Sonntag, 29. Januar 2023

Zeitenwende - Eine Inspektion (1/2)
Individualität und Gemeinschaft

Wie werden sie aussehen, die nächsten Jahre der Zeitenwende? In einer Zeit, in der zwei Atommächte sich anschicken, die Rohstoffe, die Energien und die Märkte der Welt unter sich aufzuteilen?

Von Mathias Greffrath | 25.12.2022

Ein Straßenschild bei dem Checkpoint Perekop an der ukrainischen Grenze weist den Weg zu der Titan-Anlage in Armyansk auf der Krim, neben dem Schild ein Panzer.
Zur Zeit kontrollieren Russlands Truppen etwa zwei Drittel der Rohstoffvorkommen der Ukraine (imago images / ITAR-TASS / Sergei Malgavko via www.imago-images.de)
Der Reichtum an Naturschätzen wird häufig zum Nutzen der Eliten verscherbelt. Alle Nationen versuchen, die letzten Tonnen Öl, die letzten Kubikmeter Gas und die noch nicht erschlossenen Lagerstätten kritischer Metalle zu sichern. „Es wäre naiv anzunehmen, dass es beim Überfall auf die Ukraine und in ihrer Verteidigung einzig und allein um die großrussischen Gewaltfantasien eines ehemaligen Geheimdienstmannes geht.“
Mathias Greffraths essayistische Betrachtung der Weltlage nach dem 24. Februar 2022.
Der Journalist und Schriftsteller Mathias Greffrath im Porträt

Mathias Greffrath

Mathias Greffrath, Jahrgang 1945, ist Soziologe und Journalist. Er lebt in Berlin, arbeitet unter anderem für die taz, die ZEIT und den Rundfunk. In den letzten Jahren hat er sich in Essays, Hörspielen und Kommentaren mit den sozialen und kulturellen Auswirkungen von Globalisierung und Klimawandel beschäftigt.


Zeitenwende – Eine Inspektion
Individualität und Gemeinschaft

Es war kurz vor Mitternacht, an einem Abend im Frühsommer 1992. Am Checkpoint Charlie in Berlin, dort, wo kurz zuvor noch die hell beleuchtete Front des 40jährigen Kalten Weltbürgerkriegs gelegen hatte, wo die Grenzanlagen abgebaut, aber noch keine Neubauten entstanden waren, wo man tagsüber Devotionalien aus der alten Zeit kaufen konnte, auf diesem großen leeren Asphaltplatz drehte ein blauer Bus langsame Schleifen. Als die Scheinwerfer mich fassten, hielt er an, ein alter Ostbus, Marke Ikarus, mäßig zerkratzt, mit fremdem Kennzeichen. Ein Mann in einer gelben Footballjacke stieg aus, Mitte fünfzig, rote Base-Cap auf dem Kopf. „Wo ist die Straße nach Magdeburg, bitte", fragte er in hartem Englisch. Sie kämen aus Kiew, seien auf dem Weg nach Amsterdam, 13 Tänzerinnen, fünf Köche, 120 Hühner. Sie wollten den Holländern zeigen, was ukrainische Kultur ist. „Chicken Kiev“, er lachte.
Und wieso sie hier, mitten in Berlin...., fragte ich. Ach, sie wollten nur mal diesen berühmten Checkpoint sehen und vielleicht ein Bier trinken. Aber es war alles dunkel, und so stieg ich mit dem Ukrainer in mein Auto und lotste den Bus durch die Stadt, zur Autobahn.
Das war ein paar Monate, nachdem die Sowjetunion ohne größere Kollateralschäden einfach in sich zusammengefallen und ein 70jähriger, von sozialen, kriegerischen und moralischen Katastrophen durchsetzter Weltbürgerkrieg beendet war, und kurz bevor in Jugoslawien der Balkankrieg mörderisch eskalierte. Es war einer dieser kleinen euphorischen Glücksmomente, auf die unsere politischen Herzen sich damals fahrlässigerweise einliessen in dieser Zeitenwende: es sah so aus, als werde die Welt nicht nur größer, sondern auch lebenswerter. „Eine neue Epoche ist angebrochen“, sagte der Mann mit der roten Base-Cap. „Für uns ist es zu spät, und unsere Kinder haben eine harte Zeit vor sich. Aber unsere Enkel werden Europäer sein."
Ich musste an den blauen Bus und den ebenso sorgenvollen wie optimistischen Mann denken, als in diesem Herbst der Bundespräsident vor Gästen der Deutschen Nationalstiftung einen Vortrag hielt, in dem er uns, die Bürger des Landes, auf harte Zeiten vorbereitete. „Jeder Mensch in unserem Land“ so begann er, „jeder, der am 24. Februar aufwachte und die Bilder sah von Raketeneinschlägen in Kiew, von Panzerkolonnen auf ukrainischen Straßen, von der russischen Invasion auf breitester Front – jeder, der mit diesen Bildern erwachte, wusste: An diesem Morgen war die Welt eine andere geworden.“ „Ein Zeitalter ist zu Ende gegangen, und ein neues hat begonnen.“
Zeitalter beginnen nicht an unguten Morgen, und auch nicht in einer Woche. Aber was und wieviel in den Monaten vor dem 24. Februar während des russischen Truppenaufmarschs diplomatisch versucht wurde – und was nicht, das bleibt einstweilen in den Schubladen, den Mitschnitten und Köpfen der Akteure. Wer Zusagen gebrochen hat, welche Fehleinschätzungen zugrundelagen, welche Investments getätigt, welche historischen Ansprüche gerechtfertigt waren, und schließlich: woher der Sprengstoff in der Ostsee kam – Antworten auf diese Fragen stehen jetzt unter dem Vorbehalt aller Kriegsberichterstattung: eine objektive Prüfung ist derzeit nicht möglich. Arbeit genug also für Journalisten und Historiker bis in die Mitte des Jahrhunderts.
Aber kam das wirklich so unerwartet? 2020 stand die Münchner Sicherheitskonferenz unter dem Motto „Zeitenwende“; ihre Experten registrierten eine „Schwächung der internationalen Ordnung, den Aufstieg Chinas und die Rückkehr zu einer Machtpolitik, die sich über internationale Normen hinwegsetzt“. Dazu kämen die einschneidenden Folgen des Klimawandels und rapide technologische Umbrüche. Deutschland habe sich bislang in einer maßgeblich von den USA garantierten Ordnung eingerichtet, und davon profitiert. In einer polarisierten Welt stehe es vor einer schicksalhaften Entscheidung. Entweder gehe Deutschland nun europapolitisch in Führung bei der Gestaltung des Wandels, oder es müsse sich darauf einstellen, dass EU-Europa als Appendix von anderen Mächten dominiert werde.
Wie das aussieht, habe ich Anfang 2022 im Fernsehen erlebt. Ich muss gestehen, dass mich auch milde patriotische Schamgefühle überkamen, als der amerikanische Verteidigungsminister nach Kriegsbeginn 40 Kollegen aus Nationen guten Willens auf die amerikanische Air Base von Ramstein einlud und dort, unter einer amerikanischen und einer ukrainischen Flagge die amerikanischen Kriegsziele verkündete: Russland so zu schwächen, dass es nicht mehr in der Lage wäre, solche Aktionen durchzuführen, und im übrigen eine Allianz aller wohlmeinenden zu schmieden für diesen und (wie er hinzufügte) für die nächsten Kämpfe.
Wie werden sie aussehen, die nächsten Kämpfe? In einer Zeit, in der zwei Atommächte sich anschicken, die Rohstoffe, die Energien und die Märkte der Welt unter sich aufzuteilen, eine dritte ihren Reichtum an Naturschätzen zum Nutzen ihrer Eliten verscherbelt, und alle anderen Nationen ihnen darin folgen, sich die letzten Tonnen Öl, die letzten Kubikmeter Gas und die noch nicht erschlossenen Lagerstätten kritischer Metalle zu sichern. Es wäre naiv, anzunehmen, dass es beim Überfall auf die Ukraine und in ihrer Verteidigung einzig und allein um die großrussischen Gewaltfantasien eines ehemaligen Geheimdienstmannes geht. Immerhin kontrolliert Moskau beim gegenwärtigen Stand der Front eines der mineralreichsten Gebiete in Europa: riesige Kohle-, Titan- und Eisenerzvorkommen, die zu den größten Reserven der Welt zählen, dazu Lithiumfelder und Gasvorkommen und Seltene Erden. Eine Schatztruhe. Direkt kontrollieren Russlands Truppen, so die Meldungen, zur Zeit etwa zwei Drittel der Rohstoffvorkommen der Ukraine. 11 Prozent des Erdöls, 20 Prozent des Erdgases, 42 Prozent der Metalle und 33 Prozent der Vorkommen an Seltenen Erden und anderen wichtigen Mineralien.
„Die Jahre vor dem 24. Februar“, so erinnerte sich der Bundespräsident in seiner Rede, „waren für Deutschland eine Epoche im Rückenwind (…) geprägt vom (…) Zusammenwachsen Europas. Es waren Jahre der Friedensdividende“.
Die Dividende fiel allerdings sehr ungleich aus. Nicht nur der Mann aus Kiew im blauen Ikarus-Bus glaubte damals an eine Zeitenwende. Aber die Regierungen in den reichen Länder Westeuropas haben den Kairos, den hellen Geschichtsmoment, nicht genutzt. Es wurde kein europäischer Aufbruch daraus. Europa-Politiker wie Jacques Delors haben die Chance nutzen wollen, wollten mit spektakulärer Industriepolitik und Schnellbahntrassen von Helsinki über Belgrad nach Athen, von Lissabon über Berlin und Warschau nach Moskau den Kontinent verbinden, mit einer ansteckenden Vision den westeuropäischen Bürgern etwas abfordern, dachten an einen europäischen Gemeinschaftsdienst für Jugendliche. Aber solche Gedanken gingen unter im Rausch der ökonomischen Landnahmen, der Ausweitung der Märkte für die wachstumserschöpften Westkonzerne, eine Landnahme, bis dahin, dass in Warschau die französische Butter billiger war als die polnische. Wer im Osten Europas älter als 40 Jahre ist, hat diese Zeit nicht vergessen.
Um die Jahrtausendwende, als in aller Welt die Proteste gegen den „Washington Consensus“, gegen die Entfesselung der Märkte begannen, und das heute schon wieder vergessene Wort einer Finanztransaktionssteuer aufkam, schrieb der US‑amerikanische Philosoph Richard Rorty: „Es liegt jetzt an Europa, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“
Die neue Weltordnung mit ihren Londoner und New Yorker und ein wenig auch Frankfurter Finanzburgen ließ die Märkte wachsen und auch den Wohlstand, aber die freien Märkte wirkten wie immer:Ssie steigerten die Ungleichheit, die zu Hause und die in den fernen Ländern. Und nicht nur das. Die alte Herr-Knecht-Dialektik – langfristig herrscht, wer die Werkzeuge bedient und den besseren Service liefert – spielte nun auf globalem, vom Eise des Kalten Krieges befreiten Feld. China war der Welthandelsorganisation beigetreten, zunächst herzlich begrüßt mit seinen billigen Rohstoffen und seinen billigen, aber qualifizierten Arbeitskräften. China begann als Lieferant, wurde zum Gläubiger und schließlich zum Investor: Bei Weingütern in Bordeaux richtete das keine größeren Schäden an, in der italienischen Textilindustrie und bei sensiblen Technikfirmen schon eher. Aber eine Zeitenwende war auch das nicht: die Mechanismen von Konzentration und Krise, von Wachstum und Landnahme spielten, wie immer, im Wechsel von Krise und Boom, nur diesmal im Weltmaßstab – es war wie aus dem Textbuch von Marx und Rosa Luxemburg.
Innovativer als dieser Aufstieg Chinas wurde für die Zukunft – und jetzt kann man ruhig sagen: der Menschheit – die Allianz von Silicon Valley und Zhengzhou, von amerikanischer Software und chinesischer Hardware, von kalifornischem Marketing und miserablen Arbeitsbedingungen, die in den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann. In letzter Instanz sind es die Werkzeuge, die Epochen voneinander unterscheiden und prägen. Die Handmühle, so hatte Marx das poetisch ausgedrückt, ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten – man kann es fortführen: mit Eisenbahn und Chemieindustrie und Elektrizität wird die Aktiengesellschaft zur bestimmenden ökonomischen Form und der Weltmarkt zum Milieu. Und nun ist es der Digitale Kapitalismus, der buchstäblich alle Lebensvollzüge, alle kreativen Arbeitsvorgänge und Entscheidungsprozesse durchformt und beschleunigt: Business at the speed of thought hieß die programmatische Schrift von Bill Gates. Geschäfte mit Lichtgeschwindigkeit, Beschleunigung der Produktion und des Warenumschlags, des Verkehrs und der Kapitalströme, Beschleunigung des Verbrauchs von Materie. Vor allem aber hat die kapitalgetriebene Digitalisierung in zehn Jahren, von der Politik gefördert, eine ungeheure Machtkonzentration und Machtverlagerung erzeugt: ökonomisch, sozial, kulturell und politisch. Netzherrschaft, und damit die Inbesitznahme der globalen Infrastrukturen. Die horrenden Gewinne von Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft entstehen nicht länger auf einem Markt, sondern sie resultieren aus dem Eigentum am Markt und an den Kommunikationsnetzen, überirdisch, unterdirdisch, in der Atmosphäre und auf dem Meeresgrund.
Da geht es nicht mehr nur um Profite und Marktanteile, sondern das rührt an die Souveränität der Politik, an die demokratischen Institutionen. Entsprechend begegnen sich die Fürsten dieser weltumspannenden digitalen Reiche und die Präsidenten und Kanzler der alten Nationalstaaten von Gleich zu Gleich, in einer immer asymmetrischer werdenden Abhängigkeit voneinander. Die Front des neuen Kalten Krieges liegt nicht mehr zwischen Kapitalismus und Kommunismus. In der Systemkonkurrenz 2.0 stehen auf der einen Seite Digitalmonopole und ein börsengetriebener Assetmanagement-Kapitalismus im Westen, und auf der anderen Seite Staatsmonopole und abhängige Digitalmonopole in China“. So beschreibt der ehemalige Chefredakteur des Handelsblatts, Hans-Jürgen Jakobs, die Weltordnung der imperialen Konkurrenten. Wenn die scheidende Kanzlerin Angela Merkel 2017 sagte: „Wir Europäer müssen unser Schicksal jetzt wirklich in unsere eigene Hand nehmen“, dann dürfte es schon damals zu spät gewesen sein, schreibt Jakobs.
Europa, das über Jahrhunderte die Welt beherrscht und geformt hat, mit Technik und Staatsformen, mit Missionaren und mit Militär und gelegentlich mit Aufklärung – welche Rolle wird dieses Europa in der Welt noch spielen? Was haben seine Eliten anzubieten und zu gewinnen? Aber vielleicht steckt schon in dieser Frage ein weiteres Mal eine eurozentrische Überschätzung und eine vage Hoffnung, wenn man diesem in sich uneinigen Europa die Mission zutraut, es zwischen den bewaffneten Großmächten mit den Folgen der „Großen Beschleunigung“ aufzunehmen, die von Europa ausging und nun die Weltgesellschaft an die planetarischen Belastungsgrenzen geführt hat. Auf den „Highway zur Klimahölle“ – so der verzweifelte Ausruf des UNO-Generalsekretärs António Guterres auf der Klimakonferenz in Sharm-El-Sheik.
Die Beschleunigung auf dieser Fahrt kann man an den 24 Hockeyschlägerkurven sehen, die Will Steffen und seine Mitarbeiter in Stockholm 2004 zusammentrugen, und die inzwischen tausende von Vorträgen als PowerPoint illustriert haben. 12 Kurven über den exponentiellen Verbrauch von Energie, Rohstoffen, Meerestieren, Wäldern und freien Flächen, über steigende Temperaturen und die Anteile vom Kohlendioxid in der Luft und Stickstoff im Meer; und 12 Kurven über den Beitrag der Menschen zu dieser Entwicklung: von Bevölkerungswachstum und dem Bruttosozialprodukt über den Verbrauch von Energie und Düngemitteln bis zum Tourismus und der Papierproduktion. Alle 24 Kurven steigen steil an genau um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Als Folge der Wachstumsjahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen der Verbrauch an Material und an Energie rasant anstieg – zunächst nur in den reichen Ländern des Nordens. Mit der Ausweitung der Märkte im Zuge der Entkolonisierung im Süden des Planeten globalisierten sich dann auch die Lebensweise, die Erwartungen und die Konsummuster von Milliarden von Menschen. Aber mit der Globalisierung der Weltproduktion entstand keine Weltgesellschaft und keine Weltregierung und keine Institution, das globale Klimaproblem zu händeln.
Warum reagieren wir zu langsam auf den Klimawandel? Die Antwort fasst, sehr konkret, ein Ereignis zusammen, oder besser ein Nichtereignis, das sich Anfang der  Achtziger Jahre in Bonn begab – oder eben nicht begab: Ein paar Jahre nach der zweiten Ölkrise wollte der Sozialdemokrat Hans Matthöfer, der in der sozialliberalen Koalition zunächst Forschungs-, dann Finanzminister war, mit einer Benzinsteuer die Mittel gewinnen für eine schnelleEinführung neuer, regenerativer Energien, eine bundesweite Einführung von Fernwärme, eine Verlagerung der Investitionen von Straße auf Schiene und so weiter. Matthöfers „Ölpapier“ scheiterte nicht an der Einsichtsfähigkeit von Kanzler Schmidt, und auch nicht am Fehlen öffentlicher Meinung: Es waren die Jahre, in denen die Demonstrationen gegen die Atomenergie tobten. Es waren die internen Mechanismen der Politik: In der rotgelben Koalition, aber auch in der SPD selbst, die meinte, einen solchen zukunftsweisenden Schritt vor anstehenden Landtagswahlen den Bürgern nicht zumuten zu können.
30 Jahre später antwortete der 90jährige Helmut Schmidt auf die Frage, warum wir immer noch nicht den Umbau in eine klima- und zukunftsgerechte Wirtschaft kraftvoll in Angriff nähmen: „Regierungen, die eine wesentliche Verringerung des Lebensstandards in Kauf nehmen, würden abgewählt. Deswegen tun sie es nicht. Hier liegt einer der eingeborenen Fehler der Demokratie.“
Kapitalismus und pluralistische parlamentarische Demokratie arbeiten zusammen – „gegen die Natur“. Und mehr noch: Das Menschheitsproblem scheint unlösbar, weil wir eben…keine Menschheit sind. Die Fotos vom blauen Planeten, die von den Astronauten gefunkt wurden, haben eine Generation gerührt, das Wort vom Raumschiff Erde die Erkenntnis von der Begrenztheit der Ressourcen popularisiert. Vom Mond aus gesehen und im abstrakten Begriff sind wir eine Menschheit. Auf dem Boden der Interessen und Tatsachen leben wir als Nationen und Nutznießer, Täter und Getriebene, Reiche und Arme, Ausbeuter und Ausgebeutete, als Alte und Junge, Produzenten und Verbraucher. Nordländer und Südländer. Ihrer aller Repräsentanten kommen alle Jahre wieder auf den großen Klimakonferenzen zusammen, und am Ende bestimmen jedesmal diejenigen das Tempo, die am wenigsten ändern wollen. Und das ist zu langsam für den Richtungswechsel, der Not täte.
Denn es geht um einen Richtungswechsel. Das ist ein präziseres Wort als „Zeitenwende“. Richtungswechsel in der Evolution der Weltgesellschaft. Was wir die Neuzeit nennen, war eine Ausweitung der Horizonte und der meschlichen Macht: Landnahme, Steigerung von Produktion und Konsum, Eroberung neuer Territorien, Entwicklung immer neuer Bedürfnisse, Kolonienbildung, Beschleunigung, Hinausschieben aller Schranken, der inneren und der äußeren, bis an die bezifferbaren Grenzen der materiellen Belastbarkeit und Bewohnbarkeit des Planeten. Anthropozän, sagen heute die Geologen: Da ist mehr menschlicher Stoff auf der Oberfläche der Erde als Restnatur.
Und dieses Anthropozän – das Zeitalter der Menschen – mutet der Menschheit eine Gegenbewegung zu: Rücknahme, Anpassung, Begrenzung, innere Kolonisation; ökonomischen Umgang mit Ressourcen, Entschleunigung. Einen Rückzug von unhaltbaren Positionen. Diese „Schubkraftumkehr“ der neuzeitlichen Energien, dieser Rückzug, ist im Prinzip technisch lösbar. Schwieriger fällt schon die Veränderung, vielleicht auch nur die Verfeinerung oder die Kultivierung unserer Art des Weltverbrauchs. Unserer, das heisst: der reichen Konsumgesellschaften des Nordens.
Was könnte also die Aufgabe von Europa sein, wenn der Krieg in der Ukraine vorbei ist? Nach seinem Beginn setzte nicht nur in Deutschland eine hektische Reisetätigkeit ein. Nie oder selten bereiste Gegenden Afrikas oder Mittelasiens standen auf den Flugplänen: Kasachstan, Senegal, arabische Länder mit finsteren Herrschern. Es ist ja nachzuvollziehen, wenn die Minister und Kanzler versichern, ohne die fossilen Injektionen, die sie zu überhöhten Preisen einkaufen, würde der Übergang in die Solargesellschaft sehr unruhig werden. Aber damit kommt Europa nicht in die Vorhand. Haben wir Europäer vielleicht doch noch eine Mission? Und auf die Frage hört man gelegentlich die wohlmeinende Wendung: Europa könnte der Welt von dem zurückgeben, was es genommen hat. Das klingt ein wenig nach Paketen mit Bronzeskulpturen aus den Depots unserer Völkerkundemuseen. Aber wie wäre es mit einer, nennen wir es mal so: europäischen Unabhängigkeitserklärung, gegenüber den fossilen Großmächten, der im American‑Way-Of-Live festsitzenden und der mit autoritärem Staatskapitalismus zur Hegemonie drängenden im Osten? Eine Unabhängigkeitserklärung, die ebenso ökonomisch wie politisch wäre, und die, wie die vorige, eine neue Epoche begründen könnte.
Es wäre die Unabhängigkeitserklärung gegenüber den fossilen Fesseln. Die Ausrufung der Solaren Weltgesellschaft. Und das ist keine schöne Idee, kein idealistisches Völkerbundsprojekt, keine moralische Gerechtigkeitsforderung, keine „Alternative“, sondern schlicht eine Notwendigkeit. Sie wird kommen, oder, wie der geniale Solarpolitiker Hermann Scheer es immer sagte, sie muss kommen, und zwar mit naturgesetzlicher Notwendigkeit. Die Frage ist nur, wann, und wie freiwillig oder wie erzwungen von der Not. Beginnen kann sie, begonnen hat sie überall: Wind und Sonne, und auch Wasser sind nicht so ortsgebunden wie Kohle, Öl und Gas; ihrer Natur nach ist erneuerbare Energie also dezentral. Und damit produziert diese Energie, wenn man sie nicht einsperrt in Pipelines und Terminals und Großkraftwerke und Kapitalkonzentration, damit produziert diese Energie zwangsläufig eine „neue Welt“. Sie braucht zu ihrer Durchsetzung nicht einige global players – und damit könnte sie die Souveränität und die Freiheitsräume umverteilen, weg von den Trägern und Profiteuren der großen Strukturen, hin zu Regionen, Städten, Dörfern, Höfen und Häusern.
Ein Europa, das auf dezentrale Energie setzte – ein solches Europa in einer regionalisierten deglobalisierten Weltwirtschaft: das wäre der Beginn einer wirklich neuen Epoche. Es würde, mit eigenen Chips und eigenen Energiequellen unabhängiger von den imperialen Mächten, auch wenn es – in dieser nicht unbedingt besten aller Welten – wohl nicht drum herum käme, seine Bewaffnung zu modernisieren. Ein solcher Kontinent wäre noch verwandt mit dem Europa, von dem der Dichter und tschechische Präsident Václav Havel nach dem Fall der Mauern 1991 in seinen Sommermeditationen geträumt hat. Es war der Traum von einem Kontinent mit Straßen, in denen es zwei Bäcker und an jeder Ecke eine Kneipe gibt; mit Städten, in denen Kinder sich wohlfühlen und jeder auf eine gute Schule gehen kann; mit Nationen, die ihre Kultur, ihre Landschaften und den Eigensinn ihrer Bürger pflegen. Es war der Traum von einem Mittelstandseuropa, einer Sozialordnung, die Wohlstand, Produktivität und Solidarität balanciert. Es ist dieses Europa, von dem amerikanische Intellektuelle und brasilianische Gewerkschafter bis vor kurzem träumten – ebenso wie die Migranten, die sich an die Strände Italien spülen lassen oder bei Nacht über die griechische Grenze gehen.
Vieles von diesem Europa ist unwiederbringlich dahin und nur noch touristisch relevant. Und vielleicht ist es auch frivol, in Zeiten des Krieges, in denen sich die Erkenntnisfähigkeit und die Wahrheitsbedürftigkeit von Gesellschaften dem Frontverlauf beugen müssen, solche Gedanken über kulturelle Hegemonie und soft power zu ventilieren. Andererseits bieten Krisen Politikern und Unternehmern nicht nur die Gelegenheit für kühne Zugriffe und schnelle Wendungen; es sind auch Zeiten, in denen die Menschen mehr als sonst empfänglicher sind für grundlegende Diagnosen und neue Gedanken – und mutige Politiker.
Zeitenwenden geschehen nicht an einem Tag und auch nicht in einem Krieg. Das Spektakuläre ist kein Wendepunkt, oft punktiert es nur eine Kontinuität, oder macht manifest, was latent sich vorbereitete oder immer schon da war. In einer Zeit des hektischen Füllens von kurzfristigen Energielücken und einer vagen Furcht vor rebellierenden Bürgern tauchen plötzlich Gedanken wieder auf, die zum ersten Mal in den Sechziger und Siebziger Jahren gedacht wurden: Plädoyers für Dezentralisierung, Rückzüge aus immer größeren Einheiten, Regionalisierung. Der Monopolforscher Hans-Jürgen Jakobs erinnert sich an den deutsch-britischen Ökonomen E.F. Schumacher, der zeitgleich mit dem Bericht an den Club of Rome für kleiner Einheiten plädiert hatte: Small is Beautiful. In der Wirtschaft sinke damit die Abhängigkeit von fossilen Energien und von Weltmarktschwankungen, der Demokratie seien kleinere Einheiten zuträglicher, und vor allem sei dezentrale Technik fehlerfreundlich. Schumacher: „Immer größere Maschinen, die eine immer größere Konzentration ökonomischer Macht mit sich bringen und eine immer größere Gewalt gegenüber der Natur (…) repräsentieren nicht den Fortschritt.“
Periodisierungen sind etwas für Schulbücher und kommen immer nachträglich. Zur Orientierung in einer Gegenwart nutzen sie nicht. Das Wort „Neuzeit“ kam in Umlauf, lange nachdem sie begonnen hatte. Zwischenzeit – das ist in diesen Jahren vielleicht ein besseres Wort als Zeitenwende. Das verliert an Kraft, das Neue ist noch im Werden, aber schon sichtbar und spürbar. Noch gelten die Landkarten der alten Ordnung, aber sie sind gesprenkelt mit Inseln des neuen: energieneutrale smarte Städte, regionale Versorgungsnetze für nachhaltigen Strom, landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, Schulen mit neuen Lehrplänen, die Karten unserer Gegenwart werden umformatiert von Agenten der Veränderung: Besetzer von gefährdeten Wäldern, Anwälte, die gegen Monopole kämpfen, Kaffeefirmen, die Fairtrade-Abkommen mit afrikanischen Kleinbauern schließen, Studentinnen, die vorm Verfassungsgericht für bessere Klimapolitik klagen, Politiker ohne Angst vor Gelbwesten, Veganer und Vegetarierinnen, Sozialunternehmer und harte Verhandler auf Klimakonferenzen, und natürlich: Ingenieure, Ingenieure und dreimal Ingenieure.
Zwischenzeiten sind Parallelogramme von Millionen von Kräften. Mehr noch als in geordneten, stabilen Zeiten kommt es dann darauf an, was viele Einzelne tun. Wie sie mit den Erschütterungen und Unregelmäßigkeiten umgehen, mit wem sie sich verbinden, welche Ressourcen sie aus der alten Stabilität mitgebracht haben oder welche neuen sie sich erschließen. Es sind Zeiten, die uns zu verschärfter Zeitungslektüre nötigen, Zeiten mit erhöhtem Stress. Und Zeiten mit größerer Freiheit.
1981 veröffentliche der Klimaforscher und damalige Forschungsdirektor der NASA, James Hansen, eine der ersten Studien über die Erwärmung der Erdatmosphäre. Das war vor 40 Jahren. Sieben Jahre später halfen seine Testimonials, die Klimaproblematik politikfähig zu machen. 2008 forderte er, Manager von ExxonMobil und Peabody Coal wegen „Hochverrats gegen Mensch und Natur“ anzuklagen. Gelegentlich wurde er bei Demonstrationen gegen einen pipelinebau vor dem Weißen Haus abgeführt. Hansens Enkelin Sophie klagt seit 2015 gegen die Vereinigten Staaten, vertreten durch ihren Präsidenten, die ihr Recht auf ein freies, gesundes und gedeihliches Leben für sie und ihre Nachkommen verletzten. Die Enkel des Mannes im blauen Bus, der vor 30 Jahren am Checkpoint Charlie in Berlin herumkurvte, dürften jetzt im Alter von Sophie sein. Ihre Kinder haben eine harte Zeit vor sich, Und ihre Enkel werden die nächste Jahrhundertwende erleben. Man wäre gerne dabei, wenn schon nicht aus Unsterblichkeitssehnsucht, so doch aus Neugier.