Donnerstag, 30. Juni 2022

Putins Gaswaffe
Zeit für gelebte europäische Solidarität

Nach dem Stopp der Gaslieferungen nach Polen sollten wir uns nicht nur energietechnisch, sondern auch mental auf das gleiche Szenario für Deutschland vorbereiten, kommentiert Jan Pallokat - und uns Fragen: Welchen Preis wären wir bereit zu zahlen, um den Kampf mit Putins Russland nicht zu verlieren?

Ein Kommentar von Jan Pallokat | 27.04.2022

Ein gelbes Hinweisschild mit der Aufschrift "Gashaupthahn" ist an einer Hauswand befestigt.
Würden die Deutschen zum Beispiel Gas-Rationierungen in Kauf nehmen? (picture alliance / SULUPRESS.DE / Torsten Sukrow)
Dieser Warnschuss richtet sich nicht gegen Polen und wohl auch nicht gegen Bulgarien. Er soll Länder treffen, die wegen ihrer katastrophalen Energiepolitik Putins Gaswaffe am meisten fürchten müssen: Ungarn, Österreich, vor allem aber Deutschland. Es ist eine Waffe, die in einem Punkt der Atomwaffe ähnelt, weil sie nicht nur in den erwähnten Ländern, sondern auch in Russland selbst Verheerungen anrichten würde, wenn auch, anders als die Bombe, nur ökonomisch. Es ist die Waffe, mit der man droht, die man aber nie einsetzt. Putin muss sich nicht einer demokratischen Öffentlichkeit stellen und hat dadurch in beiden Pokerspielen der Angst den Vorteil, dass er unberechenbar ist. Und wenn er es doch tut, doch den Gashahn zudreht? Diese Frage schürt Unsicherheit. Sie ist sein Trumpf.

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Können wir uns deswegen zurücklehnen nach dem Motto, das wird er schon nicht tun? Er wird sich schon nicht finanziell das eigene Wasser abgraben? Nein.

Wir sollten uns nicht nur energietechnisch, sondern auch mental vorbereiten, um die eigene Angst zu besiegen. Und uns fragen: Wären wir bereit, einen spürbaren Preis zu zahlen, um den Kampf mit Putins Russland nicht zu verlieren? Rationierungen in Kauf nehmen, im Zweifel sogar Gas abgeben, damit die, die es nötiger haben, versorgt sind? Und  damit auch für andere Europäer verzichten auf Annehmlichkeiten, Autofahrten, warme Stuben? Vielleicht steht in nicht allzu ferner Zeit sogar die Frage im Raum, ob beispielsweise polnische Haushalte bereit wären, kalte Wohnungen in Kauf zu nehmen, damit die chemische Industrie in Westdeutschland weitermachen kann. Und umgekehrt.


Krise könnte Europäer einander näherbringen

 
Solidarität und Einheit sind vielbeschworene Begriffe dieser Tage, auf der politischen Ebene. Vielleicht wird bald jeder einzelne von uns zeigen können, wie viel davon auf individueller Ebene tatsächlich möglich ist. Bei der Aufnahme der Flüchtlinge aus der Ukraine beweisen schon jetzt viele Polen, aber auch Deutsche und andere, dass es geht. Wenn es gut läuft, dann hätte Putin mit seiner Spalte-und-Herrsche-Strategie einmal mehr das genaue Gegenteil erreicht und die streitlustigen Europäer einander näher gebracht, so, wie man nur in gemeinsam durchlebten Krisen einander näherkommen kann.