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Kommentar zu Muslimfeindlichkeit
Wegducken funktioniert nicht mehr

Betroffene von Muslimfeindlichkeit müssen besser geschützt werden, kommentiert Luise Sammann. Jeder Einzelne in Deutschland müsse sich und seine Haltungen hinterfragen. Auch Medien reproduzierten allzu oft die immergleichen einseitigen Bilder.

Ein Kommentar von Luise Sammann | 29.06.2023
Ein Polizeiauto steht vor der Merkez-Moschee. Die Ditib-Moschee in Duisburg ist nach einer Bombendrohung im Juli 2019 geräumt, weiträumig abgesperrt und durchsucht worden
Immer wieder kommt es vor, dass Moscheen wegen Bedrohungslagen Polizeischutz brauchen (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Wirklich überrascht sein dürfte niemand von dem, was der Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit in Berlin vorstellte. Muslime würden überproportional oft negativ dargestellt, hieß es da. Als besonders fremd, als rückständig, als gewaltaffin.

Rassistische Morde nur Spitze des Eisbergs

All das und viel mehr noch einmal in einem 400 Seiten starken Bericht schwarz auf weiß zusammengefasst zu sehen, ist besorgniserregend. An vielen Stellen auch beschämend. Wirklich neu aber ist es eben nicht. Die Zahlen von antimuslimischen Gewalttaten, Übergriffen auf Moscheen oder gar Morden steigen seit Jahren. Jeder muslimische oder auch nur als muslimisch wahrgenommene Mensch kann aus eigener Erfahrung erzählen, wie es sich anfühlt, Tag für Tag mit all dem konfrontiert zu sein. Rassistische Morde wie die in Hanau sind nur die traurigen Spitzen dieses Eisbergs.
Aber gerade, weil wir all das ja auch vor Jahren schon wussten, muss die Frage erlaubt sein: Hätte es dieses Gremium überhaupt gebraucht? Zweieinhalb Jahren lang haben zwölf zweifelsohne renommierte Expertinnen und Experten nun geforscht, zusammengetragen und geschrieben. Um am Ende eigentlich nur das zu bestätigen, was wir doch längst schon wussten.

Katalog an konkreten Forderungen

Oder war vielleicht genau das der Sinn der Sache? Wollten der damalige Innenminister, die damalige Bundesregierung und wir alle nach Hanau vielleicht einfach das Gefühl haben, es passiert etwas, jemand kümmert sich jetzt um das Thema? Das Gute daran, falls es denn wirklich so wäre: Dieses Wegducken funktioniert spätestens seit heute endgültig nicht mehr. Die Expertinnen und Experten haben nicht nur die Dimension des Problems, sondern auch einen ganzen Katalog an konkreten Forderungen vorgelegt.
Eine der prominentesten Empfehlungen: Ein Bundesbeauftragter gegen Muslimfeindlichkeit – sozusagen als Pendant zum existierenden Bundesbeauftragten gegen Antisemitismus. Aber ausgerechnet hier drohen die Experten ein "Weiter so" anzuschieben, das sie eigentlich unmöglich wollen können.

Schulbücher müssen umgeschrieben werden

Wenn nach dem Expertenkreis nun der Bundesbeauftragte übernimmt, wann übernimmt dann endlich die Gesellschaft? Stereotype über Muslime sind so weit verbreitet in Deutschland, sitzen so tief – häufig auch im Unterbewusstsein – dass es längst nicht mehr reicht mit dem Finger auf Extremisten oder AfD-Wähler zu zeigen. Genauso wenig reicht es, zu glauben, das hier gehe uns nichts an, solange wir nicht selbst in der Moschee beten oder Mohammed heißen.
Was wirklich geschehen muss, auch das zeigt der heute vorgelegte Bericht zum Glück: Schulbücher müssen umgeschrieben werden, weil sie teilweise vor antimuslimischen Klischees triefen. Auch Medien reproduzieren allzu oft die immergleichen einseitigen Bilder. Personal bei Behörden, bei der Polizei, in den Schulen und überall muss sensibilisiert und geschult werden. Betroffene müssen zudem besser geschützt und über ihre Rechte aufgeklärt werden.
Vor allem aber: Jede und jeder Einzelne in Deutschland muss sich und seine Haltungen hinterfragen. Auch den eigenen Informationsstand. Was weiß ich eigentlich über Muslime? Wen genau meine ich, wenn ich über die Muslime spreche? Wie viel persönlichen Kontakt habe ich? Wie empathisch bin ich gegenüber Opfern von Muslimfeindlichkeit? Wie solidarisch? Das wäre ein notwendiger Anfang. Denn klar ist: Wir haben ein Problem. Und weder ein Expertenkreis noch ein Bundesbeauftragter wird es für uns lösen.