Judith Hermann liest aus und spricht über „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ (1/2)
(Teil 2 am 25.3.2026)
Selbst in der Enkelgeneration wissen die meisten deutschen Menschen nicht, wie ihre Großeltern im Zweiten Weltkrieg gehandelt haben - über zwanzig Jahre nach der bahnbrechenden Studie: „Opa war kein Nazi“ von Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall. Während die letzten Zeitzeugen sterben, die AfD den Stolz auf die Großeltern propagiert und plötzlich vom „Schuldkult“ gesprochen wird, wagt sich Judith Hermann in die schrecklichen Untiefen ihrer Familiengeschichte. Denn ihr Opa war ein Nazi und vermutlich beteiligt an SS-Verbrechen im polnischen Radom. „Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich die Leben der Großeltern über die Eltern hinweg in den Lebenswegen der Enkel aufzeigen.“ Nach Radom reist die Schriftstellerin, ganz allein, im Gepäck: Stig Dagermans „Deutscher Herbst“, Natasche Wodins „Sie kam aus Mariupol“, Czeslaw Milosz’ „Das Tal der Issa“. In Polen kauft sich Judith Hermann eine neue Lesebrille und schaut mit einem neuen, immer melancholischeren Blick auf die Vergangenheit - und verliert irgendwann: die Fassung, nicht die der neuen Brille, sondern die ihres Selbst. Eine erschütternde Lektüre, eine radikale Befragung - die zeigt, dass wir niemals alle verstehen können.
Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihr Debüt “Sommerhaus, später” (1998) war ein Meilenstein der Gegenwartsliteratur. 2003 folgte der Erzählungsband “Nichts als Gespenster”. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. 2009 erschien “Alice”, fünf Erzählungen, 2014 der erste Roman, “Aller Liebe Anfang”. 2016 folgten die Erzählungen “Lettipark”, die mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet wurden. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Zuletzt erschien 2023 bei S. Fischer “Wir hätten uns alles gesagt”, basierend auf den Frankfurter Poetikvorlesungen, die Judith Hermann im Frühjahr 2022 hielt. Dafür erhielt sie den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin.