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Ukrainische Gegenoffensive
Die Taktik der Ukraine geht auf

Die Ukraine habe strategisch klug gehandelt, die Pläne zur Gegenoffensive verschleiert und Russland teilweise überrumpelt, kommentiert Gesine Dornblüth. Die Befreiung des Landes werde viele Opfer fordern, doch die Ukrainer hätten keine Alternative.

Ein Kommentar von Gesine Dornblüth | 10.06.2023
Ukrainische Soldaten auf einem Feldweg mit Gewehren.
Ukrainische Soldaten trainieren im Inneren des Landes. An der Front laufen die Offensiven zur Rückeroberung des gesamten Landes. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Bernat Armangue)
Russlands Präsident Wladimir Putin hat bereits gestern davon gesprochen, dass eine ukrainische Gegenoffensive begonnen hat. Deren Anfänge allerdings seien gescheitert. Das sollte siegessicher klingen, doch allein die Tatsache, dass sich Putin entgegen seiner Gewohnheit direkt zum militärischen Geschehen äußert, zeigt, dass Russlands Führung sich überhaupt nicht sicher ist.
Das liegt auch an der Kommunikationsstrategie der ukrainischen Führung. Die nämlich hat seit Monaten von einer bevorstehenden Gegenoffensive gesprochen und Russland damit im Ungewissen gehalten. Auch heute sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj lediglich vage, im Rahmen der Verteidigung liefen mehrere ukrainische Angriffe. Details nannte er selbstverständlich nicht.

Die Ukraine hat Russland verunsichert

Die Taktik der Ukraine ging offensichtlich auf. Die permanenten Ankündigungen haben den Feind verunsichert, ihn dazu gebracht, eigene Angriffe zu stoppen, seine Truppen zu verlegen, eigene Standorte zu verraten, Schwachstellen zu offenbaren. Und währenddessen hat die Ukraine schon seit Wochen gezielt Waffen- und Munitionslager zerstört. Ob das nun zu einer Frühjahrs-, einer Sommer- oder sonst einer Offensive gehörte, um das besetzte Gebiet zu befreien, spielt keine Rolle.
Zugleich hat die Ukraine mit den dauernden Ankündigungen einer Frühjahrsoffensive aber auch die Erwartungen an das ukrainische Militär enorm in die Höhe getrieben. Niemand sollte ein schnelles Vordringen der ukrainischen Kräfte erwarten, wie noch im Herbst in der Region Charkiw, wo es der Ukraine gelang, die Russen zu überrumpeln. Das russische Militär hat dazugelernt. Und es hat Verteidigungslinien angelegt. Anzugreifen, ist zudem schwieriger, als sich zu verteidigen.

Die Offensive kostet viele Menschenleben

Ein Blick auf die Front zeigt das. So ist es der ukrainischen Armee an einigen Stellen vermutlich gelungen, bis zur ersten Verteidigungslinie der Russen vorzudringen, teils soll sie aber wieder zurückgedrängt worden sein. Im Süden soll Russland seine Luftwaffe eingesetzt haben, um die Ukrainer zu stoppen. Teils sollen sich russische Einheiten ungeordnet zurückgezogen haben.
Offenbar wurde auch westliche Ausrüstung zerstört, darunter möglicherweise ein Leopard Panzer. Auch ein Iris-T-Flugabwehrsystem soll beschädigt worden sein. Das war erwartbar. Die Ukrainer gehen mit ihrer Gegenoffensive ein hohes Risiko ein. Tausende Soldaten werden die Befreiung der von Russland besetzten Gebiete mit ihren Leben bezahlen – in Minenfeldern, unter russischem Beschuss. Sie tun es trotzdem, und sie tun es, weil sie keine andere Wahl haben.

Die Ukrainer haben keine Alternative

Denn wie die Alternative aussieht, ist in diesen Tagen im Überflutungsgebiet um Cherson nur allzu deutlich geworden. Während auf der ukrainisch kontrollierten Seite Katastrophenschützer und ehrenamtliche Helfer ihr Leben riskieren, um auch noch das letzte noch lebende Kätzchen aus den Fluten zu bergen, haben die russischen Besatzer viel zu spät mit der Evakuierung begonnen und die freiwilligen Helfer zum Teil sogar behindert. Ihnen sind Menschenleben egal. Wie sonst lässt sich erklären, dass sie auf wehrlose Menschen, die sich aus den Fluten retten wollen, und ihre Helfer schießen.
Das ist menschenverachtend. Diese russische Führung führt einen Krieg gegen alles und jeden, Hauptsache töten und zerstören. Genau deshalb hat die Ukraine nur diesen einen Weg: Ihre Gebiete zu befreien. Auch wenn es noch so riskant ist.
Und genau deshalb haben die demokratischen Staaten keine andere Wahl, als die Ukraine mit allen Mitteln zu unterstützen. Verglichen mit dem Preis, den die Ukrainer zahlen, ist das verkraftbar. Das massenhafte wahllose Töten muss gestoppt werden. Handeln die westlichen Staaten nicht endlich konsequent und hart, wird der Preis höher sein, als ein paar Panzer. Es wird die Freiheit, die Demokratie und den Wohlstand kosten. Je länger man wartet, desto höher wird der Preis.
Gesine Dornblüth, Deutschlandradio-Korrespondentin in Moskau
Gesine Dornblüth, Deutschlandradio-Korrespondentin in Moskau
Gesine Dornblüth wurde 1969 in Niedersachsen geboren. Sie studierte Slawistik und promovierte über russische Lyrik. In den 90er-Jahren gründete sie mit ihrem Partner das Büro "texte und toene" in Berlin und produzierte fünfzehn Jahre Alltagsreportagen, Langzeitdokumentationen, politische Analysen aus Russland, der Ukraine, dem Südkaukasus und vom Balkan. Von 2012 bis 2017 war sie Korrespondentin von Deutschlandradio in Moskau.