Nasima Sophia Razizadeh spricht über und liest aus „Entschwebung“
„Ich reiße mir die Flügel aus, / das Flügelpaar, das Rabenhaar. / Der Engel hört den Dämon stammeln“, schreibt die 35-jährige Nasima Sophia Razizadeh - und entwirft das poetische Protokoll einer amourösen Entrückung. Eine lichterloh brennende Liebhaberin erinnert eine zurückliegende Beziehung. Diese oszillierte zwischen Beruhigung („In deiner Hand ist es dunkel, / ich stirne nach ihr“), histrionischem Ausbruch („Es hat Schreie geschneit, / nachtüber“) und Borderline-Wahn: „Gehe ich, so / geh ich bis zum höchsten Punkt, und / lasse ich mich hinab, / den Punkt wieder zu verlassen, so / nur, indem ich renne“. Das alles erscheint im dunklen Slang, der an Martin Heidegger („Etwas ist entborgen“) erinnert, an Rilke in Razizadehs Gedicht „Rodins Traum: Jardin de Rodin“, an Stefan Georgs totgesagten Park („Komm, in den Schlaf, den Fraglosen, / den Schlaf, in dem wir aus weißen Kelchen trinken“). Hier erzählen „die ausgeleerten Gefäße / in dunklen Sätzen / von einem Morgen zu zweit, / von unvertraut gewordenen Händen, / von unbrauchbar gewordenen Gegenständen, / von Gegnerständen, von Gegnerhänden, / von Widerständen, an denen das Haar zerbrach“, immer wieder seufzend: „Der Ausschank - der Einwand. / Ein Atem waren wir.“
Nasima Sophia Razizadeh, 1991 in Frankfurt am Main geboren, ist Dichterin. Sie studierte, und lehrt zurzeit, Biologie. Nennenswerte Lebensorte sind oder waren Köln, Wien und Edinburgh. Ihre Texte wurden durch die Literaturhäuser Salzburg, Stuttgart und Wuppertal ausgezeichnet. Ihr Debüt „Sprache und Meer“ erschien 2023, ihr Gedichtband „Die Goldwaage“ 2024.