Norbert Gstrein spricht über und liest aus seinem Jahrhundertroman „Im ersten Licht“ (1/2)
(Teil 2 am 25.2.2026)
„Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.“ In unserer Gegenwart zahlreicher Kriege, die jede Hoffnung auf ein „Ende der Geschichte“ zerbomben, wagt der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein ein Jahrhundertbuch über die psychischen Effekte zwischenstaatlicher Gewalt. „Allein der Gestank. Allein der Lärm. Angeblich war das Geschrei der Verwundeten, die man nicht bergen konnte, weil die Rettungsmannschaften mit ihren roten Kreuzen und Tragbahren gnadenlos ins Visier genommen wurden, noch nach Tagen zu hören gewesen, ihr Wimmern und Winseln im Niemandsland, ihr Bitten und Flehen, es möge sie jemand erlösen, weil sie keine Munition mehr hatten und es nicht selbst tun konnten, ihre Gebete, bis sie wie Tiere verendeten.“ 1901, zu Beginn des kriegerischen 20. Jahrhunderts wird sein Held Adrian geboren - und ihm wird ein langes Leben gegönnt, das im „Kadaverleuchten lebender Leichname“ (Joseph Roth) erscheint. Allein ein Meister wie Gstrein, mit seinen langen, bogenförmigen Sätzen, kann das Weitumspannende fassen und so eine Figur bergen, die ohne diesen beeindruckenden Roman im Dunkel der Vergangenheit versunken wäre.
Norbert Gstrein, 1961 in Tirol geboren, lebt in Hamburg. Er erhielt u.a. den Alfred-Döblin-Preis, den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, den Uwe-Johnson-Preis, den Österreichischen Buchpreis 2019, den Düsseldorfer Literaturpreis und den Thomas-Mann-Preis. Zu seinen zahlreichen Romanen zählen gefeierte Werke wie „Die Winter im Süden“, „Das Handwerk des Tötens“, „Als ich jung war“. Der 2021 erschienene Roman „Der zweite Jakob“ war für den Deutschen Buchpreis nominiert.