Mittwoch, 07. Dezember 2022

Katholische Kirche
Fast gescheitert: Das Reformprojekt Synodaler Weg

Viele Fälle sexualisierter Gewalt haben die katholische Kirche in Deutschland stark erschüttert. Das Reformprojekt Synodaler Weg soll den Ausweg aus der Krise weisen, Reformen anstoßen. Doch der Widerstand dagegen ist groß - unter Bischöfen und im Vatikan.

Von Rainer Brandes | 25.09.2022

Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz nehmen am Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Fuldaer Dom teil. Bei dem dreitägigen Treffen steht der Reformprozess unter dem Stichwort "Synodaler Weg" im Fokus.
"Drei Vollversammlungen lang haben die Verweigerer die Laien quatschen lassen, ihre Macht dann erst im entscheidenden Moment ausgespielt. Und dann geben sie noch das arme Würstchen", sagt Kirchenrechtsprofessor Norbert Lüdecke. (pa/dpa/Arne Dedert)
"Und wir sind gespannt auf das Ergebnis. Es stellt sich folgendermaßen..."

Samstagmittag, 10. September 2022. Im Frankfurter Congress-Center löst sich die Spannung. Die Vollversammlung des Synodalen Weges nähert sich ihrem Ende. Drei Tage lang haben hier katholische Bischöfe und Laien um Reformen in der katholischen Kirche in Deutschland gerungen.

Weg zu einem dauerhaften Synodalen Rat

Nun steht ein Text zur Abstimmung, der den Weg ebnen soll, um einen dauerhaften Synodalen Rat einzurichten.

„Das Ergebnis sieht wie folgt aus: Bei der Gesamtabstimmung sind 92,78 Prozent mit 167 Stimmen erreicht. 7,22 Prozent und damit 13 Stimmen stimmen gegen diesen Antrag. 15 Personen enthalten sich bei 195 abgegebenen Stimmen.“
92 Prozent Zustimmung für ein Gremium, in dem nach Ende des Reformprojektes Synodaler Weg Laien und Bischöfe gemeinsam Entscheidungen treffen sollen. 92 Prozent - das heißt aber noch lange nicht, dass der Antrag angenommen ist. Die Statuten des Synodalen Weges verlangen zusätzlich eine Zweidrittelmehrheit allein unter den Bischöfen.

„Jetzt bitte ich noch um das Ergebnis der Deutschen Bischofskonferenz. Das sind 87,76 Prozent.“

Eklat über die Neubestimmung der katholischen Sexuallehre

Auch die Bischöfe haben also mit mehr als 87 Prozent zugestimmt. Dass die überwiegende Mehrheit der Mitglieder der Synodalversammlung darüber so erleichtert ist, das liegt an einem Eklat, der sich hier nur zwei Tage zuvor abgespielt hat und zeigt, wie schwierig der Reform-Prozess in der Kirche immer noch ist.
Der Sitzungssaal im Frankfurter Congress-Center trägt den Namen „Harmonie“. Von Harmonie ist allerdings nichts zu spüren, als an jenem Donnerstag ein zentraler Text des Synodalen Weges am Votum der Bischöfe scheitert.

"Verbrechen sexualisierter Gewalt in der Kirche begünstigt"

„Das sind… das sind keine Zweidrittel, “ stellt die sichtlich überraschte Sitzungsleiterin Claudia Nothelle fest. Der gescheiterte Text hätte eine Neubestimmung der katholischen Sexuallehre anstoßen sollen. Sex außerhalb der Ehe sollte ebenso wie Selbstbefriedigung nicht mehr automatisch als Sünde gelten. Nicht-heterosexuelle Beziehungen sollten als gleichwertig betrachtet werden. Erstmals sollte die katholische Kirche anerkennen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Und: In der Präambel steht unmissverständlich:

"Wir sehen heute, dass kirchliche Sexualethik auch die Verbrechen der sexualisierten Gewalt in der Kirche begünstigt hat.“

Das alles ging offenbar fast 40 Prozent der deutschen Bischöfe zu weit. Sie stimmten gegen den Text. Das Entsetzen unter den Teilnehmenden des Synodalen Weges war groß. Einige Delegierte verließen unter Protest vorübergehend die Veranstaltung. Die Sitzung musste unterbrochen werden. Der Synodale Weg: Er stand vor dem Scheitern.

40 Prozent der Bischöfe wollen nicht von Sexualmoral ablassen

Julia Knop ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Sie ist also Expertin für die Lehre der Katholischen Kirche. Und sie ist selbst Mitglied des Synodalen Weges. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk erklärt sie, warum das Scheitern ausgerechnet dieses Textes so gravierend gewesen sei.
„Dass jetzt ausgerechnet dieser Text zur Sexualmoral bei 40 Prozent der Bischöfe durchgefallen ist, das halte ich für wirklich katastrophal. Und dass ausgerechnet da immer noch keine Bewegung ist, zeigt für mich, dass auch für zumindest einen Teil der Bischöfe – und keinen kleinen Teil der Bischöfe – da überhaupt keine Bereitschaft ist, von ihrem Ansinnen abzulassen, Körper zu kontrollieren, Frauen zu kontrollieren, Geschlechtlichkeit zu kontrollieren und zu definieren.“
Genau dieser Anspruch der Kirche, über Menschen, ihre Körper und ihre Sexualität zu bestimmen, ist für viele eine der Hauptursachen für sexualisierte Gewalt innerhalb der Kirche.

Ziel: Ausmaß sexualisierter Gewalt an Kindern erfassen

Im Jahr 2018 wurde die sogenannte MHG-Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegt. Diese Studie ist der erste Versuch, das Ausmaß sexualisierter Gewalt an Kindern innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland zu erfassen. Als Konsequenz daraus beschlossen die deutschen Bischöfe im Jahr 2019, das Reformprojekt Synodaler Weg einzuleiten. Gemeinsam sollten Bischöfe, Priester und sogenannte Laien – also alle nicht-geweihten Beschäftige und Gläubige – einen Ausweg aus der Krise suchen.
Getragen wird der Synodale Weg von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), dem zentralen Verband aller katholischer Laienorganisationen. Zu vier Themenfeldern wurden Foren eingesetzt: Macht und Gewaltenteilung in der Kirche, Priesterliche Existenz heute, Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche und eben Sexualität und Partnerschaft. Gleich zu Beginn machte der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof und Kardinal Reinhard Marx, deutlich, dass er eine Reform der Sexualmoral für dringend erforderlich halte.

Schock über fehlende Zustimmung zum Abschlusstext nach drei Jahren

Dass nun – drei Jahre später – ausgerechnet der Abschlusstext zur Sexualmoral scheitert, lässt viele Mitglieder der Synodalversammlung am Sinn der ganzen Veranstaltung zweifeln. Delegierte mit queeren Identitäten fühlen sich erneut zurückgesetzt. Aber auch viele Bischöfe, die sich für Reformen engagieren, sind entsetzt über ihre Amtsbrüder, allen voran der heutige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing aus Limburg. Auf der Abschluss-Pressekonferenz der Synodalversammlung in Frankfurt macht er daraus keinen Hehl:
„Der Schock war, dass die gesamte Bearbeitung dieses Textes und die Diskussionslage, die wir hatten in der Generaldebatte, für mich den Schluss nicht zuließ, dass wir keine Zwei-Drittel-Mehrheit der Bischöfe bekämen.“
Ein Plakat der Giordano-Bruno-Stiftung mit der Aufschrift "DAS ist die Katholische Kirche: Missbrauch vertuschen. Entschädigungen auf die lange Bank schieben. Aber Milliarden bunkern !" steht am Rande der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz auf dem Platz vor dem Dom.
Ein Plakat der Giordano-Bruno-Stiftung vor dem Domplatz am Rande der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. (pa/dpa/Arne Dedert)

Amtsbrüder ließen ihre Position im Reformprozeß nicht erkennen

Mit anderen Worten: Die konservativen Kritiker einer neuen Sexualmoral hätten sich an den Diskussionen nicht beteiligt und damit ihre Position nicht zu erkennen gegeben. Aber konnte man die Ablehnung wirklich nicht vorher erahnen?
Norbert Lüdecke ist Professor für Kirchenrecht. Bis zu seiner Emeritierung vor wenigen Monaten lehrte er an der Universität Bonn. Für ihn ist das Muster des demonstrativen Desinteresses an einem ernsthaften Dialog einiger Bischöfe nicht neu:

Die Macht im entscheidenden Moment ausgespielt

„Das Ganze war ja eine eiskalte Aktion. Über drei Vollversammlungen lang haben die Verweigerer die Laien ja quatschen lassen und ihre Macht dann erst im entscheidenden Moment ausgespielt. Und dann geben sie noch das arme Würstchen, sie seien so sehr unter Druck gesetzt worden. Also die übliche klerikale und episkopale Schuldumkehr. In meinen Augen geht mehr Missachtung kaum. Und – noch schlimmer – wieder führt das Schweigen der Hirten zu großem Leid.“

Gehorsams- und Loyalitätsforderungen aus Rom

Tatsächlich hatte mit dem Passauer Bischof Stefan Oster einer der wenigen Bischöfe, die sich im Vorfeld offen gegen den Text ausgesprochen hatten, hinterher beklagt, es sei schwierig, auf der Synodalversammlung diese Meinung offen zu vertreten. Aber er fühle sich nun einmal an die geltende Lehre gebunden.
Die Dogmatik-Professorin Julia Knop fordert dagegen von den Bischöfen mehr eigenständiges Denken:
Die werden ja von römischer Seite, gerade was Geschlechtlichkeit angeht, permanent indoktriniert mit diesem absurden Vorwurf, dass saubere Gendertheorien, die ja in allen Humanwissenschaften normal sind, absoluter Standard sind, dass dort von Genderideologien gesprochen wird. Sie werden indoktriniert durch Papiere, die ein strikt binäres Geschlechterbild festschreiben wollen wider alle Erfahrung. Und diese Papiere haben offensichtlich mehr Wirkung, vor allem weil sie mit ganz viel Gehorsamsforderungen und Loyalitätsforderungen einhergehen, als der direkte Kontakt mit Menschen, die eben diesen Geschlechterordnungen nicht entsprechen, als der Kontakt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, als die eigene Weiterbildung.“

Anonymer Befehl vom 'Heiligen Stuhl'

Ein solches Papier flatterte im Juli ziemlich überraschend den Mitgliedern des Synodalen Weges ins Haus. Absender: Das Presseamt des Heiligen Stuhls. Kein Name, keine Unterschrift, kein Hinweis darauf, wer in wessen Auftrag hier schreibt. Die „Erklärung des Heiligen Stuhls“ – so der Titel – umfasst nur knapp 14 Zeilen. Gleich zu Beginn heißt es unmissverständlich:

Zur Wahrung der Freiheit des Volkes Gottes und der Ausübung des bischöflichen Amtes erscheint es notwendig klarzustellen: Der ‚Synodale Weg‘ in Deutschland ist nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten.

Vorschläge für eine weltweite Bischofssynode in Rom

Stattdessen ruft das anonyme Schreiben die deutschen Bischöfe und Gläubigen dazu auf, ihre Vorschläge in den synodalen Prozess der Weltkirche einzubringen. Papst Franziskus hat für die gesamte katholische Kirche nämlich einen synodalen Prozess gestartet, in dem Gläubige aus der ganzen Welt ihre Anliegen einbringen sollen. Kommendes Jahr soll der Prozess in eine weltweite Bischofssynode in Rom münden.
Pope Francis Angelus in The Vatican on 13 January 2022. RESTRICTED TO EDITORIAL USE - Vatican Media / Spaziani.
Wusste Papst Franziskus von dem Brief an die Synodalversammlung? (picture alliance / Vatican Media / Spaziani. / Vatican Media / Spaziani.)
Allerdings hatte der Synodale Weg in Deutschland genau dies von Anfang vor. In seinen Statuten ist festgelegt, dass alle Beschlüsse, die einer gesamtkirchlichen Regelung bedürfen, dem Vatikan als Votum der deutschen Kirche vorgelegt werden. Dazu gehören alle Fragen der Lehre und der Rolle der Bischöfe.

Gezieltes Lancieren des Briefes vor der Synodalversammlung

Dennoch glaubt Matthias Drobinski, dass dieses Schreiben ganz gezielt kurz vor der Synodalversammlung in Frankfurt lanciert worden sei. Der Vatikan-Experte hat viele Jahre lang die Katholische Kirche für die Süddeutsche Zeitung beobachtet. Inzwischen ist er Chefredakteur der reformorientierten, christlichen Zeitschrift „publik-forum“.
„Aus meiner Sicht hat dieser Brief schon seine Wirkung entfaltet. Also, natürlich, formal ist das richtig: Der Synodale Weg betont ja immer wieder, wir wollen keine neue Lehre schaffen, wir wollen innerhalb des Katholischen etwas verändern. Aber die Polemik, oder wie man sieht, die Kritik der Gegner ist ja eben: Ihr überschreitet genau diese Linie. Und ich glaube, dass diese Kritiker dieser Brief einfach gestärkt hat.“

Franziskus - deutlich konservativer als viele erhofften

Inzwischen hat der Papst bestätigt, dass das Schreiben aus dem vatikanischen Staatssekretariat kam. Auf einer Pressekonferenz im Flugzeug bezeichnete er das Fehlen einer Unterschrift und eines Absenders als Amtsfehler ohne böse Absicht. Die Unterschrift also einfach vergessen?
Matthias Drobinski hält das nicht für glaubwürdig. Es sei durchaus möglich, dass das Staatssekretariat den Brief zunächst ohne Wissen des Papstes verfasst habe. Nach dessen Äußerung ist aber auch klar, dass Franziskus inhaltlich hinter dem Brief steht. Das ist für den Vatikanexperten auch keine Überraschung:
Papst Franziskus beim Anti-Missbrauchs-Gipfel im Vatikan am 21.2.2019
Papst Franziskus beim Anti-Missbrauchs-Gipfel im Vatikan am 21.2.2019 (AFP / POOL / Vincenzo Pinto)
„Papst Franziskus ist ja ein großer Reformer, was das Persönliche angeht, also die Art und Weise, wie er das Papstsein interpretiert. Der Papst muss bescheiden leben, keine roten Schuhe tragen, im Gästehaus leben. Das ist so seine Form der Reformen. Man merkt, das Strukturelle, das verachtet er manchmal regelrecht. Also, das findet er eher sowas für die Bürokratenhengste. Und: Da ist er auch deutlich konservativer als, glaube ich, viele Reformer 2013, als Papst Franziskus ins Amt kam, erhofften.“

Das gelte gerade für die Bereiche, die vielen Mitgliedern der katholischen Kirche in Deutschland unter den Nägeln brennen.
„Die Frage der Frauenweihe, da hat er ganz klar gesagt, das ist erledigt und das bleibt auch unter mir so. Beim Thema Homosexualität gibt es dann sehr freundliche Sätze gegenüber Menschen, die homosexuell empfinden, aber auch keine Andeutung, dass es da irgendetwas in der Lehre gibt. Ebenso bei der Frage künstlicher Verhütungsmittel. Also das sind alles Dinge, die dieser Papst erkennbar nicht von sich aus ändern will.“

Lüdecke: Synodaler Weg kann in Rom nichts erreichen

Was aber bedeutet das für die Zukunft des Synodalen Weges in Deutschland? Ist die ganze Arbeit umsonst? Wird es sowieso keine Veränderung geben? Der Kirchenrechtler Norbert Lüdecke hat eine ganz klare Haltung:
„Ich sehe keinerlei Chance in diese Richtung, denn der Synodale Weg hat überhaupt nicht die Kompetenz, hier Substanzielles anzuregen, und auch überhaupt nicht den politischen Rückhalt, um da in Rom etwas zu erreichen. Wie kann man sich in einer Kirche, die sich dezidiert nicht als Diskurs- und Argumentationsgemeinschaft und Demokratie versteht, auf die Kraft der Argumente verlassen wollen?“
Spätestens nach der Ablehnung des Textes zur Sexuallehre durch die Bischöfe hätten die übrigen Teilnehmenden die Konsequenz ziehen müssen und die Veranstaltung beenden, findet Norbert Lüdecke.
„Man muss doch klar sehen: Die Laien haben auf der Vollversammlung gebuhlt um die Abstimmungsgunst der Bischöfe und waren dann in diesem Moment am Boden zerstört. Ich hätte erwartet, dass man dann auch so viel Selbstachtung an den Tag legt und sagt: Okay, Leute, dann macht den Rest auch alleine!“

Hoffnung auf Veränderung bleibt

Tatsächlich stand der Synodale Weg an diesem Punkt kurz vor dem Scheitern. Das berichten fast alle Teilnehmenden. Nach stundenlangen, getrennten Beratungen der Bischöfe und der übrigen Delegierten war die überwiegende Mehrheit aber doch bereit weiterzuarbeiten. So wie Esther Göbel, die den Berufsverband der Pastoralreferent:innen vertritt:
„So anstrengend, wie diese drei Tage jetzt waren, und so frustriert, wie ich zwischendurch auch war, um nicht zu sagen kurz vorm Hinschmeißen und kurz vorm Aufgeben, merke ich, wie sehr wir lernen, synodale Kirche zu sein und hier wirklich gerade ein Paradigmenwechsel stattfindet. Und ich merke jetzt auch anhand der Abstimmungsergebnisse, dass hier auch innerhalb von kürzester Zeit Dinge gelernt werden, und hoffe deswegen, dass sich eben auch Veränderungen ergeben können.“

Bätzings Intervention sorgt letztlich für Zustimmung

Was genau die Bischöfe nach dem Eklat hinter verschlossenen Türen besprochen haben, dringt nicht nach außen. Doch offenbar hat Georg Bätzing, der als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz auch Co-Präsident des Synodalen Weges ist, seinen Amtsbrüdern klargemacht, dass die anderen Texte nicht scheitern dürfen. Er hat damit seine Rolle als Vorsitzender sehr weit ausgelegt, denn weisungsbefugt ist er gegenüber den anderen Bischöfen nicht.
Doch tatsächlich erhalten alle übrigen Texte, die auf dieser Synodalversammlung noch zur Abstimmung standen, die notwendigen Mehrheiten – Texte, die mindestens ebenso brisant sind wie der gescheiterte Text zur Sexuallehre.
Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, spricht beim Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Fuldaer Dom. Die deutschen Bischöfe treffen sich traditionell im September am Grab des heiligen Bonifatius in der osthessischen Domstadt. Bei dem dreitägigen Treffen steht der Reformprozess unter dem Stichwort "Synodaler Weg" im Fokus.
Nach Ablehnung des Textes zur Sexuallehre hat offenbar der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Co-Präsident des Synodalen Weges, Georg Bätzing, seinen Amtsbrüdern klargemacht, dass die anderen Texte nicht scheitern dürfen. (pa/dpa/Arne Dedert)

Ein dauerhafter Synodaler Rat soll kommen

So fordert der Synodale Weg jetzt offiziell eine lehramtliche Neubewertung von Homosexualität und fordert Rom auf, die Möglichkeit der Priesterweihe von Frauen neu zu prüfen.
Für die Zukunft des Reform-Prozesses in Deutschland besonders wichtig dürfte die in Frankfurt beschlossene Einrichtung eines dauerhaften Synodalen Rates sein. Er soll nun vorbereitet werden und den Synodalen Weg ablösen. Der nämlich hat ein definiertes Enddatum: Im März 2023 wird die letzte von fünf Vollversammlungen stattfinden.
Der Synodale Rat soll künftig neben der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken stehen, das die katholischen Laien vertritt. Dessen Präsidentin Irme Stetter-Karp hat zu den Aufgaben des künftigen Synodalen Rates klare Erwartungen:
„Er muss beraten und entscheiden. Das ist auch in der Vorlage bereits so beschlossen. Es wird ein Ort sein, an dem Bischofskonferenz und Zentralkomitee einen Zwischenraum bilden, aber eben nicht nur für schönes Beraten, sondern auch für Entscheiden in Grundfragen der Pastoral.“

Kritiker des Synodalen Wegs: Woelki, Voderholzer

Bischöfe sollen also künftig nicht mehr allein darüber entscheiden, wie Seelsorge in der Katholischen Kirche organisiert wird und wer welche Autorität hat. Ob es wirklich so kommt, ist offen. Denn kirchenrechtlich können sich die Bischöfe allerhöchstens selbst dazu verpflichten, sich an Entscheidungen eines Synodalen Rates zu halten.
Ob sie das tun werden, würde man gern die prominenten Kritiker des Synodalen Weges unter ihnen fragen, zum Beispiel den Kölner Erzbischof und Kardinal, Rainer Maria Woelki. Er hat sich bei der Abstimmung über den Synodalen Rat enthalten. Oder der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer. Er hat dagegen gestimmt. Ein Interview mit dem Deutschlandfunk lehnen beide jedoch ab.
Kardinal Rainer Maria Woelki vom Erzbistum Köln
Kardinal Rainer Maria Woelki vom Erzbistum Köln hat sich bei der Abstimmung über den Synodalen Rat enthalten. (dpa / Marius Becker)
Irme Stetter-Karp setzt dennoch darauf, dass die allermeisten Bischöfe – die die Einrichtung des Rates mit ihrer Stimme auf den Weg gebracht haben – mitmachen:
„Da glaube ich aber, wenn so exponiert, wie es jetzt in der Öffentlichkeit war, ein Bischof mit seinem Namen sagt, ja, hierzu stehe ich, dann dürfte es doch enorm schwer für ihn sein, hinterher einfach irgendetwas ganz anderes zu machen. Nicht ausgeschlossen, aber er müsste es ja auch seinen Gläubigen in seiner Diözese dann erklären können, warum er um 180 Grad sich dreht.“

Laien bleiben abhängig vom Willen der Bischöfe

Das aber bedeutet: Die Laien bleiben abhängig vom guten Willen der Bischöfe. Echte Macht bekämen die Laien nicht, betont Kirchenrechtler Norbert Lüdecke:
„Man muss ja nur in die Eckpunkte gucken für den Synodalen Rat und sehen, dass da steht, er soll mindestens die Kompetenz haben und die rechtliche Wirksamkeit haben, die auch der Synodale Weg hat. Das heißt: gar keine!“
Ob der Synodale Weg zu einem Erfolg wird, ist also noch offen. Vieles wird davon abhängen, ob die deutschen Bischöfe bereit sind, Macht mit den Laien, den nicht-Geweihten, zu teilen. Auch darüber werden sie ab Montag (26.09.2022) auf ihrer Herbstvollversammlung in Fulda beraten. Die Erfurter Theologin Julia Knop jedenfalls ist fest davon überzeugt, dass es sich lohnt, den Synodalen Weg weiterzugehen:
„Es verändert sich viel zu langsam. Das ist völlig klar. Und es ist auch himmelschreiend, wie viel sich nicht verändert. Aber ich sehe die Alternative nicht. Ich möchte wirklich niemandem vorwerfen, und ich möchte auch mir selber nicht vorwerfen lassen, Hoffnung zu haben, sich für eine Kirche zu engagieren, die eben nicht nur aus einem klerikalen Apparat besteht, sondern die für viele von uns immer noch ein Stück Heimat ist, die Biografien geprägt hat. Wo sollen wir hin? Also, was ist der Ort, in dem ein Christentum auch mit katholischem Zungenschlag denn sonst gelebt werden kann?