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Kommentar zum Ukraine-Krieg
Der Druck im russischen Kessel steigt

Die Angriffe in der russischen Region Belgorod hätten den Kreml kalt erwischt, kommentiert Sabine Adler. Der Vorfall zeige auch: Die vielen neuen Milizen, die entstehen und die Putin gewähren lasse, könnten sich irgendwann auch gegen ihn wenden.

Ein Kommentar von Sabine Adler | 25.05.2023
DIESES FOTO WIRD VON DER RUSSISCHEN STAATSAGENTUR TASS ZUR VERFÃGUNG GESTELLT. [RUSSIA, BELGOROD REGION - MAY 23, 2023: 
Ein ausgebrnntes Armeefahrzeug in Belgorod.
Angriff auf Belgorod - Foto von der russischen Nachrichtenagentur TASS (picture alliance / dpa / Russian Defence Ministry / Russian Defence Ministry)
Für Russland ist der Krieg weit weg: Jenseits der Grenze. Und es scheint eindeutig zu sein, wer sich dort gegenübersteht: Kiews und Moskaus Truppen plus die jeweiligen Nationalgarden, Geheimdienste und so weiter. 
Aber je länger gekämpft wird, desto häufiger tauchen bislang unbekannte Kräfte jenseits der Front auf. Das russische Belgorod liegt zwar an der ukrainischen Grenze, war bislang aber kein Schauplatz, weil es die Kampfhandlungen nur auf ukrainischem Territorium gab. Ab und zu wurde höchstes ein russisches Munitionslager attackiert. Doch als am Montag gleich zwei Verbände von ukrainischem Gebiet 40 Kilometer in Russland einmarschierten und eine Reihe russischer Dörfer beschossen und besetzten, erwischte es den Kreml kalt. Dort lag der Fall auf der Hand: Wer aus Richtung Ukraine angreift, ist Ukrainer. Stimmt aber nicht.

Belogrod ist nur der Anfang

Sowohl das Russische Freiwilligenkorps als auch die Legion „Freiheit Russlands", die sich zu der Attacke bekannten, rekrutieren sich aus russischen Staatsbürgern, die sich als Liberale, Anarchisten oder Neonazis bezeichnen. Der Anführer des Russischen Freiwilligenkorps, Denis Nikitin, eigentlich Kapustin ist gebürtiger Russe, lebte lange in Deutschland und fiel als Hooligan und Neonazi auf. Ganz anders Ilja Ponomarow von der Freiheitslegion Russlands, ein ehemaliger Duma-Abgeordneter, der als einziger gegen die Krim-Annexion stimmte. 
Was sie eint, ist ihre Gegnerschaft zum russischen Präsidenten. Sie wollen Putin nicht nur vorführen, sondern stürzen. Für sie ist Belgorod erst der Anfang, Moskau aber das Ziel. Der Ukraine kommt dieses Störmanöver auf russischem Staatsgebiet zupass. Solange der Gegner mit der Sicherung seiner Grenze beschäftigt wird, kämpfen weniger seiner Soldaten gegen die Ukraine. 
Der gemeinsame Feind verbündet die Ukraine mit diesen Gruppen, eine Allianz, die freilich nicht allzu haltbar sein dürfte. Dass sich russische Neonazis nicht sonderlich für eine Ukraine in der Europäischen Union interessieren, dürfte auf der Hand liegen. Worauf es im Moment aber nicht ankommt, denn zunächst müssen die russischen Besatzer vertrieben werden. 

Immer mehr private Milizen

Was sich aber an diesen Gruppierungen, wie auch an der Wagner-Truppe ablesen lässt, ist etwas anders: In Russland entstehen immer mehr private Milizen. Ihr Status ist rechtlich ungeklärt, Putin lässt sie gewähren. Zwar hat keiner so viele Kämpfer wie sein Vertrauter Prigoschin, aber selbst der große staatliche Gasproduzent Gazprom hat inzwischen seine eigene bewaffnete Truppe gegründet.
Angeblich, um seine Anlagen zu schützen. Vielleicht aber auch, um bei Umverteilungskämpfen bereit zu sein? Denn diese neuen Milizen, die jetzt für Putin noch ungefährlich sind, könnten sich irgendwann auch gegen ihn wenden. Der Druck im russischen Kessel jedenfalls steigt. Belgorod ist vielleicht wirklich erst der Anfang.