Leh-Wei Liao liest aus „Glaszeit“ (1/2)
(Teil 2 am 28.10.2026)
„Bei Google News wurde das Han Kuang Manöver als größte Militärübung in der Geschichte Taiwans bezeichnet. Ganze zehn Tage dauerte die Simulation einer chinesischen Invasion an. Wir befanden uns immer noch mittendrin.“ In gegenwärtigen Zeiten eines drohenden Krieges driftet die junge Assistenzärztin Novana durchs pulsierende Taipeh. Sie swipet durch Tinder und Bumble, schreibt mal mit einem Ingenieur aus Frankreich, dann mit einem Softwareentwickler aus Massachusetts - bevor sie erst nach langer Zeit so etwas wie Liebe finden wird. „Ein anderer arbeitete in der Defense. So wie er es formulierte, klang es richtig und gut. Ich war Lola, Billie oder Mailing. Touristin. Lokale Kunststudentin. Keines von beiden.“ Vor vier Monaten ist Novana aus dem Rheinland in die Hauptstadt Taiwans gezogen, und hat ihre traumatische Kindheit nur räumlich hinter sich gelassen - ihr Aufwachsen ohne die Mutter, die plötzlich aus ihrem Leben verschwunden ist. Jetzt lebt Novana auf der 32. Etage eines anonymen Hochhauses und sieht ihre stylishe Wohnung selten. Bis zur Erschöpfung, von Panikattacken unterbrochen, arbeitet sie unter Hochdruck auf einer Säuglingsintensivstation, sieht zerbrechliche keine Wesen sterben, die in diesem Roman wie Sinnbilder der bedrohten asiatischen Demokratie scheinen. Die Stimmung dieses ungewöhnlich guten Expat-Debüts erinnert an David Finchers „Fight Club“-Verfilmung: Härte trifft blitzende Oberflächen, die Sinnangebote einer akzelerierten Moderne wirken leer. Intimität endet immer wieder im Verschwinden. Leh-Wie Liaos Figuren wirken wie vom Nihilismus infiziert: „Ich trug mich für alle Nachtdienste ein, die ich bekommen konnte. Es lag ein Trost in diesen Kliniknächten. Meine Schlaflosigkeit wurde zur Notwendigkeit. Ich lief zwischen der NICU, PICU, den drei Normalstationen und der Notaufnahme hin und her, ordnete Notfalllabore und Antibiotika an, organisierte Verlegungen auf Intensiv zur Überwachung und OPs. Nachts vergingen die Stunden anders. Jedes Mal, wenn ich auf die Uhr sah, war es später als gedacht.“
Leh-Wei Liao, geboren 1993 in Göttingen, ist Ärztin und studiert zurzeit Bildende Kunst in Kassel. Seit 2022 schreibt sie und hat seither in zahlreichen Literaturzeitschriften veröffentlicht, unter anderem in „Jenny" und „Edit". 2024 war sie Stipendiatin der Jürgen Ponto-Stiftung und der Kölner Schmiede. „Glaszeit" ist ihr erster Roman. Diese „Lesezeit" ist eine Aufzeichnung auf der Deutschlandfunk-Bühne der Frankfurter Buchmesse.