Zwischen Monogramm und Moderne - Von der bürgerlichen Aussteuer zur autonomen Kunst
Von Hilka Dirks
Leibwäsche, Nachtwäsche, Bettwäsche, Tischwäsche: Mehr als 700 Stücke konnte eine bürgerliche Aussteuer um 1900 umfassen. Hier wird die Geschichte bürgerlichen Wohnens, der Emanzipation von Frauen, aber auch die Entwicklung der Textilkunst kenntlich.
„Der Frauen edelster Beruf / Zu dem sie Gott der Herr erschuf / Ist in dem Hause still zu walten / Und Fleiss und Ordnung zu erhalten“ - Dieser Sinnspruch findet sich auf vielen Aussteuerschränken des 18. und 19. Jahrhunderts. Wie kaum etwas anderes repräsentiert die Aussteuer die bürgerliche Ordnung und die Form einer Disziplinargesellschaft.
Aus der Ordnung der für die Aussteuer typischen Weißwäsche tritt das Überhandtuch hervor: ein Stück Stoff, das meist vor Küchenschrank oder Regal hing und verdeckte, was dahinter lag. Gleichzeitig zeigte es in Form gestickter Sinnsprüche, was gelten sollte. In dieser doppelten Bewegung machte es die Haus- und Handarbeit von Frauen unsichtbar und eröffnete zugleich einen der wenigen Bereiche innerhalb der Aussteuer, in dem ein begrenzter Gestaltungsspielraum lag.
„Stickerei ist eine Kunst und darf beansprucht werden“, schreibt die Künstlerin Hannah Höch 1918. Der Satz entstammt einem knappen, pamphletartigen Text, erschienen in einer klar an Frauen adressierten Handarbeitszeitschrift. Höchs Verortung der Stickerei im Bereich der Kunst ist unmissverständlich: Sie „steht im engsten Zusammenhang mit der Malerei“. Diese Feststellung war und ist nicht selbstverständlich - weder zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch heute. Das gilt ebenso für die lange kultur- und kunsthistorische Einordnung der Stickerei, deren Produkte bis heute selten der freien Kunst zugerechnet werden, sondern dem Feld des reproduktiven Kunsthandwerks, meist als historische Artefakte ohne benannte Autor:innenschaft.
Hilka Dirks, geboren 1991, arbeitet in und zwischen den Bereichen Text, Grafik, Kunst und Internet. Schockierend neugierig, wenn auch mäßig entfremdet, wuchs sie in Berlin-Steglitz auf, hörte Punk, klaute gelegentlich billige Lippenstifte bei Karstadt - und dachte irgendwie die ganze Zeit über Kunst nach. Heute forscht sie über Stickschrift auf textiler Aussteuer an der Universität der Künste in Berlin, schreibt und gestaltet mehr oder weniger regelmäßig für verschiedene Formate u.a. Der Tagesspiegel, Monopol, taz - Die Tageszeitung, der Freitag, Cee Cee Berlin, DUMMY, FAZ Quarterly sowie diverse Künstler:innen und kommerzielle Projekte und zeigt ab und zu Video-Kunst im Karton, einem alten Container.