Montag, 27. Juni 2022

Kölner Kongress 2022
Hinterher ist man immer schlauer: Über Zukunftserzählungen

Man will aus der Geschichte lernen. Denn: Man ist ja schlauer geworden. Hofft man zumindest. Und das ist das große Problem der Zukunft, wenn sie zunächst einmal Gegenwart geworden und noch nicht abgeschlossen ist: Das Geschehen kann in seinem Verlauf auf verschiedenste Weise wandeln und unsere Hoffnungen enttäuschen.

Von Dirk Peitz | 10.04.2022

Der Schriftzug Morgen ist die Frage des Künstlers Rirkrit Tiravanija hängt an der Fassade des Techno Clubs Berghain in Berlin Friedrichshain.
Erst die Möglichkeit, dass morgen anders sein könnte als gestern oder heute, schaffte Ungewissheit und damit die Grundqualität von Zukunft, wie wir sie heute begreifen (imago images/Bildgehege)
Das Nichteintreten der Apokalypse hat den Glauben an ihr Bevorstehen bis heute nicht aus der Welt geschafft. Derlei Bedrohungen gehen aber heute vom Menschen selbst aus, die Beteiligung von Gott oder Göttern ist daran seit der Erfindung der Atombombe nicht unbedingt mehr nötig. Dystopien gibt es mehr als genug, die Frage ist eher, ob die aktuelle Gegenwart noch zu Utopien fähig ist. Oder wenigstens zur Hoffnung. Und damit ist man schon bei der Corona-Pandemie und beim Krieg in der Ukraine angelangt. Man glaubt sich in frühere, zumeist als düster begriffene Zeiten zurückgeworfen und erlebt doch immerzu etwas Neues, dieses Paradox der Zeit scheint unauflösbar. Und es gibt ja durchaus rationale Gründe, sogenannte existenzielle Risiken zu fürchten, die das Ende der Menschheit bedeuten könnten. Die Erzählungen, die sich daraus ergeben, sind zugleich archaisch und modern, wie immer sie auch ausgehen mögen. Sie offenbaren die Vorläufigkeit jeder Zeitbeschreibung.
Dirk Peitz, geboren 1971, lebt in Berlin. Er ist Leiter des Kulturressorts bei ZEIT Online und schrieb viele Jahre als Redaktionsleiter für die deutsche Ausgabe von WIRED sowie als Autor für die Süddeutsche Zeitung. „Fernblick“ erschien 2020 im Suhrkamp Verlag.

Hinterher ist man immer schlauer.
Oder wie der Philosoph, Mathematiker und Theologe Abt Rupert Kornmann vor etwas mehr als 200 Jahren schrieb, 1814. Und bei ihm klingt die mutmaßlich ungefähr gleiche Erkenntnis weniger nach Binse, sie ist auch tatsächlich nicht trivial:
„Es ist das Schicksal der Staaten sowie einzelner Menschen, erst klug zu werden, wenn die Gelegenheit, es zu sein, verschwunden ist.“

Bewahrt ein Zuwachs an Klugheit vor zukünftiger Dummheit?

Die Zukunft, hat man das Privileg, über eine halbwegs frei zu verfügen, kann sich im Rückblick, wenn die Zukunft also Vergangenheit geworden ist, als eine herausstellen, die man so nicht gewollt hat. Oder deren Ausgang man zumindest anders erwartet hätte. Die Frage ist dann nur, und darin unterscheiden sich Binse und Kornmanns Aussage: Bewahrt ein Zuwachs an Klugheit einen in der dann folgenden Zukunft vor Dummheiten, die man in der vergangenen Zukunft begangen hat? Was genau ist eine Dummheit in einem je spezifischen Kontext? Und sind Menschen und Staaten lernfähig und Strukturen und Systeme, wie man heute hinzufügen würde?
Hinterher ist man immer schlauer: Tatsächlich markiert dieser so trivial wirkende Satz in gewisser Hinsicht den Beginn der europäischen Neuzeit und benennt zugleich die normativen Voraussetzungen dafür, dass und wie wir auch heute noch über Zukunft nachdenken – so wir das denn tun. Wir sind uns des fundamentalen Unterschieds von Vergangenheit und Zukunft, von Erfahrung und Erwartung aber heute gewahr und wollen das Morgen besser machen, als das Gestern war. Dafür musste unter anderem an die einstige Stelle der Prophetie des Mittelalters die rationale Prognostik der Neuzeit rücken. Doch auch die, das erfahren wir immer wieder, irrt mitunter.

Ungewissheit als Grundqualität von Zukunft

Das europäische Mittelalter war neben dem Glauben an eine bevorstehende Endzeit geprägt von einer Erfahrung der Zeit, die zugleich statisch und zirkulär zu verlaufen schien. So wie eine Jahreszeit die andere ablöst, wurde ein Fürst vom nächsten abgelöst, ohne dass sich fundamental etwas veränderte, grob vereinfacht gesagt. Erst die Möglichkeit, dass morgen anders sein könnte als gestern oder heute, schaffte Ungewissheit und damit die Grundqualität von Zukunft, wie wir sie heute begreifen.
Das Nichteintreten der Apokalypse hat den Glauben an ihr Bevorstehen bis heute nicht aus der Welt geschafft. Und es gibt ja durchaus rationale Gründe, sogenannte existenzielle Risiken zu fürchten, die das Ende der Menschheit bedeuten könnten. Derlei Bedrohungen gehen aber heute vom Menschen selbst aus, die Beteiligung von Gott oder Göttern ist daran seit der Erfindung der Atombombe nicht unbedingt mehr nötig. Dystopien gibt es mehr als genug, die Frage ist eher, ob die aktuelle Gegenwart noch zu Utopien fähig ist. Oder wenigstens zur Hoffnung.

Vermeintlich rasender Stillstand der Spätmoderne

Die Zeit begann sich mit Beginn der Neuzeit scheinbar zu beschleunigen, bis zum vermeintlichen Rasen der Moderne und dem auch nur vermeintlichen rasenden Stillstand der Spätmoderne. Scheinbar und vermeintlich deshalb, weil die Zeit jenseits ihres natürlichen Verlaufs selbstverständlich ein Wahrnehmungsphänomen ist, dessen Parameter nicht so objektiv sind, wie man annehmen könnte.
Die Zukunft als Verheißung (aber auch weiterhin als Drohung) existierte ab dem Moment der Gewissheit, dass nichts so bleiben würde, wie es war, oder mindestens nicht alles so bleiben sollte, wie es war. Der Fortschritt, der mit der Moderne in die Welt kam, trägt bereits buchstäblich ein anderes Zeitverständnis in sich, ein lineares einer Bewegung, vom Erfahrungsraum Richtung Erwartungshorizont: Es geht voran, auch wenn nicht klar ist, wohin genau. Alexis de Tocqueville schreibt bereits in De la Démocratie en Amérique im Jahr 1835:
„Seit die Vergangenheit aufgehört hat, ihr Licht auf die Zukunft zu werfen, irrt der menschliche Geist in der Finsternis.“

Wenn die Zukunft noch nicht abgeschlossen ist

Hinterher ist man immer schlauer. Grammatikalisch ausgedrückt: Das Temporaladverbial „hinterher“ in diesem Satz markiert den Übergang in die „vergangene Zukunft“, wie sie der Historiker Reinhart Koselleck in seinem gleichnamigen Buch 1979 über die Semantik geschichtlicher Zeiten beschrieben hat. Ausgedrückt wird in dem Satz ein vorzeitiges Zeitverhältnis – etwas ist geschehen, das man so offenbar nicht erwartet hat und augenscheinlich als negativ bewertet. Doch nun ist es zu spät, dieses Geschehnis noch vor seinem Eintreten zu verhindern, jedenfalls seinen Beginn, sollte es noch nicht abgeschlossen sein; oder das Geschehnis vollständig rückgängig und damit ungeschehen zu machen. Man kann nun nur noch mit den Folgen umgehen, und sei es in der Form, dass man die Möglichkeit einer Wiederholung dieses oder eines ähnlichen Ereignisses bei nächster Gelegenheit schon im Vorfeld verhindert.
Man will aus der Geschichte lernen. Denn: Man ist ja schlauer geworden. Hofft man zumindest. Und das ist das große Problem der Zukunft, wenn sie zunächst einmal Gegenwart geworden und noch nicht abgeschlossen ist: Das Geschehen kann in seinem Verlauf auf verschiedenste Weise unsere Hoffnungen enttäuschen, ja die Vorläufigkeit jeder Zeitbeschreibung offenbaren. Man glaubt sich in frühere, zumeist als düster begriffene Zeiten zurückgeworfen und erlebt doch immerzu etwas Neues, dieses Paradox der Zeit scheint unauflösbar.

Die zehn Bedrohungen der Zivilisation

Und damit ist man endgültig bei der Corona-Pandemie und beim Krieg in der Ukraine angelangt.
Bei zwei Ereignissen, die in einer vergangenen Zukunft im Bereich des Möglichen lagen, womöglich gar des Wahrscheinlichen. Deren einerseits Eintreten im Fall der Pandemie, andererseits Heraufbeschwören als Drohung durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin hat jedoch mindestens die Mehrheit der Weltbevölkerung überrascht. Diese hat sich im Zweifel zuvor weder mit virologischen, respektive epidemiologischen noch geopolitischen und militärischen Fragestellungen in Europa gerade beschäftigt.
2017 erschien in der deutschen Ausgabe des Tech-Magazins Wired ein Artikel des britischen Schwesterblatts. Er hieß im Original „From nuclear war to rogue AI, the top 10 threats facing civilisation“. Die britische Wired hatte Mitarbeitende der beiden britischen Wissenschaftsinstitutionen Centre for the Study of Existential Risk an der Universität Cambridge und des Leverhulme Centre for the Future um ihre Einschätzung der zehn größten existenziellen Risiken gebeten.

Falsche Verschwörungserzählung: Virus aus dem Labor

Auf Platz 2 im Jahr 2017: „Pandemien werden zur Bedrohung für die Menschheit“.
Als wahrscheinlicher Zeitpunkt wurde bereits das damalige „Heute“ angegeben, die Priorität wurde als „sehr hoch“ eingestuft. Allerdings konzentrierten die aus verschiedensten Disziplinen stammenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich damals vor allem auf das Szenario, dass ein in einem Labor gezüchteter Virus in die Welt gelangen und eine Pandemie mit zivilisationsbedrohlichen Folgen auslösen könnte – was dann später beim Coronavirus ja tatsächlich eine, wie man mittlerweile gesichert sagen kann, falsche Verschwörungserzählung besagte.
Auf Platz 4 im Jahr 2017: „Ein Atomkrieg führt das Ende der Zivilisation herbei“, wahrscheinlicher Zeitpunkt „jederzeit“, Priorität „niedrig bis mittel“. Im Wired-Text wurde 2017 also mit Verweis auf Kaschmir und, Achtung: die Ukraine darauf hingewiesen, dass es zum damaligen Zeitpunkt bereits Konflikte gab, an denen Atommächte beteiligt waren. Jedoch hielten die Forschenden es 2017 für wahrscheinlicher, wenn auch höchst unwahrscheinlich, dass es zu einem „ungeplanten Atomkrieg zwischen den USA und Russland kommen könnte“, dass also etwa ein Falschalarm einen nuklearen Erstschlag provozieren könnte.

Auswirkungen auf die ganze Welt und die Zukunft

Nun haben eine Pandemie und ein möglicher Atomkrieg nur gemeinsam, dass beide potenzielle Ereignisse eben ein existenzielles Risiko für die Menschheit darstellen. Um also nicht falsch verstanden zu werden: Wir wollen beides nicht vergleichen und nur insofern parallel betrachten, als dass sie eben gegenwärtige Ereignisse oder Szenarien sind, die in ihren möglichen Auswirkungen nicht nur die ganze Welt betreffen, sondern auch die Beschäftigung mit der Zukunft und ihren Erzählungen infrage stellen.
Das lässt sich ganz praktisch überprüfen: Jede Zuhörerin, jeder Zuhörer wird für sich sagen können, wie fundamental verschieden sie oder er ihre und seine persönliche Zukunft wie die der Welt im, sagen wir, Dezember 2019, September 2020, Oktober 2021 und März 2022 gesehen hat oder nun sieht.
Im Dezember 2019 hat man sich vermutlich Gedanken über die Weihnachtsgeschenke und den Skiurlaub nach Silvester gemacht.
Im September 2020 hat man vermutlich gehofft, das Schlimmste sei bei der Pandemie nun vorbei, die Dinge könnten, sobald Impfungen verfügbar seien gegen Corona, in einen Status quo ante zurückkehren, in eine da mutmaßlich noch relativ unhinterfragte Vorstellung einer sogenannten Normalität.

Was Wladimir Putin als nächstes denkt

Im Oktober 2021 hat man sich vermutlich gefragt, ob es im folgenden Winter einen vierten und fünften Lockdown geben würde unter einer da noch mutmaßlichen Ampel-Regierung in Deutschland. Wann das eigentlich alles endlich vorbei wäre mit der Pandemie. Und wie so etwas wie Normalität dann aussehen könnte – hatte man doch die Bilder der Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen noch in frischer Erinnerung und damit mögliche drastische Folgen der Klimakatastrophe, eines weiteren existenziellen Risikos.
Im März 2022 fragt man sich vermutlich, was Wladimir Putin denkt. Und was er als nächstes tun und befehlen wird, wie viel menschliches Leid er mit den gewaltigen Mitteln des russischen Militärs noch verursachen wird, in der Ukraine vor allem, aber womöglich auch anderswo.

Die Pandemie bekommt eine Übersichtlichkeit

Gemessen an den unüberschaubar vielen Fragen und Szenarien, die sich mit dem Krieg in der Ukraine verbinden, wirkt die Pandemie plötzlich wie ein übersichtliches Geschehen, ein, wie man dank unter anderem der Tätigkeit der Modellierer, Epidemiologen und Virologen mittlerweile in breiten Bevölkerungsschichten gelernt hat, berechenbares.
Ein Virus ist in diesem Sinne ein rationaler Akteur. Seine Verbreitung lässt sich unter Einbeziehung relativ weniger Variablen vorausberechnen, und daraus ergeben sich überschaubar wenige Szenarien. Die Wahrscheinlichkeit, welches davon zu einem jeweiligen Zeitpunkt der Pandemie eintritt, hängt wesentlich vom Verhalten der Menschen und der Wirksamkeit der Maßnahmen ab, die der Staat beschließt. Auch das sogenannte Präventionsparadox ist halbwegs im Prinzip leicht zu verstehen, also dass etwa besonders verheerende Szenarien nicht eintreten, weil man ihr Eintreten auch besonders zu verhindern versucht, und dass das Nichteintreten eben eine direkte Folge der Präventionsmaßnahmen ist, ein Erfolg – den Gegner der dafür getroffenen Maßnahmen aber als solchen nicht erkennen wollen, womöglich auch deshalb, weil sie den Unterschied zwischen Szenario und Prognose nicht verstehen. Stimmte das, wäre es zwar nur ein individuelles intellektuelles Problem mit jedoch weitreichenden Folgen für die Gesellschaft und die Diskurse in ihr, man denke etwa an die sogenannten Querdenker.

Die Parameter verändern sich

Über die Dauer der Pandemie, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt ja immer noch nicht vergangene Zukunft geworden ist, verändern sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bestimmte Parameter, die weiter berechenbar bleiben, auch das haben wir erlebt: Neue Virusvarianten verbreiten sich schneller als andere, Impfungen helfen gegen sogenannte schwere Verläufe, nicht aber sicher gegen Ansteckung und so weiter – zwei Jahre Pandemie haben die meisten Menschen zu epidemiologisch halbwegs Bewanderten gemacht.
So relativ berechenbarer die Pandemie mit zunehmender Dauer wurde, so größer müsste eigentlich das Entsetzen darüber sein, wie viele Menschen weltweit mit oder an Corona gestorben sind; und wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass ein Ereignis, vor dessen Eintreten nicht erst im Jahr 2017 und nicht nur in einer kleinen Zeitschrift für Zukunftsinteressierte und Tech-Begeisterte gewarnt wurde, dennoch geschehen konnte, ohne dass die Welt wesentlich darauf vorbereitet schien.

Erst klug werden, wenn die Gelegenheit, es zu sein, verschwunden ist

Welche Folgen die Corona-Pandemie in der Zukunft haben wird, lässt sich hingegen nicht so genau vorhersagen wie ihr Verlauf. Die möglichen oder sogar wahrscheinlichen Folgen sind fast notwendigerweise auch viel komplexer. Welche Auswirkungen die bislang zwei Jahre Pandemie und die in ihrem Zuge ergriffenen Maßnahmen etwa auf Kinder und Jugendliche haben werden, ihre Bildungs- und Berufschancen, ihre psychische Gesundheit, ihr Sozialverhalten, ihre Beziehungen zu ihren Eltern, ihre Selbsterzählungen, ihr Bild von der Welt, der Gesellschaft, des Staates und letztlich auch der Zukunft – wer würde da eine Prognose wagen zum gegenwärtigen Zeitpunkt, und auf welche Parameter genau sollte die sich auch stützen?
Aber was ist zum Beispiel mit dem deutschen Staat, um an Rupert Kornmanns Ausspruch zu erinnern:
„Es ist das Schicksal der Staaten sowie einzelner Menschen, erst klug zu werden, wenn die Gelegenheit, es zu sein, verschwunden ist“.

Nassehis Diagnose der Lernunfähigkeit heutiger Gesellschaften

Hat er in der Pandemie nicht doch bereits klug gehandelt, als Gelegenheit dazu war? Und wird er hinterher schlauer sein und im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen zu verhindern, dass die Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs einer neuen Pandemie mit einem anderen Erreger geringer wird als „sehr hoch“, wie es 2017 in Wired stand?
Der Soziologe Armin Nassehi hat im November 2021 in einem Text für das Kulturressort von „Zeit Online“ eine wenig optimistisch stimmende Analyse verfasst. In ihr hat Nassehi am Beispiel der damaligen Delta-Welle eine Lernunfähigkeit heutiger Gesellschaften diagnostiziert. Moderne Gesellschaften, so Nassehi, seien strukturell gegenwartsorientiert: Je höher ihre Komplexität sei, desto gegenwärtiger ihr Blick. Die „Hindernisse des Lernens“ in solchen Gesellschaften hätten laut Nassehi damit zu tun, „dass Lernen und Fortschritt voraussetzen, den Erfolg in eine nie beginnende Zukunft zu verlegen“. Der Grund gegenwärtiger Entscheidungen müsse aber die Situation einer noch unbekannten Zukunft sein. Nassehi schrieb: „Man müsste sich gewissermaßen von dem Zeitstrahl sich ablösender Gegenwarten emanzipieren, in dem es immer nur modalisierte gegenwärtige Vergangenheiten und gegenwärtige Zukünfte gibt, um den Zeitstrahl quasi von oben als ein Vorher-Nachher zu beobachten.“ Dann erst könnte man lernfähig und in diesem Sinne zukunftsfähig werden.

Vermeidung von zu viel Kommunikation

Indem wir eben die Gegenwarten und zugleich gegenwärtigen Zukünfte in vier verschiedenen Monaten der Jahre 2019 bis 2022 eingeordnet haben, haben wir also dieses Problem der gesellschaftlichen Gegenwartsorientierung nach Nassehi geschildert. Der empfahl übrigens in dem Text für „Zeit Online“ eine Art Trick für staatliche Präventionspolitik: die „Institutionalisierung organisierter Routinen bei gleichzeitiger Vermeidung von zu viel Kommunikation, die riskant ist, weil man nie weiß, wie sie ausgeht“.
Was höflich formuliert eine gewisse Umgehung von zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeit bedeuten würde.
Die wiederum sich, ebenso wie Medien übrigens, in aller Regel nur gelegenheitsabhängig mit spezifischen Problemen beschäftigt und sie als gegenwärtig und darum drängend begreift. Bald zieht sie weiter zum je nächsten gegenwärtig erscheinenden und manchmal tatsächlich drängendem Problem. Etwa einem Angriffskrieg, der in einem Land nur wenige Autostunden von einem entfernt geschieht und zu einem größeren Konflikt über dessen geografische Grenzen hinaus werden könnte, gar zu einem Atomkrieg – während gleichzeitig die Pandemie trotzdem weitergeht.

Der Ukraine-Krieg wirkt aus der Zeit gefallen

Wenn der Ausbruch und bisherige Verlauf der Corona-Pandemie sich von heute aus betrachtet als geradezu modellhaft absehbar herausgestellt hat, so erscheint der Angriff Russlands auf die Ukraine nicht nur durch das Maß an ausgeübter Gewalt und seine Völkerrechtswidrigkeit als ein schockierend anderes Ereignis. Auch wenn die Menschheitsgeschichte voll ist von Kriegen und die Lesart von Epochenbrüchen immer wieder unmittelbar mit Kriegen verbunden ist, wirkt der in der Ukraine auf den ersten Blick vor allem aus der Zeit gefallen.
Jedenfalls wurde er in seiner militärischen Form der Auseinandersetzung und als Überfall eines Staates auf ein Nachbarland unmittelbar entsprechend kommentiert – als ein Rückfall wahlweise in das 18. Jahrhundert oder das 19. Jahrhundert, zu den imperialen und kolonialen Expansionen europäischer Staaten, ins Denken von Clausewitz, der Monroe-Doktrin und später Bismarcks, erstaunlicherweise aber seltener als ein Rückfall ins frühe 20. Jahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg und dann zu Carl Schmitts Großraumtheorie.

Russlands Angriff auf die Ukraine folgt dem Donbass, der Krim, Georgien

Klar scheint hingegen, dass Wladimir Putin ausweislich seiner eigenen Aussagen den Angriff auf die Ukraine einerseits als historische Mission versteht, der Überfall andererseits aber vor allem einer nicht nur im sogenannten Westen verbreiteten zeitgeschichtlichen Vorstellung von Fortschritt diametral entgegensteht. Der zeitgenössische Fortschrittsgedanke besteht ja wesentlich darin, dass Krieg eigentlich keine Konfliktlösung darstellen sollte, selbst in dem Fall, dass er moralisch und/oder völkerrechtlich wohlbegründet ist.
Diese Vorstellung beinhaltet, auf die Gegenwart bezogen, allerdings auch offensichtlich ein größeres Maß an Verdrängung. Denn der russische Angriff auf die Ukraine ist ja nicht präzedenzlos. Er folgt russischen Invasionen in der jüngeren Vergangenheit unter anderem in Georgien und eben auf die Annexion der Krim und dem fortgesetzten Krieg im Donbass. Er unterscheidet sich auf den ersten Blick nur durch seine Dimension. Und er trifft auch insofern nicht auf einen gänzlich unvorbereiteten Westen, als dass etwa schon die National Defense Strategy der USA im Jahr 2018 die künftige Ausrichtung des eigenen Militärs kategorial änderte.
Inter-state strategic competition, not terrorism, is now the primary concern in U.S. national security“, ließ der damalige US-Verteidigungsminister James Mattis schon in die Einleitung des Papiers schreiben: Gemeint mit den strategischen Wettbewerbern waren in erster Linie und explizit China und Russland.

Kriege für die führenden Großmächte als strategische Niederlagen

Der russische Krieg gegen die Ukraine erscheint zutiefst irrational. Nicht nur weil er gegen das Völkerrecht verstößt. Sondern auch, weil er der Stabilitätserfahrung der europäischen Sicherheitsarchitektur seit dem Ende des Kalten Krieges widerspricht und der indes in den vergangenen Jahren bereits durch Handelskonflikte und Lieferkettenprobleme brüchig gewordenen wirtschaftlichen Praxis der Globalisierung. Er erscheint auch ganz pragmatisch widersinnig angesichts der Invasionen und Okkupationen etwa in Afghanistan und im Irak in den vergangenen Jahrzehnten: Diese müssen aus Sicht der Großmächte, die sie betrieben haben, im Rückblick selbst dann als gescheitert gelten, wenn man das menschliche Leid, das sie ausgelöst haben, und die mit ihnen verbundenen politischen, militärischen, rechtlichen und moralischen Dilemmata außen vor ließe: Selbst in der kühlen Logik der Einflussausübung waren diese Kriege für die sie führenden Großmächte strategische Niederlagen.
Angesichts also dieser offenkundigen Irrationalität der Handlungen Russlands muss sich die Welt zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit den Motiven eines einzelnen mächtigen Mannes beschäftigen: Was denkt Putin?

Der Krieg auch auf Social Media

Schon allein diese Frage stellt ein ontologisches Problem dar für eine Weltsicht, die menschliches Handeln in rational begründbaren Strukturen und Systemen eingebettet betrachtet und aus diesen heraus zu erklären versucht – das ist kein Vorwurf, sondern lediglich eine Feststellung.
Zugleich ist der Krieg in der Ukraine einer, der unter den zeitgenössischen Kommunikationsbedingungen der sozialen Medien geführt wird. Das, was man im Rückgriff auf Clausewitz (der den Begriff so genau nicht benutzt hat) in den USA den „fog of war“ nennt, den Nebel des Krieges, wird gespiegelt und gleichsam gedoppelt etwa auf Twitter durch die Verbreitung unüberschaubar vieler Bilddokumente und verbaler Äußerungen, die sich notwendigerweise nicht zu einem einzigen Bild fügen. Die Quellenlage ist dabei grundsätzlich unklarer als die mutmaßlichen Absichten der Postenden.

„Zeitenwende“ markiert einen Epochenbruch

Angesichts derartiger Unüberschaubarkeit wirkt es geradezu klärend, dass mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ein in der zeitgenössischen Produktion und Verbreitung von Bilddokumenten geübter ehemaliger Schauspieler als Gegenfigur zu Wladimir Putin in dessen selbstgewählter Isolation der riesigen Kremlhallen und absurd langen Tische existiert. Selenskyj ist der Mann aus dem Volk, der auch im Krieg den Kontakt zu diesem nicht zu verlieren scheint. Dieser Antagonismus zweier Männer an der Spitze von zwei Staaten wirkt in Zeiten, die in einer vergangenen Zukunft einmal als postheroisch beschrieben wurden, zunächst einmal vor allem komplexitätsreduzierend. Die Erzählung, die sich daraus ergibt, ist zugleich archaisch und modern, wie immer sie auch ausgehen mag.
Der Schnitt durch die Zeit, den der Krieg in der Ukraine darstellt, erscheint derart immens, dass der deutsche Bundeskanzler seine Regierungserklärung am 27. Februar 2022 mit dem Wort der „Zeitenwende“ überschrieben hat, das sich erkennbar nicht nur auf das in der Rede angekündigte künftige Handeln seiner Regierung bezog. Olaf Scholz markierte mit dem Begriff einen Epochenbruch beziehungsweise -übergang:
„Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“

Die namenlose Epoche einer vergangenen Zukunft ist gerade beendet

„Im Kern geht es um die Frage, ob Macht das Recht brechen darf. Ob wir es Putin gestatten, die Uhren zurückzudrehen in die Zeit der Großmächte des 19. Jahrhunderts. Oder ob wir die Kraft aufbringen, Kriegstreibern wie Putin Grenzen zu setzen.“
Scholz’ Bemerkung über „die Zeit der Großmächte des 19. Jahrhunderts“ als vermeintliches Zurückdrehen der Uhren entspricht den oben genannten Kommentaren zum scheinbar Unzeitgemäßen des Angriffs auf die Ukraine, sie zeigt auch die Erschütterung des eigenen Zeitverständnisses der Moderne und Spätmoderne eben als linearer Fortschrittserzählung.
Scholz’ Begriff von der „Zeitenwende“ als Diagnose bedeutet zunächst einmal, dass er offenbar eine Epoche als abgeschlossen betrachtet, ohne dass er die Ungewissheit darüber, was ihr folgt, genauer beschreiben konnte oder offenbar wollte. Was in dieser Lesart endgültig zu Ende gegangen scheint, ist die Zeit seit dem Ende des Kalten Krieges, eine knapp drei Jahrzehnte währende Phase, die gleichwohl nicht ohne Kriege war, auch nicht in Europa. Und die unipolar nur eine Großmacht kannte, die USA, die jedoch mindestens bis zur Präsidentschaft Donald Trumps weiterhin für andere vor allem als Bündnisgarant fungierte. Nicht der Aufstieg Chinas, sondern die Aggression Russlands hat demnach diese bislang noch namenlose Epoche gerade beendet und sie zu einer vergangenen Zukunft gemacht, mitsamt der Hoffnungen, die mit ihr verbunden waren.

Die unerträglichen menschlichen Kosten bis zur Erkenntnis

Amerikaner und Russinnen, aber ebenso auch Polinnen oder Esten und vor allem Ukrainer mögen das für eine exklusiv deutsche Lesart der Vergangenheit und Gegenwart halten. Erst in der Zukunftserzählung nähert man sich gerade an, womöglich aber nur vorläufig.
Hinterher ist man immer schlauer: Das Grundproblem dieses Satzes ist nicht nur, dass die Zeiteinteilung darin willkürlich erscheinen kann und behauptet, die Zeit existiere in abgeschlossenen Einheiten. Dass wir ihr Voranschreiten überhaupt bemerken, muss uns schockieren – so die Diagnose von der strukturellen Gegenwartsbezogenheit der Gegenwart denn zutrifft.
Hinterher ist man immer schlauer: Das Grundproblem dieses Satzes sind letztlich die oft unerträglichen menschlichen Kosten, die die Erkenntnis bis zu ihrem Eintreten produziert. Davon zeugen in diesem Augenblick die Bilder aus der Ukraine. Die Zukunft ist immer auch erschreckend offen, und bis zum Hinterher dauert es immer zu lang.