Mode oder Verzweiflung
Kleider machen Leute, aber was machen Leute mit Kleidern?
Von Johanna Rubinroth
Kleidung ist Selbstausdruck und nicht selten das Ergebnis mühevoller Identitätsarbeit. Dresscodes gibt es selten, verbindliche Vorschriften noch seltener. Das macht die alles entscheidende Frage nicht leichter: Was soll ich bloß anziehen?
Fast alle Menschen auf dieser Welt ziehen sich täglich an. Zum Schutz, um sich zu schmücken, aus Scham und manchmal zum Schein. Im Alltag anders als zum besonderen Anlass. Gleichzeitig ist sie für das Umfeld Projektionsfläche: Ununterbrochen werden wir ihretwegen be- und nicht selten auch entwertet. Taxiert, sozial verortet, etikettiert. Von jeder und jedem, mindestens unbewusst. Und offenbar gilt beim Thema Kleidung zuverlässig die eigene Meinung als Maßstab. Verbindlichkeiten sind passé, stattdessen lauern überall unausgesprochene Konventionen. Es gibt keine Dresscodes mehr, aber zugleich ist Mode ein Code, der gelesen und bisweilen entschlüsselt wird. Zwar heißt es, in der Postmoderne sei alles erlaubt. Doch gilt, wer regelmäßig morgens im Abendkleid beim Bäcker erscheint, schnell als verrückt, na ja, ... mit viel Wohlwollen vielleicht als exzentrisch. Wo keine Uniform vorgeschrieben ist, beginnt das tägliche Kombinieren: Was passt zusammen? Ist das Stil oder einfach nur wahllos? Was steht mir? - Oder mit Guido Maria Kretschmer gesprochen: Tut dieses Kleidungsstück etwas für mich? Wovor warnen YouTube-Kanäle und zu was raten die Zeitschriften im Wartezimmer? Und vor allem: Welches Signal sende ich mit welcher Farbschattierung? Denn Kleidung ist Kommunikation. Aber hüte sich, wer zu viel über sie nachdenkt und es auch noch zugibt! Nur allzu schnell gilt man als eitel, wenn nicht gar oberflächlich, und bei männlich gelesenen Personen wird über die sexuelle Orientierung spekuliert.
Johanna Rubinroth emigrierte 1983 als Schulkind von Polen nach West-Berlin, wo sie ihr Abitur absolvierte. Sie schloss die Drehbuchakademie der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ab. Rubinroth lebt und arbeitet als Autorin in Berlin. Zu ihren jüngsten Werken gehören „BLIND DATE IN DELHI“, „Mein eigensinniges Gehirn“ und „Das Patent“.