Kritik der einfachen Vernunft
Nuancen - Die Welt des Dazwischen
Von Thomas Palzer
In einer Zeit, die geprägt ist vom „entweder oder“, von Polarisierungen und populistischen Vereinfachungen, gehen die Zwischentöne verloren. Und damit die Nuancen, die uns genau davor bewahren können. Es gilt, sie wiederzugewinnen.
Nuancen sind jene kaum wahrnehmbaren Verschiebungen, die binäre Ordnungen unterlaufen. Die Weigerung, sich für eine Seite zu entscheiden, wird zum Widerstand gegen allzu einfach gedachte Verhältnisse. Und sie zu erkennen, schärft den Blick für das Dazwischen, für das, was leicht übersehen wird. Nuancen machen den Unterschied. Sie unterscheiden und differenzieren. Sie stufen ab: die Höhe, die Farbe, die Dichte, die Bedeutung, die Form, das Kontinuum. Und werden zu einer Schule des Denkens.
Nuancen bestehen im Widerstand gegen das Absolute. Zwischen wahr und falsch, Gut und Böse, Sein und Schein, Existenz und Essenz, Mann und Frau öffnet sich ein Raum, in dem Urteile unsicher werden und das Erkennen der Wirklichkeit beginnt.
Thomas Palzer, geboren 1956, studierte Philosophie und Germanistik in München und Wien. Er ist Autor, Essayist, Journalist, Schriftsteller, Filmemacher und Hörfunksprecher. 2018 erschien der Essay „Vergleichende Anatomie“ (Matthes & Seitz) und 2019 der Roman „Die Zeit, die bleibt“ (Tropen).