der AfD zum Schreckgespenst eines angeblichen ‚Aussterbens des deutschen Volkes‘ mutiert. Die Rechtsaußenpartei hat programmatisch ein Verständnis von Identität entwickelt, das sich gegen die multikulturelle Verfasstheit unserer Einwanderungsgesellschaft richtet. So heißt es in ihrem Programm zur letzten Bundestagswahl:
„Unsere Identität ist geprägt durch unsere deutsche Sprache, unsere Werte, unsere Geschichte und unsere Kultur. Letztere sind eng verbunden mit dem Christentum, der Aufklärung, unseren künstlerischen und wissenschaftlichen Werken. Unsere Identität bestimmt die grundlegenden Werte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die deutsche Leitkultur beschreibt unseren Wertekonsens, der für unser Volk identitätsbildend ist und uns von anderen unterscheidet. Sie sorgt für den Zusammenhalt der Gesellschaft und ist Voraussetzung für das Funktionieren unseres Staates. Die gemeinschaftsstiftende Wirkung der deutschen Kultur ist Fundament unseres Grundgesetzes und kann nicht durch einen Verfassungspatriotismus ersetzt werden.“
Eine populistische Ansprache wird in der AfD verknüpft mit völkisch-nationalistischen und apokalyptischen Narrativen. So postete zum Beispiel der AfD-Politiker Thorsten Weiß, Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus, auf seiner Facebookseite in Bezug auf die prognostizierte Zunahme von Staatsbürger*innen mit Migrationshintergrund:
„Die Regierung plant den Volkstod!“.
Merkmal eines solchen Populismus mit völkisch-autoritärer Stoßrichtung ist eine rechte Identitätspolitik, die folgende Merkmale aufweist: Eine ethnonationalistische Herleitung von Identität sowie eine Inanspruchnahme der Identifikationsbegriffe Heimat, Glaube und Gemeinschaft, die eine kulturell exkludierende Deutung nationaler Identität beinhalten. Identität wird dort als angeblich angeborenes und unveränderliches Merkmal einer „nationalen Gemeinschaft“ gedeutet. Das Schlagwort der Identität ist laut Erziehungswissenschaftler Georg Auernheimer als „nationale“ oder „kulturelle Identität“ zur zentralen Kategorie der Neuen Rechten geworden. Gemeinsam ist ihnen laut Rechtsextremismusforscher Helmut Kellershohn, dass sie auf eine Entität (deutsches Volk, deutsche Kultur) rekurrieren, deren einfache Identität („wir sind wir“) sie als immer schon gegeben voraussetzen. Verbindend ist hierbei die vorgängige Setzung des „Volkes“ als Abstammungs- und Zeugungsgemeinschaft. Ein solches, Identität stiftendes Kollektivsubjekt müsse sich gegen die Bedrohungen von außen verteidigen – seien es nun die als fremd Markierten oder das Feindbild einer „globalistischen Elite“, die „die Völker“ bedrohe beziehungsweise gar deren „Auslöschung“ anstrebe. In diesem Duktus bezeichnet Gauland die Zuwanderung als eine „Politik der menschlichen Überflutung“.
Zuwanderung stehe für den „Versuch, das deutsche Volk allmählich zu ersetzen durch eine aus allen Teilen dieser Erde herbeigekommene Bevölkerung.“
Für den ehemaligen CDU-Politiker geht es bei der AfD-Politik offenbar um einen existenziellen Daseinskampf:
„Das elementare Bedürfnis eines Volkes besteht darin, sich im Dasein zu erhalten. Das ist im Grunde das AfD-Parteiprogramm in einem Satz. Es geht uns einzig um die Erhaltung unserer Art zu leben.“
Solcherlei Vorstellungen führen auch andere rechtsextreme Strömungen wie die Identitäre Bewegung, neurechte Denkfabriken wie das Institut für Staatspolitik, neofaschistische Parteien wie Die Rechte oder die NPD sowie neue, in der Corona‑Krise entstandene rechte Protestbewegungen geistig zusammen. In rechtsextremen Blättern wie dem Compact-Magazin werden Konzepte wie der oben erwähnte „Great Reset“ des Weltwirtschaftsforums umgedichtet zu völkischen Verschwörungsfantasien: Der verkündete große Neustart wird dort – in Analogie zur rechtsextremen Erzählung vom „Großen Austausch“ angestammter mit zugewanderten Bevölkerungsteilen – verklärt zu einem von sogenannten internationalen Eliten in Gang gesetzten Plan zur Neuordnung der Welt zum Austausch der ‚Völker‘. Solche Verschwörungserzählungen dienen antisemitischen Feindbildsetzungen in Tradition der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“.
Die Abstrusität eines solchen völkisch-apokalyptischen Reinheitswahns offenbart sich in rechten Reaktionen auf den russischen Angriffskrieg: Während etwa die rechtsextremen Parteien Der Dritte Weg und die Freien Sachsen in ihrer völkisch‑nationalistischen Stoßrichtung identisch sind, mobilisiert die eine Formation zur Unterstützung ukrainischer Nationalisten und die andere fordert mit gleicher Argumentation eine Unterstützung der russischen Aggression. Vielleicht besteht Hoffnung, dass dieser Wahnsinn eine Abkehr von den Fallstricken nationaler Identitätspolitik bewirken kann und die Notwendigkeit zum entschiedenen Eintreten für eine Gesellschaft der Vielen mehr in das öffentliche Bewusstsein rückt.
Fischer:„Das rechte Ringen um Identität“ von Alexander Häusler, vorgetragen von Jean Paul Baeck und Marc Fischer.
Was aber könne eine deutsche Identität denn nun heute ausmachen? Das war die zentrale Frage in der Diskussion nach beiden Vorträgen.
Man war sich nur in einem einig: Identitäten sind fluide.
Naika Foroutan betonte zum Beispiel: Die Rede von festen, unveränderlichen Identitäten, von einem klar umrissenen Deutschsein verkenne die Geschichte Deutschlands! Eines Deutschlands, das in den Konfessionskriegen in Glaubensrichtungen gespalten war. Das noch im 19. Jahrhundert in zig Fürstentümer zersplittert war. In dem 1848 für das Deutschsein egal war, ob man etwa deutsch, französisch oder polnisch sprach.
Alexander Häusler schlug vor, die deutsche Identität mit Dolf Sternberger und Jürgen Habermas als Verfassungspatriotismus zu begreifen – auch wenn das ein wenig gefühlsarm sei.
Naika Foroutan machte zum Schluss einen verschmitzten Vorschlag: Das typisch deutsche Hadern und Meckern, das ließe sich doch als deutsche Identität adeln! Denn aus Kritik ergäben sich oft die produktivsten Veränderungen!
Und damit zu einem weniger soziologischen, sondern eher erzählenden Text. Einem Text, der zeigt, wie entspannt schon Dagewesene und Hinzugezogene miteinander ins Gespräch kommen können – also ohne Meckern, egal, wie drastisch ihre Biografie ist!
Der Schriftsteller Tijan Sila wurde 1981 geboren – in Sarajevo, damals Jugoslawien, heute Bosnien. 1994 flüchteten seine Eltern nach drei Jahren Krieg nach Deutschland. Er wuchs in der Pfalz auf und ist heute Berufsschullehrer in Kaiserslautern. Sein Text heißt „Die blasse Peperoni“.

Tijan Sila: „Die blasse Peperoni”

Kurz vor dem Ausbruch der Pandemie kam ein Handwerker bei uns vorbei, um nach der Geschirrspülmaschine zu schauen. Er war ein hagerer, schnurrbärtiger Mann, in dessen Gesicht alles zu üppig geraten war: Die gekerbte Nasenspitze glich einer Pflaume, und die Lippen griffen diesen Eindruck irgendwie auf, denn sie waren violett. Seine Bräune – er ging seit seiner Jugend zwei Mal die Woche ins Solarium, verriet er mir später – unterstrich die hellen Augen und erinnerte mich an die Neunzigerjahre, als eigentlich blonde Raverinnen sich die Harre schwarz färbten und sich auf der Sonnenbank brieten, um ihre Eisbonbonaugen und gebleichten Zähne umso stärker gleißen zu lassen – den Look nannte man (zumindest in meiner Gegend) Ephedrin-Bräune, denn ab Frühling nahmen Raver und Raverinnen wohl Appetitzügler, um im Sommer flach wie ein Brett sein zu können. Der Handwerker war zwar solariumgebräunt, doch auch ohne „Effe“ flach wie ein Brett. Er war einer dieser Menschen, deren nervöse Energie für erhöhten Energieumsatz sorgt. Das erste, was er mir nach der Begrüßung sagte, war, dass diese Reparatur vermutlich seine letzte sei:
„In vier Tagen gehe ich nämlich in die Rente.“
„Geil!“ Ich klatschte, wie sich das gehört.
„Aber die krieg` ich davor noch repariert.“ Er ließ den Blick auf der Geschirrspülmaschine. „Ist die Umwälzpumpe. Ist immer die Umwälzpumpe.“
Da sein Auszubildender an diesem Tag mit Grippe im Bett lag, musste ich dem Handwerker helfen, die Maschine aus der Küchenzeile zu hieven. Dabei fiel mir sein seltsames Tattoo auf, ein bläuliches Etwas auf dem unbehaarten Hautfleck unterhalb der Ellenbeuge. So oft ich es mir auch (heimlich) anschaute, ich kam nicht dahinter, was es darstellen sollte. Das Tattoo war alt, verblasst und erinnerte mich am ehesten an eine krude gezeichnete Peperoni; es hatte auch in etwa die Größe einer Peperoni. Oder war es vielleicht doch ein Trinkhorn, wie man es aus Asterix-Comics kannte? Ich hielt es nicht lange aus:
„Sagen Sie mal, ihr Tattoo, was ist das denn? Ist es ein Trinkhorn?“
„Sie sind aber neugierig“, warf mir der Handwerker vor, allerdings lächelnd. „Es soll ein Dolch sein.“ Er hielt mir den Arm hin und fuhr mit dem Finger ruhig über den zittrigen Konturstrich: „Die Spitze war gekrümmt, sehen Sie? Hier ist der Griff. Und wissen Sie, wie klein es ursprünglich war? So klein.“ Er hielt Zeigefinger und Daumen ungefähr vier Zentimeter auseinander. „Ich war erst sieben, als es draufkam, und es ist mit mir gewachsen.“
„Wie kommt man mit sieben dazu, sich tätowieren zu lassen?“
„Wirklich neugierig! Sehr neugierig!“ Er schmunzelte, er lächelte. Die Geschichte des Tattoos zu erzählen, war ihm eine Lust – und das mit Recht, finde ich, denn es war eine wirklich coole Geschichte: „Ich war Teil einer Bande“, erklärte er. „Und das Tattoo war unser Zeichen. Wir haben es uns gegenseitig gestochen, mit Nadel und Schultinte.“
„Einer Bande?“
„Einer Jugendbande. Das war in den späten Fünfzigerjahren, in Frankfurt. Alle Jungs waren in einer Bande, und die Banden haben sich untereinander geprügelt.“
Ich erzählte, dass es in meiner Kindheit ähnlich gewesen war; dass jeder Plattenbauquadrant seine eigene Raja, aufgeteilt in die „alten“ und in die „kleinen“, gehabt hatte, und dass kriegerische Fehden mit Nachbarsvierteln ein genauso wichtiger Zeitvertrieb gewesen waren wie Basketball. Der Handwerker nickte, das Lächeln nun nostalgisch, doch ungetrübt, und er sagte, in Frankfurt hätten sich Banden an den Grundschulen gebildet, ein wenig wie im Fliegenden Klassenzimmer.
„Und was haben Ihre Eltern zu dem Tattoo gesagt?“, fragte ich. „Ich bin mal von einer Klopperei ohne Schneidezahn heimgekommen, und meine Mutter hat sich jahrelang darüber geärgert. Dabei war es nur ein Milchzahn.“
„Mein Vater hat`s beim Abendessen gesehen. Er hat mich mit dem Gürtel bewusstlos geprügelt und danach hat er nie mehr richtig mit mir gesprochen.“ Der Handwerker löschte das Lächeln und blickte mir in die Augen, damit ich ihn richtig verstand. „Mein Vater war ein Nazi, wissen Sie, ein richtiger Nazi. Er war selbst tätowiert, weil er in der Waffen-SS gedient hatte. Das war ihm alles ganz wichtig, er hat sein Tattoo vor dem Schlafen mit Apfelessig eingerieben, glauben Sie mir das? Damit das schöne ,A’ nicht verblasst.“
Erst schwiegen wir und trauerten, dann musste ich allerdings wieder nachbohren. Ich fragte:
„Er hat wirklich nie mehr richtig mit Ihnen gesprochen?“
„Nein. Und er hat sich daran aufgegeilt, irgendwann war es so ein Spiel für ihn, wissen Sie. Meine Brüder bekamen Geschenke zum Geburtstag, ich nicht. Sie bekamen die Hochzeiten bezahlt, ich nicht. Meine Brüder haben studiert, ich nicht.“
Nach dem letzten Satz prüfte er kurz mit dem Blick, ob ich den Zusammenhang verstand. Das tat ich. Schließlich bin ich Lehrer.
„Haben Sie noch Kontakt zu den anderen Mitgliedern Ihrer Bande?“, fragte ich.
„Wir waren zehn Kinder, sieben sind noch am Leben. Und von den sieben gehen fünf jeden Sommer segeln.“
„Sind Sie dabei?“
„Sonst tät ich es nicht erzählen.“ Die Periphrase nutzte er nur, um mit dem Klischee des Handwerkers zu kokettieren – sein Lächeln war zurückgekehrt. Er war ein Mann ohne Skelette im Mauerwerk. „Und Sie? Haben Sie noch Kontakt zu den Leuten aus ihrer, wie haben Sie es genannt…? Aus ihrer Randale?“
„Aus der Raja? Nein, das hat sich verlaufen.“ Ich log: Mit den sozialen Netzwerken waren auch Freundschaftsanfragen meiner bosnischen Kindheitsfreunde gekommen. Manche von ihnen lebten noch in Sarajevo, andere waren, wie ich, vor dem Krieg geflohen und lebten in Schweden, Kanada, den Vereinigten Staaten. Einer, Mustafa, schrieb mir sogar aus der Dominikanischen Republik, wo er als Heizungsinstallateur und Mechaniker für Klimaanlagen arbeitete. Aber irgendetwas in mir hatte sich verschlossen. Ich schaffte es nicht, an unsere Kindheit anzuknüpfen: Meine alten Freunde erinnerten sich allesamt mit ziemlicher Lust an Dinge, die mir Schmerzen bereiteten – das ist keine Metapher für Trauer; ich meine richtige, körperliche Schmerzen, Migräne etwa, oder Magenbeschwerden, die sich im Durchfall auflösten. „Aber das ist nicht schlimm“, fuhr ich fort. „Ich habe hier in Deutschland auch gute Freunde gefunden. Manche hatten sich selbst tätowiert, so ein bisschen wie Sie.“
„War`s auch eine Bande?“
„So in etwa.“ Ich lachte. „Einmal wollte mich ein Zuhälter schlagen, weil ich mich über seinen Ferrari lustig gemacht hatte, aber meine Freunde haben ihn vertrieben.“
Fischer: „Die blasse Peperoni“ von Tijan Sila, es las Marc Fischer.
Und das war der zweite von vier Teilen unserer Serie mit Essays zum Thema Zukunft. Die Essays waren Teil eines Kongresses über die Zukunft, der wiederum Teil der Initiative „Und seitab liegt die Stadt“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des Literarischen Colloquiums Berlin war. Gefördert vom Programm „Kultur in ländlichen Räumen“.