Demokratie unter Druck
Deutsche Ikonographie: Das flammende Bild an der Wand. Korrektur historischer Fehlinterpretationen: Bürger statt Volk, Gewählte statt Auserwählte und Streit statt Krieg.
Was spricht das Flattern der Fahne im Wind? Kein Faschist ist nur, wer weiß, dass er durchaus einer hätte sein können. Extremismus als Autoimmunreaktion der Demokratie.
Von Bazon Brock
Politische Extreme wie rechter oder linker Populismus scheinen gegen die Demokratie gerichtet zu sein. Es gilt sie als Teil der Demokratie zu verstehen. Einer Demokratie, die im Kern aus Streit und Auseinandersetzung der Bürger besteht.
Heutzutage erleben wir, dass Demokratie keine harmonische Ordnung ist, kein bloßes Aushandeln von faden Kompromissen oder bemühten Konsensen. Sie ist im besten Fall ein rechtlich gebändigter Streit mündiger Bürger, deren Freiheit nur durch Konkurrenz, Grenzen und „Checks and Balances“ erhalten bleibt.
Extremismus ist dann nicht ein fremdes Gegenprinzip, sondern wird erkennbar als Radikalisierung demokratischer, bürgerlicher oder kultureller Impulse. Nur wenn Machthaber allen Streit ausschalten wollen, werden Extreme zur Bedrohung der Demokratie, aber auch ihrer eigenen Macht. Macht zerstört sich selbst, sobald sie ihren Gegenpol ausschaltet.
Kunst und Avantgarde übernehmen im demokratischen Gemeinwesen eine besondere Rolle: Sie zeigen Konfliktlinien und Brüche, aber auch, dass Schönes und Hässliches, Gelingen und Scheitern, Tradition und radikal Neues zusammengehören.
Bazon Brock, geboren 1936 in Stolp/Pommern, ist Kunsttheoretiker, Kulturvermittler und emeritierter Professor für Ästhetik. Er prägte das „Action Teaching“ und seit der documenta 4 von 1968 das Format „Besucherschule“. Als Vertreter der Fluxus-Bewegung verbindet er in unzähligen Büchern, Aktionen und Performances Kunst, Philosophie, Politik zu einer Kritik der Gegenwart.