Körper in Bewegung
Fell, Federn, nackte Haut - Von der Natur des Tanzes
Von Wiebke Hüster
So artifiziell das klassische und zeitgenössische Ballett auch wirkt, so unmittelbar ist sein Bezug zur Natur. Seit dem Barock zeigt sich hier das Verhältnis von Mensch, Natur und Macht. Und im Tanz selbst ist die Natur als reale Gegenwart präsent.
Am Abend des 23. Februar 1653 beginnt in Paris die Uraufführung eines großen Balletts, das die ganze Nacht hindurch geht und in dem sich die Klassen mischen und Göttinnen, Dämonen, Werwölfe und Straßendiebe einander ablösen. Bei Tagesanbruch erscheint Ludwig XIV. vor dem Publikum, der tanzende König. Er verkörpert ein Gestirn. Als Sonnengott Apollon beschließt er das Ballett. Le Roi Soleil nennt man ihn, weil er verschiedentlich die aufgehende Sonne verkörpert, um zu veranschaulichen, dass seine Macht göttlich ist und von ihm Licht und Wärme ausgehen wie von dem Himmelskörper.
Repräsentationen der Natur sind im Tanz über Jahrhunderte hinweg von zentraler Bedeutung. Eine Kunst, deren Bedingung die Beherrschung der menschlichen Natur ist, arbeitet sich zuvörderst am Begriff des Körpers ab. Der tanzende Körper ist der kommunizierende Körper, der die Einsamkeit beendet, indem er auf den Ruf der Trommel in der Nacht antwortet. Der tanzende Körper transzendiert die irdische Existenz, die Überwindung der Schwerkraft ist ein Versprechen auf Unsterblichkeit. Der Tanz platziert diesen Körper in einem Bühnenbild, in dessen Gestaltung, in dessen Darstellung von Natur sich das Weltverhältnis der Tanzkunst spiegelt. In der Romantik ist es der Wald, in dem die Geister von „Giselle“ tanzen.
In der Klassik ist es die Dornenhecke, die um das Schloss in „Dornröschen“ den Schlaf der Prinzessin schützt. In der Moderne wird noch einmal der heidnischen Rituale gedacht und der erwachenden Natur ein Opfer gebracht: „Le Sacre du Printemps“. Pina Bauschs Bühnenbilder werden von Nilpferden und Krokodilen durchwandert, duften nach Erde oder bieten mit riesigen Felsen unerwartete Herausforderungen für das Ensemble. Merce Cunninghams Tänzer werden in „Beach Birds“ zu Meeresvögeln, in „Pond Way“ zu Süßwasser-Anrainern. Die anorganische und organische Natur ist im Tanz so lebendig und präsent wie in der Lyrik. Schwäne, Mäuse, Sommernachtsträume, wohin man schaut, Federn, Fell, magische Blüten und nackte Haut.
Wiebke Hüster ist seit mehr als zwei Jahrzehnten die Tanzkritikerin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Sie berichtet auch im Deutschlandradio über die aktuellen Entwicklungen dieser Kunstform in all ihren Facetten. 2017 hat sie ihre Liebe zur Natur zum neuen Thema in der Zeitung entwickelt. Für das Feuilleton schreibt sie seitdem Essays über Wald, Wild, Landwirtschaft und Jagd. Ihre aktuelle neue Serie heißt „Zurück zur Natur“. Sie verbringt viel Zeit draußen und im Gespräch vor Ort mit den Berufsjägern, Förstern, Landwirten und Wissenschaftlern ihres über die Jahre gewachsenen Experten-Netzwerks. Die 60-Jährige ist Mutter von drei Kindern und lebt in Frankfurt am Main.