Montag, 26. September 2022

Inflation
Bundesbank-Präsident: "Weitere Zinserhöhungen in den nächsten Monaten nötig"

Im Dezember könne die Inflationsrate bei über zehn Prozent liegen, sagte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel im Dlf. Erste Priorität der EZB sei es, für stabile Preise zu sorgen. Dazu könnten bald schon neue Zinserhöhungen nötig sein.

Joachim Nagel im Gespräch mit Moritz Küpper | 11.09.2022

Die Zentrale der Europäischen Zentralbank EZB neben einem Schild am Eingang.
Die EZB habe auch die soziale Dimension der Inflation im Blick, sagte Joachim Nagel im Interview (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am 8. September 2022 zur Bekämpfung der anhaltend hohen Inflation die bislang größte Zinserhöhung ihrer Geschichte beschlossen. Der Leitzins im Euroraum steigt um 0,75 Prozentpunkte auf nun 1,25 Prozent. Die Inflation im Euroraum überschritt zuletzt die Marke von neun Prozent.
Das sei ein wichtiger und richtiger Schritt gewesen, sagte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel im Deutschlandfunk. Er sieht zudem in naher Zukunft Notwendigkeit für weitere Zinserhöhungen. Als Bundesbank-Präsident sitzt Nagel auch im Rat der Europäischen Zentralbank, dem obersten Beschlussorgan der EZB. Neben ihm sitzen die sechs Mitglieder des EZB-Direktoriums und die 18 Präsidenten der weiteren nationalen Zentralbanken der Mitgliedstaaten des Euroraums im EZB-Rat.

Nagel: EZB muss eindeutiges Signal gegen Inflation senden

Die Preise im Euro-Raum würden zunehmend ansteigen, sagte Nagel. Die Inflationsrate könnte im Dezember bei über zehn Prozent liegen, auch eine Rate von über sechs Prozent im kommenden Jahr sei deutlich zu hoch. Wenn das Inflationsbild so bleibe, müssten die Zinsen nach oben. Der EZB-Rat müsse verantwortungsvoll agieren. Bei der Inflationsbekämpfung sei es wichtig, ein eindeutiges Signal zu senden. Dann müssten weitere deutliche Zinsschritte folgen, nichts anderes habe auch die EZB-Präsidentin Christine Lagarde gesagt.
Die Inflation dürfe sich nicht in alle Bereiche stärker hineinfressen, warnte der Bundesbank-Präsident. Kleine Einkommen seien durch die Teuerung etwa bei Nahrungsmitteln und den Energiepreisen besonders betroffen. Wenn sich die Inflation verfestige, werde sie auch die Löhne erfassen.
Nagel rechnet im dritten und vierten Quartal mit flacheren Wachstumsraten, im neuen Jahr vielleicht auch mit einer Rezession. Aber die Durststrecke werde nicht stark ausfallen und bald überbrückt sein, sagte er. Am Ende seien stabile Preise am wichtigsten. Im Jahr 2023 sei zudem auch mit einem Rückgang der Inflation zu rechnen.

Das Interview im Wortlaut:

Moritz Küpper: Herr Nagel, wir reden heute hier live am Ende einer historischen Woche, wenn man Beobachtern glauben darf. Fakt ist, so einen großen Zinsschritt – 0,75 Prozentpunkte – hat es noch nie gegeben. Wie nehmen Sie die Reaktionen am Ende dieser Woche auf diesen historischen Zinsschritt wahr?
Joachim Nagel: Ich denke, die Reaktionen fielen gut aus und es hatte auch, denke ich, seine Gründe, warum die gut ausfielen. Die Inflationsrate ist viel zu hoch und vor dem Hintergrund hat der EZB-Rat mit der Zinsentscheidung konsequent und sehr verantwortungsvoll gehandelt.
Küpper: Hat die EZB nun erkannt, die Bekämpfung der Inflation hat absolute Priorität?
Nagel: Die EZB hat schon immer erkannt, wo ihr Mandat liegt, nämlich für stabile Preise zu sorgen. Das Umfeld in den letzten Monaten war alles andere als einfach. Und seit Dezember letzten Jahres haben die Zinsentscheidungen oder die Entscheidungen der EZB in eine Richtung gewiesen, nämlich die Normalisierung der Geldpolitik herzustellen. Und insofern war die Entscheidung vom Donnerstag ein weiterer Schritt auf dem Weg der Normalisierung der Geldpolitik.
Joachim Nagel, Präsident der deutschen Bundesbank, beantwortet während einer Pressekonferenz Fragen von Journalisten.
Seit dem 1. Januar 2022 ist Joachim Nagel Präsident der Deutschen Bundesbank (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

Nagel: Inflation war lange zu niedrig

Küpper: Sie sagen, das Umfeld in den letzten Monaten war nicht so einfach. Sie meinen damit sicherlich die Ausweitung Russlands, des Krieges, auf die gesamte Ukraine. Aber die Warnungen an die EZB, vor hoher Inflation, die gibt es ja schon seit Jahren. Daher nochmal die Frage: Warum hat es jetzt so lange gedauert?
Nagel: Also, ich sage mal, zunächst einmal ist es nicht nur dieser fürchterliche Krieg, dieser Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, wir hatten natürlich in den Jahren 2020/21 und jetzt natürlich noch die Auswirkungen der Pandemie zu spüren, die Lieferengpässe. Wir dürfen auch nicht ausblenden, dass es lange Jahre gab, in denen die Inflation zu niedrig war und man geldpolitisch dagegen agiert hat.
Und wir befinden uns in einem Umfeld, wo wir Ökonomen, wenn es sich um solche Ereignisse handelt, die völlig außergewöhnlich sind, von sogenannten Schwarzen Schwänen sprechen – und wir hatten es hier sicherlich mit mehreren Schwarzen Schwänen zu tun. Ganz außergewöhnliche Herausforderungen, die die Geldpolitik angenommen hat und jetzt mit der Zinsentscheidung vom Donnerstag, wie gesagt, einen weiteren wichtigen Schritt gegangen ist.

"Weitere Zinserhöhungen in den nächsten Monaten nötig"

Küpper: Schauen wir kurz auf den status quo. Sie haben vor drei Wochen etwa gesagt, in Summe ist in den Herbstmonaten sogar eine Inflationsrate von zehn Prozent möglich. Da steuern wir immer noch hin – es dauert ja immer etwas, bis sich solche Entscheidungen auswirken. Wo werden wir jetzt aktuell landen beziehungsweise was ist die Prognose für die nächsten Monate?
Nagel: Also, Sie hatten das ja schon gesagt. Also, was wir derzeit in den Zahlen sehen, dürften die Preise noch weiter ansteigen. Derzeit sehen wir die Spitze im Dezember, möglicherweise hier dann bei über zehn Prozent. Im Jahresverlauf 2023 dürfte sich das Inflationsbild etwas abschwächen, aber dennoch wird die Inflationsrate auch im kommenden Jahr voraussichtlich mit etwa sechs Prozent deutlich zu hoch liegen. Also, von daher hat ja auch Frau Lagarde in ihrer Erklärung am Donnerstag gesagt, dass diese Zinsentscheidung vom Donnerstag erst der Anfang sein wird für weitere Zinsentscheidungen/-erhöhungen, die auch notwendig sind für die nächsten Monate.
Küpper: Vor diesem Hintergrund, es war jetzt ein historischer Schritt, 0,75 Prozentpunkte, ist auch noch ein größerer Schritt denkbar oder bleibt es bei diesen 0,75 Prozent als maximaler Schritt?
Nagel: Wir sind immer gut damit gefahren als EZB-Rat dann, wenn die Entscheidung ansteht, uns die Zahlen, die Datenlage dann genau anzuschauen. Also, ich will auch nicht spekulieren, das bringt auch nichts, das wäre auch komplett unseriös, wie dann die nächste Zinsentscheidung ausfallen könnte. Aber eines können Sie gewiss sein, wir haben als EZB-Rat ein gemeinsames Verständnis, es geht um stabile Preise, das ist unser zentrales Mandat. Und vor dem Hintergrund der jeweiligen Datenlage wird sich dann auch die Zinsentscheidung ergeben.
Küpper: Also, daraus höre ich, es wäre durchaus auch mehr möglich?
Nagel: Also, dazu sage ich überhaupt gar nichts. 0,75 Prozentpunkt, das ist ein deutlicher Schritt – ob ich das immer historisch einordnen würde, ich bin damit vorsichtig. Sicherlich gab es bislang noch nie so eine Zinsentscheidung in der Höhe, aber es hat ja auch, wie gesagt, seine guten Gründe. Bei Inflationsraten für den Euroraum, für den August, bei über neun Prozent, sind 0,75 Prozentpunkte eine logische Maßnahme. Und genau das ist passiert.

Nagel: Im Dezember könnte die Inflation den Höchststand erreichen

Küpper: Jetzt haben Sie ja schon gesagt, dass Sie damit rechnen, dass es in den zweistelligen Bereich gehen wird gegen Ende des Jahres. Wäre dann damit in Ihrem Empfinden und Ihrer Prognosefähigkeit der Gipfel dann erreicht, gegen Ende dieses Jahres/Anfang nächsten Jahres?
Nagel: Also, es könnte durchaus sein, dass das der Fall ist, dass wir im Dezember den Gipfel gesehen haben. Aber die letzten Monate haben uns ja eines gelehrt, dass die Rahmenbedingungen sich permanenten Veränderungen ausgesetzt sahen, wir ständig neuen Herausforderung ausgesetzt waren, insbesondere, was die Energiepreise angeht.
Leider hat auch der Bundesbankpräsident keine Kristallkugel – schön wäre das –, insofern bin ich auch da vorsichtig mit Prognosen. Aber es bleibt auch in 2023 ein Umfeld, geldpolitisch, insgesamt das ganze makroökonomische, also das wirtschaftliche Szenario, durchaus mit schwierigen Fragen, die werden bleiben. Die Herausforderungen scheinen nicht zu verschwinden, leider.
Küpper: Die Inflation, sie ist mittlerweile ja ein Begriff, der in der Breite der Bevölkerung angekommen ist. Nicht nur bei Unterhaltungen, sondern eben auch wenn man im Supermarkt oder anderswo steht, dann sieht man das wirklich. Deswegen wollen wir vor allem über dieses Thema reden. Wir sprechen aber in diesem Interview der Woche, hier im Deutschlandfunk, auch über die EZB natürlich, strukturell, und wie man dort aufgestellt ist, vielleicht auch im Kampf um die Glaubwürdigkeit. Denn es gibt viele Menschen, viele Expertinnen und Experten, die sagen, die EZB hat gerade in den letzten Monaten, vielleicht auch Jahren, an Glaubwürdigkeit verloren.
Sie haben Christine Lagarde, die EZB-Präsidentin schon angesprochen. Die hat in dieser Woche nach dieser Entscheidung gesagt: Wir hatten unterschiedliche Ansichten am Tisch, eine gründliche Diskussion, aber das Ergebnis unserer Diskussion – also diese 0,75 Prozentpunkte – war eine einstimmige Entscheidung. Nur mal aus Interesse, weil wir gerade auch hier so eindeutig in die eine Richtung argumentieren, welche Argumente gegen einen solchen Zinsschritt gab es denn?
Nagel: Also, zunächst einmal ist es insgesamt gut, dass es im EZB-Rat unterschiedliche Meinungen gibt. Das ist nun halt mal in der Ökonomie so, es gibt nicht nur die eine Meinung, die letztendlich alles beschreiben kann. Aber am Ende war wichtig – und insofern kann ich bestätigen, was Christine Lagarde in der Pressekonferenz gesagt hat –, es gab eine einstimmige Entscheidung, was die Zinsentscheidung betrifft. Wir haben natürlich im EZB-Rat – und das ist auch ganz normal und das ist auch Aufgabe des EZB-Rates – hier verantwortungsvoll zu agieren.
Die gesamtwirtschaftliche Lage, Ausblick für die Wirtschaft, wie groß könnte die Gefahr einer Rezession sein, all das spiegelt sich in so einer Diskussion wider. Aber am Ende ist es wichtig, gerade in so einer Frage, wenn es um Inflationsbekämpfung geht, wenn man einstimmig nach außen agieren kann und ein deutliches Signal gibt als Notenbank, dass wir der Auffassung sind, dass wir den Inflationsausblick wieder unter Kontrolle bekommen werden. Und das zählt am Ende. Die Diskussion ist im Grunde genommen nur ein Reflex einer verantwortlichen Geldpolitik von insgesamt 25 Mitgliedern im EZB-Rat.

Nagel: Zinsen müssen noch längere Zeit nach oben

Küpper: Das heißt aber, jetzt ist die Richtung eindeutig: Es kann im Grund genommen nur – ja – teurer werden, sprich, die Zinsen können eigentlich nur noch steigen?
Nagel: Wenn das Inflationsbild so bleibt – und es spricht ja sehr, sehr viel dafür –, dann ist klar, wie die Geldpolitik zu reagieren hat. Das hat Christine Lagarde klar gemacht, das habe ich in vielen meinen Kommentierungen schon seit Januar verdeutlicht, dass wir hier mit den Zinsen nach oben müssen. Und das wird noch eine Zeit lang so andauern.
Küpper: Haben Sie eigentlich – in der Öffentlichkeit war es durchaus so wahrnehmbar – schon länger dafür argumentiert, aber in der EZB gab es andere Mehrheitsverhältnisse – wir haben ja gerade über diesen Diskussionsprozess dort gesprochen?
Nagel: Also, zunächst einmal bin ich froh, dass sich viele meiner Positionierungen mittlerweile angeschlossen haben, mittlerweile der ganze EZB-Rat sich für eine deutliche Zinserhöhung ausgesprochen hat. Und wie gesagt, es geht darum, mit guten Argumenten zu überzeugen, deutlich zu machen, was die Aufgabe einer Notenbank ist in einem derartigen Inflationsumfeld. Und dafür setze ich mich als Bundesbankpräsident ein. Die Bundesbank hat eine starke Stimme im EZB-Rat und darum geht es, gemeinsam den Auftrag zu erfüllen. Und ich sehe uns da auf gutem Wege.
Küpper: Würden Sie sagen, dass die Politik vorher, würden Sie so weit gehen – ich weiß Notenbanker sind da immer vorsichtig –, aber würden Sie sagen, dass es vorher ein Fehler war?
Nagel: Ich meine, ein Fehler … es ist immer schwierig, Themen dann im Nachhinein einzuordnen. Im Nachhinein ist man immer irgendwie schlauer. Und wann genau der richtige Zeitpunkt dann gewesen wäre, die Zinsen deutlich anzuheben, das ist schwierig zu sagen. Ich hatte Ihnen ja schon angedeutet, also, die Inflation war bis Anfang 2020 sehr niedrig, erst dann fing sie langsam an anzuziehen. Das war damals ja auch ein gewünschtes Ergebnis, die Inflationsrate wieder näher an unser Ziel – das sollte wir nicht vergessen – von zwei Prozent heranzuführen.
Und ja, also das Timing ist bei der Geldpolitik, ich glaube, das ist fast immer eine Unmöglichkeit, genau den richtigen Punkt zu erwischen. Ich bin jetzt froh, dass wir jetzt so deutlich agiert haben, und das ist jetzt wichtig. Wir müssen nach vorne schauen und wieder das Vertrauen stärken in die Geldpolitik. Inflation ist für uns alle ein wichtiges Thema, es betrifft uns in jeglicher Dimension – gerade Familien mit kleineren Einkommen, das hat eine soziale Dimension. Und das wird es in Zukunft sein, wir müssen hier schauen, dass wir das deutlicher noch adressieren, wie die geldpolitischen Maßnahmen hier wirken können. Und, wie gesagt, ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingen wird, die Inflation wieder Richtung zwei Prozent zu führen.

Nagel: EZB hat die soziale Dimension der Inflation im Blick

Küpper: Weil Sie gerade auch die kleineren Familien oder die breite Bevölkerung darüber ja ein Stück weit angesprochen haben. In der öffentlichen Wahrnehmung ist es ja häufig so, wir reden hier von – wir haben ja auch gerade darüber gesprochen – neun Prozent, jetzt dann vielleicht zweistellig, zehn Prozent, aber bei vielen Menschen sind die Wachstums-/die Teuerungsraten deutlich höher, da muss man nur in den Supermarkt gehen, klar, Energie ohnehin, darüber haben wir ja viel gesprochen. Wie erklären Sie eigentlich diese Diskrepanz zwischen den Teuerungsraten – bei Butter beispielsweise oder Energiepreisen – und den Zahlen, die Sie verhandeln?
Nagel: Also, das, was wir sehen ist – und wir schauen uns ja auch die Zahlen genau an, was die einzelnen Bereiche angeht, Sie haben ja einen Bereich genannt, Nahrungsmittel, es gab natürlich hier auch … –, viele der Produzenten im Nahrungsmittelbereich haben mit höheren Energiepreisen zu kämpfen. Das ist ja genau der Punkt. Wir versuchen ja hier an der Stelle mit der Geldpolitik dagegen zu wirken, dass sich die Inflationsrate nicht in alle Bereiche stärker und stärker hineinfrisst, darum genau geht es ja.
Und Sie können sich bewusst sein – deswegen haben ich auch den Punkt gemacht –, auch das wird im EZB-Rat diskutiert, wie wir die einzelnen Facetten der Inflation zu bewerten haben. Und hier haben wir eine große Verantwortung. Ich habe die soziale Dimension angesprochen, kleine Einkommen sind besonders stark betroffen, gerade dann, wenn die Nahrungsmittelpreise nach oben gehen. Und, ja, es gilt, dagegen zu halten von der Geldpolitik. Wir müssen dagegenhalten.

Lohn-Preis-Spirale: "Tarifpartner haben bisher immer ihre Verantwortung gezeigt"

Küpper: Sie müssen dagegenhalten, das ist klar. Aber frisst sich die Inflation nicht schon längst in den Alltag hinein? Wir haben über die Preise gesprochen, es gibt Tarifverhandlungen, die jetzt anstehen, an allen Ecken und Enden. Da frisst sich die Inflation, diese hohen Zahlen ja schon automatisch da rein, und dann kommt man ja in eine Art Kreislauf.
Nagel: Ja, das ist ja die berühmte Lohn-Preis-Spirale, die Sie ansprechen. Also, das heißt, wenn die Inflation irgendwann sich verfestigt hat, wird sie dann auch beispielsweise die Löhne/Gehälter erfassen. Also, zunächst einmal ist es so, wir werden jetzt sehen, im Herbst stehen – Sie hatten ja schon darauf angesprochen – viele Verhandlungen an, zu den Tarifen in den einzelnen unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen.
Küpper: Mit hohen Forderungen.
Nagel: Ja, in der Vergangenheit. Aber auch da, da bin ich zuversichtlich, haben die Tarifpartner immer ihre Verantwortung gezeigt. Und ich bin davon überzeugt, sie werden es auch dieses Mal tun. Aber in der Tat, also ich will Ihnen da auch gar nicht widersprechen, es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass die Inflation sich in vielen Bereichen schon breit macht. Und genau aus diesem Grund – also, ich wiederhole mich hier gerne nochmal – gilt es jetzt seitens der Geldpolitik deutlich zuzufassen. Der Schritt vom Donnerstag war ein deutliches Zeichen, und es müssen, wie gesagt, wenn das Inflationsbild so bleibt, weitere deutliche Schritt folgen.
Küpper: In naher Zukunft?
Nagel: Auch in naher Zukunft, selbstverständlich. Nichts anderes hat auch Christine Lagarde in ihrer Erklärung, in Ihrer Pressekonferenz gesagt.
Küpper: Christine Lagarde hat auch gesagt: "Ich nehme die Schuld auf mich", und wir haben ja gerade schon über Fehler gesprochen, aber daraus lässt sich ja schon auch schließen – korrigieren Sie mich bitte –, aber ohne Verfehlung gibt es ja auch keine Schuld. Also insofern, hat der Kampf um Glaubwürdigkeit bei der EZB schon begonnen?
Nagel: Ja, also ich finde zunächst einmal, das ist eine Erklärung, die aller Ehren wert ist, wenn sich die Präsidentin der Europäischen Zentralbank vor die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der EZB stellt. Aber Sie haben es schon gesagt, von Schuld würde ich hier nicht sprechen. Die EZB und das Eurosystem war übriges nicht die einzige Institution, die relativ weit daneben lag mit ihren Inflationsprognosen. Also, das soll zwar jetzt an der Stelle jetzt auch nicht entschulden, soll aber im Grunde genommen zeigen, wie schwierig …
Küpper: Aber die EZB ist doch die zentrale Einheit dafür.
Nagel: Die ist die zentrale Einheit für die Geldpolitik im Euroraum, aber auch andere Verantwortliche geldpolitische Einheiten für andere Währungsräume lagen mit ihren Prognosen nicht viel besser. Aber es soll im Grunde genommen nur Folgendes zeigen – und ich hatte ja vorhin auch schon darauf verwiesen –, dass die Rahmenbedingungen extrem schwierig waren. Es war extrem schwierig, unter den Bedingungen hier ein klares Inflationsbild zu bekommen. Und dann natürlich dieser Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, mit den massiven Verwerfungen an den Energiemärkten. Wir sprechen ja als Ökonomen hier von einem Angebotsschock. Das sind alles Rahmenbedingungen, die kann Ihnen auch kein Prognostiker im letzten Jahre 2021 vorhersagen. Das sind Dinge, die geschehen und die sind nicht vorhersehbar – leider.
Küpper: Aber die Fed, die Amerikanische Zentralbank, die war da mutiger.
Nagel: Sie war deswegen vielleicht auch früher gefordert, weil das Inflationsbild noch stärker, noch herausfordernder war, noch schwieriger war als im Vergleich zum Euroraum. Deshalb haben sie auch früher reagiert. Aber nochmal, wir haben …
Küpper: Und stehen jetzt besser da?
Nagel: Ich will gar nicht den Vergleich zwischen den USA und dem Euroraum ziehen, lässt sich auch schwierig vergleichen. Die Arbeitsmärkte sind dort anders aufgestellt, wie wir sagen, die Reaktionsfunktion in vielen Bereichen ist anders als im Euroraum. Das war schon immer so, das sind keine Dinge, die jetzt erst geschehen sind. Deswegen, wir haben die Verantwortung als EZB für den Euroraum und die Amerikanische Notenbank kümmert sich um die USA, die Vereinigten Staaten. Und die Verantwortung, die haben wir am Donnerstag gezeigt, wie wir sie sehen, in stabilen Preisen, und darauf sollten wir uns konzentrieren.

Euroraum hat sich "ganz außerordentlich als stabil erwiesen"

Küpper: Das heißt, Sie sehen bei der EZB keine – ja – strukturellen Probleme? Weil es natürlich auch unglaublich schwierig ist, diesen – Sie haben es gesagt – unglaublich heterogenen Euroraum, mit vielleicht unterschiedlichen auch Interessenslagen, sei es kultureller Hintergrund oder auch – ja – geldpolitischen anderen Ansichten, in einer großen Entscheidung dann zu vereinen.
Nagel: Wissen Sie, ich finde, dass dieser Euroraum sich in diesen zwanzig Jahren ganz außerordentlich als stabil erwiesen hat. Wir sind durch viele Krisen gegangen – wir haben gelernt durch die Krisen. Wir haben unseren Handlungsrahmen deutlich erweitert, ergänzt. Wir sind heute viel besser aufgestellt, mit Krisen umzugehen. Und ich bin nach wie vor ein großer Fan des Euros, des Euroraums. Und ich denke, erlauben Sie uns mal das Gedankenspiel, was wäre, wenn wir so eine Krise wie jetzt, die wir jetzt haben, gesehen hätten in einem Verbund von unterschiedlichen Währungen? Also, ich könnte mir vorstellen, da wären wir noch mit ganz anderen Fragen konfrontiert. Deswegen, wir müssen aus dem Euroraum, so wie er jetzt ist, das Beste machen, und die Geldpolitik ist dazu in der Lage.
Küpper: Das heißt, Sie sind handlungsfähig und in dieser Größe, in diesem Gemeinsamen, liegt auch ein Stück weit Stabilität in dann unruhigen Zeiten?
Nagel: Also, ich sehe das so. Wir haben in diesem Euroraum gezeigt, wie wir durch verschiedene Krisen gegangen sind und werden auch jetzt in der Lage sein, diese Phase von hohen Inflationsraten, die bedingt sind durch Ereignisse, die die Geldpolitik selbst nicht in der Hand hat, dass wir diese stabilisierend in den Griff bekommen werden. Und das ist unser Auftrag und das werden wir auch schaffen am Ende.

Christine Lagarde macht ihr Rolle "sehr sehr gut"

Küpper: Die Europäische Zentralbank wurde ja im Juni 1998 gegründet. Und zu Beginn, da hatte man durchaus den Eindruck, dass sie eher in der Tradition der Deutschen Bundesbank stand, die Inflation vor allem im Hauptaugenmerk war. War das in den letzten Jahren auch immer so?
Nagel: Also, man muss natürlich sehen, dass dieser Währungsraum in den letzten mehr als zwanzig Jahren durch verschiedene Phasen gegangen ist. Wir hatten relativ ruhige Jahre bis zum Jahre 2008, bis zur berühmten Pleite von Lehmann, dann nachfolgend eine Staatsschuldenkrise, sind dann durch die Pandemie gegangen. Also, wir hatten auch ganz unterschiedliche Phasen, die ganz andere Reaktionen erforderlich gemacht hatten seitens der EZB, des Eurosystems. Und hier, finde ich, haben wir gezeigt, dass wir mit ganz schwierigen Situationen verantwortungsvoll umgehen können, dass die Geldpolitik im Mandat der Preisstabilität ihrer Aufgabe gerecht wurde.
Und ja, da sehe ich die Tradition der EZB und da spiegelt sich auch das Bild der Bundesbank wider. Und ich kann jetzt, seitdem ich seit Januar im EZB-Rat bin, nur sagen, das ist ein ganz verantwortungsvolles Gremium, unter der Leitung von Christine Lagarde, die hier ihre Rolle sehr, sehr gut macht. Und ich werde mich in meiner Rolle als Bundesbankpräsident in der Tradition der Deutschen Bundesbank einbringen und um die Preisstabilität, um das gemeinsame Ziel kämpfen.
Küpper: Ich frage das auch vor dem Hintergrund, weil viele Ökonomen/Fachleute – Männer wie Frauen – nun von einer Rezession ausgehen. Und da ist dann natürlich die Frage, ob die Notenbankerinnen und Notenbanker weiter mutig bleiben, sprich, auch in eine Rezession hinein, die Zinsen anzuheben?
Nagel: Also, um es mal vereinfacht auszudrücken – ich wiederhole mich hier gerne nochmal –, das Thema ist Preisstabilität. Wir benötigen stabile Preise. Das kann durchaus auch sein, dass wir in eine Phase möglicherweise kommen könnten – derzeit deutet ja einiges darauf hin –, dass wir möglicherweise zum dritten/vierten Quartal dieses Jahres ganz flache Wachstumsraten sehen werden, möglicherweise auch eine zurückgehende wirtschaftliche Entwicklung, möglicherweise 2023 sich dieses Bild fortsetzen könnte.
Küpper: Aber dann wird der Druck ja auf Sie größer, die Zinsen eben nicht mehr anzuheben?
Nagel: Ich sehe den Druck für mich an der Stelle nicht. Also, für mich sehe ich die Herausforderung darin, dass wir die Inflation/die Inflationsentwicklung wieder in den Griff bekommen. Da sehe ich für mich die Herausforderung. Und das ist auch nach meiner Auffassung so im EZB-Rat eine geteilte Meinung.

Nagel: Finanzminister müssen für stabile Haushalte sorgen

Küpper: Aber die Stabilität des Euroraums an sich ist ja dann auch ein weiteres Thema, weil die Schulden, die hochverschuldeten Staaten – vor allem im Süden – ja dann auch eher Probleme bekommen. Schauen wir auf den 25. September beispielsweise, auf die Wahl in Italien, auch das ist natürlich ein – ja, vielleicht – Problem.
Nagel: Also, insgesamt vielleicht ein wichtiger Punkt, den Sie ansprechen, unbenommen jetzt, dass Sie ein Land explizit genannt hatten. Es geht natürlich auch um eine verantwortungsvolle Fiskalpolitik für den gesamten Euroraum. Da sind natürlich auch die Finanzministerinnen und Finanzminister in der Pflicht, im Euroraum. Die Geldpolitik kann vieles selbst angehen, aber eben auch nicht alles, und insofern hat die Fiskalpolitik hier auch eine Verantwortung. Und deswegen setzt sich gerade die Bundesbank schon immer – und Sie haben ja vorhin auf die Tradition angesprochen – für stabile Haushalte ein. Und das ist sicherlich auch eine Maßgabe, die erforderlich ist für die nächsten Jahre.
Küpper: Das heißt, Sie setzen da auf Einsicht bei diesen Staaten, auch bei den Finanzministern?
Nagel: Ja. Das ist ein Thema, was man immer wieder in Erinnerung rufen muss, also die Einsicht. Davon gehe ich aus, dass diese Einsicht bei allen Finanzministerinnen und Finanzministern vorhanden ist. Aber wir tun auch alles dafür, dass immer wieder darauf hingewiesen wird, dass es hier für den Euroraum nicht nur um die Geldpolitik geht, um Preisstabilität. Preisstabilität gelingt eben auch nur dann, wenn die Fiskalpolitik nicht entgegenwirkt.

Stagflation ist "nicht auszuschließen"

Küpper: Aber da geht es ja dann auch um eine Art – ja – Stagflation, würde ich sagen?
Nagel: Ja, das ist nicht auszuschließen, dass wir möglicherweise in eine Situation kommen – ich hatte das ja auch schon gesagt –, dass wir geringere Wachstumsraten sehen, möglicherweise auch eine Rezession. Das mag durchaus sein. Aber im Kern geht es darum, dass stabile Preise am Ende viel wichtiger sind für ein mittelfristiges/langfristiges Wachstum, einen guten Wirtschaftsausblick für den Euroraum. Und es gilt möglicherweise eine Durststrecke zu überbrücken. Aber derzeit sieht es zumindest so aus, dass diese Durststrecke und der Rückgang der Wirtschaftsleistung nicht stark ausfallen könnte.
Küpper: Das heißt, Sie sind zuversichtlich, dass Sie sich mit dieser, die ja auch Ihre Sichtweise ist, in Zukunft auch nachhaltiger im EZB-Rat dann letztendlich durchsetzen können?
Nagel: Die Entscheidung vom Donnerstag hat gezeigt, dass wir einstimmig der Auffassung sind, wo der Auftrag liegt. Und ich gehe davon aus, dass das auch in Zukunft so sein wird, dass wir gemeinsam im Euroraum, die Notenbankerinnen und Notenbanker, an unserem Mandat arbeiten und im Zusammenspiel mit der Fiskalpolitik und der finanzpolitischen Verantwortung der Länder es gelingen muss, wieder für stabilere im Euroraum zu sorgen, bei der Inflation und beim wirtschaftlichen Ausblick.

Nagel: Inflation wird 2023 wahrscheinlich zurückgehen

Küpper: Dann Herr Nagel, zum Abschluss: Ab wann wird das Thema Inflation aus Ihrer Sicht in der Öffentlichkeit nicht mehr so in dem Vordergrund stehen?
Nagel: Meine Güte, das ist eine Frage … am liebsten würde ich mir wünschen, natürlich morgen. Aber wenn man es realistisch sieht, muss man sagen, es wird uns sicherlich noch eine geraume Zeit beschäftigen. Das Jahr 2023 wird uns sicherlich noch, was das Thema Inflation angeht, so begleiten. Aber, wie gesagt, wir werden im Jahr 2023, wenn es bleibt so wie es ist, dann auch zurückgehende Inflationsraten sehen, und die Menschen werden spüren, merken, dass das Thema Inflation dann langsam an Relevanz verliert.