Montag, 22. April 2024

Kommentar
Journalisten haben nicht den Auftrag, die AfD zu bekämpfen

Journalismus muss ausnahmslos alle Positionen hinterfragen, meint Friedbert Meurer - auch die der AfD. Journalisten müssten genau beschreiben, ob und wie gefährlich die Partei ist, aber nicht ihr Publikum vor unerfreulichen Sichtweisen abschirmen.

Ein Kommentar von Friedbert Meurer | 17.03.2024
Alice Weidel auf einem Parteitag der AfD 2022, umringt Mikrofonen, Kameras und Journalisten
Wie umgehen mit Alice Weidel und ihre AfD? Mit "Sachlichkeit und kühlem Kopf", empfiehlt Dlf-Redakteur Friedbert Meurer Journalisten (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Es war 1989 auf einer der ersten Reportage-Reisen für den Deutschlandfunk kurz nach der Maueröffnung. Sie führte nach Meißen in Sachsen. Eine Traube von Menschen bildete sich, die alle regelmäßig den Deutschlandfunk hörten und nach freier Information dürsteten. Einer erzählte sogar, dass er jede Ausgabe der „Informationen am Abend“ seit Jahren auf Kassette kopierte und das Regal mittlerweile überquoll.
Es macht wirklich betroffen, wenn heute, 35 Jahre später, Mails von Hörerinnen und Hörern aus Sachsen oder Thüringen kommen, die sich vom öffentlich-rechtlichen Radio verabschieden wollen. Die den Medien vorwerfen, sie seien nicht mehr dieselben wie früher und steckten mit der Regierung in Berlin unter einer Decke. Behauptungen, gegen die sich zwar viele Redaktionen in Deutschland wehren dürften. Die aber doch nachdenklich stimmen. Woher kommt dieser Eindruck?

Haltung zeigen statt Neutralität?

Die Enttäuschung hat mit einer allgemeinen Entfremdung von Politik und Demokratie zu tun. Aber Teil davon sind nun mal auch Journalistinnen und Journalisten. Nicht wenige Menschen fühlen sich vergessen und nicht wahrgenommen, Globalisierung, Migration und auch Klimaschutz machen ihnen Angst. Das ist beileibe als Phänomen nicht nur auf die östlichen Bundesländer begrenzt. Die Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen Entwicklungen findet man überall.
Was da auf Deutschland zurast, hat andernorts schon früher begonnen. Während die Briten den Höhepunkt der Populismus-Welle mit dem Brexit-Votum hinter sich gebracht haben könnten, ist zu befürchten, dass er in Deutschland erst noch bevorsteht. Soll der Journalismus in diesen Zeiten sich also wappnen und als wertegeleitet präsentieren, soll er Haltung zeigen statt Neutralität? Soll er eine Agenda verfolgen und seine Beobachterrolle verlassen?
Ein subjektiver Journalismus hat durchaus seine Berechtigung, oft packt er die Hörerinnen und Hörer mehr als die kühle Analyse. Aber eine Agenda ist dem Publikum suspekt. Der politische Journalismus sollte sich gerade jetzt auf seine Kernaufgabe besinnen, zu berichten und eine Sache von möglichst vielen Seiten zu beleuchten. Das Meinungsspektrum zu öffnen, statt es einzuengen.

Gemeinsame Informationsbasis in Gefahr

In den USA haben die beiden Lager im Kulturkampf keine gemeinsame Informationsbasis mehr. Das gilt es in Deutschland zu vermeiden, wenn es nicht schon fast zu spät ist. Diejenigen, die beim Thema Klimaschutz Desinteresse zeigen, sollen sich anhören, welche Beobachtungen Klimawissenschaftler weltweit machen. Wem Klimaschutz zentral ist, soll umgekehrt zur Kenntnis nehmen, dass in diesem Land viele voller Sorge Ratschläge hören, Deutschland zu deindustrialisieren. Befürworter einer Lieferung des Taurus an die Ukraine sollen für einen Moment die Perspektive des Kanzlers einnehmen, ob das Risiko zu hoch ist. Und die Gegenseite möge sich die Frage anhören, ob sich Deutschland von Russland gerade einschüchtern lässt.
Für diesen Journalismus braucht es Sachlichkeit und kühlen Kopf, die Bereitschaft, ausnahmslos alle Positionen zu hinterfragen - und auch die Gelassenheit, auch einmal ein Interview mit einem Abgeordneten der AfD anzuhören. Es ist nicht Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten, die AfD zu bekämpfen - es ist ihr Auftrag, genau zu beschreiben, ob und wie gefährlich die Partei ist. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Und das Publikum soll ruhig auch einmal Anstoß an einer Meinung nehmen. Den größten Dienst für die Demokratie erweisen Medien, wenn sie ihr Publikum umfassend aufklären und nicht vor unerfreulichen Sichtweisen abschirmen.

Möglichst große Bandbreite der Gesellschaft erreichen

Journalisten sollen Neugierde mitbringen, die Motivlagen von Menschen aufspüren, keine einfachen Antworten zulassen. In diesem Jahr wird gleich bei vier großen Wahlen der Puls der Demokratie gemessen. Medien und Presse liefern als Medizin und zur politischen Stärkung vorab Information und Aufklärung. Eine solchermaßen informierte Bevölkerung wird sich gerade eher nicht für billige populistische Konzepte jedweder Couleur erwärmen.
Möglichst viele aus den unterschiedlichsten Lagern zu erreichen, ist in diesen polarisierten und aufgeheizten Zeiten eine echte Herausforderung geworden, aber sie glückte früher auch. Wenn wir eine möglichst große Bandbreite der Gesellschaft erreichen, dann stärken die Medien unsere Demokratie am besten gegen alle populistischen Irrwege.