Suchen nach uns selbst - Von der Arbeit an der Geschichte
Von Ralf Konersmann
Wie viel Vergangenheit steckt in der Gegenwart? Wer sich heute mit Geschichte beschäftigt, kann darauf eine Antwort finden. Allerdings darf die Geschichte nicht darauf reduziert werden, gegenwärtige Narrative nur zu bestätigen.
Zwischen der Überhitzung des Jetzt und der Ahnung einer verlorenen Tiefe stellt sich die Frage: Wozu noch Geschichte? Während sich die Gegenwart im Rhythmus der Schlagzeilen beschleunigt, droht die Vergangenheit zur bloßen historischen Kulisse zu werden.
Doch in ihren Spuren liegt ein anderes Wissen - eines über uns selbst. Es gibt dabei drei mögliche Weisen, mit dieser Überlieferung umzugehen: zunächst das Vertrauen der Aufklärung in die aufschlussreiche Macht der Geschichte, dann ein an der Gegenwart orientiertes Geschichtsverständnis, das alles Vergangene den zeitdiagnostischen Gegenwartserzählungen unterwirft, und drittens die Genealogie, die unsere Selbstverständlichkeiten vor dem Hintergrund historischer Tiefenbohrungen befragt.
Nur im genealogischen Geschichtsverständnis öffnet sich der Blick auf die unsichtbaren Ursprünge unserer Werte, Überzeugungen und Gewohnheiten. Nur diese Art von Geschichte lehrt, die Gegenwart nicht zu bestätigen, sondern sie zu durchdringen. Wo Narrative begradigen, führt die genealogische Arbeit in die tief liegenden Schichten des Gewordenen - dorthin, wo das Heute sein eigenes Gesicht erkennt.
Ralf Konersmann, geboren 1955 in Düsseldorf, Hochschullehrer und Publizist, war bis 2021 Direktor des Philosophischen Seminars an der Universität Kiel. Einem größeren Publikum bekannt wurde er durch seinen Bestseller Die Unruhe der Welt (2015), 2017 kam das Wörterbuch der Unruhe heraus, das mit dem Tractatus-Preis ausgezeichnet wurde und 2021 erschien Welt ohne Maß. 2025 erschien, ebenfalls bei S. Fischer, sein Essay Außenseiter.