Endstation Ungewiss
Eine Lange Nacht über die „Kindertransporte“ 1938/39
Von Jochanan Shelliem
Regie: Nikolai von Koslowski
November 1938 - Der junge Bankkaufmann Nicholas Winton besuchte seinen Freund in Prag. Was er sah, schockierte ihn. Flüchtlingsfamilien hinter Bretterverschlägen, hungernde Kinder. In London zurück, schreibt er Brandbriefe an die Mächtigen der Welt. Nicholas Winton ist kein Jude. Seine Eltern, Barbara und Rudolf Wertheim, sind 1907 nach England emigriert und zum Christentum konvertiert. Während des Ersten Weltkriegs ändern sie ihren Namen. Winton hat sich das Elend der jüdischen Kinder eingeprägt. Im englischen Parlament wüten Debatten über die Gefahr, die Großbritanniens Wirtschaft durch die Aufnahme jüdischer Flüchtlingskinder drohen würde. In einem Hotel am Wenzelsplatz in Prag eröffnet Nicholas Winton ein Büro. Eine Zufluchtsstätte, die von Flüchtlingsfamilien überlaufen wird. 1.000 Kindern kauft er eine Fahrkarte über den Kanal. Der erste Zug fährt am 30. November 1938 nach London. Mehr als 15.500 jüdische Säuglinge, Kinder und Jugendliche haben dank seiner Initiative überlebt. Walter Kaufmann stammt aus dem Ruhrgebiet. Mit einem der letzten Kindertransporte kommt er in London an. Keiner wartet auf ihn. Der Vormund hat ihn vergessen. Seine Eltern wird er nie wiedersehen. Er arbeitet später am Hafen und als Gewerkschaftler, wird Kommunist, sucht sich sein Paradies, findet es für sich als Schriftsteller in der DDR. „Er war angekommen. Angekommen aber wo?“ Mit diesen Worten beginnt der Roman „Landgericht“, in dem Ursula Krechel von den Kindertransporten erzählt und damit das jahrzehntelange Schweigen über eine unerwünschte Erinnerung der deutschen Nachkriegsrepublik bricht. André Herzberg, Leadsänger der in der DDR berühmten Rockband Pankow, leidet 80 Jahre nach der Flucht seines Vaters immer noch an den Geheimnissen seiner Familiengeschichte. Eva Menasse schreibt, ihr Bruder Robert erzählt vom Kindertransport des Vaters Hans Menasse, der als Fußballer der Nationalmannschaft in Wien seine Vergangenheit vergaß. Fast 90-jährig entsinnt sich Hans Menasse, wie er sich als Achtjähriger ohne Sprachkenntnisse in Südengland wiederfand. Bis heute treffen sich die Nachkommen der „Nullten Generation“ in Großbritannien und den USA und sprechen über die Traumata, die sie von ihren Eltern erbten, die durch die Aktion „Kindertransporte” ihr Leben retteten und ihre Kindheit verloren.