Kinderland
Die Welt der Erstlesebücher
Von Patricia Görg Mit der Sprache und dem Lesen kommen wir zur Welt, und zur Gesellschaft. Vater, Mutter, Kind - Die Kleinfamilie als Keimzelle der Gesellschaft oder doch Patchwork- oder Regenbogenfamilien? Kinderbücher formieren unser Weltbild.
Wenn Susi, Emil und Fifi - Kinder und Hund einer heilen Kleinfamilie, auf Seite 1 neben den Sätzen "Das ist ein Haus. Das ist eine Tür. Das ist ein Garten" auftreten, wenn Vater und Emil Autos haben und Mutter und Susi Wäsche aufhängen, sind wir in der Schulfibel-Idylle der 60er Jahre angekommen.
Zehn Jahre zuvor war das untergründig vermittelte Weltbild dieser Werke noch geschlossener: Frohsinn, Tugenden und Gebete formten den Rahmen eines konfliktfreien Jahreslaufs, während dem Kuchen gebacken, Heu gerecht und Kaninchen gefüttert wurden. Das "Büblein" steht vor dem Sessel, in dem die Mutter sitzt und sagt: "Ich habe ein Herz, das denkt und spricht: Ich habe dich lieb! Mehr weiß ich nicht."
Märchenhafte, teils verlogene Schemen lehrten die sogenannte Boomer-Generation als Kohorten-Erfahrung nicht nur Lesen, sondern transportierten natürlich auch ein Gesellschaftsmodell. Erst seit den 70er Jahren bricht dieses späte Biedermeier auf - heute finden sich in konzeptuell offenen Lehrmitteln berufstätige, alleinerziehende Mütter, Rollstuhlfahrer und Mitbürger mit ausländischen Wurzeln dargestellt, und Engel und Gebete sind ersetzt durch das Schaubild unseres Sonnensystems.
In jeder Epoche ist es spannend, welche Ausschnitte aus dem großen Ganzen den Kindern in der Grundschule präsentiert werden.
Patricia Görg, geboren 1960, lebt als Schriftstellerin und Autorin fürs Radio in Berlin und ist mit Büchern wie u.a. „Glücksspagat“ (2000), „Handbuch der Erfolglosen“ (2012) oder „Glas. Eine Kunst“ (2013) sowie Hörspielen wie „Die Gesänge der Raumfahrer. Ein Fernlehrgang“ (2019, Dlf Kultur) bekannt geworden. 2019 erhielt sie den Italo-Svevo-Preis.