Donnerstag, 29. Februar 2024

Tiere und Menschen
Über Tiere schreiben - über Tiere sprechen

Wie geht angemessenes Sprechen über Tiere? Es ist nicht ausgeschlossen, daran zu scheitern, sagt Essayistin Maxi Obexer. Sie ist in Südtirol mit Tieren in nächster Umgebung aufgewachsen. Fakt ist: Wir werden ihnen nicht gerecht mit unserer Sprache.

Von Maxi Obexer | 07.04.2023
Eine Frau geht mit drei Collies am Seeufer in Nowosibirsk entlang.
Mit dem Hund als Gefährten können sich einem Welten erschließen, zu denen man sonst nie Zugang gefunden hätte (IMAGO / Cavan Images / IMAGO / Cavan Images)
Der Essay untersucht, wie wir über Tiere sprechen und über Tiere schreiben und uns dabei einer Sprache bedienen, der ein klares Machtverhältnis eingeschrieben ist und die von der klaren Abgrenzung zu den Tieren geprägt ist.
Als denkende, sprechende und handelnde Wesen setzen wir uns denkend, sprechend und handelnd über Tiere hinweg. Allein, dass wir über eine menschliche Sprache verfügen, mit der wir die ganze Welt deuten können, und Tiere sich an diesem Menschen-Dialog nicht beteiligen können, sollte nicht dazu verführen, die Dimensionen zu verkennen. Darum geht es: die richtige Dimension zu finden, uns Menschen in ein wahres Verhältnis mit den Tieren zu bringen.
Maxi Obexer ist in Südtirol geboren und lebt in Berlin als freischaffende Autorin von Theaterstücken, Romanen, Hörspielen, Essays und Erzählungen. Ihr Theaterstück und Hörspiel „Illegale Helfer“ wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sie ist Mitglied des PEN International, gründete mit Sasha Marianna Salzmann das Neue Institut für Dramatisches Schreiben. Derzeit arbeitet sie an einem Roman über die Untiefen des Mensch-Tier-Verhältnisses, über das gegenseitige Geben und Nehmen der Spezies. 2023 wurde sie mit dem Alice Salomon Poetik Preis ausgezeichnet.

Das Sprechen mit den Tieren war vor dem Sprechen über die Tiere.
Mit den Tieren sprach ich, während ich mit ihnen aufwuchs. Über sie zu sprechen ist komplizierter, denn es bedeutet, dass sie, um die es geht, nicht mitsprechen können.
Es ist wie über eine Partnerschaft zu sprechen, ohne den Partner zu befragen.
Dennoch hat es mich wie kein anderes "Thema" gedrängt, es zu tun. Um kein anderes "Thema" bin ich öfter geschlichen.
Das Sprechen über Tiere schließt nicht aus, daran zu scheitern. Ihnen nicht gerecht zu werden. Denn auch das trifft zu: Wir müssen uns einer Sprache bedienen, der ein tiefes Machtverhältnis eingeschrieben ist, und die von der klaren Abgrenzung zu den Tieren geprägt ist. Wie wir über die Tiere denken, wie wir über sie sprechen und folglich: Wie wir mit ihnen umgehen, hatte und hat stets existenzielle Folgen für sie.
Ja. Auch um das Thema Schuld werden wir nicht herumkommen. Denn wir kommen um das Thema Gewalt nicht herum. Wir werden ihnen immer etwas schuldig bleiben. Als denkende, sprechende und handelnde Wesen haben wir uns denkend, sprechend und handelnd über sie hinweggesetzt. Über ihre Art zu sein, über ihre Systeme der Wahrnehmung, über ihre Entscheidungen.
Ich fühle mich dem Thema verpflichtet, als würde ich ein Versprechen einlösen, das ich gab, als ich ging und die Landschaft verließ, in der ich mit Tieren aufgewachsen bin. Und wenn ich sage: Ich bin mit Tieren aufgewachsen, oder: Ich bin in der Natur aufgewachsen, so klingt das so ähnlich wie: Ich bin mit Sauerstoff aufgewachsen.
Auch das macht das Schreiben über die Natur so misslich: Wenn wir über "die Natur" sprechen, scheint es, als könnten wir uns außerhalb von ihr aufhalten. Als könnten wir über die Natur sprechen wie über ein Ding wie einen Zahnstocher, der jetzt mal vor dem Aussterben beschützt werden sollte. Als wären wir Menschen die zentrale und bestimmende Größe über etwas wie die Natur. Schnell wird vergessen, dass wir von ihr umgeben sind, aus ihr hervorgehen, selbst Natur sind und von ihr abhängen, und nicht umgekehrt: die Natur von uns.
Dass wir über eine menschliche Sprache verfügen, mit der wir die ganze Welt deuten können, verführt gerne dazu, die Dimensionen zu verkennen. Wir sind nicht die einzigen mit einem Wahrnehmungs- und Orientierungssystem. Und auch die Tiere verfügen über eine Sprache, und zwar jede einzelne Art.
In einem angemessenen Sprechen über die Tiere müsste es darum gehen, die richtige Dimension zu finden. Uns Menschen in ein wahreres Verhältnis mit den Tieren zu bringen. Und mit "wahr" ist erstmal nicht mehr - aber auch nicht weniger als die Erweiterung der menschlichen Perspektive auf die Perspektive der Tiere gemeint. Dass wir sie als eigenständige Wesen, dass wir sie als Subjekte wahrnehmen.
Vielleicht lässt sich im Sprechen über die Tiere ein Sprechen mit den Tieren vorstellen, auch dann, wenn wir über sie sprechen.
Ich spreche im Folgenden von den sogenannten "Haustieren". Mit dem "Haus" im Wort zeigt sich eine Verwandtschaft zur "Hausfrau". Und ja, in der schnöden Reduzierung auf eine Funktion verrät sich ein weiteres ungleiches Verhältnis: Haustiere und Hausfrauen wurden "gehalten".
Der Eintrag in Wikipedia verrät zwar nichts über diese Verwandtschaft von Hausfrauen und Haustieren. Dafür über eine andere, nämlich die Verwandtschaft der Haustiere zu den Pflanzen: "Wildtiere werden durch Domestikation zu Haustieren, Wildpflanzen werden zu Kulturpflanzen."
In beiden Fällen steht das Subjekt fest, der Mensch, und fest steht auch, dass es nur ein Subjekt gibt und nicht etwa zwei Subjekte, die sich anblicken, die aufeinander eingehen.
Das Haustier wird von einem wilden zu einem gezüchteten Wesen umgeformt; dies ist auch heute noch die gängige Ansicht. Das Wilde wurde dem Haustier zwar ausgetrieben, nichts aber von dem, was sich die Tiere stattdessen angeeignet haben, wurde an dessen Stelle gerückt. Sie bleiben aufs Wilde zurückverwiesen. Auf etwas, das sie nicht mehr sind. Auf eine Leerstelle. Als seien Haustiere das Nichts vom Ganzen.
So ist die Annahme, dass der Hund vom Wolf abstamme unter Verhaltensforschern schon lange umstritten. Ein Beispiel dafür liefern Raymond Coppinger und Mark Feinstein in ihrem Buch Die Ethologie der Hunde.
Im Gegensatz zu Wölfen würden Hunde die Beute zwar jagen, aber nicht töten, da dies zur Aufgabe des menschlichen Jägers gehört. Wölfe gehen Paarbindungen ein und verteidigen ihre Gefährten, während die ihre Welpen säugen. Männliche Hunde haben mit der Aufzucht der Welpen rein gar nichts zu tun. Ihre engste Bindung ist die zum Menschen. So lassen sich Hunde bereitwillig zähmen. Wölfe hingegen nicht.
Das soziale Verhalten von Wölfen und Hunden unterscheidet sich wesentlich. Aufgrund der Arbeit mit Menschen haben Hunde völlig andere Kompetenzen herausgebildet, so, dass grundsätzlich von zwei Arten ausgegangen werden muss.
Ich verdanke den Tieren, mit denen ich aufwuchs - ich würde so gerne sagen: alles, was elementar zum Leben gehört und es zu etwas Besonderem macht.
Weil es neben den Menschen auch die Tiere gab, die auf die Welt kamen, und die ich aufwachsen sah, begriff ich die Welt und das Dasein aller Lebewesen einschließlich der menschlichen als etwas Besonderes.
Und so ist es mit der Schönheit: Weil ich Tieren zusehen konnte, wie sie sich in der Welt bewegen, begriff ich, wie schön die Welt ist.
Und so ist es mit der Zartheit und mit der Zärtlichkeit: Weil ich sie bei den Tieren sah begriff ich, dass zart zu sein und zärtlich den Lebewesen eigen ist.
Und so ist es mit der Sanftmut und mit der Hingabe und mit der Geduld: Ich sah sie bei den Tieren. Und all das sag ich nicht in Abgrenzung zur eigenen menschlichen Gattung. Auch von den Menschen empfing ich Liebe und Fürsorge.
Ich sage es, weil ich sie auch bei den Tieren sah - und folglich war es etwas, das zur Welt gehört. Zu allen, zu uns allen. Es macht die Welt zu einem besonderen Ort, das Leben zu etwas Besonderem.
Als ich ging, bin ich das Gefühl nie losgeworden, dass ich die Tiere "ihnen" überlassen habe. Ich werde noch benennen, wen ich meine. Und dass ich sie zurückgelassen habe, all dem, das mich zum Fortgehen zwang. Und es begleitete mich das leise, etwas beschämende Versprechen, nicht wissend, ob ich es jemals werde einlösen können: Ich lasse euch nicht im Stich, ich komm‘ zurück, ich gebe euch etwas zurück von dem, das ich von euch bekam. (Es ist mir bewusst, wie vermessen auch das klingt.)
"Tiere sind dankbarer als Menschen", diesen Satz sagt noch heute meine Mutter, und es sagte ihn meine Großmutter. Der Satz wurde so hingesagt, aber er gab mir jedes Mal zu denken auf. Sie meinten, dass Tiere stets dankbar annehmen, was wir ihnen geben, während Menschen gerne übersehen, was ihnen, den Menschen, gegeben wird. Und auch das ist möglich: Menschen übersehen gerne, was die Tiere ihnen geben.
Vielleicht denken sie, dass sie es sich nehmen. Und übersehen, dass es ihnen gegeben wird. Ich bin dankbar, und ich wünschte, ich könnte es so ausdrücken, wie Tiere es können in ihrer demütigen und vertrauensvollen Art.
Es war eine kleine Entdeckung, die ich machte als Kind: Ich stand am Abhang und reckte mich, soweit es ging, über die Felskante hinaus, um in die Tiefe zu sehen. Da hörte ich ein paar Meter hinter mir den Hund winseln. Ich drehte mich um und begriff: Er hatte Angst um mich. Ich ging zurück und besänftigte ihn. Er schleckte mich überschwänglich ab in seiner Freude, dass ich wieder in Sicherheit war. Als er sich über die Felskante traute und in die Leere schnüffelte, bemerkte ich, dass ich Angst hatte um ihn. Wir hatten beide Angst umeinander.
Vielleicht verstand ich hier zum ersten Mal, dass ich eine Bedeutung hatte im Leben eines anderen Wesens. Eines, das mir selbst viel bedeutete. Also gab ich fortan darauf acht, dass er nicht zittern musste um mich. Und vielleicht verstand ich in diesem Moment zum ersten Mal, was meine Mutter meinte, wenn sie sagte: "Komm frühzeitig zurück, bevor ich um dich Angst habe.“
Zu zweit gingen wir kaum je einen Weg allein. Gingen nebeneinander, und doch ging jeder für sich, es war ein loses Zusammensein, eine mäandernde Gemeinschaft, nie hinterfragt, seit dem ersten Moment ihrer Entstehung. Waren zu zweit, aber waren nie zusammen eins, behielten den anderen im Augenwinkel, waren uns gewahr, dass wir zwei verschiedenen Spezies angehörten, er immer Hund, ich immer Mensch.
An der Seite des Hundes erschloss ich mir eine Welt, zu der ich sonst nie Eingang gefunden hätte. Der ich aber angehörte, sobald ich in ihr war.
Es ist mir zur Gewohnheit geworden. Ich verlasse die ausgeschriebenen Wege und lasse mich auf ihre Wege ein. Folge den Fährten der Tiere mit dem Schutz des Hundes an meiner Seite. Der Waldboden ist voller Fährten, es ist kaum möglich, den Fuß aufzusetzen und nicht auf eine Fährte zu stoßen.
Jede Fährte schließt an ein Netzwerk von weiteren Fährten, gelegt von den Tieren selbst und denen, die ihnen folgen. Flüchtige Wege, die verlaufen, als würden die Wege selbst laufen. Sie laufen zu den Bächen, laufen nebeneinander an den Bachufern entlang, führen, wie übereinandergelegt, die Böschungen hoch. Sie geben Zeichen von denen, die sie gehen, im hohen Gang der Rehe, im Kriechgang der Dachse. Sie führen in die Schluchten hinein und aus ihnen heraus. Pfade, die das Versteck mitdenken, die Unterschlüpfe, die Mulden. Wer ihnen folgt, findet irgendwohin, findet wieder heraus.
Ich kann es mir erlauben, ihnen nachzugehen, kann mich "gehen lassen" - kann im Dickicht verloren gehen. Mit dem Hund als Gefährten weiß ich, dass ich wieder zurückfinde.
Zu den Tieren bin ich geflüchtet. In ihrer Nähe fand ich Trost.
Ich sah nicht nur mich zu den Tieren flüchten. Ich sah, wie manche Bäuerin sich im Stall bei den Tieren wieder aufrichtete, die vorher durch männliche Gewalt, Sprüche, Schläge, Drohungen erniedrigt worden war. Ich sah den Hoferben, wie er am Schweinestall lehnte, zur Sau hinunterlugte und sich von ihren klugen Augen wieder herstellen ließ. Ich sah zum ersten Mal einen Bauern weinend davongehen, als ihm sein junges Pferd davongestorben war. Ich hatte ihn bis dahin immer nur fluchend sprechen gehört.
Und über Nietzsche wird gesagt, dass er auf dem Marktplatz in Turin ein zerschundenes Pferd umarmte. (Er wurde daraufhin in die Nervenheilanstalt eingewiesen, wo er seine letzten elf Jahre verbrachte.) Seither haben sich Bibliotheken gefüllt mit der Frage: "Mit wem hatte Nietzsche Mitleid?" Mit dem Pferd, mit sich, mit der Menschheit - oder mit allen?
Schon lange vor Nietzsche sind die Menschen zu den Tieren geflüchtet. Ich vermute schon immer. Aus denselben Gründen, aus denen auch die Tiere vor den Menschen flüchten.
Jede neue Bekanntschaft mit einem Tier ist der Beginn einer persönlichen Geschichte, in der alles, was Menschen und Tiere einander geben können, zum Tragen kommt. Momente der Zärtlichkeit, der Nähe, der Geborgenheit, des Trostes. Die Sanftheit, die aufkommt, mit dem Schweigen von Tieren. Es unterscheidet sich vom Schweigen der Menschen.
Und zugleich knüpft sie an eine gemeinsame Existenz, die es seit Jahrtausenden von Jahren schon gibt. Seit wir eine Behausung miteinander teilen, entstand ein gemeinsamer Raum von Handlungen, von Abläufen, von Verabredungen und von Ritualen, ein gemeinsames soziales Gefüge. Jede Beziehung - ob zum Hund, zur Kuh, zur Katze, zum Schwein, zu den Hühnern, zu den Schafen, zu den Ziegen - ist geprägt von dem, was sich Menschen und Tiere einander bereitstellen. Geprägt davon, wie sie sich einander anpassten, mit dem, was sie als Voraussetzungen mitbringen, mit ihrer je eigenen Art.
Wir haben uns gegenseitig „gezähmt“ - nicht im Sinne der Züchtigung, sondern im Sinne von Antoine de Saint-Exupéry in Der kleine Prinz, wo er den Fuchs sagen lässt: "Zähmen. Es bedeutet, sich vertraut machen."
Eine Kuh im Stall ist es gewohnt, nicht allein zu kalben, sondern die Hilfe der Menschen als Geburtshelfer zu beanspruchen. Sie ziehen das Kalb aus ihr heraus, legen es aufs Stroh, massieren es mit Büscheln von Heu, bis der Herzkreislauf des Neugeborenen aktiviert ist, bis es auf den eigenen Beinen zum Stehen kommt und die ersten Schritte zur Mutterkuh macht. Es ist jedes Mal ein neuer Anfang, ein existenzielles Moment für die Tiere wie für die Menschen und die Fortsetzung einer gemeinsamen Geschichte.
Man könnte jetzt auch sagen: Eine Kuh, die im Stall kalbt, muss damit rechnen, dass ihr geholfen wird. Was bleibt ihr anderes übrig! Was bleibt Kühen übrig, deren Euter so groß gezüchtet werden, dass sie kaum noch gehen können, als zu vertrauen, dass ihnen geholfen wird?
Vielleicht verfügen Kühe und Kälber über ein schier unerschöpfliches Maß, Dinge zu ertragen, die in unseren Augen unerträglich sind. Eine Fähigkeit, die unsere Vorstellungskraft übersteigen mag. Über Jahrtausende hinweg wurde ihnen blinder Gehorsam beigebracht - doch sie sind nicht blind. Wer den schier ewig ruhenden Blick einer Kuh kennt - wer ihm standhält, erkennt darin noch etwas Anderes: Sie kennt uns. Sie vertraut uns. Und sie hört nicht auf, uns zu vertrauen. Sie hört nicht auf, uns an unsere gemeinsame Verabredung zu erinnern.
Vor Jahren ist mir eine Katze zugelaufen, sie war erst ein paar Wochen alt und ich zweifle keine Sekunde daran, dass sie genau wusste, was sie tat. Sie kam nicht allein, sondern wurde von anderen wildlebenden Katzen begleitet. Sie setzte sich vor die Tür und hörte nicht auf zu miauen.
Es ist bekannt, dass erwachsene Katzen nur miauen, wenn sie mit Menschen kommunizieren.
Ihr eindringlicher und geduldiger Blick verriet, dass sie sich auf das Zusammenleben mit mir bereits eingestellt hatte. Sie war "zahm" - also vertraut, ließ sich auf den Arm nehmen und auch später beim Tierarzt untersuchen. Der stellte fest, dass sie "Katzen-Aids" hatte, ein dem Sars-Covid ähnliches Virus, mit dem sie in der ungeschützten Wildnis nicht überlebt hätte.
Auch die Begegnung mit dieser Katze war der Beginn einer individuellen Geschichte, und es war die Wiederholung und Fortsetzung dessen, was sich am Anfang der gemeinsamen Geschichte von Menschen und Katzen ereignet haben mag. Wir kennen uns als zwei Spezies, die lange schon miteinander zu tun haben. Die einander vertraut sind, sich das Intimste zeigen, und die sich zugleich ein Rätsel bleiben.
Jacques Derrida fragt, was die Katze, die ihm täglich ins Bad folgt, wohl sehen mag an ihm, an einem nackten Menschen. Was sieht sie an ihm, an dem Tier, das er ja auch ist? Etwas, das ihm selbst verborgen bleibt, und nur durch den Blick der Katze, dem Blick eines anderen Tieres, gesehen werden kann.
Bei Hunden schätzen Forscher den Beginn dieser Liaison mit den Menschen auf 25.000 Jahre.
"Zeit, um von einer Ko-Evolution zu sprechen, die im Lauf der Zeit beiden Teilen in Fleisch und Blut überging." So Jörg-Uwe Albig in seinem Artikel "Hund und Mensch".
Der Hund kennt jede meiner körperlichen Regungen, er reagiert auf meine Gesten, auf meine Blicke, auf meine Zeichen - manchmal noch bevor ich sie gebe.
Er streckt sich am Morgen in genau dem Moment, da ich, kaum wach, eine erste Zehe rühre, und er stellt sich so an mein Bett, dass meine ausgestreckte Hand direkt auf seinem Fellrücken landet.
Er kennt jeden einzelnen Tonfall in meiner Stimme und weiß natürlich, was er bedeutet. Durch den Hund begreife ich, wie körperlich die Stimme ist, wie körperlich jedes einzelne Wort. Er nimmt es buchstäblich wörtlich. Der Hund studiert mich, ohne je ein Ende abzusehen.
Ich selbst kann nicht behaupten, ihn so gut zu kennen, wie er mich - ich gebe mir Mühe. Und manchen Umweg hätten wir uns sparen können, wenn ich auf ihn gehört hätte, als er deutliche Zeichen gab, dass wir an der Stelle besser umdrehen sollten.
Manchmal führe ich, manchmal führt er, wir wechseln uns ab, und manchmal scheint eben etwas durcheinanderzugehen.
„Nur Hunde und Menschen kennen diesen sanften Rollentausch. Die Abwechslung von Dominanz ist die Grundlage ihrer Kooperation", so Vilmos Csányi, Autor des Buches Wenn Hunde sprechen könnten. In einer Blindenschule erforschte er das gemeinsame Gehen von Blindenhunden und Menschen. Er kommt zu dem Schluss:
"Etwa die Hälfte aller Entscheidungen im Straßenverkehr trifft im Durchschnitt der Mensch, die andere der Hund."
Mit dem Hund an meiner Seite erschloss nicht nur ich mir Gegenden, in die ich sonst nie Eingang gefunden hätte. Mit dem Hund an ihrer Seite erschlossen sich die Menschen Eingang in die Welt. Seite an Seite bildeten sich Jäger und Jagdhund heraus. Wer jemals einen Jagdhund erlebt hat weiß, wie tief ihm das Jagen eigen ist und sein ganzes Wesen bestimmt. Es ist im Zusammenspiel mit dem Menschen entstanden. Den Hütehund hingegen, der über den Blickkontakt mit dem Hirten eine ganze Herde selbständig führt, interessieren Wildtiere, wenn überhaupt, dann nicht zum Jagen, sondern, um sie zu vertreiben.
Aristokraten hielten sich Hunde zum Repräsentieren. Ein russischer Barsoi, der es kennt, sich vor ornamentalen Kaminen edel und repräsentativ hinzusetzen, wird dies auch vor dem Lebensmitteldiscounter tun an der Seite eines Obdachlosen.
Angesichts solcher beruflicher Aneignungen ist es auch bei Hunden problematisch, von "Rasse" zu sprechen. Ein Begriff, der nicht das soziale Zusammenspiel betont, sondern eine naturgegebene Bestimmung behauptet.
Diese außerordentliche soziale Fähigkeit des Hundes brachte ihm von anderen wiederum den Ruf ein, ein künstliches Wesen zu sein, das nicht mehr wisse, was seine "wahre" Natur sei. Dabei gehört zu dieser außerordentlichen Fähigkeit, dass dieses Tier, das stets unter Menschen ist, auch noch ganz und gar Hund ist.
Er ist ein Grenzgänger zwischen zwei Kosmen, er bewohnt sie beide, ist in beiden heimisch.
Wenn er einen Grashalm minutenlang - fast selig abriecht, weiß ich, er befindet sich im Kosmos mit den anderen Hunden. Er erkennt die Hunde im städtischen Kiez an ihren Duftnoten, die sie hinterlegen. Auch wenn sie sich zum ersten Mal sehen, so ist es bereits ein Wiedersehen. Wenn sie abwechselnd wie in einem Reigen eine Laterne markieren, weiß ich, dass ich in diesen Dialog nicht einsteigen kann. Was die Hunde austragen und verhandeln, es bleibt mir versperrt. Und wenn er bei Vollmond in die Nacht jault, weiß ich, dass nicht ich gemeint bin, sondern seine Gattung, die anderen Hunde, die anderen Tiere, seine Welt.
Doch dass wir verschiedene Lebewesen sind, hält uns nicht getrennt. Dass er Zugang zu Welten hat, die mir verschlossen bleiben, hält uns nicht getrennt. Dass ich Zugang zu Welten habe, in die er nur hineinwittern kann, hält uns nicht getrennt. Macht uns nicht einsam. Wir sind nicht einsam, weil wir getrennten Welten angehören. Wir sind es, wenn wir Menschen irgendwann nur noch unter uns sind.
"Alle auf diesem Planeten existierenden Lebewesen beweisen allein dadurch, dass sie auf diesem Planeten existieren, eine enorme und eine enorm erfolgreiche Geschichte einer Anpassungsleistung, sonst wären sie nicht hier", so sagte es mir ein befreundeter Biologe.
Es gilt für alle Lebewesen, die tierlichen wie die menschlichen. Und es gilt für die seit Jahrtausenden von Jahren währende Beziehung von Tieren und Menschen. Es beschreibt eine gemeinsame Geschichte gegenseitiger Anpassung. Sie ist geprägt davon, dass wir aufeinander angewiesen sind. Vom Zutrauen, von Zuneigung, von einer Bewunderung für das, was die jeweils andere Art kann. Geprägt auch vom gegenseitigen Schutz. Wir - die Tiere wie die Menschen, sind Beute, sobald wir uns aus diesem geschaffenen Existenzrahmen hinausbewegen.
Dies in den Raum gestellt gerate ich zum Schluss an eine Grenze, vielmehr an eine Wand, gegen die ich immer wieder stoße. Der Umgang der Menschen mit den Tieren ist geprägt von Gewalt. Es war mein Grund, meine Herkunft zu verlassen, es ist der Grund für viele andere, wegzugehen und wegzusehen. Und sie denen zu überlassen, die Gewalt anwenden, als sei das bei Tieren ganz natürlich. Dass man sie schlägt, wann immer man es möchte. Dass man sie beschimpft, wann immer man es möchte. Auch wenn es um nichts geht. Auch wenn es nicht um das Töten geht. Womit ich nicht sagen möchte, dass das Töten von Tieren Gewalt rechtfertigen würde. Vorher schon, vor dem Töten, wird der abrupte Abbruch vollzogen, die willkürliche Trennung, als hätte es nie eine Verbindung gegeben. Nur so ist es zu erklären, dass die westliche Kultur keinen Trost kennt, wenn es zum Töten kommt. Wo eine Beziehung geleugnet wird, darf es auch kein Fühlen geben.
Auch vorher schon, auch dort, wo es nicht ums Töten geht, wird geleugnet, als gehörte das Leugnen zu einem eingeübten Handwerk.
Ein befreundeter Hirte hatte mich eingeladen, mit ihm und mit den Tieren zusammen Abschied zu nehmen von der Alm und vom Sommer. Man konnte sehen, dass die Tiere sich freuten.
"Sie wissen es auf den Tag genau", sagte er mir, "wenn es wieder zurückgeht ins Dorf. Sie fangen an, sich um die Almhütte herum zu scharen, sich zu langweilen. Die Tage werden kürzer, der Nebel streift über die Almwiesen, das Gras wird schütter und gibt kaum noch was her. Sie freuen sich auf den Wechsel nach den drei Sommermonaten auf der Alm. Als es hochging, haben sie sich genauso gefreut wie jetzt, da es wieder runter geht."
Im Sommer hatte ich ihn ein paar Mal besucht, bin mit ihm über die Almen bis unter die Berghälse gewandert, überall dorthin, wo die Rinder sich aufhielten. Sie waren in Gruppen unterwegs, gehörten verschiedenen Höfen an und blieben in diesen sozialen Einheiten beisammen, auch wenn sie auf ihren täglichen Gängen mit den anderen zusammentrafen. Er kannte jedes einzelne Kalb, kannte die "Charaktertiere", wie er sie nannte, die sich zuerst bemerkbar machten, kannte die verträumten, die immer einen Tick später hinterherliefen, lernte die kennen, die sich ihm zurückhaltender näherten. Bald schon kannte er jede Kuh einzeln, jede kam ihm entgegen, jede auf ihre Art; und sie alle sahen ihm lange nach, wenn er weiterzog.
"Daran, wie sie sich zu mir und den anderen Tieren verhalten, kannst du ablesen, wie die Bauern mit ihnen umgehen. Zwei Kälblein standen zuerst ganz am Rand, sie wirkten verstockt, verhielten sich unsicher, scheuten den Blick, zuckten leicht zurück, wenn ich ihnen den Arm ausstreckte. Ließen uns aber nie aus den Augen. Ganz allmählich dann wurden sie weicher und trauten sich uns an."
Am frühen Morgen vor dem Almabtrieb spielten die Kälber gut aufgelegt mit den Hühnern; sie schoben mit ihren Schnauzen ihre buschigen Hintern an und drehten sich im Kreis, wenn die Hühner ihren Spaß daran hatten, flink unter ihren Körpern hindurch zu rennen.
Gegen sieben Uhr wühlte sich ein Van die Forststraße bis zur Almhütte hoch. Es stiegen sechs Männer aus, sie öffneten die hinteren Ladetüren, holten einen Proviantsack, eine Kiste Bier heraus und die Glocken. Es waren Riesenglocken, groß wie Milcheimer. Sie stellten sie der Reihe nach in den Stall. Einzelne Kälber näherten sich neugierig den Bauern. Andere tauchten aus der nebligen Almwiese auf, kamen heruntergestapft, schwenkten ihre Köpfe zu beiden Seiten, schnupperten in die Luft, etwas ging los.
Doch dann war der Spaß mit einem Mal zu Ende. Die Tiere wurden einzeln und hintereinander zum Stall getrieben. Einzeln wurden sie über die Schwelle bugsiert und durch die kleine Stalltür geschoben, gezwungen, gestoßen. Ein anderer griff den Kälbern mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenlöcher, riss ihnen den Hals hoch, griff sich den Schwanz des Kalbs, drehte ihn ein, drückte ihn gegen das Hinterteil der Kuh. Wer nicht spurte, bekam Tritte ins Schienbein, den Stock auf den Rücken oder den Oberschenkel in die Flanke.
Ich verstand nicht, warum sie die Kälber "Huren, Luder, Schweine" nannten.
Das alles, um ihnen Glocken umzuhängen. Schwere Glocken. Glocken so groß wie Milcheimer. Mit den schweren Teilen behängt, torkelten sie aus dem Stall. Die neuen Glockenschläge um ihren Hals ließen sie vor sich selbst zusammenzucken. Manche "bockten" herum, wie es hieß, Grund für die Männer, um mit dem Stock auf sie loszugehen.
Andere bewegten sich gar nicht mehr. Eine büxte aus, sprang über den Mauersims, riss ein paar Steine heraus, rannte auf den feuchten schlüpfrigen Bretterboden der Veranda, sprengte die Hühner auseinander, die sich ebenfalls dorthin geflüchtet hatten.
Der Hirte bemerkte flüsternd, dass es doch eigentlich "ganz feine" Tiere seien.
"Ganz fein! Ja! Solange du ihnen nichts tust!", schrie einer lachend zurück.
Ich fragte leise, welches Wesen denn "fein" bliebe, wenn es geschlagen wird.
Er fragte lautstark zurück, ob er mir auch ein Glöckchen umhängen solle.
Mit den Köpfen auf den Boden geneigt, beschwert von den riesigen Glocken an ihren Hälsen, suchten die Tiere die Nähe zueinander. Eine strich mit ihren Ohren am Hals der anderen entlang, schnaufte ihr ins Ohr, eine fuhr mit der Stirn unter den Hals einer anderen und hob ihn hoch. Sie stellten sich so zusammen, dass sich ihre Leiber berührten. Sie trösteten sich, munterten sich auf.
Die Männer holten die Geißeln heraus und ließen die Lederriemen über ihre Köpfe krachen, dann zogen sie ihre Jogginghosen aus und die Lederhosen über, tauschten die T-Shirts mit rot-karierten Hemden und die Basecaps mit den Filzhüten, an die sie die Edelweisse steckten, die sie sich aus dem Blumentopf rupften.
Wie von Schwere erfasst, trabten die Tiere unter dem lauten Knallen der Geißeln von der Alm. Am Waldausgang, auf den Dorfwiesen, warteten die Touristenbusse auf sie.
Ich sah die Kälber. Ich sah ihre gute Laune. Sah ihre Verspieltheit und sah ihre Freude. Ich sah ihre Sanftheit. Ich sah, was sie den Männern entgegenbrachten: Es war Neugier ganz ohne Argwohn. Was sie zurückbekamen waren Stöße, Tritte, Beschimpfungen, Flüche, rohe Gewalt. Sie hatten den Tieren keine Zeit gegeben, damit die verstehen konnten, was die Männer von ihnen wollten. Sie hätten es ihnen gegeben. Wären bestimmt eingestiegen in ein gemeinsames Spiel, hätten ihre Freude gehabt an einem fröhlichen und freundlichen Auftritt vor gut gelaunten Menschen. Es sollte ja schließlich ihr Fest sein. Ihr Abschied von einem Sommer auf der Alm. So konnte ich nur darauf vertrauen, dass sie am Waldausgang von diesen anderen Menschen empfangen wurden, von solchen, die sie sahen, solche, von denen die Tiere ja auch wussten, dass es sie gab. Menschen, an die sie, die Tiere uns ja fortwährend erinnern, in ihrem Vertrauen auf uns.