Dienstag, 27. September 2022

Zukunftsaussichten (1/4)
Wie global denken wir die Zukunft?

Literatur als Erkenntnismaschine: kurze Essays über die Globalisierung, über Identität, Konzepte des lebenswerten Lebens und die Zukunft der Literatur. "Essay und Diskurs" sendet im August Texte von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die beleuchten, was uns kommende Zeiten bringen.

Von Shida Bazyar, Emma Braslavsky, Patricia Anin und Matthias Lohre | 07.08.2022

Ein junger Demonstrant zeigt seine Hände, auf denen geschrieben steht: "In your Hands - Our Future", zu Deutsch: "In deinen Händen - unsere Zukunft"
Auf der Suche nach Antworten in einer Welt zwischen Digitalisierung und Weltflucht (IMAGO / NurPhoto / Romy Arroyo Fernandez)
Im Rahmen des Festivals „Und seitab liegt die Stadt“ haben die Schriftstellerinnen Shida Bazyar und Emma Braslavsky zur Diskussion über das Thema „Zukunft“ geladen. Die Essays wurden im Mai 2022 im Literarischen Colloquium Berlin von den Autorinnen und Autoren vorgestellt. Deutschlandfunk "Essay und Diskurs" präsentiert ein Labor, in dem sich schon jetzt Alternativen für spätere Lebensweisen austesten lassen und die unterschiedlichsten Perspektiven über den Fortgang der Menschheit zur Sprache kommen.
Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller machten sich Gedanken über den Stand der Globalisierung und die deutsche Identität in der Migrationsgesellschaft. Sie prüfen, wieviel Individualismus und Gemeinsinn der Gesellschaft zuträglich sind. Sie entwerfen Konzepte zur Ernährung der Menschheit und zu einem nachhaltigen Wirtschaften in lebenswerten Städten. Sie suchen Antworten in einer Welt zwischen Digitalisierung und der Weltflucht ins Analoge. Sie überlegen, wen wir in den literarischen Kanon aufnehmen werden und wie wir in Zukunft lesen und schreiben werden.

Pascal Fischer: Ich nehme Sie heute mit auf eine Reise von Europa nach Afrika – über eine gigantische Landbrücke. Außerdem besuchen wir ghanaische Jugendliche und lernen, wie groß das Potenzial ihres Landes, ja ihres Kontinents ist. Wie global denken wir die Zukunft? Das ist unsere Leitfrage heute – dem ersten von vier Augustsonntagen, an denen wir Essays über „Zukunftsaussichten“ senden.
Eingeführt und kuratiert von zwei Schriftstellerinnen, die selbst auch einiges an Biografie und Utopie im Gepäck haben:
Shida Bazyar ist 1988 in Hermeskeil als Kind iranischer Regimeflüchtlinge geboren. Sie studierte literarisches Schreiben in Hildesheim und hat zwei hoch gelobte Romane veröffentlicht: Nachts ist es leise in Teheran und Drei Kameradinnen.
Emma Braslavsky ist 1971 in Erfurt geboren, in der DDR aufgewachsen und noch vor der Wende in den Westen geflohen. Sie produziert Hörkunst und Hörcomics und kuratiert Ausstellungen. Sie schreibt kluge Science Fiction-Romane wie Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten und Erzählungen: Ich bin Dein Mensch wurde 2021 preisgekrönt verfilmt.
Und diese Spannweite in den Biografien spiegelt sich auch in ihrer Einführung, die sie als Dialog verfasst haben und die wir haben einlesen lassen. Hier macht Emma Braslavsky den Anfang:
Emma Braslavsky: Mein Zukunftsgefühl wurde stark vom so genannten real existierenden Sozialismus geprägt, der die Utopie als Endzeitmodell wollte. Nach dem Sozialismus oder dem Kommunismus kam da nichts mehr, dort sollte die Ziellinie sein, dort war die Zeit des Strebens und der gesellschaftlichen Entwicklung zuende. Dagegen rebellierte ich als Teenager im Staatsbürgerkunde-Unterricht, als ich mich mit dem Kapitalismus, insbesondere der sozialen Marktwirtschaft, als dynamischem gesellschaftlichen Kontinuum beschäftigte. Ich lehnte mich natürlich ideologisch an Lenins Neue Ökonomische Politik an, auch um zu verhindern, dass sie mich als unbelehrbar abstempelten. Da ich stereo aufgewachsen bin, das heißt, meine Cousins und Cousinen in Hessen schickten mir über meine Großmutter eine Zeit lang ihre Schulbücher, habe ich gelernt, wie stark die Sicht auf die Gegenwart und Zukunft von der gelenkten Sicht auf die Vergangenheit abhängt, welche Rolle dabei Begriffe spielen, die den Blick kanalisieren, und wie stark Formulierungen das Lebensgefühl prägen können, wie sie zu Architekten der Welt werden, in der ein Mensch zu leben glaubt.
Von heute aus in die Vergangenheit geblickt könnte man vereinfachend sagen: Unser Leben ist immer besser geworden. Linear gedacht hieße das: Unser Leben wird in der Zukunft immer besser werden. Beim genaueren Hinschauen erkennen wir aber: Unser Leben ist zwar besser, friedlicher, aber immer komplizierter und komplexer geworden. Wir sind kreativ und finden Lösungen, aber wir verursachen gleichzeitig enorme Kollateralschäden. Dieser in der Zukunft ansteigenden Komplexität unseres besseren Lebens werden so genannte reine Dystopien oder Utopien nicht mehr gerecht. Wenn wir uns und unsere Umgebung nicht zerstören wollen, müssen wir uns technologisch entwickeln und gleichzeitig die Nebenwirkungen dieser Entwicklungen bekämpfen, wir müssen gesellschaftlich in Bewegung bleiben, wollen aber unseren Wohlstand nicht gefährden. Reine Zustandserhaltung oder apokalyptische Zustandsbeschreibungen sind unterkomplex und oft kontraproduktiv, haben aber leider als Kampfmittel um eine bessere Zukunft nicht ausgedient.
Shida Bazyar: Als ich in Hildesheim angefangen habe, Kreatives Schreiben zu studieren, war ich ziemlich perplex über die Texte der anderen. Nicht über deren Qualität (ich war lediglich perplex, nicht arrogant), sondern über deren selbstbewusstes, unverhohlenes Apolitisch-sein. Ich wertete das nicht einmal, ich nahm es zur Kenntnis und Popliteratur fand ich ja auch ganz bekömmlich. Aber heimlich fragte ich mich, was das für ein Land bedeutet, wenn das die angehende Autor:innenschaft ist. Vielleicht passiert das, wenn man eben nicht im sogenannten real existierenden Sozialismus aufwächst, sondern mit dem erträumten Ideal dessen: Ich dachte, dass wir doch „eine Aufgabe“ haben sollten, dass wir als Schreibende doch auch die Funktion eines „Gewissens“ einnehmen müssen, dass wir „Verantwortung“ haben. Wenn DAS mal Deutschlands Gewissen wird, so dachte ich mit Blick auf die anderen, dann wird dessen Gesicht ein durchaus merkwürdiges sein. Heute mache ich zwar circa drei der mindestens fünf in diesen Überlegungen steckenden Denkfehler nicht mehr, ich frage mich aber trotzdem: Wie sieht es aus, für Deutschlands Dichter:innen? Ich gönne ihnen und mir ja jede weitere Runde Texte über Eiscreme und Zuckerwatte. Nur, ob wir uns die wirklich leisten können, das frage ich mich bei jedem Spaziergang über den Literaturjahrmarkt auch. Ich greife in die Hosentasche und zähle die Münzen. Die mikrofone Stimme dröhnt rüber und fragt nach einer neuen Runde, einer Runde Extraspaß, fragt nach Papiermangel und Ressourcen, nach Buchmessenboykott und Migrationsmaskottchen. Ich will nächstes Jahr wiederkommen, verdammt, aber wäre schön, wenn die Stimmung dann ein bisschen besser wäre. Dann bringe ich auch meine Enkel und deren Gewissen mit.
Braslavsky: Menschen haben sich an Geschichten in die Zukunft gehangelt. Damit wir uns verändern können, müssen wir sie uns erst vorstellen. Und gute Erzählungen über „Zukunft“ brauchen vor allem Held:innen in allzumenschlichen Situationen. Also stellt euch vor, ihr bestellt online einen Esstisch, weil er euch am besten gefallen hat. Die Beschreibung habt ihr nur teilweise gelesen, weil es spät war und ihr nicht so viel Text lesen wolltet. Ihr habt was von nachhaltig verstanden, aber es ist euch entgangen, dass es sich um ein vollkommen neues Holzimitat handelt, das sich in 24 Monaten dematerialisieren wird, also in Luft auflöst. Das ist revolutionär, aber auch blöd, wenn man noch die ausdrücklichen Hinweise des Möbelstücks, die drei Monate vor dessen Dematerialisierung geäußert werden, überhört und just an diesem besagten Tag die Chefin oder die neue Geliebte zum Essen eingeladen hat. Zukunft war immer ein Dilemma für Menschen, weil sie unsere Gewohnheiten in Frage stellt. Denn wenn es um Zukunft geht, geht es um Grenzerfahrungen zwischen dem, was wir mitnehmen, und dem, was wir zurücklassen müssen. Aber nichts ist so menschlich wie das Paradox: Nur in der Fiktion kann Zukunft erlebt werden, ansonsten wird sie zur Realität, und der Realität versucht der moderne Mensch gern zu entfliehen.
Bazyar: Ich schaffe es nicht, die Gegenwart in meinen Geschichten auszulassen. Selbst wenn ich über die Vergangenheit schreibe, selbst, wenn ich über historische Begebenheiten der 1970er Jahre schreibe: Ich kann die Folgen, die Gegenwart nicht verschweigen, sonst fühlt sich jeder Text nach Heuchelei an. Denn in der Gegenwart existiere ich, hier, an diesem Schreibtisch sitze ich und schreibe ich, und wenn der Schreibtisch unaufgeräumt ist, dann kann ich nicht schreiben, und wenn die Wäsche nicht gemacht ist, dann kann ich nicht schreiben, und wenn die Spülmaschine ruft, wie könnte ich mich denn dann hinsetzen und schreiben. Weil ich immerzu die Gegenwart aufräume, merke ich es vielleicht gar nicht, dass ich das alles für die Zukunft mache. Für meine Texte der Zukunft, über die Zukunft.
Fischer:„Über die Zukunft“ – das essayistische Gespräch von Shida Bazyar und Emma Braslavsky, gelesen von Nicole Kersten und Julia Dillmann.
Die Tagung wurde gefördert mit Geldern aus dem Förderprogramm „Kultur in ländlichen Räumen“.
Und wir marschieren sofort Richtung Zukunft – so, wie sie sich die Vergangenheit vorgestellt hat. Oder wie es Herman und Irene Sörgel ab den 1920er Jahren in Deutschland taten. Die beiden träumten vom Doppelkontinent „Atlantropa“: Sie wollten das Mittelmeer mit Dämmen abschließen. Der Meeresspiegel sollte dadurch sinken. Es würden Landbrücken entstehen und man könnte mit dem Zug von Berlin bis Kapstadt reisen. Diese Reise macht uns jetzt Matthias Lohre möglich, geboren 1976, Schriftsteller, Sachbuchautor und Journalist aus Berlin. In seinem Roman Der kühnste Plan seit Menschengedenken hat er Sörgels Utopie auch auf ihre Schattenseiten geprüft.
Wir stellen uns also vor: Wir beginnen die Zugreise in Berlin, fahren nach Sizilien, von dort über einen Staudamm, den Tunisdamm. Er teilt das Mittelmeer.

Matthias Lohre: „Es wäre einmal Atlantropa“


Das größte Bauwerk der Erde schließt die letzte verbliebene Lücke zwischen Europa und Afrika. Der Tunisdamm ist mehr als doppelt so groß wie sein Vorbild in der Meerenge von Gibraltar. Das dortige, mehr als 30 Kilometer breite Bollwerk drängt seit Jahrzehnten die Ströme des Atlantiks zurück. Weil dem Mittelmeer so der wichtigste Zufluss genommen wurde, ist dessen Spiegel durch Verdunstung nach und nach um 100 Meter gesunken.
Der neue Tunisdamm, über den unser Zug rollt, teilt das Mittelmeer in zwei Hälften. Während der Spiegel des westlichen Beckens 100 Meter niedriger als früher verharrt, wird das Wasser im östlichen Becken um weitere 100 Meter abgesenkt. Als Folge fällt die Adria trocken; die Inseln der Ägäis verschmelzen miteinander, ebenso Sardinien und Korsika und die Balearen; Israel wächst weit über seine engen Grenzen hinaus; am meisten Land jedoch steigt vor Tunesien, Libyen und Ägypten aus den Fluten.
Unser Schnellzug Berlin - Kapstadt rast jetzt über afrikanische Erde weiter nach Süden. Parallel zur Strecke sehen wir Reihen stählerner Masten und Rohrleitungen. Die Masten verteilen elektrischen Strom, den gewaltige Wasserkraftwerke erzeugen, in ganz Afrika und Europa. Die zwei Milliarden Bewohnerinnen und Bewohner des Doppelkontinents verfügen über saubere, unerschöpfliche Energie.
Die Rohre wiederum leiten entsalztes Meerwasser in die Senken der nördlichen Sahara. Wo bis vor wenigen Jahrzehnten fast alles Leben vertrocknete, erstrecken sich nun zwei Millionen Quadratkilometer blühender Landschaften.
Immer tiefer hinein geht es in den Kontinent. Doch uns kommt es so vor, als führe der Zug ins Freie, an die Küste. Denn zu unserer Linken, wo einst Sandstürme riesige Gebiete schier unpassierbar machten, erstreckt sich heute das Tschadmeer. Von der Nord- zur Südspitze ist es mehr als 1.000 Kilometer lang und verfügt über 6.400 Kilometer lange Uferlinien. Es mildert das Klima, ernährt seine Anrainer und dient als Verkehrsweg. Aus der Wüste ist ein Knotenpunkt geworden.
Nach mehreren Stunden Fahrt entlang des Ufers wird die Meeresoberfläche immer schmaler, bis sie sich zu einem Kanal verengt. Der künstliche Flusslauf verbindet das Tschadmeer mit seinem Quell: dem Kongomeer.
Hierfür staut ein Damm in der Nähe Kinshasas den Kongofluss auf, so dass dessen Süßwasser, anstatt ungenutzt in den Atlantik abzufließen, das Kongobecken füllt. Das Ergebnis, mit 900.000 Quadratkilometern größer als Deutschland und Frankreich zusammengenommen, mildert das schwülheiße Klima am Äquator. Tropenkrankheiten wie Malaria plagen die Menschen weit weniger als früher, die Lebenserwartung ist deutlich gestiegen.
Unsere Reise dauert bereits mehrere Tage und Nächte, doch bevor sie endet, passieren wir ein drittes von Menschenhand angelegtes Gewässer, das sich südlich der Victoria‑Fälle erstreckt. Für den Victoria-See staut ein Damm den Sambesi-Fluss auf dem Territorium von Sambia, Botswana und Simbabwe.
Als wir schließlich wenige Stunden später im Hauptbahnhof von Kapstadt einfahren, begleiten uns noch Bilder von in der Dunkelheit leuchtenden Städten, großen Schiffen in modernen Häfen und bis zum Horizont reichenden, fruchtbaren Äckern.
Das also sind, kurz zusammengefasst, die gewaltigen Baupläne des Atlantropa-Projekts. Erdacht hat sie der Münchner Architekt und Ingenieur Herman Sörgel, und gemeinsam mit seiner jüdischstämmigen, in Berlin geborenen Ehefrau Irene, geborene Villanyi, warb er von 1928 bis zu seinem Tod 1952 in vier grundverschiedenen politischen Systemen unerschütterlich für seine Ideen.
Von diesem faszinierenden Paar und seinem Weltrettungsvorhaben handelt auch mein Debütroman Der kühnste Plan seit Menschengedenken. In den insgesamt vier Jahren, in denen ich mich mit den Argumenten, Ideen, Ängsten und Hoffnungen der Sörgels auseinandersetzte, stellte ich mir immer wieder eine Frage: Wussten sie, was sie taten?
Die Antwort scheint klar: Die Sörgels wollten zwei Kontinente wirtschaftlich und politisch verzahnen. Afrika, so ihr Plan, würde Rohstoffe und Nahrungsmittel nach Norden liefern, Europa im Gegenzug Fertiggüter und Know How nach Süden. Atlantropa sollte sich dauerhaft behaupten können gegen einen Doppelkontinent Panamerika unter Kontrolle der USA und gegen einen Asien-Pazifikraum unter chinesischer oder japanischer Führung. Als geopolitisches Ziel formulierten die Sörgels ein stabiles Machtgleichgewicht der „drei großen A“, also Amerika, Atlantropa und Asien. Diese Großräume wären jeweils autark, Eroberungskriege daher überflüssig. Mit den Mitteln modernster Technik sollte so ein Menschheitstraum in Erfüllung gehen: der Weltfrieden.
Aber meine Frage zielt tiefer: Begriffen die Sörgels wirklich, welche Auswirkungen es für Milliarden Menschen hätte, wäre ihr Traum vom Doppelkontinent heute Wirklichkeit? Wen hätte das Paar, wäre es auf einer Zugreise in Tunesien, dem Kongo oder Simbabwe aus dem Zug gestiegen, dort sehen wollen?
Herman Sörgel verstand sich als weltgewandter Pazifist, und doch stünde er, wäre es nach ihm gegangen, inmitten weißhäutiger europäischer Siedler, die afrikanischen Untergegebenen Befehle erteilen. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs schrieb er:
„Wir haben nicht nur ein Recht, sondern geradezu die Pflicht, den dunklen Erdteil zu erobern und zu kultivieren; denn wir sind die Fähigeren; während noch nie ein Schwarzer eine wirklich kulturelle Tat vollbracht, eine geniale Erfindung gemacht oder eine philosophische Weltordnung erdacht hat.“
Sörgel war ein Visionär und zugleich Vertreter einer von rassistischen Vorstellungen geprägten Ära.
Zur Wahrheit über ihn gehört auch, dass er nach dem Krieg Afrikaner in den Vorstand seines Atlantropa-Vereins lud, darunter den späteren ersten Präsidenten des Senegal, Léopold Sédar Senghor. Hatte Sörgel also seinen Eurozentrismus überwunden oder lediglich erkannt, dass er die erstarkenden Unabhängigkeitsbestrebungen in seinen Plänen berücksichtigen musste? Wir wissen es nicht.
Aber ist eine Idee nur so gut wie die moralische Intention ihrer Schöpferinnen und Schöpfer? Wenn wir das mit Ja beantworten, könnten wir es uns leicht machen und den Atlantropa-Plan als kolonialistisch und größenwahnsinnig abtun. Aber wir brauchen einen Gedanken nicht zu teilen, um von der Auseinandersetzung mit ihm zu profitieren. Indem wir in diesem wundersamen, schillernden Ideengebäude umherstreifen, können wir Einsichten über uns selbst gewinnen: auch darüber, wie neuartig zu denken wir lernen müssen, damit wir die Welt in einem besseren Zustand hinterlassen können als jenem, in dem sie ist.
Atlantropa, dieser im Glauben an die Allmacht der Technik geborene Traum vom neuen Superkontinent, mag gestrig wirken. Aber was sagt es aus über uns, dass so viele der Probleme, für deren Lösung er vor fast 100 Jahren erdacht wurde, bis heute fortleben?
Fischer: „Atlantropa“, der Text von Matthias Lohre, gelesen von Jean Paul Baeck.
Eine Antwort auf die Frage am Ende des Textes könnte vielleicht lauten: So anders als die Vergangenheit ist unsere Gegenwart dann doch noch nicht.
Womöglich ist Afrika immer noch ein Kontinent, in dem Europa allerlei sieht, ohne wirklich hinzublicken. Zu den Seltsamkeiten der Geopolitik gehört wohl einfach, dass asymmetrische Beziehungen nicht statisch sein müssen, sich stattdessen wandeln, aber vom Grundton der Hierarchie nicht ablassen.
Auch Herman Sörgel zeigte sich beim Marketing seines Projektes „Atlantropa“ äußerst beweglich. Er bewarb es über mehrere Jahrzehnte, durch mehrere politische Systeme hinweg, mit immer neuen Argumenten:
Anfangs war es sozialistisch, sollte die Armut bekämpfen. Dann passte Sörgel es den Weltmachtträumen der Nazis an – als Projekt eines Großdeutschlands und eines italienischen Imperiums.
Nach dem Krieg dann spürte Sörgel, dass die USA fürchteten, die Briten und Franzosen könnten ihre Kolonien verlieren – und damit Einnahmequellen, über die sie ihre Kriegsschulden bei den USA zurückzahlen würden können. Atlantropa wäre dann eine neue Art gewesen, Afrika zu kontrolllieren und wieder einmal auszubeuten.
Herman Sörgel selbst ist übrigens nie in Afrika gewesen, erzählte Matthias Lohre in der anschließenden Diskussion. Sörgel erträumte einen Doppelkontinent, hat sich aber nie zu seinem Nachbarn bequemt – die Ignoranz ist fast schon Realsatire!
Und das bringt uns zum zweiten Essay über Europa und Afrika, in dem sich die Verfasserin nichts mehr wünscht, als dass Afrika nicht ignoriert oder unterschätzt wird. Patricia Anin ist Kind einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters und ist aufgewachsen in Berlin, wo sie mittlerweile an der Humboldt-Universität Regionalstudien Afrika/Asien studiert. Im Juli 2021 reiste Patricia Anin zwei Monate lang durch Ghana.
Nur eines von vielen Ländern auf einem Kontinent, der 2050 ein Viertel der Weltbevölkerung beherbergen wird.

Patricia Anin: „Afrotopia“


Einen der größten Fehler, den der Westen bei seinen futuristischen Visionen begeht, ist, Afrika aus den schillernden Zukunftserzählungen und Science Fiction-Narrativen auszulassen. Es ist faktisch falsch und an der Realität vorbei, eine Zukunftsprognose zu entwerfen, in der Afrika nicht erwähnt wird. Das Bevölkerungswachstum des Kontinents ist am Explodieren: Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl der 1,2 Milliarden Bewohner verdoppelt haben. Jeder vierte Mensch wird bis dahin Afrikaner*in sein, davon ungefähr die Hälfte unter 18. Übersetzt bedeutet das, dass auf Europa die geballte Kraft von 1,2 Milliarden jungen Menschen zurollt. Afrika ist also ein Thema, dem sich der Westen irgendwann nicht mehr entziehen kann. Vielmehr noch muss der Westen verstehen, dass er gemeinsam mit Afrika in die Zukunft blicken sollte, um nicht übermannt zu werden von den gewaltigen menschlichen Ressourcen, die der Kontinent produziert. Damit meine ich allerdings nicht, Afrika als Bedrohung oder als Entwicklungsaufgabe zu betrachten (die beiden anderen fatalen Fehler, die der Westen begeht), sondern als Chance, als Perspektive. Die Jugend Afrikas, bewegt von Entwicklungen wie Digitalisierung und Globalisierung, ist im Aufbruch. Wir befinden uns gerade an einem Schlüsselpunkt, ein neues Zeitalter der Selbstermächtigung wird eingeläutet und es geht uns alle etwas an, denn die afrikanischen Jugendlichen sind die Träger*innen der Zukunft.
Die Jugend Ghanas ist mit einer Aufgabe konfrontiert, die konfliktgeladener nicht sein
könnte: die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen dem fragilen Verhältnis lokaler und kultureller Verwurzelung und der globalen Konsumkultur, zwischen Selbstverwirklichung und der gesellschaftlichen Realität. In der Absurdität der Globalisierung suchen junge Afrikaner*innen nach ihren Wurzeln, um aus ihnen etwas Neues wachsen zu lassen. Einen der größten Aspekte bildet laut meiner Beobachtung die Kollision vom kollektivistischen Wertesystem der lokalen Kultur und dem kapitalistischen Individualismus des Westens, der immer weiter hinüber schwappt und die lokalen Normen zu überschwemmen droht. Ghanaer*innen sind ein sehr stolzes Volk und Kultur - Familie, Sprache, Spiritualität - bilden einen elementaren Baustein des gesellschaftlichen Zusammenlebens, eine Zuwendung zu westlich liberalen Werten wird von der Familie als eine Abwendung von Kultur und Tradition gewertet. Allerdings bin ich bei meinem Aufenthalt in Accra - der Hauptstadt - auf so viele weltoffene, kreative, schlaue und politisierte junge Menschen getroffen, die sich trotzdem in ihrem Kern mit afrikanischen Werten identifizieren und stolz auf ihre Kultur sind, diese nicht verlieren wollen und eine Westernisierung strikt ablehnen. Doch auf das Land steuern eine Reihe radikaler Veränderungen zu.
Einer der größten Trends, der gerade in afrikanischen Ländern zu beobachten ist, ist die Urbanisierung. Bis 2050 wird sich die urbane Bevölkerung Afrikas verdreifacht, die Anzahl afrikanischer Städte verfünffacht haben. Über die Hälfte der Stadtbewohner*innen werden Jugendliche sein, denn junge Menschen ziehen mit höherer Wahrscheinlichkeit von ländlichen Regionen in Städte, was den Anteil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter in urbanen Umfeldern erhöht. Der Prozess der Urbanisierung in Afrika bringt also unheimlich viel Potenzial mit sich.
Städte sind schließlich - wenn man historische Entwicklungen beobachtet - die Zentren für menschliche Entwicklung, treibende Faktoren für das Wirtschaftsgeschehen und somit die wichtigste Transformationskraft des Kontinents. In Städten werden neue Märkte für Investitionen geschaffen, Wissenstransfer, und Logistik sind in Bezug auf die Bereitstellung von Angeboten vereinfacht. Städte sind der Raum, in dem sozialer, politischer, kultureller, technischer und ökonomischer Wandel passiert, und Hotspots für Kreativität, Innovation und Produktivität. Wenn ich dabei an Accra und Kumasi, die beiden einflussreichsten Städte Ghanas, denke, dann fallen mir die bunten, wirbelnden Straßen ein, die wie ein dichtes Netz aus Adern durch die Städte pulsieren und eine*n wie ein Sog verschlucken. Die Großstädte sind ein lebhafter und überwältigender Ort der Inspiration und des Chaos. Für mich repräsentieren sie Selbstverwirklichung, einen Raum für unglaublich viele Möglichkeiten. Ich habe selten Orte gesehen, die für mich so prickelnd, so stimulierend, so reizüberflutend waren, wie die hektischen Märkte oder die überlaufenen Stadtzentren. Gerade für junge Menschen haben sich Accra und Kumasi zu Brutstätten für künstlerische Kollektive und Räume, zu einem Knotenpunkt kreativen Schaffens und schöpferischer Innovation entwickelt, was in mir einen sehr optimistischen Zukunftsglauben weckt. Eine weitere Dynamik, der Ghana und ganz Afrika ausgesetzt ist, ist die Digitalisierung.
Technische Entwicklungen wurden nicht schrittweise in den Alltag in Ghana eingeleitet und integriert, sondern kamen ziemlich plötzlich. Noch vor ein paar Jahren waren Smartphones und Fernseher ein rares Gut, das einem mit hoher Wahrscheinlichkeit geklaut wurde, wenn man nicht acht gab.
Dieser drastische Wandel von kaum technologischer Infrastruktur hin zu einer Verteilung, bei der Menschen eher ein eigenes Smartphone mit Internetzugang besitzen als fließendes Wasser, ist so paradox, dass es fast schon amüsant ist. Die Digitalisierung entfaltet so ein enormes Wirkungsspektrum und stärkt laut meinen Beobachtungen die Jugendlichen in ihrem eigenen Bewusstsein, stößt außerordentlich viele Prozesse der Identitätssuche und Selbstfindung an. Die ghanaische Jugend findet ihren Platz in der Welt, kann die Dimensionen und Machtstrukturen unserer Gesellschaften und die Geltung, die sie im globalen Kontext einnehmen kann, verstehen.
Junge Leute werden mobilisiert und ihnen wird die Möglichkeit zum Austausch und zur Vernetzung mit anderen Menschen und auch mit der Diaspora gegeben. Das afrikanische Selbstverständnis und Bewusstsein wird so gefüttert mit neuer Energie, was in eine, vor allem in Westafrika, gesteigerte Politisierung der jungen Bevölkerung resultiert. Die jungen Leute in Ghana haben nämlich durch ihre gefestigte Identität verstanden, dass Afrika ein unheimlich reicher Kontinent ist, dass Ghana ein Land mit allen Ressourcen ist und alles hat, was es braucht um sich, ja sogar genügend, um die ganze Welt, zu versorgen. Es drängt sich also die Frage auf, warum nur ausländische Unternehmen zu profitieren scheinen und nicht die Bevölkerung selbst. Warum das Land noch immer mit Grundproblemen zu kämpfen hat, die es längst hätte hinter sich lassen können. Die Wut, die bei den Jugendlichen viel zu lange erstickt wurde, kann nun endlich lichterloh empor flammen. Es wächst eine Generation von jungen Leuten heran, die sich nicht mehr mit leeren Versprechen der Politik vertrösten lässt und die ganz genau weiß, wie ihre Zukunft aussehen soll. Eine Generation, die stolz auf ihr Heimatland und ihre Kultur ist und sie nicht mehr unterschätzt, die ihr Potenzial begriffen hat und es vollends ausschöpfen will. Afrikaner*innen steht die Möglichkeit offen, aus allen Entwicklungen und Wertesystemen dieser Welt die Fragmente zu selektieren, die zu ihnen am besten passen. Sie können aus den Fehlern, die der Westen in seinen Strukturen gemacht hat, lernen und von ihrer eigenen kulturellen Perspektive profitieren, sich ihr eigenes Fundament aufbauen. Für mich lässt sich die neue Denkweise, die gerade zu beobachten ist, vor allem als ein Liebesgeständnis an Ghana, an Afrika deuten.
Mir persönlich ist es ein großes Anliegen, Menschen vermitteln zu können, wie wichtig es ist, ein Bewusstsein für Afrika im Allgemeinen und Ghana im Besonderen zu entwickeln und wie dringlich es ist, damit aufzuhören, den Kontinent in seiner Diversität, Stärke und Schönheit zu unterschätzen, ja nahezu zu übergehen. Ich wünsche mir, in einer Welt zu leben, in der wir von Afrikas Potenzial sprechen können, ohne im selben Atemzug von den Problemen reden zu müssen.
In einer Welt, in der das Narrativ der hilfsbedürftigen Afrikaner*innen einem Austausch auf Augenhöhe weichen kann. Einer Welt, die Afrika nicht als Problem betrachtet, sondern als Lösung. Und vor allem wünsche ich mir, dass wir die Zukunft nicht für, sondern mit Afrika entwerfen.
Fischer: „Afrotopia“ von Patricia Anin, gelesen von Svenja Wasser.
Ein Text, der sich für einen Perspektivwechsel stark macht.
Das wurde auch in der Diskussion im Anschluss klar: Aus dem Publikum kam die Frage, was wir in Deutschland von Ghana lernen könnten. Schließlich hatte man am Vormittag 36 Kulturprojekte vorgestellt, die im ländlichen Raum angesiedelt sind und eine Förderung erhalten haben.
Patricia Anin fand: Gerade von den starken sozialen Bindungen in Ghana könnten wir hier in Deutschland lernen. Sie schwärmte von der Empathie, vom Zusammenhalt in der Familie, von der grundsätzlichen Hilfsbereitschaft aller vor Ort – das war so beeindruckend, dass sie, zurück in Deutschland, fast einen Kulturschock bekommen habe und fast süchtig nach Austausch und Kontakt gewesen sei.