Verkehrswende
Der Kampf ums Auto - Freiheit, Klima und die Zukunft der Städte
Von Niklas Maak
Kaum ein Gebrauchsobjekt spaltet die Gesellschaft so wie das Auto: für die einen ist es ein ökologisches Problem, das Straßen verstopft und Atemluft verschmutzt, für die andern ein notwendiges Transportmittel und Ausdruck individueller Freiheit.
Die Diskussion um das Auto bedroht inzwischen sogar die Demokratie selbst: Stadtregierungen, die versuchen, die autofreie Stadt soweit wie möglich durchzusetzen, werden abgewählt, wie zuletzt in Berlin passiert. Konservative und extrem rechte Parteien gehen erfolgreich auf Wählerfang mit Kampagnen wie „Auto verbieten verboten“. In Tschechien ist sogar eine Auto-Partei gegründet worden, die große Erfolge feiert. Muss man die Idee der ökologisch nachhaltigen Stadt der Fahrradfahrer und Fußgänger, die mit dem öffentlichen Nahverkehr gut zurecht und überall hin kommen, aufgeben und akzeptieren, dass die Städte weiterhin mit dieselnden Zweitonnern durchrollt werden, in denen nur eine Person sitzt?
Oder könnte es eine Lösung geben, die die Bedürfnisse der Autofahrer befriedigt und gleichzeitig den ökologischen Anforderungen unserer Zeit Rechnung trägt? Wäre es denkbar, die Städte für große, schwere Autos zu sperren, wie es in Paris schon praktiziert wird, aber gleichzeitig eine neue Typologie von Fahrzeugen anzubieten, die alles können, was Autos in der Stadt können müssen - drei Kinder zum Sport fahren, bei Regen die Oma mit dem Gepäck am Bahnhof abholen, vielleicht einmal zu zweit oder zu viert an den See fahren und dabei nur 300 Kilo wiegen?
Städte werden immer auf Mobilität angewiesen sein. An der Art, wie eine Gesellschaft ihre Mobilität gestaltet, wird sich nicht weniger als die Zukunft des sozialen Zusammenlebens entscheiden. Umso wichtiger ist es, nicht nur aus Klimaschutzgründen über alternative Lösungen zur aktuellen Situation nachzudenken.
Niklas Maak (Jahrgang 1972) ist Feuilletonredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Dort schreibt er über Kunst und Architektur, aber auch über Alltagsästhetik und Design. Zu seinen wichtigsten Büchern gehören die Romane „Fahrtenbuch: Roman eines Autos“ (2011), „Technophoria“ (2020) sowie die Sachbücher: „Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen“ (2014) und „Atlas der seltsamen Häuser und ihrer Bewohner“ (2016). Er wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Henri-Nannen-Preis oder dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.