Mittwoch, 17. August 2022

Internationale Raumstation
Was passiert, wenn Russland nach 2024 aus der ISS aussteigt?

Trotz der Sanktionen gegen Russland lief die Zusammenarbeit auf der ISS bisher so, als wäre nichts geschehen. Dagegen sind Weltraumteleskope stillgelegt oder gemeinsame Mondprojekte abgesagt worden. Doch nun hat die russische Weltraumagentur angekündigt, nach 2024 aus dem internationalen Projekt auszusteigen.

Von Dirk Lorenzen | 27.07.2022

Die die Internationale Raumstation (ISS)
Die Raumstation ISS (Nasa)

Was würde der Ausstieg Russlands für die ISS bedeuten?

Sollte sich Russland zurückziehen, wäre die ISS nicht mehr mit Soyuz-Kapseln zu erreichen, die benötigt würden, sollten die amerikanischen SpaceX-Raumschiffe mal nicht einsatzbereit sein. Russland sorgt zudem regelmäßig dafür, die Bahnhöhe der ISS anzuheben. Durch die Restreibung an der dünnen Atmosphäre sinkt die Station um gut einen Kilometer pro Monat ab. Auch wenn die Raumstation Weltraummüll ausweichen muss, führt Russland die Manöver durch. Die NASA möchte zwar auch mit eigenen Kapseln die Bahnhöhe korrigieren, aber das funktioniert noch nicht wo gut wie erhofft.

Kann man die ISS "teilen" bzw. ohne die Russen betreiben?

Nein, man kann nicht einfach Module still legen – die sind alle eng miteinander verwoben. Auch Russlands Idee, man könne eventuell einzelne Module abkoppeln, klingt unrealistisch. So sorgt das US-Segment vor allem für die Stromversorgung, auf die der russischen Teil angwiesen ist.

Was passiert, wenn man die ISS einfach sich selbst überlässt?

Die ISS würde über mehrere Jahre hinweg allmählich absinken und dann unkontrolliert in die Erdatmosphäre eintreten. Von den über 400 Tonnen Masse käme einiges auf der Oberfläche an. Die Trümmer könnten irgendwo zwischen 52 Grad nördlicher und südlicher Breite einschlagen. In Deutschland wäre das Gebiet südlich der Linie Bielefeld-Magdeburg gefährdet. Die Alternative wäre ein gezieltes Versenken. Dabei würde man die ISS in den Südpazifik stürzen lassen. Das müsste man gut planen, und man braucht viel Treibstoff. Das würde sicher mehr als ein Jahr dauern.

Welche Folgen hätte der Abschied von der ISS für Russland?

Die Russen träfen sich selbst damit selbst besonders stark. Dass man, wie verkündet, schon in zwei Jahren eine Ersatzstation in der Umlaufbahn haben will, dürfte reines Wunschdenken sein. Ob Russland jemals wieder eine Station bauen könnte, ist fraglich. In jedem Fall dauert es viele Jahre. China hat zwar eine Raumstation, aber die hilft Russland auch nicht. Denn die läuft auf einer Bahn, die von Russland aus nicht zu erreichen ist. Kurz gesagt: Das Ende der ISS ist für Russland das Ende der astronautischen Raumfahrt. Das Land, das mit Juri Gagarin den ersten Menschen ins All geschickt hat, stünde plötzlich ohne Ziel in der Umlaufbahn da.

Warum halten die NASA und die ESA bisher an der Zusammenarbeit mit Russland auf der ISS fest?

Die NASA möchte, dass private Firmen eine Raumstation in der Erdumlaufbahn betreiben. Dafür braucht man die ISS, damit man da schon mal üben kann, damit reiche Touristen ins All fliegen können. Daher hat die NASA immer sehr zurückhaltend auf russische Provokationen reagiert – selbst als kürzlich die Fahne der selbst ernannten "Volksrepublik Luhansk" an Bord der Station ausgebreitet wurde. Die ESA ist de facto Gast der NASA auf der ISS und will den Zugang in die Umlaufbahn nicht aufgeben. Der Westen ist bei der ISS bisher äußerst inkonsequent. Während sonst alle Zusammenarbeit im All gestoppt wurde, läuft aus der ISS alles normal weiter.

Ist die ISS wirklich das große, friedliche Gemeinschaftsprojekt (gewesen)?

Anfangs ja. Man hat seit den 90er Jahren viel gelernt, und es gab eine gute Zusammenarbeit über kulturelle und politische Grenzen hinweg. Aber es ist schon seit einigen Jahren klar, dass es keinen Nachfolger der ISS geben wird – und spätestens 2030 ist aus technischer Sicht sowieso Schluss mit der Raumstation. Beim Mond gehen die USA/Europa und China/Russland getrennte Wege. Da gibt es wieder einen Wettlauf im All. Man hört immer wieder auch von den ESA-Astronautinnen und Astronauten, wie toll die Zusammenarbeit funktioniere – das sind die üblichen PR-Äußerungen. Man hört allerdings wenig dazu, dass die ISS längst Teil der russischen Kriegspropaganda ist.

Russland erwägt, so heißt es, auch eine militärische Nutzung einer möglichen neuen Raumstation. Ist das ein realistisches Szenario?

Eine Raumstation kreist in anderthalb Stunden um die Erde, sieht immer nur einen kleinen Teil der Erdoberfläche. Natürlich kann man von da oben Bilder machen und die Vorgänge am Boden beobachten. Aber das machen Satelliten viel besser und genauer. Eine Raumstation kann keine große militärische Bedeutung haben.

Wie ernst ist Russlands Ankündigung zu nehmen?

Russland hätte unter einem Ende der ISS am stärksten zu leiden. Interessant ist auch, dass Juri Borissow, der Chef der russischen Weltraumbehörde Roskosmos, gesagt hat, man werde „nach 2024“ aussteigen. Das könnte sich also auch auf viel spätere Jahre beziehen. Möglicherweise ist das jetzt einfach Gepolter in Kriegszeiten.