Freitag, 27. Mai 2022

Chinas Machthunger (2/2)
Als nächstes Taiwan?

„Is Taiwan next?“ schildert in einer langen New-York-Times-Reportage das Engagement von Nancy Tao Chen Ying, einer jungen Taiwanerin, die politischen Flüchtlingen aus Hongkong hilft, ein neues Leben in Taiwan zu beginnen. In Nancy kristallisiert sich das Schicksal eines ganzen Landes.

Von Sarah A. Topol | 02.01.2022

Eine junge Frau hält ein Plakat mit der Aufschrift "Taiwan with Hong Kong", eine andere eins mit "No China Extradition" bei einer Kundgebung in Taipeh, Taiwan, am 16.06.2019
Demonstrierende bei einer Kundgebung in Taipeh am 16. Juni 2019 (imago images / ZUMA Press Jose Lopes Amaral)
Sarah A. Topol arbeitet als Reporterin und Autorin für das New York Times Magazine. Ihre Reportage über den Genozid an den Rohingya wurde mit dem National Magazine Award ausgezeichnet, für ihre Story über eine uigurische Familie erhielt sie den Overseas Press Club Award. Sie hat Dutzende Länder bereist, war Gast bei CNN, NPR, der BBC und hat an renommierten US-Universitäten über ihre Arbeit gesprochen. Für ihre mehrmonatigen Recherchen in Taiwan wurde sie unterstützt vom Pulitzer Center für Krisengebiets-Berichterstattung.

Sarah A. Topol, eine preisgekrönte Autorin, die unter anderen für das New York Times Magazine schreibt, analysiert in ihrem Text die jüngste Geschichte Taiwans zwischen den Autonomiebestrebungen des Archipels und der Bedrohung durch China. Denn ganz Taiwan hat genau beobachtet, wie Hongkong seine Freiheiten verlor, als es in China aufging. Sarah Topol schildert das alles nah am Leben der jungen Taiwanerin Nancy Tao Chen Ying. Sie wird von den Ereignissen in Hongkong aufgerüttelt, fliegt selbst dorthin, hilft flüchtenden Demonstranten in Taiwan, darf schließlich nicht mehr einreisen und wird sogar online gemobbt und verfolgt. Sie hält weiterhin Kontakt mit einer Reihe von Hongkonger Protestlern: Joshua Wong, Ray Wong, Edward Leung und Sixtus, genannt Baggio, Leung. Gegen Ende wird Sarah Topol sogar von ihrer Recherchereise nach Taiwan erzählen, wo sie Nancy persönlich traf. Zunächst aber blickt der Text nach Hongkong, als es für die Demonstranten immer schwieriger wurde zu fliehen, weil immer mehr Menschen verhaftet wurden.

Teil 1 des Essays Chinas Machthunger: Als nächstes Taiwan?
Seit dem Sommer schon nutzten Schmuggler Fischerboote. Wer als Demonstrant in Hongkong ein Ausreiseverbot hatte, konnte in ihnen nach Taiwan gelangen. Im Herbst hatten die Schmuggler die Preise astronomisch erhöht und Baggios Netzwerk wollte in Eigenregie eine Fluchtroute organisieren. Sie erwogen, Fischerboote zu kaufen, aber es gab so wenige Fischer in Hongkong, dass es sofort auffallen würde, wenn ihnen jemand ein gebrauchtes Boot verkaufte. Also erwarben sie Schnellboote. Das machte die Beschaffung sicherer, aber die Reise riskanter. Sie brauchten Treibstoff, aber wenn sie den an einer Tankstelle kauften, würden sie dort von den Überwachungskameras erfasst. Sie fanden einen Ort, an dem sie den Treibstoff abzapfen durften. Auf jedem Boot würde jemand lernen müssen, wie man navigiert und steuert.
In diesem Winter begannen sie, die Boote loszuschicken. Demonstranten, die sich noch nie zuvor gesehen hatten, versammelten sich frühmorgens an einem verabredeten Ort in der Nähe des Hafens und vertrauten ihr Schicksal der Bootscrew an. Es gab nicht genug Boote und daher bald Wartelisten. Betrüger versprachen den Leuten Plätze für die Überfahrt, die es nicht gab.
Demonstranten, die unbedingt weg mussten, kontaktierten Baggio. Er bat sie, Kosten und Nutzen abzuwägen: „Die Höchststrafe, die euch droht, sind ein bis zwei Jahre Gefängnis“, sagte er ihnen. „Kennt ihr das Risiko bei der Überfahrt? Ihr könntet getötet werden oder auf offener See sterben. Wenn euch keine ernste Strafe in Hongkong droht, lohnt sich das Schnellboot nicht.“
Nancy drängte Baggio, selbst in eines der Boote zu steigen.
„Du schickst alle möglichen Hongkonger, warum gehst du nicht selbst?“, fragte sie.
„Die Zeit ist noch nicht reif“, meinte er.
„Jetzt kannst du noch gehen, aber willst nicht. Vielleicht änderst du später deine Meinung, und dann ist es zu spät“, sagte sie ihm. „Du kannst Hongkong nur helfen, wenn du lebst!“
Während die Taiwaner ihren Blick auf Hongkong richteten, diskutierten sie ihre eigene Zukunft. Die amtierende Präsidentin Tsai Ing-wen von der Demokratischen Fortschrittspartei, die im Januar 2020 wiedergewählt werden wollte, hatte schnell ihre Unterstützung für die Bewegung bekundet. Wenn die Taiwaner die Kuomintang wieder an die Macht wählten, sagte Tsai, würde sie sich China annähern. Wollten sie es riskieren, dasselbe Schicksal wie Hongkong zu erleiden, oder wollten sie unter Tsais Führung weiterhin Autonomie für Taiwan beanspruchen?
Als Tsai 2016 ihr Amt antrat, bot sie China einen Dialog auf der Grundlage gegenseitigen Respekts an. Sie war als vorsichtige, berechnende Technokratin bekannt, die das fragile Gleichgewicht mit China nicht gefährden wollte. Dennoch kappte Xi die wenigen Kommunikationskanäle mit Taiwan und drohte erneut mit einer militärischen Machtübernahme. Während des Wahlkampfes in Taiwan baute die Volksbefreiungsarmee den taiwanischen Präsidentenpalast nach und trainierte die Invasion. Das Regime hatte bereits damit begonnen, das Militär zu modernisieren, neu zu organisieren und aufzurüsten. In den Jahren nach Tsais Sieg verlor die Regierung der Republik China immer mehr offizielle Verbündete – bis 2020 wendeten sich sieben Verbündete der Volksrepublik zu. China hatte einen Gang hochgeschaltet.
Bevor die Proteste in Hongkong ausbrachen, lag Tsai zweistellig hinter ihren Gegnern von der Kuomintang zurück, aber je mehr Xi Taiwan und Hongkong angriff, desto beliebter wurde Tsai – es wurde schwierig, ihre Politik auch nur ansatzweise in Frage zu stellen, ohne als Freund der Volksrepublik angeprangert zu werden.
Tsai hatte im Wahlkampf dafür geworben, den Demonstranten zu helfen, aber sie tat wenig für sie, als diese dann in Taiwan ankamen. Für Nancy war das Heuchelei und das machte sie wütend. Es fehlte an einem Asylrecht, und damit waren die Neuankömmlinge aus Hongkong im Grunde Staatenlose.
„Die Demokratische Fortschrittspartei versucht, einen wirklich vorsichtigen Mittelweg einzuschlagen“, erklärte Ming-sho Ho, Professor für Soziologie an der Nationaluniversität Taiwan. „Einerseits hat sie die moralische Verpflichtung, den Hongkongern zu helfen, andererseits weiß sie, dass jede größere Aktion Peking verärgern wird, also versucht sie beides gleichzeitig. Das ist typisch für Tsai. Sie versucht, unter dem Radar zu fliegen, und das ruft bei vielen Leuten Kritik hervor.“
Die geflüchteten Hongkonger selbst hatten das Gefühl, dass sie die taiwanische Regierung nicht offen kritisieren konnten. Sie hatten einen unsicheren Aufenthaltsstatus – sie waren dem Gutdünken der Regierung ausgeliefert, waren Gäste, die von ihren Gastgebern nichts fordern konnten.
Sie hatten ihre eigenen zivilgesellschaftlichen Gruppen gegründet, welche die Öffentlichkeit auf ihre Seite ziehen wollten, aber die konnten nicht viel ausrichten.
„Im Moment müssen wir uns auf die freundliche Haltung der Regierung verlassen, aber wir hoffen auf einen klaren rechtlichen Rahmen [...]“, sagte Chun-hung Lin, der Sprecher der Stiftung für Justizreform, der zudem als Anwalt den Demonstranten durch das juristische Niemandsland half.
Tsai und die Demokratische Fortschrittspartei sahen sich mit einer großangelegten Desinformationskampagne aus China konfrontiert, die auf eine altbewährte Strategie zurückgriff: Man wollte die Bevölkerung entlang der bestehenden Gräben spalten. Das Internet wurde mit Verschwörungstheorien geflutet; die meisten richteten sich gegen die Demokratische Fortschrittspartei: Die CIA habe Agenten mit unsichtbarer Tinte geschickt, um die Stimmzettel zugunsten von Tsai zu manipulieren; Tsai habe sechs Abtreibungen gehabt; ihre Doktorarbeit sei gefälscht. Oft war es leicht, die gezielte Desinformation zu erkennen: Chinesen schreiben Mandarin mit vereinfachten Schriftzeichen, während Taiwaner traditionelle Schriftzeichen verwenden, und die Fake-Beiträge verwendeten oft die falschen Schriftzeichen. Als Reaktion darauf begannen junge Taiwaner mit dem Factchecking der Onlineartikel, aber sie kamen kaum hinterher. Es grassierten Fake News, aufkeimende Gerüchte und unüberlegte politische Äußerungen.
Auch auf chinesischer Seite war die Lage unkalkulierbar. Im Jahr 2018 hob die Partei die Amtszeitbegrenzung für das Präsidentenamt auf und ebnete Xi so den Weg für eine lebenslange Herrschaft. Politische Beobachter fragten sich, ob er einen größeren Konflikt mit Taiwan orchestrieren würde, um seine Macht zu festigen.
Es würde keine große Wiederbelebung der chinesischen Nation geben, ohne dass China die Kontrolle über diejenigen einstigen Territorien sicherte, die es von Natur aus als sein Eigentum betrachtete. Die Zwangsumsiedlung von Tibetern, die Konzentrationslager in Xinjiang, das rigorose Durchgreifen in Hongkong und die „Wiedervereinigung“ mit Taiwan – insgesamt war diese Politik in China sehr beliebt.
Die meisten Experten glaubten zwar nicht, dass die Invasion Taiwans bevorstand, aber völlig auszuschließen war sie nicht. Vielleicht würde eine ernste innenpolitische Krise Xi zu einem solchen Schritt veranlassen, aber die Kosten wären unfassbar hoch. Viel wichtiger und drängender war es für die Partei, Taiwan davon abzuhalten, seine Unabhängigkeit als „Taiwan“ auszurufen, ja sicherzustellen, dass Taiwan und die Weltgemeinschaft glaubten, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Inselgruppe ein Teil Chinas werden würde.
Die Strategie der Kommunistischen Partei Chinas für Taiwan besteht darin, „den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass jeder Widerstand zwecklos sei, dass die Geschichte tatsächlich den Verlauf nehmen werde, den die Kommunistische Partei Chinas als den korrekten Lauf der Dinge propagiert, der sich ja ohnehin durchsetzen werde“, sagt Shelley Rigger, Professorin für Ostasienpolitik am Davidson College. „Daher ist es eine Ressourcenverschwendung, Taiwan dabei zu helfen, sich gegen die Eingliederung in die Volksrepublik China zu wehren, weil man sich gegen den natürlichen Lauf der Geschichte stemmt.“
Die Partei nutzt ihre Macht über die chinesische Wirtschaft, um den globalen Diskurs über das zu manipulieren, was sie als innere Angelegenheit betrachtet. Nachdem der Geschäftsführer der Houston Rockets die Demonstranten in Hongkong auf Twitter unterstützt hatte, war die NBA gezwungen, sich offiziell zu entschuldigen – ansonsten würde sie vom chinesischen Markt ausgeschlossen.
Ging es um Taiwan, lief es ähnlich: The Gap musste sich für ein T-Shirt entschuldigen, das China ohne Taiwan zeigte.
Als ein taiwanischer Schriftsteller auf der Longlist für den Man Booker International Prize stand, beugte sich das Preiskomitee dem chinesischen Druck und änderte die Kategorie „Staatsangehörigkeit“ in „Land oder Territorium“.
Zu den ökonomischen Druckmitteln aus China kamen sogar noch Geiselnahmen hinzu: 2018 inhaftierte Peking zwei Kanadier als Vergeltung dafür, dass Kanada auf Geheiß der USA die Finanzchefin des Telekommunikationsriesen Huawei inhaftiert hatte. Die Kanadier wurden mehr als zwei Jahre lang festgehalten, bevor sie ohne Zeugen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor Gericht gestellt wurden. Danach mussten sie ins Gefängnis zurück, und die Gerichtsurteile wurden nie veröffentlicht. Diese Inhaftierungen markierten Grenzüberschreitungen, die es von Seiten der Kommunistischen Partei nie zuvor gegeben hatte – aber es gab keine nennenswerten Konsequenzen. Die Verurteilungen sollten die Bürger Taiwans, Hongkongs, ja überhaupt alle Bürger warnen, dass ihnen das gleiche Schicksal drohen könnte.
Tsai wurde mit einem historischen Ergebnis wiedergewählt, aber Nancy war sich sicher, dass die Gefahr nicht gebannt war. Ihr Vater hatte mit mehr als fünf Millionen anderen Taiwanern für die Kuomintang gestimmt; eine endgültige Abkehr von China schien nur schwer durchsetzbar. „Wir sind unser größter Feind – nicht die Kommunistische Partei Chinas“, sagte Nancy.
Am 21. Januar 2020 meldete Taiwan seinen ersten Corona-Fall, und im März wurden die Grenzen vollständig geschlossen. Zunächst war Nancy erleichtert. Da die Welt im Lockdown war, konnte Nancy sich vom Zustrom an Hongkongern erholen. Aber nach ein paar Monaten kehrte wieder Normalität ein. Von Mitte April bis Ende Dezember gab es keine Covid-Infektionen von Taiwanern im Land. Währenddessen wurden die Proteste in Hongkong durch die Maßnahmen gegen die Pandemie gedrosselt – die Schulen blieben geschlossen und öffentliche Versammlungen mit mehr als vier Personen waren verboten.
Im Mai 2020 kündigte der Nationale Volkskongress in China an, über das Nationale Sicherheitsgesetz für Hongkong abzustimmen. Es würde alles verbieten, was immer die Kommunistische Partei als Verrat, Volksverhetzung oder Umsturzversuch definierte. Die Botschaft war klar: Anstatt Hongkonger an chinesische Gerichte auszuliefern, wie die Demonstranten 2019 befürchtet hatten, würde Peking Hongkong chinesisches Recht aufzwingen und das unabhängige Justizsystem zerschlagen. Das Gesetz trat am 30. Juni 2020 um 23 Uhr in Kraft. „Ein Land, zwei Systeme“ war Geschichte. Hongkong war nun im Grunde nur noch eine weitere Stadt in China.
Innerhalb weniger Tage war damit das jahrelange Engagement der Aktivisten zunichte gemacht worden. Joshua Wongs Demosisto, Baggios Youngspiration und andere pro-demokratische Gruppen lösten sich auf, um einer drohenden Verfolgung zu entgehen. Mitglieder der Opposition hatten kritische Bücher über Xi und andere Parteiführer geschrieben – diese Bücher verschwanden nun aus den Regalen der Buchhandlungen und Bibliotheken. Geschäfte, die offen „gelb“ – also für die Proteste – waren, entfernten alles, was nach Unterstützung für die Demonstranten aussah.
In den sozialen Medien änderten die Menschen ihre Benutzernamen und löschten alle verbleibenden Beiträge. Sie nutzten VPN, Signal und WhatsApp und überlegten ab jetzt zweimal, was sie schrieben. Wer Journalisten zuvor Interviews gegeben hatte, verzichtete nun darauf und achtete gegenüber Fremden auf seine Worte. Mit einer solchen unverhohlenen Unterdrückung waren die Hongkonger nicht aufgewachsen. Sie hatten kein Gefühl dafür, wo die roten Linien waren; alles musste man hinterfragen.
Reiche Hongkonger konnten für Taiwan ein Visum als Investoren beantragen. Jüngere Menschen, die genug Geld hatten, konnten ein Studentenvisum beantragen, und wer ein Jobangebot ergattern konnte, konnte ein Arbeitsvisum beantragen, aber es blieben immer noch viele junge Demonstranten übrig, die weder das Geld noch die nötigen Kontakte hatten oder in irgendeine dieser Kategorien passten. Einer Untersuchung der New York Times zufolge suchten mehr als 200 gefährdete Demonstranten Asyl in Taiwan, bevor die Grenzen geschlossen wurden – die Regierung weigerte sich, offizielle Zahlen bekannt zu geben.
Im Juni 2020 gab die taiwanische Regierung schließlich bekannt, wie sie mit den Exilanten aus Hongkong umgehen wollte – fast ein Jahr, nachdem die ersten gekommen waren. Die Regierung vermied in ihrer Erklärung Begriffe wie „Asyl“ oder „Flüchtling“ und berief sich stattdessen auf Artikel 18 des Gesetzes über die Beziehungen zu Hongkong und Macau: Er garantiert denjenigen Hilfe, „deren Sicherheit und Freiheit aus politischen Gründen unmittelbar bedroht sind“, und zwar mit einer Prüfung im Einzelfall. Man richtete ein neues Büro mit einem Dutzend Mitarbeiter ein, die den Exilanten finanzielle Unterstützung gewährten und ihnen halfen, sich in Schulen einzuschreiben oder sich auf Jobs zu bewerben. Es war unklar, nach welchen Kriterien die Asylbewerber beurteilt wurden, was passierte, wenn sie abgelehnt würden, aus welchen rechtlichen Gründen die bereits in Taiwan lebenden Hongkonger bleiben könnten und ob sie jemals die Staatsbürgerschaft erhalten würden.
Wenn auch nur irgendwelche Details dazu bekannt gegeben würden – darauf beharrte die Regierung –, dann würde China das ausnutzen und das Land mit Spionen überschwemmen, die sich als Flüchtlinge ausgaben.
„Wir sind der Meinung, dass die bestehenden Vorschriften und Gesetze unserer Regierung genug Spielraum bieten, um den Menschen aus Hongkong humanitäre Hilfe zu gewähren“, sagte Chiu Chui-Cheng, der stellvertretende Minister des Rates für Festlandangelegenheiten. Im Jahr 2020 erhielten mehr als 10.800 Hongkonger eine Aufenthaltsgenehmigung in Taiwan, fast doppelt so viele wie im Vorjahr.
Viele Taiwaner waren der Meinung, das reiche und das alles sei sowieso nicht ihr Problem. Sie selbst befanden sich ja in einer Art Schwebezustand. Eine Umfrage aus dem Jahr 2021 ergab, dass 80 Prozent der Taiwaner den zweideutigen Status ihres Landes beibehalten wollten: Man solle also weder die völlige Unabhängigkeit erklären noch sich mit China vereinigen, sondern die Entscheidung vertagen. Immer mehr Taiwaner dachten aber anders: 13,5 Prozent, darunter Nancy, waren der Meinung, dass Taiwan so bald wie möglich seine Unabhängigkeit erklären sollte, auch wenn es dadurch einen chinesischen Angriff riskierte.
Die Stellungnahme ihrer Regierung machte Nancy wütend. Auch Nancy wollte nicht, dass Massen von Hongkongern nach Taiwan strömten. Umso dringlicher müsste man Spione und Menschen ohne Anspruch auf Asyl mit geeigneten Maßnahmen aussortieren. „Ob wir nun bekannt geben, dass wir die Hongkonger retten oder nicht: Die Kommunistische Partei wird beides nicht von einem Angriff abhalten – oder von der weiteren Infiltration Taiwans“, sagte sie. „China hat uns immer unterdrückt, ob nun offen oder hinterrücks. Warum sollten wir den Exilanten heimlich helfen, wenn es doch moralisch richtig ist?"
Im Oktober 2020 erhielt Nancy endlich die Nachricht, auf die sie gewartet hatte. Baggio wollte raus. Er war aus seiner einmonatigen Haft entlassen worden und bemerkte sofort, dass man ihn überwachte.
Frühere Abgeordnete waren verhaftet worden, nachdem man ihnen gefolgt war, und Baggio befürchtete, das Regime wolle ihn erneut verhaften. Daher bat er Nancy, ihm bei der Planung seiner eigenen Flucht nach Taiwan zu helfen.
Endlich, dachte Nancy. Sie konnten sich nicht auf die Boote verlassen – die Route war unsicher, seit im August 12 Demonstranten von der chinesischen Küstenwache erwischt worden waren, als sie über das Meer flüchten wollten. Nancy wandte sich an ihre Kontaktpersonen in der Regierung und versuchte, Baggio ein Arbeitsvisum zu verschaffen – Artikel 18 sollte doch genau solche gefährdeten Demonstranten wie ihn schützen. Aber nach Monaten des Wartens liefen ihre Versuche ins Leere. Ihre Kontakte lehnten Asyl für Baggio zwar nicht rundweg ab, aber sie halfen auch nicht weiter. Nancy begriff. Sie sagte Baggio, er werde unmöglich Asyl in Taiwan erhalten. Nancy drängte Baggio, andere Länder zu erwägen, in denen er für das Anliegen der Demonstranten weiter nützlich sein könnte. Sie war sich sicher, dass ihm die Zeit davonlief.
Ende November 2020 standen Nancy und ich auf einer Straße im Stadtzentrum von Taipeh und aßen die landestypische Austernnudelsuppe, als Nancy mir sagte, sie wisse wahrscheinlich endlich, wie sie Baggio nach Amerika lotsen könne. Während meiner drei Monate in Taiwan unterhielten wir uns stundenlang; ebenso geduldig wie Nancy war unsere Dolmetscherin. An diesem Abend hüpfte Nancy vor Freude herum – vielleicht schaffte sie bei Baggio, was bislang stets gescheitert war.
Baggio erzählte nur wenigen, dass er Hongkong verlassen würde; er wollte niemanden in die Sache hineinziehen oder die Behörden auf sich aufmerksam machen. Weder er noch Nancy konnten sicher wissen, ob er wirklich ausreisen durfte. Er könnte auf einer Flugverbotsliste stehen, von der er nichts wusste; er könnte am Flughafen festgesetzt oder aus dem Flugzeug geholt werden. Nancy war so nervös, dass sie nicht einmal ihren Kontakten in Amerika verriet, wann er zu erwarten war. Baggio meldete sich bei ihr vom Flughafen aus, dann während des Fluges, auch bei einem Zwischenstopp in Los Angeles und schließlich, als er im Dezember in Washington landete.
Als ich ihn dort einige Monate später traf, sagte er mir, er sei dankbar für alles, was Nancy für die Menschen in Hongkong getan habe, dafür, dass sie ihm geholfen habe, sicher in die Vereinigten Staaten zu gelangen, und dafür, wie leidenschaftlich sie immer versucht habe, das Richtige zu tun – ohne Rücksicht auf die Folgen. „Ich kann mich bei allem auch glücklich schätzen über eine solche Freundschaft“, sagte er. „Auf Kantonesisch heißt das ‚jyun fan’, das bedeutet Schicksal.“
Viele Taiwaner hatten die Protestbewegung in Hongkong unterstützt, aber niemand hatte sich so stark engagiert wie Nancy. „Als ich begann, mich in Hongkong zu engagieren, war das ziemlich einfach: Ich kämpfte gar nicht für Hongkong, sondern für Freiheit und Demokratie“, sagte Nancy.
Nancy wusste, dass sich ihr gesamtes Leben nun geändert hatte. „Ich bin ein Niemand, aber ich bin eine der ersten in Taiwan, die von der Regierung in Hongkong exponiert wurden“, sagte sie. Sie spürte, dass bestimmte Reisen nun gefährlich sein könnten. Die chinesische Regierung wurde verdächtigt, die Entführung eines Hongkonger Buchhändlers in Thailand im Jahr 2015 eingefädelt zu haben. China behält sich bei angeblichen „Verbrechen“ vor, sein nationales Sicherheitsgesetz durchzusetzen – und zwar egal wo. „Ich kann kein Visum für Hongkong mehr bekommen. Ich weiß nicht einmal, ob ich zukünftig in pro-chinesische Länder einreisen kann,“ sagte sie.
Entgegen der Befürchtungen in Taiwan hielt die neue US-Regierung unter Joe Biden Trumps Druck auf China aufrecht und warb aktiv bei anderen Ländern dafür, sich für Taiwan einzusetzen. Zum ersten Mal seit 1979 wurde Taiwans de-facto-Botschafter in den Vereinigten Staaten zur Amtseinführung des Präsidenten eingeladen, und hochrangige US-Delegationen besuchten weiterhin Taipeh. China reagierte mit militärischen Manövern während der offiziellen Besuche der US-Diplomaten. Akademiker und Experten taten diese Manöver als Säbelrasseln ab: Das spiegele eher die verschlechterten Beziehungen zwischen den USA und China wieder, anstatt auf den drohenden Einmarsch Chinas in Taiwan hinzuweisen.
Doch Taiwans Schicksal war äußerst ungewiss. Die außenpolitischen Falken der USA behaupteten, Chinas Aktionen bedrohten die nationale Sicherheit und Taiwan sei ein Krisenherd, von dem ein Krieg ausgehen könne. Progressiven Außenpolitikern in den USA gilt es mittlerweile längst als ausgemachte Sache, dass China irgendwann über Taiwan herrschen wird – im Endstadium dieses erschöpfenden, strapazenreichen, ewigen Konflikts zuckte man nur noch kleinlaut mit den Achseln. Einige erwogen sogar, das Land gleich im Austausch für bessere Beziehungen zur Volksrepublik fallenzulassen.
Chinas Kampagne, Taiwan als eigenständiges Land von der Landkarte zu tilgen, ging sogar in der Pandemie weiter. „Taiwan kann nicht entkommen – der Druck ist bereits da“, sagte mir Taiwans Außenminister Joseph Wu. „Die chinesische Regierung ist mächtig und blockiert Taiwan international, indem sie unsere diplomatischen Verbündeten für sich einnimmt. China versucht auch, Taiwan militärisch unmittelbar zu bedrohen. Wir wollen nicht, dass sich die Lage noch weiter verschlechtert.“
Im Mai 2021 hatte es seit einem Jahr praktisch keine Infektionen mehr im Land gegeben. Doch dann erlebte Taiwan seine erste Covid-19-Welle. Präsidentin Tsai erklärte, dass die Regierung keinen Vertrag für den Impfstoff von Pfizer unterzeichnen konnte, weil BioNTech auf den Druck Chinas hin darum bat, in der betreffenden Pressemitteilung das Wort „Land“ zu streichen. Obwohl Taiwan dem nachkam, kam der Deal nicht zustande. China hatte angeboten, Taiwan den chinesischen Impfstoff zu spenden, und die Regierung von der Demokratischen Fortschrittspartei damit in die Enge getrieben. Die Infektionswelle hatte Tsais Beliebtheit bereits geschadet, und die Fragen um die Impfstoffe spalteten das Land noch mehr: Die Kuomintang unterstellte der Demokratischen Fortschrittspartei, sie würde aus politischem Kalkül Leben gefährden, wenn sie den chinesischen Impfstoff ablehnte.
Die Demokratische Fortschrittspartei dagegen behauptete, China habe überhaupt mit allem angefangen, indem es den Import von Pfizer-Impfstoff gestoppt habe. Schließlich kauften zwei taiwanische Unternehmen, der Elektronikhersteller Foxconn und der Chiphersteller TSMC, den Impfstoff von BioNTech und spendeten ihn der taiwanischen Regierung.
Was sollte man nur von Taiwans prekärer Lage halten, wenn schon seine bloße Existenz China provozierte? Taiwan war ein Land, das sich gerade von seinem eigenen autoritären Regime löste, nur um womöglich bald in einem anderen autoritären Regime aufzugehen. Es war wie eine kurze Atempause, es fühlte sich an wie eine Fristverlängerung, und Taiwan blühte auf. Aber würden die Taiwaner selbst jemals über ihr eigenes Schicksal bestimmen können?
Nancy verkörpert so viele der eigentümlichen Widersprüche Taiwans. Ging man von der jeweiligen Selbstbeschreibung aus, so war Nancys Großmutter Japanerin, ihr Vater Chinese und Nancy selbst Taiwanerin. Und doch wohnten sie alle in den gleichen Wohnungen und waren gleichermaßen wahlberechtigt.
„Taiwan hat noch nicht ergründet, wer Taiwan eigentlich ist“, erklärt Lev Nachman, Postdoktorand am Harvard Fairbank Center for Chinese Studies.
Sowohl Hongkong als auch Taiwan waren einst konservative Gesellschaften, bestimmt durch Einwanderungswellen von ethnischen Han-Chinesen und gefangen in der wirtschaftlichen Abhängigkeit von China. Hongkong und Taiwan hatten in ihrem Selbstverständnis eher wenig gemeinsam, bis sie sich plötzlich gegen die Übergriffe Pekings wehren mussten.
„Heute Hongkong, morgen Taiwan“ war aus den Schlagzeilen verschwunden. Erst Tibet, dann Xinjiang, dann Hongkong – das Imperium hatte seine Peripherien pflichtgemäß absorbiert. Nur Taiwan war übrig. Die Taiwaner taten nun alles, was die Hongkonger nicht mehr tun konnten, und trugen quasi ihre Fackel weiter: Sie veranstalteten Gedenkproteste, verkauften verbotene Bücher und pflegten zensierte Websites.
Nancy hatte ihre Karriere aufgegeben, um den Hongkonger Exilanten zu helfen. Sie wollte Taiwans eigene, gerade entstehende Demokratie verteidigen, aber sie war sich nicht sicher, wohin sie das geführt hatte. Dennoch war sie froh, dass sie sich überhaupt engagiert hatte. Sie hätte nicht einfach so weiterleben können, hätte sie nicht ihren Überzeugungen entsprechend gehandelt, glaubte sie. Nancy hatte angefangen, Kantonesisch zu lernen und traf sich jede Woche in Taipeh mit Freunden aus Hongkong zum Abendessen. Würden die für sie eintreten, so wie sie es für sie getan hatte? Sie wusste es nicht.