Corona-MaßnahmenWie die Bund-Länder-Beschlüsse zu den Forderungen der Wissenschaft passen

Die Ministerpräsidentenkonferenz zur Coronalage hat schärfere Regelungen im Kampf gegen die Corona-Pandemie beschlossen. Doch reicht das auch aus wissenschaftlicher Sicht aus, damit die Infektionszahlen sinken und das Gesundheitssystem entlastet werden kann?

02.12.2021

Schild mit der Aufschrift 2G-Regel steht vor Stühlen in der Außengastronomie
In Restaurants und Cafés gilt vielerorts die 2G-Regel (picture alliance / CHROMORANGE)
In ihrem Ministerpäsidententreffen am 2. Dezember haben Bund und Länder verschiedene Maßnahmen beschlossen, die jetzt auf den Weg gebracht werden müssen. Der Grenzwert für bestimmte Verschärfungen in einzelnen Gebieten soll bei einer Sieben-Tages-Inzidenz von 350 liegen. Aus den Reihen der Wissenschaft hatte es schon lange vorher Forderungen und Ratschläge gegeben. Wie passen die Maßnahmen nun konkret dazu?


Entscheidend ist laut Wissenschaft, dass jetzt vieles auf einmal angezogen wird und die Bundesländer auch die Möglichkeit haben, in Hotspots noch restriktiver zu sein. Die Erfahrungen der vorigen Wellen und auch die Modellierungen zeigen: Wenn man erst eine Einschränkung nach der anderen probiert, dann verpufft der Effekt. 

Bundesweit einheitliche 2G-Regel

Beschluss: Die 2G-Regel soll in allen Bundesländern eingeführt werden, und zwar unabhängig von der Sieben-Tages-Inzidenz. Ergänzend kann ein aktueller Test vorgeschrieben werden. Das gilt auch für den Zugang zu Freizeit- und Kulturveranstaltungen - also etwa für Restaurants, Theater oder Stadionbesuche - und den Einzelhandel. Ausnahmen: Geschäfte des täglichen Bedarfs und für Menschen, die nicht geimpft werden können sowie für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre.
2G-Regelung
Zugelassen ist nur, wer geimpft oder genesen ist. Ausnahmen gibt es für Kinder und Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Sie dürfen etwa teilnehmen, wenn sie PCR-getestet sind und eine ärztliche Bescheinigung vorweisen können.
Das sagt die Wissenschaft: Bei Geimpften ist die Inzidenz aktuell (Stand Okt./Nov. 2021) etwa viermal niedriger als bei Ungeimpften. Doch 2G- oder 3G-Beschränkungen werden alleine nicht reichen, wenn sie nicht durch weitere Maßnahmen unterstützt werden, heißt es etwa in einem Strategiepapier von Wissenschaftlern um Modelliererin Viola Priesemann.

Auch Michael Meyer-Hermann vom Helmhotz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig glaubt nicht, dass diese Regelungen allein genügen, um den Anstieg der Infektionszahlen zu stoppen.
Modellierer Thorsten Lehr sagte im Dlf: "Wir sehen das letztendlich in Österreich und in Sachsen schon. Dort gibt es seit einiger Zeit schon 2G und es tut sich quasi nichts. Und warum ist das so? Weil entweder nicht kontrolliert wird, oder weil die Leute sich trotzdem noch an anderen Orten infizieren als denen, wo 2G besteht, das heißt auch zu Hause beispielsweise oder auf der Arbeit.“
Maßnahmen gegen die vierte Welle - Was Modellierer jetzt empfehlen

Zuschauerbegrenzung bei Großveranstaltungen

Beschluss: Für Großveranstaltungen wurden Begrenzungen bei Auslastung und maximaler Zuschauerzahl festgelegt (je nach Größe):
Innen: 30-50 Prozent der Kapazität / maximal 5.000 Zuschauer
Außen: 30-50 Prozent der Kapazität / maximal 15.000 Zuschauer
Zudem gilt 2G, ergänzend kann ein aktueller Test vorgeschrieben werden. Es sind medizinische Masken zu tragen.
Das sagt die Wissenschaft: Es ist klar, dass es nach einem Besuch bei einem Fußballspiel zu weiteren Kontakten und damit auch zu Infektionen kommt. Das hat sich etwa bei der Fußball-EM in Großbritannien gezeigt. Dort kam es ab dem Halbfinale im Zusammenhang mit der EM europaweit zu mehreren Tausend Corona-Infektionen. Doch es ist nicht sicher, wo sich die Infizierten angesteckt haben, erklärte damals die europäische Gesundheitsbehörde ECDC, die das Infektionsgeschehen beobachtet hat - im Stadion, bei der An- oder Abreise, in Fanzonen, Kneipen oder bei privaten Treffen rund um die Spiele.
Aerosolforscher Eberhard Bodenschatz erklärte in Dlf Kultur, dass das Ansteckungsrisiko in geschlossenen Räumen deutlich höher sei als im Stadion, wo die warme Atemluft nach oben steige. Wenn im Stadion nicht alle Plätze besetzt seien und man eine Maske trüge, bedeute dies eine Reduktion des durchaus vorhandenen Risikos. "Es hängt stark von Windverhältnissen und Strömungen im Stadion ab."
Interview Aerosolforscher Eberhard Bodenschatz zur Corona-Gefahr im Stadion

Schließung von Clubs und Diskotheken

In Gebieten mit einer Sieben-Tage-Inzidenz ab 350 müssen Clubs und Diskotheken schließen.
Das sagt die Wissenschaft: Es gibt wenige Studien, die genau sagen, dieser Bereich des öffentlichen Lebens hat konkret diesen Anteil an den Infektionen, das gilt für Museen genauso wie für Restaurants, Einzelhandel oder Clubs. Aber es ist klar, dass in Clubs und Diskotheken, wo getanzt, vielleicht gesungen wird, das Risiko höher ist. Das lässt sich wissenschaftlich sehr wohl begründen.

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Kontaktbeschränkungen

Beschluss: In Kreisen mit einer Inzidenz über 350 müssen alle Kontakte reduziert werden:
Teilnehmergrenzen für Geimpfte/Genesene bei privaten Zusammenkünften:
Innen: 50 Geimpfte und Genesene
Außen: 200 Geimpfte und Genesene

Teilnehmergrenzen für Ungeimpfte/nicht Genesene:
eigener Haushalt + höchstens zwei Menschen aus einem weiteren Haushalt
Ausnahme: Kinder bis zu 14 Jahren.
Das sagt die Wissenschaft: Die Inzidenzen bei Nicht-Geimpften liegen deutlich höher als die von Geimpften, die Ungeimpften tragen mehr zur Ausbreitung des Virus bei. Laut STIKO kommt es aktuell unter Ungeimpften zu zwischen 5 und 15 Mal mehr Krankenhausaufenthalten. Die Inzidenzen der Geimpften auf den Intensivstation sind deutlich niedriger. Es bringt also mehr, wenn Kontakte gezielt bei Ungeimpften eingeschränkt werden.
Doch wenn die Inzidenz sinken soll, müssen alle Kontakte zurückgehen. Entscheidend ist, dass jetzt vieles auf einmal angezogen wird und die Bundesländer auch die Möglichkeit haben, in Hotspots noch restriktiver zu sein. Denn die Erfahrungen aus vorherigen Wellen und auch die Modellierungen zeigen: Wenn man erst eine Einschränkung nach der anderen probiert, dann verpufft der Effekt. Aber wenn die Kontakte für eher kurze Zeit massiv heruntergefahren werden, ist das viel wirksamer. Corona-Modellierer Thorsten Lehr sagte daher im Dlf, Kontaktbeschränkungen im Privaten seien unbedingt notwendig.
Kommen wir ohne Lockdown durch die nächsten Wochen? Der Modellierer Thorsten Lehr im Gespräch

Maskenpflicht in Schulen

Beschluss: Für alle Klassenstufen gilt die Maskenpflicht.
Das sagt die Wissenschaft: Kitas und Schulen sollten nach Möglichkeit offen gelassen werden. Modelliererin Viola Priesemann sagte im Dlf, wirksam seien Hygienemaßnahmen wie gute Lüftung, der Einsatz von Luftreinigern, eine inzidenzabhängige Maskenpflicht, AHA-Regeln, sowie Tests und Kohortierung.

Neue Impfkampagne

Beschluss: Bund und Länder haben das Ziel ausgegeben, bis Weihnachten 30 Millionen Erst-, Zweit- und Auffrischungsimpfungen zu ermöglichen. Dazu sollen unter anderem künftig neben Ärzten auch Apotheker, Zahnärzte und Pflegekräfte Corona-Schutz-Impfungen durchführen können. Bund und Länder sprechen sich zudem für eine allgemeine Impfpflicht aus, die ab Februar 2022 greifen könnte, so die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Das sagt die Wissenschaft: Impfen ist der Weg aus der Pandemie und ein sehr mächtiges Werkzeug zur Vermeidung schwerer Verläufe und zur Eindämmung der Pandemie. Bei der Boosterimpfung ist bei dem Immunsystem schon nach einer guten Woche ein Schutzeffekt zu sehen. Aber auch Erstimpfungen hätten eine enorme Wirkung, sagte Modellierer Kai Nagel im Dlf.
Interview mit dem Modellierer Kai Nagel vom 1. Dezember
Auf lange Sicht kann eine Impfpflicht einen entscheidenden Unterschied machen, denn schon jetzt steigt mit zunehmendem Druck die Zahl der Erstimpfungen.
Die Impfpflicht soll stufenweise kommen
In dem wissenschaftlichen Strategiepapier heißt es zur Impfpflicht: "Damit eine generelle Impfpflicht ihre Wirkung entfaltet, darf man kaum Ausnahmen erlauben, müssen empfindliche Strafen verhängt werden, und die Durchsetzung muss flächendeckend funktionieren."
Quellen: dpa, Volkart Wildermuth, bundesregierung.de, og