Freitag, 23. Februar 2024

Kommentar zum Klimaschutz
Die Politik muss die nötigen Zumutungen endlich ehrlich benennen

Die Weltwetterorganisation macht klar: Es kann jetzt nur noch darum gehen, das Überschreiten des 1,5-Grad-Ziels bei der Erderwärmung zu begrenzen. Dafür brauche es drastischere Maßnahmen als bislang, mahnt Georg Ehring. Und ehrliche Kommunikation.

Ein Kommentar von Georg Ehring | 17.05.2023
Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin: Mehrere Frauen halten Schilder, auf denen die Einhaltung des 1,5-Grad-Klima-Ziels gefordert wird.
Protestaktion zum Klimaschutz vor dem Bundeskanzleramt: Die Einhaltung des 1,5-Ziels wird gefordert. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Ein Zurück zu den guten alten Zeiten wird es nicht geben, dafür ist die Konzentration von Treibhausgasen längst viel zu hoch. Nüchtern und sachlich räumte Petteri Taalas, der Generalsekretär der Weltwetterorganisation vor der Presse Illusionen über das Klima der Zukunft beiseite.
Das Risiko ist groß, dass die Erdatmosphäre schon in den nächsten fünf Jahren zumindest vorübergehend das 1,5 Grad-Limit reißen wird. In 15 oder 20 Jahren dürften die Temperaturen dauerhaft über der Marke landen, die die Weltgemeinschaft im Pariser Klimaabkommen aus gutem Grund als Obergrenze der noch hinzunehmenden Erwärmung festgelegt hat.

An Weckrufe wegen des Klimawandels gewöhnt

Ohne Zweifel ist das eine schlimme Nachricht. Also ein Weckruf, jetzt endlich ernst zu machen mit dem Klimaschutz? Das wird wohl nicht passieren. Wahrscheinlicher ist, dass die Nachricht kaum auffällt, schließlich kann sie niemanden mehr überraschen.
Beim Klima haben wir uns an eine ohrenbetäubende Dauerbeschallung mit Weckrufen gewöhnt: Hitzewellen mit tausenden von Toten in Europa, Überschwemmungen im Ahrtal und in Pakistan, außergewöhnlich starke Wirbelstürme in Südasien und in der Karibik. Klimaforscher rechnen vor, dass ganze Weltregionen dabei sind, durch Hitze und Dürre unbewohnbar zu werden, das Horn von Afrika zum Beispiel.
Aus gutem Grund halten die Europäische Union, die Bundesregierung und viele Verantwortliche rund um die Welt am Vorhaben fest, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Bei Überschreitung wird die begonnene Klimakatastrophe drastisch schlimmer und das Risiko wächst, dass die Erwärmung sich selbstständig macht und unumkehrbar wird. 1,5 Grad ist kein Ziel, es ist eine Grenze, so formulierte es Johan Rockström, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Ehrliche Politik muss kommende Zumutungen benennen

Doch von hohen Ambitionen im Klimaschutz zu reden und dann fast so weiter zu machen als sei nichts geschehen, das passt nicht zusammen. Um die inzwischen wohl unvermeidliche Überschreitung der 1,5 Grad-Marke so gering wie möglich zu halten, müssen die Emissionen weltweit in einem Ausmaß sinken, das es bisher nur 2020 in der Corona-Pandemie gegeben hat – und das Jahr für Jahr.
Zu einer ehrlichen Politik gehört, die weitreichenden Zumutungen klar zu benennen, die das mit sich bringt und zu erläutern, was auf dem Spiel steht. Das fällt schwer, wie etwa die Debatte um den Austausch von Heizungen in Deutschland zeigt – aus Klimasicht geht der Austausch, wie ihn Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck fordert, noch viel zu langsam.

Auch Anpassung hat Grenzen

Ist es da nicht besser, sich an wärmere Zeiten einfach anzupassen? Sicher, wir werden uns anpassen, werden mit Milliardenaufwand Städte umbauen, Deiche erhöhen und Felder künstlich bewässern. Doch, auch das sagt die Wissenschaft klar und deutlich: Anpassung ist nur dann aussichtsreich, wenn die Temperaturen nicht zu weit steigen. Oberhalb von 1,5 Grad stoßen wir auch hier an technische und finanzielle Grenzen.