Mittwoch, 01. Februar 2023

Kommentar zu Lützerath
Ein isolierter Blick auf den Braunkohleabbau ist falsch

Lützeraths Ende sollte der Anfang einer überfälligen Debatte sein - darüber, was wir bereit sind, für die Einhaltung der Klimaziele zu ändern, kommentiert Vivien Leue. Wir müssen weg von der Vorstellung, wir könnten endlos so weiterleben wie bisher.

Ein Kommentar von Vivien Leue | 11.01.2023

Ein Demonstrant sitzt während der Räumung des Dorfes Lützerath auf einem Brett, das an einem Drahtseil hängt. Polizisten beobachten die Person.
Der Polizeieinsatz zur Räumung von Lützerath sorgt für Diskussionen (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Jetzt ist es also losgegangen – die Räumung von Lützerath am Tagebau Garzweiler im Rheinischen Braunkohlerevier. Seit Monaten hing sie als bange Ahnung in der Luft, seit Wochen ist sie beschlossene Sache. Auch der Ablauf der kommenden Wochen scheint vorgezeichnet: Es wird – wie heute schon gesehen - Widerstand geben: Menschenketten, Großdemonstrationen, festgekettete Aktivisten und Aktivistinnen, Solidar-Proteste sicherlich auch in anderen Regionen, vielleicht vor grünen Parteizentralen.
Diese Art von gewaltfreien Protesten wird von der Polizei vor Ort ausdrücklich begrüßt. Bei einer Pressekonferenz vor ein paar Tagen wiederholte das der zuständige Einsatzleiter so häufig, dass es fast wie eine Aufforderung klang. Genauso entschlossen sagte er: Gegen Gewalt werde entschieden vorgegangen.

Was Protest nicht darf

Richtig so. Denn Protest muss sich im Rahmen unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung bewegen und darf vor allem nicht die persönliche Unversehrtheit der Mitmenschen bedrohen. Werden aber Steine geworfen oder Feuerwerkskörper auf Personen abgefeuert, dann ist das lebensgefährlich. Und es beschädigt das hehre Ziel der seit Jahren vor Ort aktiven Klima- und Umweltschützer: den Kampf gegen den Klimawandel. Denn die Aktivistinnen und Aktivisten haben recht, wenn sie sagen: Wir müssen die so kritische 1,5-Grad-Grenze der Erderwärmung einhalten. Welche Auswirkungen der Klimawandel haben kann, spüren wir mittlerweile ja auch in Deutschland: Überschwemmungen, Dürren und andere Extremwetterlagen gab es zuhauf und sie sollen weiter zunehmen.

Angst aber darf nicht in Gewalt umschlagen

Also müssen wir weniger klimaschädliche Braunkohle verfeuern. Aber nur isoliert auf Lützerath zu schauen, wäre falsch. Denn wir müssen auch weniger Auto fahren, weniger fliegen, weniger Naturflächen versiegeln, weniger Strom verbrauchen. Kurzum: Wir müssen endlich weg von der Vorstellung, wir könnten endlos so weiterleben – denn das können wir eben nicht.
Die Weichen wurden vor Jahren schon falsch gestellt: Die Energiewende verschlafen, die Verkehrswende nicht entschlossen genug vorangetrieben. Und so befinden wir uns jetzt in einer Situation, die manche bereits Klima-“Katastrophe“ nennen – und die vielen jungen Menschen Angst macht. Diese Angst aber darf nun nicht in Gewalt umschlagen und deshalb bleibt jetzt zu hoffen, dass die kommenden Wochen der Räumung friedlich bleiben, so wie heute größtenteils. Und dass das Ende von Lützerath doch noch die überfälligen Diskussionen anstößt – darüber, was wir bereit sind, für die Einhaltung der Klimaziele zu ändern.