Nach 9/11
Trost und Untröstlichkeit
oder: Wie das Hadern mit der Welt die Oberhand gewann
Von Ralf Konersmann
Nach 9/11, angesichts von Terror, Krieg und Krisen, schien jedes Weltvertrauen naiv. Trost war kaum möglich, vielmehr bildete sich eine Kultur der Untröstlichkeit. Und eine der Unversöhnlichkeit.
Louis Armstrongs What a Wonderful World, ein Lied, das 1967 mitten in Krieg und Rassenunruhen an der Schönheit der Welt festhielt, geriet nach dem 11. September 2001 unter Verdacht: Sein Vertrauen in Blumen, Bäume und gesegnete Tage erschien plötzlich als Zumutung. Es sollte nicht im Radio gespielt werden.
Die Erschütterungen des Weltvertrauens lassen eine Geschichte des Trostes erkennbar werden, von der Genesis und dem Paradiesverlust über die Psalmen, die Gnosis und das Erdbeben von Lissabon bis hin zu Voltaire und Montaigne. Immer wieder kehrt dieselbe Frage zurück: Darf Trost die Schrecken der Welt mildern, oder verrät er sie? Die Moderne misstraut dem Trost als Beschwichtigung und setzt auf Veränderung, Beratung, Trauerpolitik. Doch gerade die kleinen, schwachen Trostmittel - Lied, Freundschaft, Reise, Schreiben - bewahren eine Freiheit: Sie versöhnen nicht alles, aber sie helfen, in die Welt zurückzufinden.
Ralf Konersmann, geboren 1955 in Düsseldorf, Hochschullehrer und Publizist, war bis 2021 Direktor des Philosophischen Seminars an der Universität Kiel. Einem größeren Publikum bekannt wurde er durch seinen Bestseller Die Unruhe der Welt (2015), 2017 kam das Wörterbuch der Unruhe heraus, das mit dem Tractatus-Preis ausgezeichnet wurde und 2021 erschien Welt ohne Maß. 2025 erschien, ebenfalls bei S. Fischer, sein Essay Außenseiter.