Mittwoch, 17. April 2024

Die Dinge des Lebens - Arbeitsleben
Working Class: Die Wohlstandsillusion

Es ist die bescheidene, deutsche Variante des „American Dream“, das Versprechen an die Kinder „Ihr sollt es einmal besser haben.“ Allein: Es trägt in vielen Fällen nicht mehr. Vermögensaufbau aus eigener Kraft ist für viele Bundesbürger unmöglich.

Von Julia Friedrichs | 20.08.2023
Ein Lieferant hat viele große Pakete auf einer Sackkarre gestapelt.
Paketboten und Beschäftigte anderer Lieferdienste gehören für die Autorin Julia Friedrichs zu einer neuen "Working Class" ohne realistische Aufstiegschancen. (imago / Ralph Peters)
Julia Friedrichs interviewte Experten aus der Wissenschaft und Politik, Reinigungs- und Lehrkräfte sowie Büromenschen. In ihrem viel besprochenen Sachbuch „Working Class: Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ kam sie zu dem Schluss: Alle kämpfen, um ihr Überleben zu sichern.
Die Generation nach den Babyboomern ist die erste nach dem Zweiten Weltkrieg, die ihre Eltern mehrheitlich nicht wirtschaftlich übertreffen wird. Obwohl die Wirtschaft ein Jahrzehnt lang wuchs, besitzt die Mehrheit in diesem Land kaum Kapital und kein Vermögen.
Die Sendung wurde erstmals am 30. Januar 2022 ausgestrahlt.
Sich Wohlstand aus eigener Kraft zu erarbeiten, ist schwieriger geworden, insbesondere für die junge Generation. Die Hälfte von ihnen fürchtet, im Alter arm zu sein.
Was auf die einsame Insel mitnehmen, damit es nie langweilig wird? Wie wäre es mit „Die Dinge des Lebens“, dem Essay-, Hörspiel- und Featureprogramm für den Sommer? In 13 Kapiteln geht es um alle großen Lebensthemen: um Kindheit, Liebe, Drogen, Familie, Sex, Reisen und zuletzt auch um den Tod. Um Anfänge und Abschiede. Und um alles, was dazwischen passiert. „Die Dinge des Lebens“ ist eine Sendereihe in Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur von Anfang Juli bis Ende September 2023.

Sind Sie schon einmal gegen die Fahrtrichtung auf eine Rolltreppe gestiegen und haben versucht, gegen die abwärts gleitenden Stufen anzuarbeiten? Es ist ein ungutes Gefühl. Man tritt und tritt und kommt doch nicht voran. Mit großer Anstrengung kann man sich allenfalls halten.
Oder - anderes Beispiel - haben Sie schon einmal einen Fahrstuhl benutzt, der plötzlich ruckelte und stockte und dann - statt Sie in die oberen Etagen zu befördern - einfach steckenblieb? Urplötzlich wirkt der Raum eng. Manchen scheint die Luft knapp. Die Zeit bis zur Befreiung dehnt sich. Auch kein schöner Moment.
Natürlich - das ist das Erleichternde - lassen sich beide Situationen in der Regel schnell auflösen: Man gleitet die Rolltreppe schließlich doch kapitulierend hinab. Der Fahrstuhl fährt nach Reparatur wieder an. Erledigt!
Und wenn nicht?
Stellen Sie sich für einen Moment vor, in einer der beiden Lagen auf Dauer gefangen zu sein. Denn genau die oben beschriebenen Situationen nutzen Ökonomen als Metaphern, um die Lage vieler jüngerer Menschen zu charakterisieren:
Running to stand still“ - rennen, um stehen zu bleiben, also nicht abzugleiten.
Broken Elevator“ - ein kaputter Fahrtstuhl, der den Aufstieg in höhere gesellschaftliche Etagen verhindert.
Anfang Dezember 2021 hat die OECD gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung eine große Studie zur Lage der Mittelschicht veröffentlicht. Und damit eine Diagnose gestellt, die sich zuvor schon in vielen Einzelbefunden angedeutet hatte:
In der jüngeren Generation wird das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft in Reihe gebrochen. Laut der Studie ist „die deutsche Mittelschicht kleiner als noch Mitte der 1990er Jahre. Zwischen 1995 und 2018 ist sie geschrumpft.“
Über lange Jahre stagnierte das verfügbare Einkommen und damit der Lebensstandard vieler Haushalte der Mitte. Jüngere seien von diesen Entwicklungen heftiger betroffen als Ältere. Wörtlich heißt es:
„Seit der Zeit der Babyboomer ist es für jede nachfolgende Generation schwieriger geworden, in die mittleren Einkommensgruppen aufzusteigen.“
Und das, obwohl der Boom der Wirtschaft vor der Pandemie konstant und robust war. Obwohl die jüngere Generation mehr Zeit und Mühe in die eigene Bildung investiert hat, als die vor ihr. Obwohl etliche Unternehmen schon lange über Fachkräftemangel klagen und - glaubt man den Gesetzen von Angebot und Nachfrage - die wenigen Jüngeren doch im Vergleich zu den zahlenmäßig üppig vertretenen Babyboomern eigentlich besser entlohnt werden könnten.
Auch die Messungen des Wirtschaftswissenschaftlers Timm Bönke stützen den Befund. Für seine Lebenseinkommensstudien gräbt er sich zusammen mit Kollegen durch Daten von Rentenversicherungen und dem Sozio-oekonomischen Panel, aus dem Mikrozensus und Einkommens-Verbraucherbefragungen seit 1962. Das Team vergleicht: Wer verdient in seinem Leben wie viel? Und wie verhält sich das Einkommen der Eltern zu dem ihrer Kinder?
Den unmittelbar nach dem Krieg in Westdeutschland Geborenen, also den Eltern der heute 40-Jährigen, gelang der Aufstieg in der Breite, selbst für ungelernte Arbeiter war er möglich. 90 Prozent derer, die in den Wirtschaftswunderjahren zur Welt kamen, verdienten mehr als ihre Eltern. Timm Bönke:
„Für die danach aber gilt das so nicht mehr. Nur jedem Zweiten der 1980 Geborenen gelingt es, das verfügbare Einkommen der Eltern zu übertreffen.“
Dabei ist das Volkseinkommen seit 1980 pro Kopf um 53 Prozent gewachsen. Der Kuchen ist also sehr viel größer geworden. Wäre er auf gleiche Weise verteilt worden, müssten alle erwachsenen Kinder ihre Eltern irgendwann im verfügbaren Einkommen übertreffen. Tun sie aber nicht.
Es ist, als sei ein Teil der jüngeren Generation von der sicheren Treppe, die die Eltern nach oben führte, auf eine abwärts laufende Rolltreppe geleitet worden. Dort rennen sie nun, um sich irgendwie zu halten. „Running to stand still“.
Nun steigen natürlich auch Jüngere noch immer die Treppe des Lebens hinauf. Oder - vermutlich trifft es das eher - beginnen ihren Weg schon auf einem der oberen Absätze. Junge Menschen nämlich, die über ihre Familien ab Geburt mit Kapital ausgestattet sind: Mit Vermögen. Mit Bildungstiteln. Kontakten. Nein: Wer gegen den Abstieg anrennt, lässt sich recht präzise umreißen. Es sind diejenigen aus den Reihen der Nach-Babyboomer, die kein Vermögen haben, kein Kapital, die allein auf ihrer Hände, ihrer Köpfe Arbeit angewiesen sind. Die Working Class - die Arbeiterklasse.
Oft wird behauptet, dass die in Deutschland längst verschwunden sei. Dass wir uns nur noch in Konsummilieus aufschlüsseln ließen, uns dadurch unterschieden, dass die einen zur Mandelblüte nach Mallorca fliegen, die anderen zur Party nach Ibiza. Ein Trugschluss, der auch darauf fußt, dass wir uns an veralteten Bildern und Definitionen festhalten.
Heute schaffen Arbeiter nicht mehr unter Tage, nur selten in der Fabrik am Fließband. Sie reinigen, sie unterrichten, sie schleppen Pakete die Treppe hinauf und Schmutzwäsche wieder hinunter, sie sitzen an der Supermarktkasse oder füllen Regale. Sie verlegen schnelles Internet und antworten an der Hotline. Sie pflegen Opa oder uns, wenn wir krank sind.
Die Working Class ist vielfältig geworden, weiblicher, migrantischer, eher in Dienstleistungsberufen angestellt, aber noch immer gilt: Es sind Menschen, die arbeiten, um Geld zum Leben zu haben. Menschen, die keine Unternehmensanteile halten, über keine Mietshäuser verfügen, keine Erbschaften erwarten. Menschen, für die es heißt: Nettoeinkommen gleich Monatsbudget.
Die beiden Ökonomen Gabriel Zucman und Emmanuel Saez schichten die Bevölkerung der USA anhand ihrer Vermögen. Ganz unten die breite Arbeiterschicht, die Menschen ohne Kapital, satte 50 Prozent. Dann die Mittelschicht: die folgenden 40 Prozent. Die obere Mittelschicht, das sind die nächsten neun Prozent. Und die Reichen das oberste Prozent. Folgt man dieser Logik, sind auch in Deutschland die meisten Menschen Arbeiter. Denn obwohl die Wirtschaft nun ein Jahrzehnt lang wuchs, hat die Mehrheit in diesem Land kaum Kapital, kein Vermögen.
Stellt man alle erwachsenen Deutschen in eine Reihe, besitzt der mittlere aller Deutschen rund 20.000 Euro. Wiederholt man dasselbe nur mit Mieterinnen Deutschlands, entfallen auf die Person in der Mitte gerade mal 5.000 Euro Besitz. Man kann sehen: In unserem reichen Land ist zu wenig Wohlstand in die untere Hälfte durchgesickert. Und viele auf der Rolltreppe haben den Eindruck, dass alle Anstrengung nicht genügt, um sich aus dieser Lage zu befreien. Zu Recht.
„Deutschland hat eine ungewöhnlich geringe Chancengleichheit und Mobilität zwischen den Generationen“,
schreibt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Das Einkommen der Kinder hinge stärker mit dem Einkommen der Eltern zusammen als in fast allen anderen Industrieländern. Fratzscher weiter:
„Der Anteil junger Menschen mit einem niedrigen und mittleren Bildungsniveau, die es in die Mittelschicht schaffen, nimmt dramatisch ab“.
Deren Aufstiegschancen sind seit 1995 gesunken. Im „Broken Elevator hängt die Working Class fest, auf der Rolltreppe rennt sie, um sich zu halten.
Soweit der abstrakte Befund. Dahinter aber verbergen sich viele einzelne, gar nicht abstrakte Leben. Menschen, die Pläne hatten, die bisher nicht aufgingen. Hoffnungen, die sich noch nicht erfüllen. Dahinter stecken die großen, fast philosophischen Fragen, wie die nach dem Wert der Arbeit und wer ihn bemisst. Und die, die sich jeden Morgen stellen: Wie motiviert man sich eigentlich weiterzumachen, wenn man doch weiß, dass all die Anstrengung einen vermutlich nicht die Rolltreppe hinauftragen wird?
An einem Punkt des Netzes, das Berlin im Untergrund zusammenhält, befüllt Sait an jedem Arbeitstag um 6:30 Uhr seinen Putzwagen mit einem Liter Reinigungsmittel, Mopps, Toilettenpapier, Blausäcken und Handpappe. Wenn wieder einmal - wie an diesem Morgen - der Aufzug kaputt ist, bleibt Sait nichts anderes übrig, als sich auf der Rolltreppe gegen das schiefe Wägelchen zu stemmen. Dann fährt er hinab, unter die Straßen der Stadt. Sait putzt seit 18 Jahren Berliner U-Bahnhöfe. Jede Station folgt demselben Putzparcours. Er reinigt die Bahnsteige, die Treppen, den Ausgangsbereich. Er leert die Mülleimer, er fegt, er wischt, wenn es Flecken gibt: irgendwas Vergossenes, trockenen Urin, Kotreste. Hektisch putzt er auch über die Fahrkartenautomaten. Sein Plan gesteht ihm 40 Minuten pro Bahnhof zu. Braucht er länger, hat er ein Minus, und um das Minus wieder hereinzuholen, muss er an der nächsten Station noch schneller arbeiten.
Hat er einen Bahnhof fertig gereinigt, schiebt er seinen Putzwagen in die U-Bahn, um zur nächsten Station zu fahren. Für ihn der schlimmste Moment der Schicht. Wird er, der für Sauberkeit sorgt, in diesem Moment doch von den Anderen als schmutzig empfunden. Die Wagen, sagt Sait, würden in drei Schichten benutzt, die Auffangsäcke sollen nur einmal pro Woche gewechselt werden. Er würde sich wünschen, seine Materialien an jedem Bahnhof in Schränken einlagern zu können. Aber das, so vermutet er, sei wohl zu teuer. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Putzsachen von Station zu Station zu fahren. „Jetzt stellen Sie sich vor“, sagt er. „Sie haben Ihre Stulle in der Hand. Ich steige zu. Ich habe gerade Kotze und Pisse weggewischt und der Mopp stinkt. Da rücken Sie von mir weg, natürlich!“
Im Herbst 2019 verdient Sait 10,56 Euro brutto pro Stunde. Inzwischen sind es knapp über 12. Dafür soll er aber mehr Bahnhöfe in weniger Stunden schaffen. Seine Schicht wurde verkürzt. Rund 1.700 Euro verdient Sait im Monat. Er hat zwei Kinder. Der große Sohn macht inzwischen eine Lehre und verdient dazu. Zum Glück. Denn vorher ging Sait Monat für Monat zum Amt und ließ seinen Lohn aufstocken. Wie gern würde er allein aus eigener Arbeit die Familie ernähren. Aber es reicht nicht. Obwohl auch seine Frau verdient, als Näherin in einer kleinen Schneiderei. Denn vieles, was er zahlen müsse, sei teurer geworden. Die Miete: 500 Mark für drei Räume hat seine Wohnung in den 1990er Jahre gekostet, jetzt 700 Euro. Der Strom: verdoppelt. Die Sozialabgaben: gestiegen. Dass sich jemand wie er ein gutes Leben leisten kann, sei vorbei, sagt Sait und fasst damit all die Statistiken und Studien, die zur Lage von Arbeitern wie ihm erschienen sind, nüchtern zusammen.
Natürlich ist Sait das, was Soziologen „ungelernt“ nennen. Man kann sein Berufsleben so erzählen, wie er es selbstkritisch tut: als Folge des eigenen Scheiterns im Bildungssystem. Eine Ausbildung, gar ein Studium hätte seine Chancen gemehrt. Aber ließe sich Saits Lebensleistung nicht auch ganz anders erzählen?
David Graeber, der 2020 viel zu früh verstorbene Ethnologe an der London School of Economics, schrieb in seinem Buch Bullshit-Jobs:
„Angenommen, wir würden alle eines Morgens aufwachen und feststellen, dass nicht nur Krankenschwestern, Müllarbeiter und Mechaniker verschwunden sind, sondern dass auch Busfahrer, Lebensmittelverkäufer, Feuerwehrleute und Schnellrestaurantköche in eine andere Dimension transportiert wurden: Die Folgen wären katastrophal.“
Nicht ganz klar dagegen sei, ob die Welt leiden würde, wenn alle Private‑Equity‑Manager, Marketingexperten, Versicherungsfachleute oder Telefonverkäufer verschwänden.
„Aber gerade dort arbeiten vielfach die Menschen, die besonders hohe Gehälter beziehen.“
- und von denen einige zudem auf die, die sie auf unterschiedlichste Art umsorgen, herabblicken. Dass Saits Arbeit notwendig und sinnvoll ist, ist unstrittig. Dass er sie - auch ohne Studium - ordentlich und zuverlässig erledigt auch. Warum also soll jemand wie Sait keinen Anspruch darauf haben zu hoffen, dass er auf diese Arbeit ein sicheres, ein gutes Leben bauen kann?
Eine Generation zuvor war das noch möglich. Sogar für Ungelernte. Auch Saits Vater war Working Class in Berlin. Er arbeitete als Fahrer auf dem Berliner Großmarkt. Die Mutter war Hausfrau. Drei Kinder hatte die Familie. Damals, sagt Sait, sei mit nur einem Einkommen ein gutes Leben möglich gewesen. Die Familie hätte eine geräumige Wohnung mieten können, sei ins Restaurant gegangen, in den Urlaub gefahren, sogar sparen konnte sein Vater. Ob das, wie manche Ältere behaupten, daran liegt, dass sie genügsamer waren? Fakt ist auf jeden Fall, dass Saits Vater damals inflationsbereinigt mehr verdiente als sein Sohn heute.
In den Worten des Spitzenökonomen Marcel Fratzscher klingt das, wir erinnern uns, so:
„Der Anteil junger Menschen mit einem niedrigen und mittleren Bildungsniveau, die es in die Mittelschicht schaffen, nimmt dramatisch ab.“
Oder, wie es Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin am Forschungsinstitut der Hans-Böckler-Stiftung, formuliert: „Erwerbsarbeit ist kein Sicherheitsversprechen mehr“, insbesondere für die Jüngeren. Denn die Vorleistung der Jungen ist enorm.
Unter dem Strich war keine Generation in der Breite besser gebildet als die jetzige. Anfang der 1950er Jahre besuchten 15 Prozent eines jeden Jahrgangs in Westdeutschland das Gymnasium, heute fast 50 Prozent. 1950 studierten 100.000 junge Menschen, heute über zwei Millionen. Und ja, natürlich ist das Abitur nicht mehr so anspruchsvoll wie es vielleicht war, als nur eine schmale, elitäre Schicht die Prüfung ablegte. Aber lernintensiver als der Volksschulabschluss, der in der Generation der über 65-Jährigen der häufigste war, ist es dennoch.
Zwar wurden durch die Expansion der Bildung tatsächlich einige Ungleichheiten getilgt, die die Generation unserer Eltern und Großeltern noch prägten: die zwischen Jungen und Mädchen und die zwischen Stadt und Land. Allerdings nicht die zwischen Kindern von Akademikern und denen der Working Class. Diese Kluft wuchs.
Um das zu verstehen, sei hier ein kurzes Rechenbeispiel angeführt: Stellen Sie sich vor, eine Ärztin verdient 3.000 Euro und ein Pfleger 1.500. Nun verdoppeln beide ihr Gehalt. DieÄrztin bekommt 6.000, der Pfleger 3.000. Prozentual bekommen beide gleich viel mehr, aber der Abstand zwischen ihnen steigt.
Genau das ist in den Schulen und an den Universitäten passiert. Schaut man sich die soziale Herkunft Studierender vor und nach der Bildungsexpansion an, stellt man fest, dass aus allen Schichten mehr Abiturienten an die Uni wechseln. Aber genau das hat den Vorsprung der Akademikerkinder anwachsen lassen.
Ein Beispiel: 1969 fingen drei Prozent der Arbeiterkinder ein Studium an, 2000 waren es sieben Prozent, mehr als doppelt so viele. Bei den Kindern von Beamten stieg der Anteil von 27 Prozent im Jahr 1969 auf 53 Prozent im Jahr 2000. Danach wurde die Zählweise geändert, so dass die Statistiken nicht mehr vergleichbar sind. Der Befund aber bleibt: Die Quote derer, die studieren, stieg in allen Schichten an. Gleichzeitig aber wuchs der Abstand zuungunsten der Kinder der Working Class.
Hinzu kommt: Wenn das Abitur das neue „Normal“ ist, verliert es, genau wie alle anderen Zertifikate massiv an Wert. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani schreibt.
„Wo früher kein Abschluss oder einfache Abschlüsse ausgereicht hätten, um eine berufliche Laufbahn einzuschlagen, benötigt man nun mittlere und höhere Abschlüsse.“
Es ist, so ein gern genutzter Vergleich, wie im Stadion. Steht nur ein Fan auf, sieht er besser. Wenn sich aber nach und nach alle hinstellen, ist der Vorteil dahin. Im Stadion der Generationen nach den Babyboomern haben die, die sitzen geblieben sind, ganz schlechte Sicht. Aber auch denen, die aufstanden, also das Abitur machten, sich sogar - per Studium - auf die Zehenspitzen reckten, ist kein Blick aufs Geschehen, keine wirtschaftliche Sicherheit mehr garantiert.
Am Telefon hatte Alexandra gesagt, ihr Leben bestimme ein großes Gefühl der Unsicherheit. Damit hatten zu Beginn ihrer Laufbahn weder sie noch ihr Mann Richard gerechnet. Wie auch? Bei zwei Studierten mit Auszeichnung. Die Musikhochschule hatte Alexandra mit der Note „Sehr gut“ beendet und danach noch das Konzertexamen und die Doktorarbeit draufgesattelt. Viel mehr kann man in die eigene Bildung nicht investieren. Ihr Beruf, Klavierlehrerin, ist zudem ein gefragter. Die Wartelisten lang.
Alexandra und Richard leben sehr abgeschieden. Aber woanders wäre auch ein kleines Haus wie ihres unbezahlbar. Ihr Bungalow ist Baujahr 1977, hat Ölheizung im Keller. Der Bausparvertrag ging für die Renovierung drauf. Den Kaufpreis mussten sie voll finanzieren. 1.300 Euro zahlen sie im Monat für Zinsen, Tilgung, Strom, Wasser und die Ölheizung. Zum Glück ist lange nichts kaputtgegangen. Denn Alexandra und ihr Mann Richard sind Musikschullehrer auf Honorarbasis. Ihre Arbeitgeber - sechs Musikschulen - haben die Risiken des Lebens an die beiden outgesourct.
Alexandra und Richard werden für 21 bis 27 Euro brutto pro gegebener Stunde angeheuert. Manche Honorare sind seit zehn Jahren nicht erhöht worden. In den Ferien oder wenn sie krank sind, verdienen sie nichts.
Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Zettel, auf dem die beiden ihren Wochenplan aufgezeichnet haben. Ein Meisterwerk der Logistik, der zwei hochaktive Ich-AGs zu ihren 110 Schülern führt. Ein zweites Auto wäre gut. Aber das ist nicht drin.
Sie seien nicht arm, betont Alexandra. Beide verdienen ungefähr 1.600 Euro netto im Monat. Alexandra verwaltet das Geld diszipliniert. Sie führt ein Haushaltsbuch, sucht nach Angeboten, beim Essen, bei Kleidung sowieso.
Mit den Mitteln zu haushalten ist in den meisten Monaten ein lösbares Problem. Als Musiker lernt man früh, dass man ohne Disziplin nichts erreicht. Und so ist diese Tugend ihr Lebensbewältigungsinstrument geworden. Schwerer wiegt die Unsicherheit. Alexandra, Richard und die beiden Kinder müssen immer funktionieren. Es darf keiner länger krank werden. Jedes unvorhergesehene Ereignis bringt ihr Lebenskonstrukt, das sie aus viel Arbeit gezimmert haben, ins Wanken.
Alexandra und Richard gehören zu den Menschen, die viele, die noch die alten Bilder und Definitionen der Arbeiterklasse im Kopf haben, sicher nicht mit dem Begriff „Working Class“ verbinden würden. Aber die moderne Berufswelt ist zu zerfasert, um Menschen noch schlicht ihren Abschlüssen, ihren Beschäftigungsorten folgend, in Angestellte und Arbeiter zu sortieren. Nein: Die entscheidende Trennlinie moderner Gesellschaften ist das Kapital.
Und genau wie Sait leben auch Alexandra und Richard von Monat zu Monat. Auch sie haben kein Vermögen. Keinen Puffer für schlechte Zeiten. Und das geht ja nicht nur ihnen so. Genauso betroffen: Maskenbildnerinnen, Volkshochschullehrer, Sozialarbeiterinnen, Journalisten, Physiotherapeuten.
Wer Alexandra an einem ihrer Arbeitsplätze besucht - einem Musikraum einer Grundschule, Raufasertapete an der Wand, blauer Veloursteppich auf dem Boden -  dem fällt es leicht, sich in die westdeutschen 1980er Jahre zurückzuversetzen. In eine Zeit, in der Saits Tätigkeit noch nicht an Subunternehmer ausgegliedert wurde und Musikschullehrerinnen wie Alexandra in der Regel noch festangestellt waren, all die Segnungen des Wohlfahrtsstaates - Sozialabgaben, Krankengeld, Urlaubsgeld inklusive.
Die 80er Jahre waren das Ende einer Epoche des am stärksten gezähmten Kapitalismus, den die westlichen Industrieländer je erlebten. Das Normalarbeitsverhältnis war, zumindest für die männliche Hälfte der Bevölkerung, die Norm, die Lohnquote hoch, der Abstand zwischen Spitzengehältern und Durchschnittseinkommen gering. Ein Vorstand bekam damals im Schnitt 14-mal so viel wie seine Angestellten, mittlerweile ist es das 50-fache. Die Vermögen lagen näher beieinander. Die Aufstiegschancen waren größer. Wer in den 1980er Jahren arm war, blieb dies nur mit 40-prozentiger Wahrscheinlichkeit auch fünf Jahre später noch. Bis heute ist dieses Risiko auf 70 Prozent angestiegen.
Und so sehen etliche Ökonomen die 1980er Jahre als Wendepunkt für die Working Class. In den westlichen Ländern, die in den Nachkriegsjahrzehnten immer gleicher geworden waren, kehrte sich die Entwicklung um: Die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen nahm zu.
Die Ursachen sind zahlreich. Es gibt nicht den einen Grund. Sondern fatalerweise eine ganze Reihe von Hindernisse, die sich vor den Jüngeren der Working Class auftürmte, als sie ihren Aufstieg versuchten.
Einige sollen hier schnell mit einem Schlagwort beschriftet werden:
Globalisierung. Deregulierung, der Aufstieg des Finanzkapitalismus. All das spürte auch die Working Class. Firmenteile wurden verlagert, Belegschaften im Land unter Druck gesetzt. Die Löhne der unteren 40 Prozent stiegen - inflationsbereinigt - über mehr als zwei Jahrzehnte kaum. Gewerkschaften schwächelten.
Sozialdemokratische Parteien auch. UndÖkonominnen versprachen, dass der Reichtum quasi automatisch nach unten durchsickern würde, wenn man die, die ohnehin schon viel haben, nur steuerlich entlaste.
Ein weiteres Hindernis, das die Treppe für die Jüngeren blockiert, wird selten erwähnt. Wohl auch, weil es keine fernen Mächte wie die Superreichen der Welt oder Spitzenpolitiker dort platziert haben, sondern die, die einem weitaus näher sind: ältere Kolleginnen, der Betriebsrat, die eigenen Eltern. Manche nennen die Generation derer, die jetzt um die 70 sind, die goldene Generation. Wer im Westdeutschland der Nachkriegsjahre geboren wurde, war aus wirtschaftlicher Sicht immer zur richtigen Zeit in der richtigen Lebensphase. Im Alter ist diese Generation so wohlhabend wie keine Kohorte vor ihr - und vermutlich so gut versorgt, wie auch keine nach ihr.
Der Fernsehjournalist Sven Kuntze, einst ARD-Korrespondent in Bonn, New York und Washington, schreibt in einem Buch über die eigene Generation, sie seien als „Wirtschaftswunderkinder“ in einer Atmosphäre grenzenloser Zuversicht aufgewachsen. Es sei ständig aufwärts gegangen. Wer Fahrrad fuhr, leistete sich bald ein Motorrad und dann das erste Auto, die Urlaubsreisen tasteten sich unaufhaltsam gen Süden vor. Allerorten öffneten Schwimmbäder, Schulen wurden gebaut. Der Staat war nahezu schuldenfrei. Kuntze erinnert sich:
„Wohin das Auge des Heranwachsenden auch schaute, herrschten Aufbruch und Optimismus.“
Wer damals jung war, „brauchte nur noch zuzugreifen“. So beschreibt es im Interview auch eine ehemalige Redakteurin, gerade in Rente gegangen. Sie sei in den Beruf gestartet mit dem Wissen, dass immer alles möglich sei. Als sie dann zur Abteilungsleiterin aufgestiegen war, galt all das für die, die nachkamen, nicht mehr. Feste Stellen wurden gekürzt. In Personalgesprächen musste sie ihren freien Mitarbeitern die Hoffnung auf die Sicherheit, die sie selbst von Anfang an erlebt hatte, nehmen. Und ihr ist auch bewusst, dass die, die nach ihr kommen, im Alter keinesfalls so gut versorgt sein werden wie sie heute. Bis Anfang der 1990er Jahre machten die Rundfunkanstalten ihren Redakteuren teure Versprechen für die Rente, die jetzt, oh Wunder, das Budget in der Gegenwart einschnüren. Man habe das Ganze „auf der Zeitschiene wohl nicht so durchgerechnet“, sagt einer der Verhandler heute. Scheint eine Spezialität der Nachkriegsgeneration gewesen zu sein. Rentenkasse? Klima? Aufstiegschancen? „Wir haben das auf der Zeitschiene wohl nicht so durchgerechnet.“
Es gibt daher in vielen Belegschaften mehrere Rentengenerationen: die üppig Versorgten, die „noch ziemlich gut Versorgten“ und dann die Jüngeren, deren Betriebsrenten oft niedriger ausfallen oder gekappt wurden und die - natürlich - auch mit einer geringeren gesetzlichen Rente auskommen müssen. Die deshalb eigentlich privat fürs Alter vorsorgen müssten, wie es immer heißt. Was - wie nicht nur Sait und Alexandra - en détail begründen können, nur schwer möglich ist, wenn Löhne nicht steigen, Ausgaben aber schon. Running to stand still.
Im ersten Corona-Frühjahr erlebte die Working Class einen kurzen Frühling des Respekts, gar der Verehrung. Plötzlich galten all diejenigen, die - wie Sait - sonst weitestgehend unbeachtet reinigen oder pflegen oder kassieren, als Krisenhelden. Im Deutschen Bundestag erhoben sich die Abgeordneten - stehender Beifall für all die, die mit ihrer Arbeit „buchstäblich den Laden am Laufen halten“, wie Kanzlerin Angela Merkel dankte. Und Herbert Grönemeyer dichtete:
„Sie sind die Helden dieser Zeiten / Unsere Rückgrate / Unser Stand / Trauen ihre   Grenzen weit zu überschreiten / Für dich und mich / Nehmen’s Land in ihre Hand.“
Wenn man im kaputten Aufzug steckt, mag diese Aufmerksamkeit zunächst tröstlich wirken. Wichtiger wäre für die Festsitzenden aber, dass der Lift schnell wieder anfährt. Was bei der Reparatur helfen würde, weiß man: Höhere Löhne, eine Umverteilung der Steuerlast von der Arbeit hin zu den Vermögen, Wohnungen, die sich auch die Working Class leisten kann, Schulen, die alle bilden, eine soziale Absicherung, die alle Generationen trägt. Wer sich anstrengt, muss etwas erreichen können.